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(Heft 2/2020)
Umsetzung des „Ausbildungsprogramms NRW“ im Kreis Herford

Hand in Hand zu einem ausgeglichenen Verhältnis auf dem Ausbildungsmarkt

Wie wirkungsvoll das „Ausbildungsprogramm NRW“ vor allem dann ist, wenn Land und Kommune Hand in Hand arbeiten, lässt sich im ostwestfälischen Kreis Herford beobachten. Das 2018 gestartete Landesprogramm wurde dort kurzerhand mit einem zeitgleich entwickelten kreisweiten Modell für Zuschüsse an Ausbildungsbetriebe sowie für die Förderung und Begleitung von Jugendlichen in Ausbildung kombiniert – für beide Programme hatte die Evangelische Jugendhilfe Schweicheln als Bildungsträger die Ausschreibung gewonnen. Und es funktionierte: In den ersten beiden Durchgängen konnten jeweils 36 neue Ausbildungsplätze geschaffen werden.

Weil der Kreis Herford die bereitstehenden Mittel nicht einsparte, sondern die Möglichkeiten der Landesinitiative erweiterte, konnte die Jugendhilfe Schweicheln ein weitreichendes Unterstützungskonzept entwickeln. „Wir sind von Anfang an eng mit den Jugendlichen im Kontakt“, erklärt Miriam Kreinjobst, zuständige Koordinatorin bei der Jugendhilfe Schweicheln. Sobald die Agentur für Arbeit oder das Jobcenter dem Bildungsträger geeignete Bewerberinnen und Bewerber zuweisen, greift eine vielschichtige Betreuung. In der Akquisephase unterbreitet die Jugendhilfe Schweicheln bereits ab Juni, also drei Monate vor dem frühesten Ausbildungsstart, freiwillige Angebote: So gibt zum Beispiel ein Assessmentcenter Aufschluss über die Fähigkeiten und Förderbedarfe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Danach führen wir mit den Jugendlichen bis zu fünf Einzelgespräche“, sagt Miriam Kreinjobst. „Denn erst, wenn wir sie oder ihn intensiv kennen, wissen wir auch, welcher Beruf und welcher Betrieb wirklich infrage kommt.“ Zudem sei es durch die Kombination der Mittel möglich gewesen, individuellen Stütz- und Förderunterricht anzubieten. Das hilft, Lücken in Mathematik oder Deutsch zu schließen. „Wichtig ist dabei die Freiwilligkeit“, betont Miriam Kreinjobst. „Die Jugendlichen begreifen, dass sie mit ihrer Teilnahme gezielt ihre Chance auf eine Ausbildung erhöhen und eine Vermittlung passgenau erfolgen kann.“

Trendwende durch das Werben für eine duale Ausbildung
 

Das „Ausbildungsprogramm NRW“ ist für den Kreis Herford wichtig, weil die Ausbildungssituation seit vielen Jahren angespannt sei, so Olaf Craney, Leiter der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Herford. Das Angebot an Ausbildungsplätzen könne die Nachfrage bei Weitem nicht erfüllen. Zugleich suchten aber auch Betriebe oft vergeblich, weil die Bewerberinnen und Bewerber den Anforderungen des Betriebs nicht entsprechen. Gerade bei Absolventen der zehnten Klassen habe das Interesse an einer dualen Ausbildung lange Zeit nachgelassen, sie strebten zum gro­ßen Teil höhere Schulabschlüsse an. Oft erwarten auch Eltern mindestens das Abitur plus Studium und weisen zu wenig auf die Vorteile und Karriereoptionen einer betrieblichen Bildung hin, so Olaf Craney. „Weil wir die Elternarbeit und die Informationsangebote zur betrieblichen Ausbildung auf vielen Ebenen intensiviert haben, lässt sich allerdings seit zwei Jahren eine leichte Trendwende feststellen.“ Von den Jugendlichen, die bisher vom „Ausbildungsprogramm NRW“ profitiert haben, erhielten die Herforder Verantwortlichen fast durchweg positive Rückmeldungen.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Akquise für die jungen Menschen
 

Die Jugendlichen finden auf zwei Wegen in die Betriebe. „Wir haben bewusst neben der allgemeinen Suche nach zusätzlichen Ausbildungsstellen auch gleichzeitig die bewerberseitige Stellenakquise gestartet“, so Olaf Craney von der Arbeitsagentur. „Dabei half uns die Förderung durch den Kreis.“ Akquise vom sich bewerbenden Menschen aus zu denken bedeutet, möglichst viele Talente eines Jugendlichen in der Arbeit mit dem Bildungsträger offenzulegen. Dies kann zusätzliche Berufsoptionen eröffnen und dadurch die gezielte Suche nach geeigneten Betrieben auslösen.
 
IMG-4411.jpgDie Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Ostwestfalen-Lippe sei durch große regionale Unterschiede geprägt, erklärt Petra Biernot von der Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe. Besonders Jugendliche mit eingeschränkten Ausbildungsplatzperspektiven blieben oft ohne Lehrstelle. Hier setze das Programm erfolgreich an, auch im Kreis Herford. „Wir sind sehr froh über die sehr gute und engagierte Arbeit der Jugendhilfe Schweicheln und deren Kooperationspartner, wie zum Beispiel der Arbeitsagentur Herford oder dem Jobcenter Herford, die mit viel Weitblick und Umsetzungsstärke das Programm so erfolgreich zum Laufen gebracht haben.“ Petra Biernot weiter: „Zum Start gab es viele Fragen an uns und an das Arbeitsministerium, welche wir direkt oder an den Runden Tischen gemeinsam mit den beteiligten Akteuren vor Ort klären konnten.“

„Wir bekommen einen passenden Auszubildenden auf dem Silbertablett serviert“
 

Für die am „Ausbildungsprogramm NRW“ teilnehmenden Unternehmen ist die intensive Begleitung und Vorauswahl der Jugendlichen „eine riesige Arbeitserleichterung“, sagt Chris Dimitrakopoulos. Er ist zuständiger Bereichsleiter bei der Jugendhilfe Schweicheln. Durch langjährige Kontakte und gute Vernetzung „haben die Betriebe das Vertrauen in uns, dass wir ihnen jemanden schicken, der zu ihnen passt“, so wie Ercan Kurnaz (20), der aktuell sein zweites Ausbildungsjahr zum Feinwerkmechaniker bei der Schroeders GmbH durchläuft, die in Kirchlengern mit 37 Beschäftigten und 13 Auszubildenden Fördertechnik und Sondermaschinen produziert. Geschäftsführer Frank Schröder schätzt die gute Beratung der Partner im Ausbildungsprogramm. „Wir bekommen einen passenden Auszubildenden auf dem Silbertablett serviert“, sagt er. Von Vorteil für die Betriebe seien natürlich die Zuschüsse für die Ausbildungsvergütung und die „Ausbildungsbegleitenden Hilfen“.

Frank Schröder hatte bereits im ersten Programm-Durchlauf kurzerhand zwei Auszubildende von einem insolvent gewordenen Unternehmen eingestellt. Sie sind nach beendeter Ausbildung inzwischen übernommen worden. Ohne die intensive Betreuung durch die Jugendhilfe Schweicheln, die das „Ausbildungsprogramm NRW“ erst ermöglicht, „wären einige Ausbildungsverträge unter normalen Umständen nicht zustande kommen“, führt Frank Schröder aus. Seine für das Personalwesen zuständige Mitarbeiterin Christel Wedel ergänzt: „Einige würden allein deswegen durchs Raster fallen, weil ihre Probleme einen förmlich aus dem Bewerbungstext anspringen.“ Wenn aber die Jugendhilfe den Kontakt anbahne, sei es sofort persönlicher und dies gebe der Bewerbung einen anderen Charakter. Miriam Kreinjobst: „Sobald ich erfahre, dass es in Schule oder am Ausbildungsplatz Probleme gibt, suche ich die Auszubildenden auf, zur Not im privaten Rahmen zu Hause.“ Sie sieht auch die fehlende Mobilität vieler Jugendlicher als Vermittlungshemmnis an. Dies zeige sich nicht nur in der schwierigen Erreichbarkeit der Ausbildungsbetriebe mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Für die Auszubildenden seien zudem oft kreative Lösungen nötig, um zu den Lernorten der erforderlichen „Ausbildungsbegleitenden Hilfen“ zu kommen. Auch hier bietet die Evangelische Jugendhilfe Schweicheln ihre Unterstützung an.

Der Beitrag des „Ausbildungsprogramms NRW“ zu einem ausgeglichenen Verhältnis von Bewerbern und Stellen auf dem Ausbildungsmarkt sei „beträchtlich“, resümiert Chris Dimitrakopoulos. Zum Erfolg trügen auch die durch den Kreis finanzierten Angebote des Förderunterrichts und der flankierenden Öffentlichkeitsarbeit bei. „Es freut uns zu sehen, dass unsere gemeinsamen Anstrengungen Wirkung zeigen“, sagt Christina Altenbernd vom Kreis Herford. Für Aufmerksamkeit sorgen letztlich die Auszubildenden auch selbst: Im angeschlossenen, freiwilligen Projekt „Azubi-Insight“ nehmen sie ehrenamtlich Coaching-Termine wahr und berichten an den Schulen im Kreis über ihre Ausbildung und den angestrebten Beruf. „Damit stärken sie ihr Selbstbewusstsein und trainieren Schlüsselkompetenzen wie das Reden vor einer Gruppe“, sagt Chris Dimitrakopoulos. Und nicht zuletzt leisteten sie damit einen Teil der Berufsorientierung im Kreis Herford.

Ansprechperson in der G.I.B.

Thomas Lindner
Tel.: 02041 767276
t.lindner@gib.nrw.de

Kontakte

Schroeders GmbH
Industriestraße 15
32278 Kirchlengern
Frank Schröder, Geschäftsführer
Tel.: 05223 653020
info@schroeders.gmbh
www.schroeders.gmbh

Ev. Jugendhilfe Schweicheln
Matthias-Siebold-Weg 4
32120 Hiddenhausen
Chris Dimitrakopoulos, Bereichsleiter
Tel.: 05221 960280
dimitrakopoulos@ejh-schweicheln.de
www.ejh-schweicheln.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net

 

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