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(Heft 3/2020)
Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE)

Das Anliegen der Ratsuchenden in den Mittelpunkt stellen

Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt Menschen in beruflichen Umbruchsituationen bereits seit Ende 2012 mit der „Beratung zur beruflichen Entwicklung“ (BBE), die mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert wird. Das Besondere: Die Beratung ist nicht nur kostenlos, sondern auch vollkommen ergebnisoffen. Das kommt bei Ratsuchenden gut an. Bis Ende 2019 hatten insgesamt mehr als 40.000 Personen BBE in Anspruch genommen. Grund genug, einmal einen genaueren Blick auf dieses Instrument zu werfen.

Die Anlässe, warum Ratsuchende eine BBE-Beratungsstelle aufsuchen, sind vielfältig: Wunsch nach beruflicher Neuorientierung oder Wechsel des Berufs, Fragen zur beruflichen Weiterbildung oder Verbesserung oder auch zur Suche eines Arbeitsplatzes. In geringerem Umfang spielen auch die Rückkehr in den Beruf nach einer Familienphase, gesundheitliche Probleme und berufliche Selbstständigkeit eine Rolle.

Entsprechend dieser bunten Palette an Anlässen ist das Spektrum der Ratsuchenden breit. Zwar haben Höherqualifizierte und Menschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung in der Regel kontinuierlichere Erwerbsbiografien als weniger hoch Qualifizierte. Gerade Berufseinsteigerinnen und -einsteiger sind aber gezwungen, den Arbeitsplatz in der Anfangsphase ihrer Berufsbiografie, unabhängig von ihrer Qualifizierung, häufiger zu wechseln, als das früher der Fall war. Das IAB stellt fest, „dass die erste Phase des Erwerbslebens in dem untersuchten Zeitraum (1975 bis 2010) instabiler und schwieriger geworden ist.“1

Und natürlich können Menschen in jeder Phase ihres Erwerbslebens und somit in fast jedem Lebensalter in die Situation kommen, dass sie sich beruflich entwickeln oder umorientieren müssen oder wollen, zum Beispiel, wenn sie in einem Unternehmen neue Aufgaben übernehmen. Generell wandelt sich die Arbeitswelt schneller als früher. Betriebliche Umstrukturierungen sind an der Tagesordnung. Praktisch jeder Beschäftigte ist gefordert, seine Kompetenzen ständig zu aktualisieren und zu erweitern. Das trifft in noch größerem Maße auf Berufsrückkehrende zu, etwa nach der Erziehungsphase.

Etwas weniger als die Hälfte der Ratsuchenden (46 Prozent) ist erwerbstätig (einschließlich geringfügig Beschäftigter), die meisten haben eine berufliche Qualifikation. Arbeitslos gemeldet sind 30 Prozent. Nicht erwerbstätig, einschließlich Berufsrückkehr, sind 11 Prozent. Ein Viertel der Menschen, die BBE in Anspruch nehmen, haben bei Eintritt in die Beratung noch keine abgeschlossene Berufsausbildung. Auszubildende (1 Prozent), Studierende (2 Prozent) oder auch Personen in Weiterbildung (2 Prozent) machen einen eher geringen Anteil der Ratsuchenden aus.2
Eine Beratung zur beruflichen Entwicklung kann an vielen Stellen der Berufsbiografie hilfreich sein. Und dass es einen großen Bedarf gibt, zeigt die starke Nachfrage. Für das Jahr 2019 wurden im Rahmen des Monitorings durch die G.I.B. insgesamt rund 25.000 Beratungsstunden in Nordrhein-Westfalen erfasst (BBE und Fachberatung Anerkennung). In den Vorjahren lagen die Zahlen ähnlich hoch (2018: rund 30.000, 2017: rund 36.0000, 2016: rund 25.000 ). Jedes Jahr treten etwa 8.000 Personen neu in die Beratung ein.

Ratsuchende können die kostenlose Beratung in Nordrhein-Westfalen bei 115 über das ganze Land verteilten BBE-Beratungsstellen in Anspruch nehmen. Unter den Institutionen, die als Beratungsstellen für die BBE fungieren, befinden sich unter anderem Volkshochschulen, Kammern, Wirtschaftsförderungen, Migrantenselbsthilfeorganisationen, und viele mehr. Sie sind seit Jahren mit der fördertechnischen Handhabung, den Antrags- und Bewilligungsprozeduren von ESF-Programmen sowie den Kontaktpersonen innerhalb der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, bei den Bezirksregierungen, den Regionalagenturen und in der G.I.B. vertraut – und nicht zuletzt auch mit der Weiterbildungslandschaft.

Umfangreiches Leistungsspektrum
 

Nach der Klärung des Anliegens und der Erörterung der berufsbiografischen Situation der Rat suchenden Person, werden im Rahmen der BBE bei Bedarf die Kompetenzen und Ressourcen der Ratsuchenden festgestellt und reflektiert. Relevante Ziele, Werte und Motive der Ratsuchenden werden herausgearbeitet, Entwicklungsmöglichkeiten erörtert, relevante Basis-Informationen oder Informationsquellen vermittelt. Gemeinsam mit den Ratsuchenden erarbeiten die Beraterinnen und Berater Schritte zum Erreichen der beruflichen Ziele und reflektieren den Beratungsprozess. Eine Erstberatung zum gesetzlichen Anerkennungsverfahren zu im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen ist bei Bedarf ebenfalls Teil der Beratung. Ziel des Angebotes ist es, die individuellen beruflichen Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten zu fördern und die Entscheidungskompetenz der Ratsuchenden zu stärken, sodass sie in der Lage sind, kurz- und langfristige Ziele für die eigene berufliche Entwicklung zu finden.

„Das Schöne, wenn nicht sogar Einzigartige an BBE ist, dass die Beratung absolut ergebnisoffen ist“, sagt Uta Kressin, Bildungsreferentin und BBE-Beraterin beim Arbeitgeber Südwestfalen e. V. in Iserlohn. Norbert Dreier von der Weiterbildungsberatung (WBB) Hamm, die ebenfalls BBE anbietet, betont die Freiwilligkeit, die Vertraulichkeit und die „Auftragsautonomie“, die die BBE auszeichnen. „Es gibt keinerlei Vorgaben hinsichtlich der Themen und Inhalte, der Zielgruppe, des Zugangs, der Verfahren und Abläufe. Wir haben keinen Auftrag, außer, das Anliegen des Ratsuchenden absolut in den Mittelpunkt stellen. Ich kann den Ratsuchenden fragen: Was ist Ihr Anliegen? Was möchten Sie? – Das ist eine sehr gute Ausgangslage.“ – Und für die Ratsuchenden oft unerwartet, „besonders wenn sie bisher nur die zielorientierten Beratungen einiger Behörden erlebt haben“, stellt Uta Kressin fest.

Die BBE-Beratungsstellen in Nordrhein-Westfalen sind an die bereits vorher bestehenden Bildungsscheck-Beratungsstellen angekoppelt. So konnte man beim Aufbau des BBE-Beratungsnetzes zum einen Ressourcen sparen, zum anderen ist dies mit einigen Vorteilen verbunden. So bringe die Frage der Finanzierung von Weiterbildungen oft „BBE-Kundschaft“, verdeutlicht Norbert Dreier. Tatsächlich sei es so, dass, eine Beratung häufig mit dem Thema Bildungsscheck anfange, woraus sich oft eine BBE entwickle.

Dass dieser „umgekehrte“ Weg nicht selten ist, kann auch Uta Kressin aus ihrer Beratungspraxis in Iserlohn bestätigen. „Denn nicht selten ist der Weiterbildungswunsch, der von den Ratsuchenden geäußert wird, noch gar nicht so sattelfest. Es gibt oft einen Bedarf hinter dem Bedarf“, sagt Uta Kressin und nennt folgendes Beispiel: Eine Beschäftigte meldet sich telefonisch mit dem Anliegen, sie brauche „wahrscheinlich“ eine MS-Office-Schulung und glaube, der Weiterbildungsanbieter XY biete so etwas an, ob sie einen Zuschuss zu den Kos­ten bekommen könne. „Als Beraterin könnte ich jetzt ausschließlich die Fragen klären, ob der genannte Weiterbildungsanbieter den Kurs anbietet, ob die Anruferin dafür eine Förderung erhalten kann, das in die Wege leiten und fertig. Aus der Formulierung der Frage leite ich aber eine deutliche Unsicherheit ab. Ohne ihr Anliegen als solches infrage zu stellen, stelle ich also vorsichtig ein paar Fragen nach dem Kontext, äußere die Vermutung, dass sie noch etwas unentschlossen ist. Die Anruferin bejaht diese Vermutung und wir machen einen Termin für eine BBE.“

In diesem Praxisbeispiel stellte sich während der BBE heraus, dass die Kollegin der Ratsuchenden eben diese MS-Office-Weiterbildung gemacht hatte. Sie fühlte sich dadurch unter Druck gesetzt. Im Beratungsgespräch stellte sich heraus, dass sie gern in einen anderen Bereich wechseln würde, sich aber bisher nicht getraut hatte, Schritte in diese Richtung zu unternehmen. „Meine Ratsuchende hat sich schließlich für einen Wechsel in den Marketing-Bereich entschieden und eine Qualifizierung zur Online-Marketing-Managerin gemacht“, berichtet Uta Kressin. „Hinter dem vordergründigen Bedarf für eine MS-Office-Schulung lag der verborgene Wunsch nach Klärung der beruflichen Perspektive und Planung der notwendigen Schritte für den Wechsel. In der BBE ist es möglich, mit denen, die mit unreflektierten ‚Bedarfsmeldungen‘ in die Beratung kommen, diesen Bedarf gemeinsam zu klären.“

„Das System der Weiterbildung ist ja derart komplex, dass es für den Ratsuchenden häufig nicht einfach ist, klare Bedarfe überhaupt zu entwickeln“, ergänzt Norbert Dreier. „Der Ratsuchende möchte etwas machen (beispielsweise den Meister) und stößt auf ein vielfältiges Weiterbildungsangebot, das ihn aber letztlich verwirrt: es gibt den Fachwirt, den Fachkaufmann, den Betriebswirt, den geprüften Betriebswirt, und das alles in unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten – nur den Meister gibt es für Kaufleute nicht. Wer verwirrt ist, kommt aber nicht ins Handeln und schiebt sein Vorhaben auf. Hier ist Beratung notwendig, nicht nur damit die bestmögliche, sondern damit überhaupt eine Entscheidung getroffen wird. Wenn wir die Beteiligung an Weiterbildung erhöhen möchten, müssen wir mehr Transparenz bezüglich der Weiterbildungsmöglichkeiten schaffen.“

Insgesamt ist das Spektrum der Anliegen, mit denen die Ratsuchenden in die Beratung kommen, groß. Das geht von einem einfachen Infobedarf zu einer bestimmten Weiterbildung, bis hin zu Menschen, die ihr aktueller Beruf krank macht. Fast jede denkbare berufliche Situation ist dabei und im Rahmen von BBE können die Ratsuchenden oft dabei unterstützt werden, mit dieser Situation besser umzugehen. Das zeigen auch die Zahlen aus dem Monitoring: In 84 Prozent der Fälle führte die Beratung 2019 zu einem konkreten Ergebnis (Schritte/Ziele erarbeitet), nur in einem Prozent der Fälle endete die Beratung mit keinem Resultat. Die Zahlen belegen weiterhin, dass in etwas über 50 Prozent der Fälle eine berufliche Neuorientierung beziehungsweise der Wechsel des Berufs Anlass für die Beratung ist. Ein Viertel der Ratsuchenden will sich beruflich weiterbilden, für 13 Prozent ist der berufliche Wiedereinstieg Anlass, die Beratung in Anspruch zu nehmen. Weitere häufige Motive für eine Beratung sind ein eher noch unklarer beruflicher Veränderungswunsch (12 Prozent), Arbeitslosigkeit/Arbeitssuche (15 Prozent) und der Wunsch nach beruflicher Verbesserung (23 Prozent)3.

Hohe Ansprüche an die Kompetenz der Beratenden
 

Dreh- und Angelpunkt der Beratung zur beruflichen Entwicklung sind die Beraterinnen und Berater. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche an ihre fachliche Kompetenz: Sie verfügen in der Regel über eine Berufsausbildung und/oder einen Studienabschluss in einem themenfeldbezogenen Fachgebiet. Voraussetzung ist zudem eine Beratungsausbildung oder eine berufsbegleitende Qualifizierung zum Erwerb von Beratungskompetenzen. Dazu eine mindestens zweijährige Beratungserfahrung in der Bildungs-, Berufs- oder Beschäftigungsberatung (zusätzlich zur Förderinstrument-Beratung, wie etwa Bildungsscheck-Beratung) sowie eine Qualifizierung zur Durchführung eines Kompetenzbilanzierungsverfahrens.

Im Rahmen der BBE-Qualitätssicherung ist die Teilnahme an einer dreitägigen Einführungsveranstaltung für alle Beraterinnen und Berater verpflichtend. Darüber hinaus ist die Teilnahme an einem eintägigen jährlichen Austauschtreffen zum Erfahrungsaustausch mit Fortbildungscharakter erwünscht. Außerdem müssen die Beratenden eine zweitägige Fortbildung zur Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsqualifikationen besuchen, um die Erstberatung zu diesem Thema gewährleisten zu können. Darüber hinaus stellt die G.I.B. den Beratenden ein Weiterbildungsangebot zu vielfältigen Themen im Kontext der Beratung zur Verfügung.

Barbara Willmroth führt gemeinsam mit der G.I.B. und der Diplom Pädagogin Marita Kemper die Einführungsfortbildungen für die BBE-Beraterinnen und -Berater durch. Die gelernte Dipl.-Sozialpädagogin und Industriekauffrau ist seit 30 Jahren im Beratungsbereich tätig, selbst Laufbahnberaterin und leitet darüber hinaus ein Fortbildungszentrum für Laufbahnberatung nach dem Zürich-Mainzer-Laufbahnberatungsmodell. Als wichtige Schulungsthemen der dreitägigen BBE-Schulung nennt Barbara Willmroth Grundzüge der Laufbahnberatung als Prozessberatung, Vermittlung einiger Methoden der Laufbahnberatung, wichtige Aspekte der Individualpsychologie, den Umgang mit den Themen Weiterbildung, Arbeitslosigkeit, Wiedereinstieg. „Dazu müssen die Beratenden lernen, ihre Rolle im Rahmen von BBE und ihren Auftrag zu klären. Sie müssen zum Beispiel bewusst die Grenze zum Coaching ziehen können. Außerdem behandeln wir die Themen Nähe und Distanz zu Ratsuchenden sowie den Umgang mit Widerständen und eine professionelle Abgrenzung in der Beratung.“ Gerade wenn es um existenzielle Probleme gehe, könne eine Beratung auch für die Beratenden sehr belastend sein. Deshalb müssten sie lernen, zu erkennen, wann es angezeigt sei, andere Fachleute einzubinden, zum Beispiel Therapeuten oder Reha-Berater und -Beraterinnen.

Weil von der BBE weitere Lebensverläufe abhängen können, müssen sich die Beratenden auf der anderen Seite bewusst sein, dass sie eine große Verantwortung tragen. Deshalb ist die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, ebenfalls wichtig. Aus diesem Grund sind die begleitende kollegiale Beratung und die Supervision wichtige Bausteine der BBE. Freiwillig können die Beratenden an entsprechenden von der G.I.B. organisierten Gruppenveranstaltungen teilnehmen.

„Die Qualität der BBE-Beratung hat sehr viel mit der Haltung der Beratenden zu tun“, sagt Uta Kressin. „Wir BBE-Berater haben einen sehr wohlwollenden, wertschätzenden Blick auf die Rat suchenden Menschen. Wir nehmen in ers­ter Linie die Potenziale und Möglichkeiten der Ratsuchenden in den Blick.“ Defizite und Begrenzungen würden zwar erkannt, stünden aber zunächst nicht im Vordergrund. Es werde vermittelt, dass der Ratsuchende die Eigenverantwortung für sich trägt.

Hilfreich ist besonders in Fällen, in denen sich eine berufliche Umorientierung ankündigt, ein systemischer Ansatz in der BBE-Beratung. Also ein Ansatz, der von den Kompetenzen der Ratsuchenden ausgeht, gleichzeitig ihr soziales Umfeld, vor allem die Familie und andere enge Bezugspersonen, berücksichtigt und auf Hilfe zur Selbsthilfe setzt. Dieser Ansatz spiele in der BBE fast immer eine Rolle, sagt Uta Kressin, die auch zertifizierte systemische Beraterin ist.

Selbstwirksamkeit der Ratsuchenden befördern
 

Den vorgegebenen zeitlichen Rahmen von neun Stunden für eine BBE halten Uta Kressin und Norbert Dreier in den meisten Fällen für ausreichend, wie sie sich überhaupt mit dem Instrument BBE sehr zufrieden zeigen. Als eine „fast ideale Möglichkeit, Menschen zu unterstützen“ und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, bezeichnet Uta Kressin das Beratungsinstrument BBE. „Ich darf ausschließlich die Bedürfnisse der Ratsuchenden in den Mittelpunkt stellen, bin keinen anderen Zielen verpflichtet und kann mich darauf konzentrieren die Selbstwirksamkeit der Ratsuchenden zu befördern.“ Und Barbara Willmroth bewertet es als „ein hohes Gut, dass sich jemand frei an die BBE-Beratungsstellen wenden und seine Situation ergebnisoffen reflektieren kann, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, etwa in dem Fall, dass jemand nach neun Beratungsstunden doch nicht wieder in den Beruf einsteigen möchte.“

Wie kann die BBE weiterentwickelt und zukunftsfest gemacht werden? Ein Schlüsselaspekt der Veränderungen in der Arbeitswelt sei die Digitalisierung, sagt Norbert Dreier. Durch die Kontaktbeschränkungen habe die Corona-Krise für einen mächtigen digitalen Entwicklungsschub gesorgt. Davon seien auch die Weiterbildung und die Weiterbildungsberatung betroffen: „Beratungen konnten nur noch online stattfinden, bisweilen aus dem Homeoffice des Beratenden heraus. Hier sind ohne Zweifel Beratungsformen weiterentwickelt worden, die auch nach Ende der Corona-Krise nutzbringend einsetzbar sein werden.“ Norbert Dreier weist aber darauf hin, dass für ihn die BBE ihre Zukunftsfähigkeit nicht durch die Umstellung auf digitale Beratungsformate beweist, sondern indem sie die Herausforderungen des digitalen Wandels zu ihrem Inhalt macht.

Barbara Willmroth kann sich vorstellen, Online- und Präsenzberatung kombiniert anzubieten. Was eine Onlineberatung aber erschwert, ist für sie die beeinträchtigte ganzheitliche Wahrnehmung des Ratsuchenden, die im Rahmen der BBE-Beratung eine gewisse Rolle spielt. Eine gute Onlineberatung hinzubekommen sei, weil ein wichtiger Wahrnehmungskanal fehle, noch schwieriger als eine Präsenzberatung, zumindest dann, wenn die Beratung über eine reine Info-Beratung hinausgehe. Außerdem brauche man für eine Onlineberatung spezielle psychologisch-pädagogische und auch methodische Kenntnisse, das werde oft unterschätzt.

Als Verbesserung würde Barbara Willmroth es ansehen, die Supervision für die Beraterinnen und Berater verpflichtend zu machen und nicht nur auf freiwilliger Basis anzubieten, wie das zurzeit der Fall ist. Außerdem würde sie die Schulung für die BBE-Beraterinnen und -Berater gern um zwei zusätzliche Tage ergänzt sehen. Auch eine regelmäßige Weiterbildung sollte aus Sicht von Barbara Willmroth verpflichtend sein. „Was ich außerdem begrüßen würde, wäre eine Mindestberatungsstundenzahl für jeden Beratenden, nur so können sie eine Routine und auch eine Rollenklarheit entwickeln, sich also im Endeffekt professionalisieren.“ Darüber hinaus wünscht sich Barbara Willmroth eine Institutionalisierung und Verstetigung der Beratung, sodass sie als kontinuierliches Angebot unabhängig von einer zeitlich befristeten Förderung zur Verfügung steht. Das hätte auch zur Folge, dass die Beratenden in unbefristeten Arbeitsverträgen über längere Zeiträume arbeiten könnten. Denn paradoxerweise sei die berufliche Situation der Beraterinnen und Berater nicht selten genauso prekär wie die der Ratsuchenden.

Im Rahmen der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) der Bundesregierung wird die Bundesagentur für Arbeit (BA) die berufliche Orientierung und Beratung von Erwerbspersonen intensivieren. Die Daseinsberechtigung der BBE, sieht Uta Kressin dadurch aber nicht gefährdet. „Da es einen riesigen Bedarf für dieses Beratungsangebot gibt, bin ich zuversichtlich, dass es im Interesse aller Verantwortlichen ist, ein gutes Nebeneinander der Beratung der Agentur für Arbeit und der BBE-Beratungsstellen hinzubekommen.“ Norbert Dreier und Barbara Willmroth sehen das etwas kritischer. Barbara Willmroth glaubt, dass sich Ratsuchende von der Arbeitsagentur schnell unter Druck gesetzt fühlen würden. Es sei zwar gut gedacht, Beratung und Vermittlung aus einer Hand anzubieten. Weil aber Mittel aus dem gleichen Haushalt daran hingen, sei es wahrscheinlich, dass immer eine schnelle Lösung oberste Präferenz haben müsse, und nicht die beste Entwicklung für den Ratsuchenden. Deshalb hält sie es für besser, wenn diese Art der Beratung und die Vermittlung komplett getrennt bleiben. Und auch Norbert Dreier bricht noch einmal eine Lanze für die BBE im bisherigen Setting: „Ich kann mir BBE in den großen Systemen der Arbeitsförderung nicht so vorstellen, wie wir diese Beratung praktizieren. Wir haben mit BBE, auch in Verbindung mit den Förderinstrumenten Bildungsscheck und Bildungsprämie, ein sehr gutes Angebot.“


1 Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): „Beschäftigungsdauer im Zeitvergleich – Bei Jüngeren ist die Stabilität der Beschäftigung gesunken“, IAB-Kurzbericht Nr. 3, Februar 2014

2 Alle Angaben laut: Bürgerinformation zur Umsetzung des ESF-Programms 2014 – 2020 in Nordrhein-Westfalen zum 31. Dezember 2019

3 Alle Angaben laut „Statistik der G.I.B. mbH, Tabellenband 01.01.2019 bis 31.12.2019, BBE/FBA, Februar 2020“. Die Zahlen liegen über 100 Prozent, weil bei der Erfassung Mehrfachnennungen möglich waren.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Fachliche Begleitung BBE:
Anne Berteld
Tel.: 02041 767174
a.berteld@gib.nrw.de

Elisabeth Tadzidilinoff
Tel.: 02041 767244
e.tadzidilinoff@gib.nrw.de

Monitoring und Evaluation:
Josef Muth
Tel.: 02041 767156
j.muth@gib.nrw.de

Kontakte

Norbert Dreier
Weiterbildungsberatung Hamm (WBB)
Bismarckstraße 1
59065 Hamm
Tel.: 02381 176591
dreiern@stadt.hamm.de

Uta Kressin
Arbeitgeber Südwestfalen e. V.
Geschäftsstelle Iserlohn
Erich-Nörrenberg-Straße 1
58636 Iserlohn
Tel.: 02371 8291957
u.kressin@agsw.de

Barbara Willmroth
via nova Köln – Kölner Berufswegberatung
Bensberger Marktweg 344
51069 Köln
Tel.: 0221 1692997
mail@via-nova-koeln.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
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