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(Heft 3/2020)
Fachberatung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

„Durch unsere Beratung können Berufsbiografien adäquat fortgesetzt werden“

Die Krankenpflegerin aus Bulgarien, der Ingenieur aus Syrien, der Arzt aus dem Iran: sie alle kommen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland, aber stets mit dem Wunsch hier Arbeit zu finden und sich beruflich weiterzuentwickeln. Um diesen Personen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern, haben Bund und Länder gesetzliche Regelungen zur Feststellung und Verbesserung der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse auf den Weg gebracht. Seit dem 1. April 2012 haben Zugewanderte durch das Anerkennungsgesetz einen rechtlichen Anspruch auf ein Anerkennungsverfahren für vom Bund geregelte Berufe, also zum Beispiel für die eingangs erwähnten, den der Krankenpflegerin oder des Arztes. Ein Gesetz, das sich in zweifacher Hinsicht auszahlt. Denn zum einen leistet es einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung und zum anderen bietet es Personen mit Migrationshintergrund die Chance, eine Beschäftigung zu finden, die ihrer beruflichen Qualifikation entspricht. Aber den ausländischen Berufsabschluss anerkennen zu lassen, kann teilweise sehr komplex sein, insbesondere für Personen, die die deutsche Sprache noch nicht gut beherrschen und mit dem deutschen Behördensystem nicht vertraut sind. Seit 2015 erhalten sie deshalb Hilfe.

Das mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds geförderte Programm des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen „Fachberatung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse (FBA)“ bietet Ratsuchenden in rund 80 aktiven Beratungsstellen in ganz Nordrhein-Westfalen Beratung an. Die Zukunftswerkstatt Düsseldorf (ZWD) ist seit dem Jahr 2015 eine dieser anerkannten Beratungsstellen.

Zunächst einmal muss die Gleichwertigkeit einer ausländischen Berufsqualifikation überprüft und belegt werden, das geschieht im sogenannten Anerkennungsverfahren anhand von Zeugnissen und Zertifikaten sowie der Dauer und dem Inhalt der Berufsqualifikation. Wichtig hierbei: eine optimale Vorbereitung der erforderlichen Unterlagen.

An dieser Stelle kommt die Zukunftswerkstatt Düsseldorf (ZWD) ins Spiel. Die Tochtergesellschaft der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf engagiert sich seit 30 Jahren im kommunalen Arbeitsmarkt. Neben Hilfsangeboten für Langzeiterwerbslose zur Rückkehr ins Arbeitsleben, der Unterstützung für Eltern beim Wiedereinstieg in den Beruf sowie der Beratung von Unternehmen zur Fachkräftesicherung, bietet die ZWD auch Zugewanderten und Alleinerziehenden Perspektiven im Berufsleben. Die Bildungsberatung ist dabei eine zentrale Säule. Wer sich beruflich weiterbilden möchte, erhält bei der ZWD eine kostenlose Beratung. Ein Segment dieser Beratung ist die Fachberatung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse (FBA).

Im Rahmen der FBA berät, begleitet und unterstützt die Zukunftswerkstatt Menschen mit ausländischen Berufsqualifikationen im Anerkennungsverfahren. Die Beratung steht jedem Erwachsenen offen, der in Nordrhein-Westfalen arbeitet oder wohnt und berufliche Qualifikationen im Ausland erworben hat. Das gilt auch für Geflüchtete, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Bis zu neun Beratungsstunden, verteilt auf mehrere Termine, können die Ratsuchenden in Anspruch nehmen. Bezahlen müssen sie dafür nichts. Die FBA ist ein Teilangebot des Förderprogramms „Beratung zur beruflichen Entwicklung (BBE)“, des Minis­teriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Ziel der Anerkennung ist es, den Menschen mit ausländischen Berufsabschlüssen die Möglichkeit zu geben, ein entsprechend der Qualifikation berufliches und soziales Leben in Deutschland zu führen. „Durch unsere Beratung können Berufsbiografien adäquat fortgesetzt werden, wir leisten also einen aktiven Beitrag zur beruflichen und damit auch sozialen Integration“, so die Bildungsberaterin der ZWD Marion Graf, und ergänzt: „Die Beratung bringt so den Menschen, die in unserer Gesellschaft ankommen möchten, Wertschätzung entgegen“. Insgesamt 3.900 Ratsuchende wurden seit dem Start der Fachberatung im Jahr 2015 in Nord­rhein-Westfalen unterstützt.

Qualifiziert, motiviert, lernbereit
 

Die Gruppe der Ratsuchenden ist, was das Alter, die Herkunft und die Lebensläufe betrifft, äußerst heterogen. Neben zahlreichen jungen Menschen aus anderen EU-Staaten kommen viele Geflüchtete aus Drittstaaten, die unmittelbar nach ihrer Ausbildung oder ihrem Hochschulabschluss ihre Heimat verlassen mussten. Darunter vermehrt auch Personen, die aus der Türkei flüchteten, vielfach mit beruflichen Abschlüssen aus öffentlichen Verwaltungsberufen wie Regierungsmitarbeiter, Juristen oder Polizisten. Ihre Berufsabschlüsse anzuerkennen, ist kein leichtes Unterfangen. Um die nötigen Unterlagen aus der Türkei zu beschaffen, bedarf es einer aufwendigen Recherche.

Auch lässt sich in jüngerer Zeit beobachten, dass zunehmend Personen Rat suchen, die bereits eine ganze Weile in Deutschland leben, beruflich hier aber noch nicht richtig Fuß fassen konnten. Das habe den Hintergrund, dass einige nach ihrer Ankunft möglichst schnell eine Arbeit aufnahmen, um ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Denn damit, so Graf, hofften sie, eine Bleibemöglichkeit zu erlangen. Jobangebote, die sie teils vom Jobcenter oder der Bundesagentur für Arbeit erhielten, erfüllten ihnen zwar kurzfris­tig den Wunsch, eigenes Geld zu verdienen, jedoch arbeiten sie dafür meist in sogenannten Helferjobs im Niedriglohnbereich. „Nicht selten verrichten sie über Jahre schwere Tätigkeiten für wenig Geld. Bis ihnen bewusst wird, dass sie eigentlich mal etwas gelernt haben, sprich: eine Ausbildung oder Studium in ihrem Herkunftsland abgeschlossen haben. Sie wünschen sich dann, ihren Berufsabschluss hier anerkennen zu lassen“, sagt Graf. Für sie ist die Beratung und eine eventuelle Anerkennung des Berufsabschlusses eine Chance auf eine qualitativ hochwertige und besser entlohnte Tätigkeit. Entsprechend hoch sei deren Motivation, die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse zu erhalten.

An fehlendem Willen mangele es den Ratsuchenden ohnehin nicht. Sie kommen zur Beratung, weil sie es möchten, nicht weil sie müssen. Gute Voraussetzungen also für die Beratung. „In der Regel verläuft die Beratung problemlos. Das liegt zum einen daran, dass die Ratsuchenden mit einer starken Eigenmotivation zu uns kommen, und zum anderen daran, dass sie einen hohen Bildungsgrad haben“, erklärt Graf. Kulturelle oder sprachliche Barrieren, die die Beratungsarbeit erschweren könnten – Fehlanzeige. Auf die Zuhilfenahme von Dolmetschern müsse man nur in Ausnahmefällen zurückgreifen. Denn meistens haben die Ratsuchenden schon einige Sprachkurse absolviert. Hin und wieder sei es zwar herausfordernd, den Verfahrensverlauf und das sperrige Behördendeutsch zu übersetzen, aber genau dafür sei die Beratung da.

Und dass dies meist gut funktioniert, scheint sich herumgesprochen zu haben. Fanden in der Anfangsphase der Beratung die meisten Ratsuchenden über Migrantenvereine, die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter zur ZWD, kommen heute viele über persönliche Empfehlungen. „Die Resonanz der Menschen, mit denen wir das Anerkennungsverfahren durchlaufen haben, ist sehr positiv, und das tragen sie weiter“, freut sich die Beraterin über das ausgeglichene Verhältnis von Zuteilungen der Ratsuchenden über Institutionen und Empfehlungen.

„Ohne die Fachberatung stünde ich heute nicht hier“
 

Der erste Beratungstermin dient beiden Seiten einander kennenzulernen. Hierbei können die Ratsuchenden grundlegende Fragen zum Anerkennungsverfahren stellen, wie: Kann ich mit meinem ausländischen Berufsabschluss in Deutschland arbeiten? Ist eine Anerkennung möglich? Wenn ja, wie lange dauert das Verfahren und was kostet es? Und die Beraterin kann anhand der mitgebrachten Zertifikate zur Berufsqualifikation des Ratsuchenden ausloten, welche Möglichkeiten zur Anerkennung des ausländischen Berufsabschlusses bestehen. Wünscht dieser sich nun die Anerkennung, erklärt sie das Verfahren und hilft dabei, alle notwendigen Unterlagen zusammenzustellen. Sind die Unterlagen vollständig und korrekt, kann das Verfahren beginnen. Ein Ende der Beratung bedeutet dies jedoch nicht. „Wir stehen den Ratsuchenden über den gesamten Verlauf des Verfahrens zur Seite“, versichert Graf. Und das zeigt Wirkung, wie das Beispiel von Iona Antonova1 aus Bulgarien belegt.

Iona kam vor circa acht Jahren aus Bulgarien nach Deutschland. In ihrer Heimat unterrichtete die studierte Pädagogin an einer Grundschule. Nach Deutschland kam sie mit ihrem Mann und ihrem damals dreijährigen Sohn, um dem gemeinsamen Kind, das an starkem Asthma litt, eine bessere medizinische Versorgung zu ermöglichen. Zwar warteten Verwandte von Iona hier auf sie, aber ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, war die Anfangszeit im unbekannten Land beschwerlich. „Die ersten drei Jahre arbeitete ich als Putzhilfe, ohne Orientierung, wie es beruflich weitergehen sollte. Ich wollte unbedingt wieder als Lehrerin arbeiten, aber ich wusste nicht wie und hatte niemanden, an den ich mich wenden konnte.“ Zudem wurde sie erneut schwanger. Die berufliche Perspektive trat also fürs Erste in den Hintergrund. Bis vor drei Jahren. Ihr Sohn besuchte nun die Schule und ihre Tochter ging in die Kita, so hatte die zweifache Mutter Zeit, sich ihrer beruflichen Zukunft zu widmen. „Ich wollte nicht mehr auf Hilfe vom Staat angewiesen sein, sondern endlich wieder auf eigenen Beinen stehen. Für mich, aber viel mehr noch für meine Kinder. Um ihnen ein Vorbild zu sein.“ Ihre Arbeitsvermittlerin vom Jobcenter bekräftigte Iona in ihrem Wunsch, wieder als Lehrerin zu arbeiten, schließlich suche das Land händeringend nach Lehrkräften. Also unternahm die Bulgarin im August 2017 den Erstantrag zu ihrer beruflichen Anerkennung bei der Bezirksregierung selbst. Hierbei wurden jedoch wesentliche unterrichtspraktische, fachdidaktische und fachwissenschaftliche Unterschiede festgestellt. Zudem fehlten bestimmte Unterlagen und Nachweise zu Sprachkenntnissen. Mitgeteilt wurde ihr dies per Brief, im üblichen Behördensprech. „Ich kann mich zwar gut auf Deutsch verständigen, aber davon verstand ich kein Wort. Für mich war klar, das war´s mit meinem Traum.“ Von ihrer Arbeitsvermittlerin bekam sie dann den Tipp zum Beratungsangebot bei der Zukunftswerkstatt. Inzwischen war es Juni 2019, als Iona in die Beratung bei Marion Graf kam. Ein Wendepunkt sei dies gewesen, so die Ratsuchende. Denn nun habe sie jemanden an ihrer Seite gehabt, der ihr in verständlicher Weise erklären konnte, welche Schritte als Nächs­tes zu unternehmen seien. Nicht nur das: „Ich hatte endlich wieder Zuversicht, was meine Zukunft anbelangt. Die hätte ich ohne Frau Graf nicht gewonnen.“

Als Erstes beantragte die Beraterin eine Verlängerung des Verfahrens. Formell hatte Iona Antonova nach ihrem Erstantrag zwei Jahre Zeit, die wesentlichen Unterschiede auszugleichen. Da diese noch nicht abgelaufen waren, wurde dem Antrag stattgegeben. Etwas Glück kam auch hinzu: Die Bewertungsmaßstäbe hatten sich im Laufe des Verfahrens geändert, sodass ihr Antrag erneut überprüft werden musste. Zum Vorteil der Bulgarin. Was sie jetzt noch ausgleichen muss, ist klar benannt und nachholbar: Zunächst muss sie die fachwissenschaftlichen Studienleistungen an einer Hochschule absolvieren. Dafür ist keine Abschlussprüfung erforderlich, da die Hochschule für bestimmte Seminare Teilnahmescheine ausstellt. Anschließend kann sie die methodisch-didaktischen und schulpraktischen Unterschiede in einem Vorbereitungsdienst ausgleichen. So hat sie die Aussicht auf ein tarifliches Beschäftigungsverhältnis, das ihr erlaubt, ihren Lebensunterhalt selbst zu sichern und den letzten erforderlichen C1-Sprachkurs eigenständig zu finanzieren. Ihre Chancen danach die volle Anerkennung als Grundschullehrerin zu erhalten, seien nach Einschätzung von Graf hoch. Genau das war stets der Wunsch und das Ziel von Iona. Ganz an ihrem Ziel angelangt, ist sie zwar noch nicht, aber Zweifel daran, dass sie das bald wird, hat sie keine. Zum einen, weil sie sich ihrer eigenen Stärken bewusst ist, und zum anderen, weil sie weiß, dass sie nicht alleine ist, wenn sie Hilfe braucht. „Frau Graf war von Anfang an immer für mich da. Bis heute treffen wir uns mindestens einmal im Monat, um zu besprechen, wie es läuft und was als Nächstes zu tun ist. Ohne die Fachberatung stünde ich heute nicht hier“, betont Iona.

Gelebte Willkommenskultur
 

Der Fall von Iona Antonova macht deutlich: Auch wenn das Anerkennungsverfahren lange dauern kann und bürokratischen Aufwand mit sich bringt, es macht häufig Sinn einen Anerkennungsantrag zu stellen. Und es zeigt auch: Die Begleitung der Ratsuchenden durch die Fachberatung ist unverzichtbar. Ohne Erklärungshilfe bei den Briefen und Bescheiden der deutschen Behörden, kann eine Anerkennung schon früh scheitern, obwohl sie das gar nicht müsste. „Daher ist es umso wichtiger“, unterstreicht Graf „dass wir die Menschen von Anfang bis Ende des Verfahrens begleiten und ihnen immer wieder vor Augen führen, dass sich die Zeit und Geduld lohnen.“

Damit dies in Zukunft einfacher möglich ist und somit mehr Menschen geholfen werden kann, wünscht sich die Beraterin, die formellen Voraussetzungen zu lockern, um die Bearbeitungszeit zu verkürzen. Insbesondere für geflüchtete Menschen aus der Türkei oder aus Syrien, wo es oft aussichtslos sei, an die erforderlichen Zertifikate aus der Heimat zu kommen, müssten andere Überprüfungsmöglichkeiten geschaffen werden. Bei Medizinern zum Beispiel könnte man das erforderliche Wissen auch in persönlichen Gesprächen oder durch Arbeitsproben überprüfen. Problematisch sei es auch, dass die ausländischen Berufszertifikate hier im Original beglaubigt werden müssen. Was aber letztendlich inhaltlich beglaubigt wird, ist oft nicht klar, da die Dokumente in fremder Sprache verfasst sind. Das bedeutet: „Inhaltlich wird so nur beglaubigt, dass es sich um ein Original handelt“, erklärt Graf. Das sei unnötig und verzögere wiederum nicht nur den Anerkennungsprozess, sondern erzeuge auch unnötige Kosten. Denn eine notarielle Beglaubigung ist nicht umsonst. Das Geld ließe sich an anderer Stelle womöglich effektiver einsetzen. Zum Beispiel bei den Beratungsstellen selbst. In Anbetracht des enormen Rechercheaufwands bei der Beschaffung der Zertifikate sei das Budget für die Beratung knapp kalkuliert. Wünschenswert wären daher höhere Pauschalabrechnungen. So könne man den Umfang und die Qualität der Beratung besser aufrechterhalten, erläutert die Fachberaterin, und so weiterhin die Integration von qualifizierten Fachkräften in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft fördern. Denn unbestritten ist: Ein positiver Anerkennungsbescheid öffnet den Ratsuchenden Türen zu einer qualifizierten und besser bezahlten Arbeit in Deutschland. Damit drückt die Fachberatung Wertschätzung gegenüber der Leistung aus, die die Menschen in ihrer Heimat erbracht haben, und der, die sie hier bereit sind aufzubringen, um ein Teil dieser Gesellschaft zu werden. Das füllt den Begriff „Willkommenskultur“ mit Leben – und ganz nebenbei wirkt es dem Fachkräftemangel entgegen.


1 Der Name der Ratsuchenden wurde von der Redaktion geändert.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Heike Ruelle
Tel.: 02041 767214
h.ruelle@gib.nrw.de

Nicole van Lieshaut
Tel.: 02041 767102
n.vanlieshaut@gib.nrw.de

Kontakt

Zukunftswerkstatt Düsseldorf
Marion Graf
Tel.: 0211 1730240
marion.graf@zwd.de
www.zwd.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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