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(Heft 3/2020)
Interview mit Dr. Tobias Brändle, Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung e. V.

„Viele Leute unterliegen dem falschen Eindruck, mit einer Ausbildung verdiene man zwangsläufig weniger“

Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für ein Studium. Doch lohnt sich ein Studium monetär tatsächlich mehr als eine Berufsausbildung? Die G.I.B. sprach mit Dr. Tobias Brändle einem Wirtschaftswissenschaftler des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung e. V. an der Universität Tübingen und Projektleiter einer Auftragsstudie des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags zum Thema „Lebenseinkommen von Berufsausbildung und Hochschulstudium im Vergleich“, über den Einfluss der Art der Bildung auf das Lebenseinkommen und über falsche Vorstellungen bei jungen Menschen in Bezug auf ihre Bildungsentscheidung.

G.I.B.: Herr Brändle, Sie haben sich in einer Studie mit den Lebenseinkommen von Menschen mit Berufsausbildung und Hochschulstudium im Vergleich beschäftigt, warum?

Foto_Tobias_Braendle_IAW.jpgDr. Tobias Brändle: Die Idee habe ich schon länger in mir getragen. Vor einigen Jahren ist mir bei einem Treffen mit früheren Klassenkameraden aufgefallen, dass viele von ihnen Handwerker sind, teilweise sogar Meister mit eigenem Betrieb. Sie haben also schon ordentlich verdient, ein Haus gebaut, sich eine Existenz geschaffen. Im Vergleich dazu habe ich selbst erst spät ein eigenes Einkommen gehabt. Also fragte ich mich: Wie lange wird es wohl dauern, bis ich aufgeholt habe, was meine Klassenkameraden bereits verdient haben? Und geht es nur mir so oder kann man dieses Gefühl verallgemeinern oder statistisch untermauern?

Beim Sichten der entsprechenden Literatur stellte ich dann fest, dass die meisten Studien gar nicht das Lebenseinkommen untersuchen können, weil die notwendige Datengrundlage nicht verfügbar war. Bis vor zwei Jahren. Dann erschien eine Datenbasis, die eine entsprechende Untersuchung ermöglichte.

Über unser Institut kam der Kontakt mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Baden-Württemberg zustande, die uns bei der Studie unterstützen wollte. Dazu muss man verstehen, dass unser Institut Auftragsforschung betreibt. Das bedeutet: Wir untersuchen einerseits Sachverhalte, die für unsere Auftraggeber interessant sein könnten, die sie selbst aber aufgrund mangelnder Ressourcen nicht erforschen können beziehungsweise die wir effizienter erforschen können. Andererseits gehen wir dabei Fragen nach, die für uns selbst von wissenschaftlicher Relevanz sind. In diesem Fall plante die IHK schon länger eine Werbekampagne für duale Ausbildungsberufe. Darin sollte ein werbendes Argument der Lohn bestimmter Ausbildungsberufe gegenüber dem einer studierten Person sein. Das passte genau zu meiner Frage, wie lange Akademiker brauchen, um diesen Einkommensrückstand aufzuholen, eine Frage, die bisher von der Forschung noch nicht ausreichend beantwortet worden ist.

G.I.B.: Um welche Datenbasis, die Ihre Studie erst ermöglichte, handelt es sich?

Dr. Tobias Brändle: Der Datensatz unserer Studie besteht aus zwei Teilen: Der eine Teil ist das Nationale Bildungspanel des Forschungsdatenzentrums des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi). Hierbei handelt es sich um eine große Personenbefragung von 17.000 Menschen zum Thema Bildung, Ausbildung und Weiterbildung. Dabei wird insbesondere erfragt, welche Kompetenzen vorhanden sind und welche Schwierigkeiten bestehen, um beruflichen Anschluss zu finden. Diese Befragung existiert schon seit 2006. Allerdings bildet sie nicht das exakte Einkommen der Befragten ab, da das Einkommen lediglich geschätzt abgefragt wird. Dem LIfBi und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gelang es vor zwei Jahren, das Einverständnis der Befragten für die Verknüpfung der Befragungsdaten mit deren Sozialversicherungsdaten einzuholen, was den zweiten Teil des Datensatzes darstellt. So waren wir nicht nur in der Lage, die kompletten Bildungsbiografien der Befragten nachzuvollziehen, sondern auch, welche Lebenseinkommen sie hatten. Und zwar seit 1975. Seitdem liegen die Einkommensdaten von sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen dem IAB digital vor.

Von den 17.000 Personen stimmten 12.500 der Datenverknüpfung zu. Das LIfBi und das IAB stellen diesen kombinierten Datensatz nun interessierten Forschenden zur Verfügung.

G.I.B.: Was sind die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Studie?

Dr. Tobias Brändle: Die zentrale Erkenntnis, die wir aus der Studie gewonnen haben, ist: Bildung lohnt sich am Ende immer. Sowohl ein Studium als auch eine Berufsausbildung wirken sich einkommenssteigernd auf das durchschnittliche Lebenseinkommen aus. Allerdings dauert es bei einem Studium länger, bis es sich rentiert. Bis zum 30. beziehungsweise 35. Lebensjahr verdienen Personen mit einer Berufsausbildung kumulativ mehr. Erst danach holen Personen mit einem abgeschlossenen Studium auf.

Die Studie zeigt auch, dass sich Weiterbildungen nach der Berufsausbildung stark auf die Einkommensentwicklung auswirken. Menschen, die nach ihrer Ausbildung einen Meistertitel erwerben, eine Weiterbildung zum Techniker abschließen oder gar ein Studium anhängen, verdienen deutlich mehr als jene, die nach einer Ausbildung keine derartige Weiterbildung absolviert haben, teilweise sogar mehr als Personen, die gleich nach ihrem Schulabschluss studiert haben. Das verdeutlich: Die Weiterbildung nach der ersten Bildungsentscheidung ist ein wichtiger Faktor hinsichtlich der Entwicklung des Lebenseinkommens. Im Gegensatz dazu ist es heute für Menschen mit geringer Bildung kaum möglich beim Einkommen Schritt zu halten. Anders als vor 30 Jahren, wo man auch ohne Berufsausbildung noch akzeptabel verdienen konnte. Das Anforderungsniveau auf dem Arbeitsmarkt ist heute viel höher und wird weiter steigen.

Was mich persönlich bei den Ergebnissen überrascht hat, ist, dass der Break-Even-Point, also der Zeitpunkt ab dem Akademiker mit ihrem Einkommen gegenüber Gelernten kumulativ aufholen, erst knapp vor dem 40. Lebensjahr eintritt. Meine Erwartung war, dass dies bereits mit Anfang 30 geschieht.

Die schockierendste Feststellung unserer Analyse war jedoch quasi ein Nebenergebnis, als wir Frauen und Männer separat untersucht haben, nämlich, dass Frauen hinsichtlich des Lebenseinkommens eklatant weniger verdienen als Männer. Der Gender Wage Gap ist zwar kein Geheimnis, allerdings bezieht er sich nur auf die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdiensts zwischen Frauen und Männern. Dieser liegt, je nachdem, welche Faktoren man berücksichtigt bei bis zu 22 Prozent. Berücksichtigt man aber, dass Frauen, insbesondere in den früheren Kohorten, für längere Zeit kein Einkommen hatten, weil sie beispielsweise für die Erziehung der Kinder zuständig waren, tritt diese Differenz noch deutlicher in Erscheinung. Demzufolge verdienen sie innerhalb ihres Erwerbslebens bis zu 40 Prozent weniger. Die Studie belegt dies, da sie den kompletten Erwerbszeitraum abbildet und nicht nur Erwerbsepisoden. Sie vergleicht also nicht nur den arbeitenden Teil der Bevölkerung miteinander, sondern berücksichtigt auch Personen, die für eine gewisse Zeit nicht erwerbstätig waren oder sein konnten.

G.I.B.: Spielt es bezogen auf das Lebenseinkommen eine Rolle, in welcher Branche eine Berufsausbildung erworben wird?

Dr. Tobias Brändle: Wir haben in der Studie die Branchen Industrie beziehungsweise verarbeitendes Gewerbe, Handwerk und Dienstleistung miteinander verglichen und dabei festgestellt: Im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsgewerbe sind die Verdienstmöglichkeiten tendenziell höher als im Handwerk. Hierbei muss allerdings berücksichtigt werden, dass wir nur sozialversicherungspflichtige Personen beobachten konnten. Beamte und Selbstständige sind bei dieser Betrachtung ausgeschlossen. Das heißt: Wir kennen von den Handwerksbetrieben zwar das Lebenseinkommen der Angestellten, nicht aber das der Inhaberinnen und Inhaber. Bei einem Industriebetrieb mit 500 Beschäftigten können wir vom einfachen Angestellten bis zum Management alle Einkommen nachvollziehen. Dem gegenüber stehen beispielsweise 100 kleine Handwerksbetriebe á fünf Mitarbeiter. Die 100 Inhaberinnen und Inhaber jedoch können wir nicht beobachten. So können wir leider die sehr hohen Einkommen nicht berücksichtigen. Deshalb berechnen wir neben dem Mittelwert des Verdienstes der Personen auch den Median in den unterschiedlichen Gruppen. Demnach würde ich die weit verbreitete Ansicht, dass Handwerk goldenen Boden hat, so nicht bestätigen, da unsere Studie belegt, dass man mit einer Ausbildung im verarbeitenden Gewerbe oder in der Dienstleistung mehr verdient. Nehmen Sie zum Beispiel einen Fachinformatiker: An ihn werden zwar hohe Anforderungen innerhalb der Ausbildung gestellt, dafür verdient er aber danach im Vergleich zu einem Friseur oder Zimmermann um ein Vielfaches mehr.

Um allerdings die Lebenseinkommen nach Berufsfeldern zu vergleichen, sind sehr große Datensätze erforderlich. Die gibt es zwar, jedoch sind diese wiederum nicht mit Befragungsdaten verknüpft und können die Bildungsentscheidung im Einzelnen nicht sauber darlegen, da die Sozialversicherung die Art der Ausbildung nur rudimentär erfasst.

G.I.B.: Unterschätzen junge Menschen die Chancen einer Ausbildung? Wenn ja, woran könnte das liegen?

Dr. Tobias Brändle: Rein auf das Einkommen bezogen hat eine Ausbildung, meiner Meinung nach, einen zu schlechten Ruf. Denn die Daten belegen: Menschen haben zum einen mit einer Berufsausbildung gegenüber Menschen mit einem Hochschulstudium für einen langen Zeitraum die Nase klar vorn. Und zum anderen haben sie die Möglichkeit durch entsprechende Weiterbildungen, im weiteren Erwerbsleben genauso viel zu verdienen wie Akademiker. Natürlich gibt es Ausnahmen. Mit einer Ausbildung und Weiterbildung so viel zu verdienen wie jemand, der Medizin studiert hat und anschließend Chefarzt wird, ist wahrscheinlich utopisch. Als Durchschnittsbetrachtung zeigt unsere Studie aber, dass viele Leute dem falschen Eindruck unterliegen, mit einer Ausbildung verdiene man zwangsläufig weniger. Insbesondere bis zum 40. Lebensjahr ist das Gegenteil der Fall.

Wir haben auch festgestellt, dass viele das Risiko eines Studiums unterschätzen. Studienabbrecherinnen und -abbrecher schneiden in unserer Studie sehr schlecht ab. Und die Abbruchquote ist bei ihnen zwei- bis dreimal so hoch wie bei Auszubildenden. Berücksichtigen muss man aber auch, dass das Einkommen nicht für jeden als alleiniges Entscheidungskriterium gilt. Möchte ich bei Wind und Wetter draußen arbeiten oder lieber im Büro? Die Frage nach den Arbeitsbedingungen spielt für viele bei der Wahl zwischen den Bildungswegen eine ebenso große Rolle wie die Einkommensmöglichkeiten.

Mein Eindruck ist: Der vor einigen Jahren aufgebaute Druck durch die Politik, die Quote der Hochschulabschlüsse zu erhöhen, schafft bei vielen jungen Menschen falsche Anreize. Insbesondere bei jenen, die sich mit der Entscheidung zwischen Ausbildung oder Studium schwertun, führt dies häufig dazu, dass sie etwas studieren, was nicht ihren Interessen oder Fähigkeiten entspricht. Oft erkennen sie das im Laufe ihres Studiums und brechen dann ab. Ihnen würde ich empfehlen: Überlegt euch gut, ob ihr studieren wollt. Denn eine Ausbildung bedeutet nicht, dass man auf einem Einkommensniveau stehen bleibt.

G.I.B.: Welche Reaktionen gab es bisher auf Ihre Studie?

Dr. Tobias Brändle: Das mediale Interesse bei der Veröffentlichung unserer Studie war groß und sie wurde generell positiv aufgenommen. Immer wieder schimmert jedoch durch, dass sie eine „IHK-Studie“ sei und dementsprechend nur Ergebnisse widerspiegele, die im Interesse der IHK sind. Wie ich eingangs schon erwähnte, war die Beteiligung der IHK an der Studie für uns eine Win-win-Situation. Die Studie brachte ja nicht nur ein, sondern viele verschiedene Ergebnisse hervor. Das Ergebnis, dass die Einkommensdifferenz zwischen Personen mit Ausbildung und Personen mit Studium im Alter deutlich ist, war für die IHK sicherlich nicht unbedingt hilfreich. Für uns war es aber wichtig, dies auch zu zeigen.

Daneben habe ich auch viel Resonanz aus meinem Bekanntenkreis erhalten, wozu auch die alten Klassenkameraden zählen, über die ich auf die Idee zur Studie gekommen bin. Von ihnen hieß es dann: „Das hätten wir dir auch gleich sagen können!“

Übrigens möchten wir die Daten gerne aktualisieren, da inzwischen Datensätze bis 2017 vorliegen. So können wir bei den jüngeren Kohorten besser beobachten, inwieweit sich schon Unterschiede ergeben haben. Außerdem wollen wir untersuchen, warum Frauen so viel weniger verdienen, und uns dabei zunutze machen, dass wir die Lebenseinkommen von späteren Müttern schon vor der Geburt des Kindes beobachten können.

Wünschenswert wäre es auch, mehr Personen in unsere Analyse einzubeziehen, damit wir Rückschlüsse auf die Studienfächer und die Berufsfelder ziehen können.

G.I.B.: Was würden Sie heute jungen Menschen vor der Entscheidung für eine Ausbildung oder ein Studium empfehlen?

Dr. Tobias Brändle: Ich kann gut nachvollziehen, dass es bei der Vielzahl an Bildungsangeboten jungen Menschen heute generell schwerfällt, sich für einen bestimmten Weg zu entscheiden. Ich würde aber davon abraten, unüberlegte Entscheidungen zu treffen oder sich bei der Entscheidungsfindung von eindimensionalen Meinungen leiten zu lassen. Man sollte sich darüber Gedanken machen, was einem Spaß macht, worin man talentiert ist, und dann danach suchen, welcher Beruf dem in etwa entspricht und gleichzeitig Möglichkeiten bietet, sich weiterzuentwickeln. Wer sich halbherzig für eine Sache entscheidet, sollte bedenken, dass man äußerst viel Zeit verliert, wenn man die Ausbildung später abbricht. Daher meine Empfehlung: Ruhe bewahren, sich Zeit nehmen und dann eine Entscheidung treffen, hinter der man steht.

Das Interview führten

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de

Kontakt

Dr. Tobias Brändle
Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW)
Schaffhausenstr. 73
72072 Tübingen
Tel.: 07071 989616
tobias.braendle@iaw.edu
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