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(Heft 2/2020)
Interview mit Prof. Dr. Thorsten Schulten, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

Mindestlöhne: Individuelle Existenzsicherung und gesellschaftliche Stabilität

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thorsten Schulten vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung

G.I.B.: Herr Prof. Dr. Schulten, im Jahr 2015 wurde nach einer langen politischen Debatte der Mindestlohn in Deutschland in Höhe von 8,50 Euro eingeführt. Was waren die damit verfolgten Ziele und wurden sie erreicht?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Die Grundidee des Mindestlohns war schon immer, von seiner Arbeit leben zu können. Dies bedeutet, dass, der Lohn existenzsichernd sein soll – also ein „living wage“ ist, wie dies im englischen Sprachraum bezeichnet wird.

In Deutschland hat die Einführung des Mindestlohns vielen Millionen Menschen deutliche Lohnerhöhungen gebracht, doch mit dem aktuellen Mindestlohn von 9,35 Euro pro Stunde erzielt ein Arbeitnehmer beziehungsweise eine Arbeitnehmerin in Vollzeit rund 1.600 Euro brutto pro Monat. Insbesondere in Ballungsräumen mit ihren hohen Mieten, aber auch in vielen anderen Regionen reicht dieses Einkommen, reicht das Niveau des Mindestlohns nicht zur Existenzsicherung. Also müssen viele Singles und erst recht Mehrpersonenhaushalte Aufstockungsleistungen in Anspruch nehmen. Nimmt man zusätzlich das spätere Leben im Alter in den Blick, wird schnell klar, dass selbst Menschen, die – und wer schafft das schon – 45 Jahre lang zum Mindestlohn gearbeitet haben, eine Rente bekommen, die gerade mal auf Grundsicherungsniveau liegt. Das zeigt, dass im System etwas nicht stimmt. Wir brauchen ein angemesseneres, ein höheres Mindestlohnniveau.

G.I.B.: Wie hoch müsste Ihrer Einschätzung nach ein „armutsfester“ Mindestlohn sein?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Zu berücksichtigen ist hier zunächst, dass die Armutsdiskussion immer im Kontext eines gesamten Haushalts geführt wird, der Mindestlohn jedoch auf das Individuum zugeschnitten ist. Grundsätzlich aber gelten in der Armutsforschung und auch in der aktuellen Debatte auf europäischer Ebene im Rahmen der Mindestlohninitiative 60 Prozent vom Netto-Äquivalenzeinkommen als Benchmark, unterhalb derer man von einer Armutssituation ausgeht. Diese 60 Prozent vom Median – aktuell wären das in Deutschland etwa 12 Euro – sind die Schwelle, oberhalb derer man zumindest einigermaßen über die Runden kommen kann. Für Deutschland und andere europäische Länder mit einem entwickelten Sozialstaat ist das eine gute, pragmatische Orientierung. Für Länder mit sehr niedrigem Lohnniveau wie etwa Bulgarien mit einem Durchschnittsstundenlohn von weniger als zwei Euro gilt das nicht, denn 60 Prozent von einem sowieso schon niedrigen Lohn reichen erst recht nicht aus.

G.I.B.: Nun ließe sich argumentieren: Unternehmen bezahlen die erbrachte Leistung des Arbeitnehmenden, wobei deren Produktivität eine entscheidende Rolle spielt. Nicht verantwortlich aber sind Unternehmen für den Familienstand, die individuellen Haushaltslagen oder auch die hohen Mietkosten vor Ort. Ist deshalb nicht die Kombination aus einem für Unternehmen verkraftbaren Mindestlohn und staatlichen Ergänzungsleistungen der bessere Weg?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Das ist die neoklassische oder auch neoliberale Sichtweise, die ich für völlig falsch halte, denn individuelle Produktivität lässt sich gar nicht bemessen. Das ist ein Modellgedankenspiel aus der neoklassischen Wirtschaftstheorie, das mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind immer in arbeitsteiligen Wirtschaftskontexten aktiv und die Produktivität ermisst sich, wenn überhaupt, aus dem Ensemble der Zusammenarbeit verschiedener Menschen.

Die zweite grundsätzliche Kritik an der von Ihnen skizzierten Sichtweise betrifft das Grundverständnis von sozialer Markwirtschaft: Wenn das Geschäftsmodell eines Unternehmens nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass es den Beschäftigten Armutslöhne zahlt und das Unternehmen indirekt staatliche Subventionen einfordert, indem er diese Löhne aufstockt, dann ist das ein schlechtes Geschäftsmodell.

G.I.B.: Dennoch: Arbeitgeber verweisen auf ihre Kosten, auf die Konkurrenzfähigkeit am Markt und auf notwendige „Personalanpassungen“, wenn Löhne zu sehr steigen. Ist die Sorge um den Verlust von Arbeitsplätzen nicht berechtigt?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Auf die Frage, ob ein Mindestlohn Auswirkungen für die Beschäftigung hat, antworte ich als Keynesianer: Beschäftigung ist immer eine Folge der Konjunktur und der Nachfrage. Entweder ist die Nachfrage vorhanden, dann gibt es wirtschaftliche Aktivitäten und Beschäftigung, oder aber nicht.

Die simple Vorstellung, dass eine Mindestlohnerhöhung zu Entlassungen führt, ist eine totale Abstraktion, ein Denkmodell, das in der Wirklichkeit nicht funktioniert. Die Lohnhöhe hat hier immer nur einen bedingten Einfluss. Sicher, ein höherer Mindestlohn bedeutet für Unternehmen höhere Kosten. Aber den Unternehmen steht eine Vielzahl von Anpassungsreaktionen zur Verfügung. Natürlich können sie Personal entlassen, doch das führt in der Regel zu Einschränkungen im Geschäftsmodell. Ein weiterer wichtiger Anpassungsmechanismus besteht darin, die Lohnerhöhung als Anreiz zu nehmen, die Arbeitsorganisation zu verbessern und damit die Produktivität zu erhöhen.
Außerdem ist es gut möglich, dass – wie bei der Mindestlohneinführung – die Gewinne ein bisschen runtergehen. Dies muss aber nicht unbedingt ein Problem sein, weil viele Unternehmen vorher Extraprofite generiert haben, die allein aus ihrer Marktmacht resultieren. Der Mindestlohn ist insofern auch ein Instrument zur Herstellung „marktgerechter“ Gewinne.
Unabhängig davon ist für ein Unternehmen nie die Lohnhöhe allein entscheidend, sondern auch, zu welchen Preisen es seine Produkte oder Dienstleistungen am Markt verkaufen kann. Entscheidend ist ein vernünftiges Lohn-Preis-Verhältnis. Das ist in Deutschland vor allem im Dienstleistungssektor wie etwa dem Friseurhandwerk oft nicht gegeben. Klar, wenn Kunden nur 15 Euro für einen Haarschnitt bezahlen wollen, können die Beschäftigten nicht viel Geld verdienen. Wenn der Mindestlohn 12 Euro beträgt, muss jeder Kunde beim Friseurbesuch ein paar Euro drauflegen, aber das wird für die allermeisten verkraftbar sein.

In Skandinavien mit seiner hohen Tarifbindung und seinen für fast alle geltenden tarifvertraglichen Mindestlöhnen werden viele dieser Dienstleistungen deutlich besser bezahlt. Dort fangen McDonalds-Verkäufer erst bei 16 Euro an. Allerdings kostet der Burger in Dänemark auch ein bisschen mehr als bei uns. Also: Ein höherer Mindestlohn wird über kurz oder lang in der Tat in einigen Bereichen zu höheren Preisen führen. Aber das spielt sich relativ schnell ein, wie heute schon im Taxigewerbe zu beobachten ist.

Damit Unternehmen den Anpassungsprozess organisieren können, sollte die Einführung von 12 Euro Mindestlohn in einem auf ein paar Jahre gestreckten Zeitraum, also graduell erfolgen, dann ist das kein Problem. In den USA wurde das so gemacht. Dort gibt es einen bundesweit geltenden extrem niedrigen Mindestlohn, der schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr angepasst worden ist. Gleichzeitig gibt es jedoch in vielen Bundesstaaten einen über die Gewerkschaften unter dem Slogan „fight for fifteen“ durchgesetzten deutlich höheren Mindestlohn von 15 Dollar, durchgesetzt nicht von heute auf morgen, sondern in Stufen. Eine ganze Reihe von Untersuchungen über die Anpassungsreaktionen liefern den empirischen Nachweis, dass damit keine negativen Beschäftigungseffekte verbunden waren.

G.I.B.: Ist – ähnlich wie in den verschiedenen US-Bundesstaaten – ein regionaler Mindestlohn aus Ihrer Sicht sinnvoll und machbar?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: In gewisser Weise gibt es das ja über das Vergabegesetz in einzelnen Bundesländern, die für die öffentliche Auftragsvergabe einen eigenen Mindestlohn vorgeben. Generell halte ich einen regionalen Mindestlohn für schwierig, weil sich nicht klar abgrenzen lässt, was genau eine Region sein soll. Das könnten zum Beispiel durchaus Bundesländer sein, aber das eigentliche Lohngefälle besteht ja zwischen den Großstädten und dem ländlichen Bereich. Eine regionale Differenzierung auf Ebene der Bundesländer würde also nicht weiterhelfen.

G.I.B.: Wie können wir zu einem angemessenen Mindestlohn kommen? Im Jahr 2015 betrug der Mindestlohn 8,50 Euro, heute beträgt er 9,35 Euro. Das sind lediglich 0,85 Euro mehr. Wenn es bei diesen Steigerungen bleibt, vergehen Jahre, bis wir 12 Euro erreichen. Hechelt der Mindestlohn damit immer seinem Ziel hinterher, ohne dies zu erreichen? Arbeitsminister Karl-Josef Laumann hat schon vor längerer Zeit die Mindestlohnkommission kritisiert und einen höheren Mindestlohn gefordert. Er warf der Kommission vor, nur die durchschnittliche Erhöhung aller Löhne zu nehmen und auf den Mindestlohn aufzuschlagen. Eigentlich aber käme es, „ohne den Arbeitsmarkt kaputt zu machen“, auf „überproportionale Steigerungen“ an.

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Da hat er recht. Im öffentlichen Raum kursiert oft das Schein-Argument, wir sollten die Mindestlohndiskussion nicht „politisieren“, sondern die Entscheidung den Experten überlassen. Zu glauben, Mindestlohnerhöhungen wären ein entpolitisierter Prozess, ist eine idealistische Konstruktion, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Sicher ist es gut, dass es so eine Kommission gibt, in der die Sichtweisen der Tarifparteien und wissenschaftlicher Sachverstand vertreten sind, doch letztlich sind die gewählten Volksvertreter verantwortlich. Sie müssen über die gesetzliche Grundlage entscheiden und nicht vermeintliche Experten. Das ist jedenfalls mein Demokratieverständnis.

Klar ist zudem: Der Mindestlohn kann nur eine durchschnittliche Untergrenze vorgeben. Was an zusätzlicher Differenzierung notwendig ist, muss das Tarifvertragssystem als weiteres Instrument der Lohnregulierung leisten. Darüber hinaus haben wir tarifvertragliche Bestimmungen oder auch individuelle Regelungen, die Zulagen vorsehen, wenn Menschen in Städten wie München leben, wo die Lebenshaltungskosten exorbitant hoch sind. Das kann man nicht allein mit dem Mindestlohn regeln, sondern erfordert das Zusammenspiel komplementärer Instrumente.

Eine Kommission macht nur Sinn, wenn sie den im Gesetz vorhandenen Begriff der Gesamtabwägung ernst nimmt, also die Tariforientierung, einen angemessenen Mindestschutz sowie die ökonomischen Rahmenbedingungen im Zusammenhang sieht. Sich ausschließlich am Tarifindex zu orientieren, reduziert die Diskussion auf banale Überlegungen, ob man etwa den gerade verhandelten Abschluss im öffentlichen Dienst schon jetzt oder erst in der nächsten Anpassung mit einrechnet. Eine Kommission, die nur nach dem Tarifindex vorgeht, ist überflüssig.

Darüber hinaus plädiere ich dafür, die im Mindestlohngesetz enthaltene Zielstellung eines existenzsichernden Lohnes, eines „angemessenen Mindestschutzes“, wie es wörtlich heißt, noch mal expliziter zu fassen. Es spricht ökonomisch gesehen einiges dafür, sich bei der Mindestlohnerhöhung am Tarif zu orientieren, doch wenn man auf einem relativ niedrigen Niveau einsteigt, kann man das Strukturproblem nicht lösen. Dazu bedarf es eines anderen Mechanismus. Man könnte ein „existenzsicherndes Niveau“ festlegen wie etwa die besagten 60 Prozent vom Median. Wenn die Mindestlohnkommission das nicht berücksichtigt, ist die Politik in der Verantwortung.

G.I.B.: In den Tarifverhandlungen der Systemgastronomie hat man sich auf eine stufenweise Anhebung der unteren Löhne auf 12 Euro bis Ende des Jahres 2023 geeinigt. In circa vier Jahren hat man also die 12 Euro erreicht. Wäre dies aus Ihrer Sicht auch ein Modell für den allgemeinen Mindestlohn?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Was tarifpolitisch in der Systemgastronomie mit ihrer quantitativ relevanten Gruppe an Niedriglohnbeschäftigten gelungen ist, ist ein großer Erfolg der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und zugleich ein sehr mutiger Schritt.

In der traditionellen, klassischen Tarifpolitik fordern Gewerkschaften sechs Prozent und setzen zwei, drei oder fünf Prozent durch und dann geht es in die nächs­te Runde. Das führt dazu, dass der Niedriglohnsektor nie aus dieser Misere herauskommt, weil die untere Lohngruppe immer um den Mindestlohn kreist. Vor diesem Hintergrund hat die NGG gesagt: Drei Prozent plus auf einem miserablen Lohn ist immer noch ein miserabler Lohn. Wir wollen 12 Euro als unters­te Gruppe, denn ungefähr da fängt ein anständiger Lohn erst an. Bezogen auf die unterste Lohngruppe bedeutet das 30 Prozent Erhöhung, was so formuliert sofort als utopisch abgelehnt worden wäre, doch mit ihrer ganz anderen Argumentationsstrategie konnte die NGG viel Unterstützung gewinnen. Allerdings geschah das noch vor Ausbruch der Pandemie, als in der Gastronomiebranche Arbeitskräfteknappheit herrschte und die Unternehmen unter dem Druck standen, die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung zu verbessern, um überhaupt Personal zu bekommen.

Dabei war der NGG klar, dass sie ihre Forderung nicht von heute auf morgen, nicht in einem Schritt durchsetzen kann. Eine Steigerung auf 12 Euro erfordert, wie vorhin diskutiert, Anpassungsprozesse aufseiten der Unternehmen, die ernst genommen werden müssen. Deshalb die Steigerung in Stufen, wobei jedoch die Erhöhung schon jetzt definiert wird, damit es für alle Unternehmen transparent ist und sie sich – in diesem Fall spätestens zum Zeitpunkt 2024 – auf diesen Pfad einstellen können. Das ist wirklich ein gutes Modell, von dem auch andere Tarifbranchen lernen können.

G.I.B.: Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) erhielten im Jahr 2018 mehr als 2,4 Millionen Beschäftigte einen Stundenlohn unterhalb des Mindestlohns. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hatte in früheren Schätzungen von 1,8 bis 2,2, Millionen Beschäftigten gesprochen, die um ihre gesetzlichen Mindestlöhne betrogen würden. Gibt es hier aus Ihrer Sicht genügend Kontrollen zur Einhaltung des Mindestlohns und was kann unternommen werden, um die Einhaltung des Mindestlohnes zu verbessern?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Schon vor der Einführung des Mindestlohns gab es Kontrollen durch den Zoll, weil es in einigen Branchen wie etwa der Bauwirtschaft oder der Gebäudereinigung bereits sogenannte Branchenmindestlöhne gab. Bei der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns war mit einer Ausweitung der Kontrollen zu rechnen, doch tatsächlich sank deren Zahl. Grund war die „Flüchtlingskrise“ 2015, in der ein Teil der Zoll-Beschäftigten in anderen Bereichen eingesetzt wurde. In den letzten Jahren ist die Zahl wieder ein bisschen angestiegen, aber in der Zwischenzeit wurde viel versäumt.
Es ist klar, dass das Zoll-Personal besser aufgestellt werden muss, aber das ist nicht so einfach, denn die Tätigkeit eines Zöllners ist anspruchsvoll. Beim Zoll Beschäftigte müssen nicht nur eine polizeiliche Ausbildung absolvieren, sondern sich auch in wirtschafts-, steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen auskennen. Da ist es nicht leicht, geeignetes Personal zu finden.

Also: Es braucht mehr Kontrollen, doch Kontrollen allein genügen nicht. Man kann das Problem nicht allein „polizeistaatlich“ lösen, das entspräche auch nicht meinen gesellschaftspolitischen Vorstellungen. Wichtiger noch als Kontrollen ist die betriebliche Interessenvertretung. Dort, wo wir Betriebsräte haben, ist die Anzahl der Verstöße deutlich geringer. Betriebsräte sind vielleicht der wichtigste Faktor, die Einhaltung der Bezahlung von Mindestlöhnen zu kontrollieren.

Darüber wäre zu klären, wie wir die einzelnen Beschäftigten so stärken können, dass sie ihre Ansprüche auch einklagen. Tatsächlich aber gibt es kaum Klagen, weil die ganze Last einer Klage immer auf dem Einzelnen liegt und ihn oft überfordert. Deshalb unterstütze ich die alte Forderung der Gewerkschaften, dass sie – und auch die Arbeitgeberverbände – ein Verbandsklagerecht bekommen, damit sie stellvertretend für die einzelnen Beschäftigten bei Verdacht auf Verstößen die Unternehmen verklagen können und das mit solchen Klagen verbundene Risiko kollektiv tragen und nicht der Einzelne. Also: Betriebsräte plus Verbandsklagerecht plus Kontrollen.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wir brauchen eine klare, eindeutige Definition des Mindestlohns und zugleich eine Erfassung der Arbeitszeit. Beide Momente hängen eng zusammen. Nur ein Arbeitszeiterfassungssystem bietet ein wirksames Mittel, um an objektive und verlässliche Daten über die tatsächlich geleistete Arbeitszeit zu gelangen. Das erleichtert sowohl den Arbeitnehmern als auch den zuständigen Behörden und Gerichten den Nachweis von Verstößen und damit die Kontrolle. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom letzten Jahr in der Sache ist von großer Bedeutung, denn jeder Zöllner sagt heute: Wenn ich die Arbeitszeiten nicht kenne – wie soll ich dann erkennen, ob der Mindestlohn gezahlt wird?

Lernen könnten wir in dem Zusammenhang von England. Dort gibt es eine Low Pay Commission, die jedes Jahr einen Bericht über Umsetzung und Verstöße beim Thema Mindestlohn publiziert, inklusive eines öffentlichen „naming“ und „shaming“. Das heißt: Unternehmen, bei denen gerichtsfest festgestellt worden ist, dass sie gegen Mindestlohnzahlungen verstoßen haben, werden dokumentiert von der zuständigen Behörde in Zeitungen namentlich benannt, sodass Geschäftspartner und öffentliche Auftraggeber sehen und entscheiden können, ob sie mit so einem Unternehmen kooperieren wollen oder nicht. Das sollte man auch in Deutschland installieren, wo der Zoll zumeist nur dann ein paar Zahlen rausrückt, wenn ein Bundestagsabgeordneter mal eine Anfrage an die Bundesregierung richtet.

G.I.B.: In diesem Jahr steht erstmals eine Evaluierung des Mindestlohngesetzes an. Welche Erkenntnisse erwarten Sie sich davon?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Nicht viel. Mittlerweile liegen unzählige Studien über die Wirkung von Mindestlöhnen, über die Defizite des jetzigen Mechanismus und über das notwendige weitere Vorgehen in der Schublade des BMAS, sodass ich mir von der Evaluierung keine neuen großartigen Erkenntnisse erwarte. Ich könnte nicht sagen, was man jetzt grundsätzlich noch nicht weiß, was man unbedingt noch erforschen müsste. Das Wesentliche liegt vor. Jetzt gilt es, Entscheidungen zu treffen.

G.I.B.: Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die Mindestlöhne in Europa. Da steht Deutschland mit 9,35 Euro mittlerweile an sechster Stelle. In Frank­reich, das an zweiter Stelle liegt, werden 0,80 Euro mehr bezahlt. Lediglich Luxemburg zahlt mit 12,38 Euro deutlich mehr. Wie bewerten Sie den deutschen Mindestlohn im europäischen Vergleich?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Im europäischen Vergleich ist der deutsche Mindestlohn mit aktuell 46 Prozent des Medians keineswegs besonders hoch. Zwar gibt es in der Tat noch Länder, die darunterliegen, aber in Frankreich liegt der Mindestlohn bei 60 Prozent des Median.

Verhalten optimistisch bin ich mit Blick auf die zu Jahresanfang von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angestoßene Mindestlohninitiative. Hier geht es nicht darum, den Mindestlohn zu vereinheitlichen, weil dazu die Lohnniveaus zu unterschiedlich sind, sondern Kriterien dafür zu nennen, welche Funktionen der Mindestlohn im jeweiligen nationalen Kontext erfüllen soll, zum Beispiel die Existenzsicherheit. Während der jetzt anstehenden deutschen EU-Präsidentschaft könnte man in der Sache einen guten Schritt vorankommen, doch gegenwärtig wird alles überlagert durch die aktuelle Pandemie.

G.I.B.: Wie wirkt sie sich Ihrer Ansicht nach aus auf die weitere Entwicklung des Mindestlohns?

Prof. Dr. Thorsten Schulten: Schon jetzt gibt es warnende Stimmen aus dem Arbeitgeberlager, die sich sowohl auf den Mindestlohn wie auch auf ein anderes Instrument, das Kurzarbeitergeld, beziehen. Da besteht ein enger Zusammenhang. Bisher, so auch bei der letzten großen Krise 2008/2009, waren es vor allem die Industriebeschäftigten, die in Kurzarbeit gingen. Industriebeschäftigte haben ein höheres Entgelt. Wenn sie ein paar Monate lang 60 Prozent ihres Entgelts – aufgrund tarifvertraglicher Regelungen sind Aufstockungen auf 80, 90 Prozent möglich – ist das zwar nicht schön, aber damit können sie zurechtkommen.

In der jetzigen Krise aber trifft das Instrument Kurzarbeit erstmals massenhaft die ganzen Dienstleistungsbereiche mit ihren sehr niedrigen Löhnen und in der Regel ohne tarifvertragliche Aufstockungen. Doch gerade in solchen Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig die Stabilität der sozialen Sicherungssysteme ist. Wenn Menschen von ihren sowieso schon niedrigen Löhnen noch einen erheblichen Teil verlieren und damit sofort in Hartz IV getrieben werden, also ergänzende Leistungen beantragen müssen, dann ist das nicht nur für sie als Individuen ein Riesenproblem, sondern auch für die gesellschaftliche Stabilität, denn „das Soziale“ sorgt immer auch dafür, dass sich Menschen einigermaßen vernünftig verhalten. Leider hilft der jetzt in der Bundesregierung gefundene Kompromiss zur Erhöhung des Kurzarbeitergeldes gerade den Niedriglohnbeschäftigten nicht wirklich weiter. Hier wäre ein Mindestkurzarbeitergeld, wie dies von der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) vorgeschlagen wurde, deutlich zielführender.

Die Restriktionen, denen wir jetzt alle ausgesetzt sind, lassen sich für privilegierte Menschen, die in einer schönen Wohnung ihr Home Office einrichten können, leichter gestalten und ertragen als für jemanden, der in eher beengten Verhältnissen lebt. Deshalb wäre ein höherer Mindestlohn und auch – zumindest befristet für die Pandemiezeit – eine gesetzliche Aufstockung des Kurzarbeitergeldes ratsam, sowohl mit Blick auf die individuelle Existenzsicherung wie auch auf die Sicherung der sozialen Stabilität.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767208
h.kleinen@gib.nrw.de

Das Interview führte

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

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Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches
Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung
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