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(Heft 2/2020)
Interview mit Prof. Dr. Timo Baas, Duale Hochschule Baden-Württemberg

EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit: „Viele kommen zwar, gehen aber auch schnell wieder“

Die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union weckt Hoffnungen und Ängste. Positiv wird es gesehen, wenn Deutschland über die Zuwanderung den Fachkräftebedarf decken kann. Als problematisch wird es empfunden, wenn der Zuzug vor allem in Billiglohn-Sektoren stattfindet und von Armut der Zugewanderten flankiert ist. Professor Dr. Timo Baas von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart forscht seit mehr als einem Jahrzehnt zum Thema Arbeitnehmerfreizügigkeit. 2010 legte er an der Universität Potsdam seine Dissertation vor, die sich in einem Kapitel mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Währungsunion beschäftigt. Er arbeitete für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und bis zu seinem Wechsel nach Stuttgart als Juniorprofessor für Makroökonomik an der Universität Duisburg-Essen. 2019 legte er die Studie „Unionsbürgerinnen und -bürger in Deutschland. Eine Übersichtsstudie zu Vorteilen und Herausforderungen bei der Inanspruchnahme der Arbeitnehmerfreizügigkeit“ vor. In unserem Interview wägt er zwischen positiven und negativen Effekten der Freizügigkeit ab.

G.I.B.: Wie haben sich die Wanderungsbewegungen nach Deutschland durch die Niederlassungsfreiheit und Arbeitnehmerfreizügigkeit entwickelt?

Prof. Dr. Timo Baas: Die Entwicklung verlief in mehreren Stufen seit der EU-Osterweiterung 2004, als acht Staaten der EU beitraten: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Damit setzte eine moderate Arbeitskräftewanderung nach Deutschland ein, die auch durch den Beitritt Rumäniens und Bulgariens 2007 kaum zunahm. Das verstärkte sich erst 2010, also ein Jahr, bevor Deutschland den Arbeitsmarkt für die ersten Staaten öffnete. Überraschend wanderten zu der Zeit bereits Menschen aus Bulgarien und Rumänien zu, obwohl für sie 2011 – anders als für die Polen – die völlige Arbeitnehmerfreizügigkeit noch gar nicht galt. Über die Niederlassungsfreiheit besteht aber die Möglichkeit, auch bei geschlossenem Arbeitsmarkt eine Tätigkeit aufnehmen zu können. Dafür wählen die Menschen häufig die Selbstständigkeit und siedeln dann ihr Kleinstunternehmen in Deutschland an. Die hier zuerst arbeitenden polnischen Staatsbürger wechselten von atypischen Beschäftigungsverhältnissen in Normalarbeitsverhältnisse. Die frei gewordenen Helfertätigkeiten in der Landwirtschaft und am Bau haben vermehrt Rumänen übernommen, weil für Saisonarbeit immer schon Ausnahmeregelungen galten. Seit 2014 gilt die vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Bulgaren und Rumänen und auch der Beschluss des Brexits im Jahr 2016 hat die Wanderungsdynamik verändert. Daher verzeichnet Deutschland in den letzten Jahren eine vermehrte Zuwanderung aus den seit 2004 beigetretenen EU-Ländern.

G.I.B.: Für wen kommt die Arbeitnehmerfreizügigkeit infrage und welche Menschen nehmen sie in Anspruch, um in Deutschland arbeiten zu können?

Prof. Dr. Timo Baas: Die Arbeitnehmerfreizügigkeit kommt für alle infrage, die auf dem Arbeitsmarkt tätig sind und die es werden wollen, also auch Menschen, die eine Berufsausbildung anstreben, studieren oder Arbeit suchen. Es hängt allerdings mit der Öffnung des Arbeitsmarktes durch den aufnehmenden Staat zusammen. Deutschland hat nach der Osterweiterung lange mit der Öffnung gezögert. Seit der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes wandern vor allem qualifizierte Beschäftigte ein, die in den Herkunftsstaaten einen Berufsabschluss erworben oder länger gearbeitet haben. Hier üben sie allerdings häufig einfache Helfertätigkeiten aus. Die Motivation dafür liegt insbesondere im Gehalt: In Deutschland beträgt das jährliche Durchschnittseinkommen 40.000 Euro, in Polen beispielsweise nur 11.000 Euro. Auch in einfacheren Jobs verdienen sie hierzulande mehr als sie zum Leben im Herkunftsstaat benötigen.

G.I.B.: Warum arbeiten gut ausgebildete Arbeitskräfte – abgesehen von dem erwähnten finanziellen Aspekt – in minderwertigeren Jobs in Deutschland?

Prof. Dr. Timo Baas: Häufig sind fehlende Sprachkenntnisse bei Bewerbern ein Problem. Deutsche Arbeitgeber können sie dann nur schwer mit einer qualifizierten Arbeit betrauen. Ein anderes Thema ist die Anerkennung von Berufsabschlüssen. In Polen gibt es eher eine schulische, weniger dual ausgerichtete Ausbildung. Womöglich hält das deutsche Firmenchefs davon ab, ihre Arbeit so zu entlohnen wie hier nach einer dualen Ausbildung.

G.I.B.: Nun wandern jedoch nicht nur qualifizierte Menschen zu, sondern auch solche ohne Qualifikation, die häufig in atypischer und prekärer Beschäftigung oder in der Arbeitslosigkeit landen. Täuscht der Eindruck, dass ihre dauerhafte Integration nur sehr schwer möglich ist, sie aber dennoch wegen der immer noch besseren Lebensbedingungen in Deutschland bleiben?

Prof. Dr. Timo Baas: Diese Beschreibung trifft vor allem auf Menschen aus Bulgarien zu, deren Sozialhilfequote mit 27 Prozent sehr hoch ist. Im Vergleich dazu liegt die Quote bei Menschen aus Polen mit 9 Prozent und aus Rumänien mit 10 Prozent kaum höher als bei Herkunftsdeutschen. Aus Bulgarien kommen vor allem ethnische Minderheiten, die es auch im Herkunftsland extrem schwer haben, ihre Kinder dort nicht immer zur Schule schicken und die wahrscheinlich auch Ziel von Diskriminierung sind. In Deutschland fassen sie nur schwer Fuß auf dem Arbeitsmarkt, was ihre Situation weiter verschlechtert. Insbesondere die Kommunen in Deutschland stehen daher vor erheblichen Herausforderungen: Die Hälfte der Obdachlosen hier stammt aktuell aus Mittel- und Osteuropa. Und wer obdachlos ist, wird auf absehbare Zeit nur schwer einen Job finden. Die meisten zugewanderten Menschen fallen in der Regel aber nicht auf, weil die Mehrzahl der jährlich etwa 800.000 bis 900.000 Menschen aus EU-Staaten sehr gut integriert ist. Öffentlich nehmen wir dagegen eine Minderheit wahr, entweder, weil sie obdachlos ist oder Probleme hat, sich in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Nachteile der Arbeitnehmerfreizügigkeit werden im Vergleich zu den Vorteilen überschätzt. Schauen wir auf die Vorteile für die Zugewanderten, fällt natürlich das im Vergleich zum Herkunftsland höhere Gehalt auf. Damit lässt sich dort ein Haus kaufen oder die Ausbildung der Kinder finanzieren. Für Deutschland ist von Vorteil, dass wir den stärkeren Bedarf nach niedrig qualifizierten und Helfertätigkeiten aktuell sehr stark über die EU-Freizügigkeit bedienen.

G.I.B.: Warum werden die sogenannten einfachen Tätigkeiten fast ausschließlich von Zugewanderten aus der EU übernommen?

Prof. Dr. Timo Baas: Weil wir in Deutschland eine Bildungsexpansion erleben, die zum Beispiel die Hauptschulen zu Restschulen macht, sofern sie überhaupt noch existieren. In Kombination mit einem immer höheren Anteil eines Jahrgangs, der studiert oder höhere Qualifikationen anstrebt, fehlen also Menschen für die klassischen Helfertätigkeiten. Paradoxerweise nehmen die qualifizierten Jobs auf dem Arbeitsmarkt ab. Qualifizierte Tätigkeiten, die bisher von Fachkräften wie zum Beispiel Bäckern oder Metzgern durchgeführt wurden, werden vermehrt von Großbäckereien oder auch Supermärkten abgewickelt. Und im Verkauf sind vielfach Helfer im Einsatz, aber keine qualifizierten Beschäftigten mehr. Helfertätigkeiten nehmen also zu, auch im Logistikbereich. Weil weniger Menschen aus Deutschland dafür infrage kommen, deckt das Ausland den Bedarf.

G.I.B.: Sie erkennen einen „Drehtür-Effekt der Arbeitsmigration“. So lautete auch Ihr Beitrag zu der Veranstaltung von „Arbeit und Leben NRW“ der Weiterbildungseinrichtung des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Volkshochschulen in Nordrhein-Westfalen. Die Veranstaltung diskutierte die Erfahrungen aus dem vom Landesarbeitsministerium mit ESF-Mitteln geförderten Projekt „Zukunft Europa: Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten“. Was beschreibt der Drehtür-Effekt?

Prof. Dr. Timo Baas: Dass die meisten Zugewanderten nicht permanent in Deutschland bleiben. Es kamen 2018 zwar über 800.000 Menschen aus EU-Staaten zu uns, zugleich ging aber auch die sehr hohe Anzahl von 640.000 wieder in ihre Herkunftsstaaten zurück. Im Vergleich zu Menschen aus der Türkei wandern Menschen aus Rumänien im Schnitt bereits nach drei, jene aus Polen nach sechs Jahren zurück. Schon nach vier Jahren ist die Hälfte der Polinnen und Polen wieder weg, nach Rumänien wandert bereits ein Drittel zurück, ehe das erste Jahr vergangen ist. Das ist die Drehtür: Viele kommen zwar, gehen aber auch schnell wieder. Wer das tut, hat vermutlich nicht die erwarteten Bedingungen in Deutschland vorgefunden. Denn Befragungen zeigen, dass die meisten überhaupt nur etwa fünf Jahre bleiben wollen. Das ist ein überschaubarer Zeitraum, um ein gewisses Vermögen für Hauskauf oder die Ausbildung der Kinder aufzubauen.

G.I.B.: Was bedeutet eine kurze Verweildauer für die aufnehmende Gesellschaft, die sich intensiv um Integrationsangebote bemüht?

Prof. Dr. Timo Baas: Wir haben momentan wahrscheinlich einen falschen Blick auf Migration, sofern wir von permanenter Zuwanderung ausgehen. Wir denken an Integration ins Schulsystem, in die Gesellschaft, den Arbeitsmarkt, inklusive Spracherwerb. Für viele spielt das aber gar keine Rolle, besonders für Menschen, die Kinder im Herkunftsland haben, die getrennt leben, die pendeln. Für sie besteht gar keine Notwendigkeit, sich dauerhaft in Deutschland niederzulassen. Denn wer nur kürzer als fünf Jahre hier leben will, der möchte kaum Zeit in den Spracherwerb investieren. Der arbeitet mehr, hat vielleicht noch einen zusätzlichen Job, um möglichst viel in der verfügbaren Zeit zu verdienen.

G.I.B.: Was bedeutet das für die Annahme, mit zuziehenden Menschen das Fachkräfteproblem im Land lösen zu können?

Prof. Dr. Timo Baas: Wir werden den Fachkräftebedarf nicht dauerhaft über Zuwanderung aus Europa decken können, wenn es die meisten wieder in ihr Herkunftsland zurückzieht. Hinzu kommen etwa in Polen eine geringe Geburtenquote und steigende Einkommen. Den starken Lohnzuwachs dort gibt es hier nicht. Es ist ja gewollt, dass die Löhne sich in Europa angleichen. Ohne die Wirtschaftskrise 2009 wären sie längst stärker angeglichen. All das führt zu einer Abnahme der Zuwanderung. Sie hat grundsätzlich den demografischen Wandel bei uns stark abgeschwächt, wird aber aktuell in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für uns überschätzt.

G.I.B.: Sind Integrationsleistungen nicht auch für temporäre Zuwanderung zu erbringen?

Prof. Dr. Timo Baas: Ja, der Spracherwerb ist auch für temporär Zuwandernde wichtig. Wer die Sprache lernt, Netzwerke aufbaut, der profitiert davon später auch im Herkunftsland – zum Beispiel über einen höheren Verdienst. Mir bereitet die aktuell stark gewachsene Anzahl an Helfertätigkeiten Bauchschmerzen, die Zugewanderte annehmen. Sie verhindern Integration, weil Helferjobs nur vorübergehend interessant und keine Perspektive für ein langfristiges Bleiben sind. Dann baut sich auch niemand ein Netzwerk auf oder lernt Deutsch.

G.I.B.: Wer die Sprache nicht spricht, läuft auch Gefahr, ausgenutzt zu werden. Das Arbeitsministerium in Nordrhein-Westfalen sieht einen hohen Bedarf, gegen Arbeitsausbeutung vorzugehen. Wie schätzen Sie Verstöße gegen geltendes Recht ein?

Prof. Dr. Timo Baas: Wir haben in diesem Bereich Probleme, können sie wissenschaftlich aber nicht adäquat analysieren, weil einerseits aktuell nur wenige Förder- und Forschungsmittel in diesen Bereich fließen, andererseits die Erfassung aber auch erhebliche Probleme bereitet. Über die Quantität der Verstöße lässt sich daher wenig aussagen. Wir wissen aber durch die Arbeit des Zolls, dass es bei Schlachtbetrieben sehr viele Verstöße gibt. Auch in der Bauindustrie gehen wir davon aus. Wir nehmen wahr, dass die Zugewanderten aus der EU im Schnitt niedrigere Löhne bekommen, höhere Befristungsquoten haben, öfter geringfügig beschäftigt sind und häufiger in Leiharbeitsverhältnissen stecken. Oft wird ein legales Arbeitsverhältnis mit Maßnahmen kombiniert, die nicht rechtens sind. Etwa bei jemandem, der einen Minijob hat, aber Vollzeit arbeiten muss. Das bedeutet, dass der Mindestlohn unterschritten wird. Diese Verstöße sehen wir häufig im häuslichen Bereich oder in der Landwirtschaft. Da vieles sich in einer Grauzone abspielt, gibt es keine systematische Erfassung. Wir erfahren in den Beratungsorganisationen häufig von solchen Fällen. Gegen die Gleichbehandlungsrichtlinie der EU verstößt, wer zum Beispiel einen Maurer beschäftigt, ihn aber wie einen Helfer bezahlt. Bei der hohen Zahl an Helferjobs müssen wir dies vermuten, können es aber wissenschaftlich kaum fassen. Wer aber das Ausbildungssystem in Polen kennt, wird ausschließen, dass nur unqualifizierte Menschen gekommen sind. Die Zahlen unserer Studie sprechen für eine Ungleichbehandlung, ohne dass wir das Ausmaß beziffern könnten. Wir müssten mehr Menschen befragen und ihre Gründe beleuchten, warum sie einen bestimmten Arbeitsvertrag unterzeichnet haben. Das würden wir mit der Qualifikation der Zugewanderten abgleichen. Hierzu gibt es zwar Daten vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), aber nur wenige Auswertungen. In jedem Fall ist die Bereitschaft gering, Verstöße anzuzeigen. Der Prozess ist langwierig und mit viel Bürokratie verbunden. Wenn jemand die Sprache nicht beherrscht, helfen auch die inzwischen verfügbaren Onlineformulare nicht unbedingt. Insgesamt ist die Arbeitsmarktintegration zwar nicht komplett negativ, aber auch nicht optimal. In Kombination mit den hohen Abwanderungszahlen würde ich vermuten, dass die Zugewanderten hier nicht das vorfinden, was sie eigentlich erwarten.

G.I.B.: Wie bewerten Sie die Initiative etwa in Nord­rhein-Westfalen, mit Beratung und Information auf die Menschen zuzugehen?

Prof. Dr. Timo Baas: Beratungsinstitutionen sind wichtig, auch wir bekommen über sie viele Einzelfälle von Ausbeutung zu Gesicht. Etwa Wohnraum, den Zugewanderte überteuert anmieten müssen. Oder Verstöße gegen den Mindestlohn, die über eine unzureichende Arbeitszeiterfassung erfolgen. Die Politik müsste die Notwendigkeit sehen, ein Netzwerk von Beratungsangeboten staatlich zu finanzieren, das beispielsweise von Gewerkschaften und freien Trägern gebildet wird. Die Bereitschaft, sich beraten zu lassen, ist aber auch ein wesentlicher Faktor. Sie hängt oft von der Schwere der Verstöße ab. Wer sein Gehalt nicht bekommt, wendet sich eher an Beratungsstellen als Menschen, die das Mietniveau in ihrer Region gar nicht kennen oder unbezahlt länger arbeiten müssen. Letztlich sind staatliche Maßnahmen immer nötig, um Recht durchzusetzen.

G.I.B.: In Ihrer Studie „Unionsbürgerinnen und -bürger in Deutschland“ zitieren Sie das Eurobarometer 2017, wonach die Mehrheit der Deutschen der Arbeitnehmerfreizügigkeit positiv gegenüberstehe. Dennoch gibt es Befürchtungen von einem Zuzug in die Sozialsysteme. Wie beurteilen Sie dies?

Prof. Dr. Timo Baas: Zunächst einmal ist der Anteil derjenigen, die in die steuerfinanzierten Grundsicherungssysteme kommen, relativ gering und hat durch die Arbeitsmarktöffnung abgenommen. Vor der Öffnung waren etwa 17 Prozent der Menschen aus Polen im SGB II-Bezug, das ist auf zehn Prozent zurückgegangen. Bei Beziehern von SGB II-Leistungen sind insgesamt etwa 40 Prozent erwerbstätig und stocken zusätzlich auf. Bei Menschen aus Bulgarien und Rumänien liegen die Werte bei mindestens 60 Prozent, das sind sehr hohe Aufstockerquoten. Aus Bulgarien registrieren wir einen erhöhten Zuzug ganzer Familien, die aufgrund zu versorgender Kinder kaum aus dem aufstockenden Bereich herauskommen, – zumal sie als Helfer auch sehr wenig verdienen. Was die meisten Deutschen befürchten, ist aber eigentlich kein Problem: dass die Zugewanderten Deutschland arm machten, weil sie in die Sozialsysteme wanderten und die Steuerzahler dafür aufkommen müssten. Dazu hat die Arbeitnehmerfreizügigkeit nicht geführt. Wir haben aber Aufgaben die angegangen werden müssen. Eine gewisse Verelendung und hohe Obdachlosenzahlen verursachen hohe Kosten und prägen ganze Stadtteile. Das wird von der Bevölkerung zu Recht als Problem wahrgenommen. Früher gab es die Befürchtung, dass polnische Senioren nach Deutschland kommen würden, weil ihre Rente in Polen zu niedrig sei und sie hier einen Anspruch auf höhere Grundsicherung hätten. Dem ist nicht so, wir zahlen keine hohen Sozialleistungen an andere EU-Bürger.

G.I.B.: Ein positiver Effekt für die Sozialversicherungssysteme ist, dass berufstätige Zugewanderte in sie einzahlen. Wie nehmen diese die Systeme im Vergleich zu Deutschen in Anspruch?

Prof. Dr. Timo Baas: Weil viele das Rentenalter noch nicht erreicht haben, ist das schwer zu bewerten. Bei Gesundheitsleistungen rechnen viele Beschäftigte, die sich im Herkunftsland behandeln lassen, über die deutsche Krankenkasse ab. Es wäre auch denkbar, dass die Menschen ihre Familie zur Behandlung mit nach Deutschland brächten – das geschieht wesentlich seltener. Interessant ist eher, ob die Zugewanderten aus der EU ihre Rente hier in Anspruch nehmen. Falls nicht, ist ihr Beitrag zum deutschen Sozialstaat relativ hoch, weil dann Beiträge eingehen, denen in Zukunft keine Kosten gegenüberstehen. Dieses Szenario ist gar nicht so absurd. So oder so ergibt es für die meisten Menschen aus EU-Staaten mehr Sinn, sozialversicherungspflichtig beschäftigt zu sein als eine Solo- oder Scheinselbstständigkeit einzugehen. Auch wenn es lukrativer wäre, bei nur kurzem Aufenthalt nichts einzuzahlen. Aber offensichtlich nehmen sie die Absicherung gerne an, wofür die hohe Quote von 60 Prozent an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen spricht. Das erreicht fast das Niveau der Deutschen und liegt weit höher als der Durchschnitt ausländischer Beschäftigter insgesamt.

G.I.B.: Wie stellt die Zuwanderung aus EU-Staaten sich unter gesamtwirtschaftlicher Betrachtung dar?

Prof. Dr. Timo Baas: Zuwanderung drückt immer das Lohnniveau, – was die berechtigte Kritik der Gewerkschaften am Zuzug von Billiglöhnern bestätigt. So ist das Lohnniveau bei niedrig qualifizierten Tätigkeiten durch die Arbeitskräfte aus dem Ausland relativ stabil. Steigende Löhne sind im Prinzip zu begrüßen, sie führen aber auch zu einer stärkeren Inflation. Und Deutschland lebt seit Jahrzehnten davon, dass wir eine relativ moderate Lohnentwicklung haben. Das führt im Export zu wirtschaftlichen Vorteilen und wird zum Teil auch durch Osteuropäer sichergestellt. Das ist aus Wachstumssicht sehr gut für Deutschland. Ich kann übrigens auch den Vorwurf nicht sehen, Deutschland decke seinen Fachkräftebedarf auf Kosten von Osteuropa. Denn dort lag die Arbeitslosigkeit vor fünf Jahren bei mehr als 17, heute nur noch bei 4 Prozent. Die Abwanderung dort hat auch massiv die Arbeitslosigkeit reduziert, die Sozialsysteme stabilisiert und für eine Angleichung der Löhne gesorgt. Migration ist also positiv für ganz Europa, finde ich, weil sich die Lebensverhältnisse angleichen. Allein die Kanalisierung von qualifizierten Beschäftigten in niedrig qualifizierte Jobs müsste man reduzieren. Polen zum Beispiel hat viel für den Aufbau von beruflicher Qualifikation geleistet – die wird durch die vielen Helfertätigkeiten entwertet. Das sind sozusagen die Kosten der Zuwanderung.

G.I.B.: Zu Beginn der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Osteuropa öffnete Großbritannien sich für den Zuzug, Deutschland schottete sich ab. Jetzt ist es umgekehrt. Wie wird der Brexit sich auswirken?

Prof. Dr. Timo Baas: Schon seit dem Referendum wanderten immer weniger Menschen aus EU-Staaten nach Großbritannien. Deutschland verzeichnet seit 2018 einen leichten Aufschwung, der wahrscheinlich auf den Brexit zurückzuführen ist. Auch wenn sich das bis zum Ende der Übergangszeit weiter verstärkt, erwarte ich keine übermäßigen Zahlen. Wer im Ausland arbeiten will, möchte zumindest die Möglichkeit haben, dauerhaft bleiben zu können. Jetzt kommen also andere attraktive Zielstaaten in Betracht. Weil es bisher vor allem Hochschulabsolventen waren, die nach Großbritannien gewandert sind, könnte Deutschland sogar profitieren. Sie finden hier normalerweise einen adäquaten Job.

G.I.B.: Viele Stellen in Deutschland werden nicht über die öffentliche Arbeitsvermittlung besetzt. Wie ist das beim europäischen Binnenmarkt?

Prof. Dr. Timo Baas: In Deutschland landen kaum hochqualifizierte Stellen bei der Agentur für Arbeit, sondern fast ausschließlich qualifizierte. Bei der europäischen Arbeitsvermittlung Eures, die jetzt 25 Jahre besteht, ist es noch einmal schwieriger. Arbeitgeber schicken selbst von den qualifizierten Stellen nur wenige an Eures. Das mag am Aufwand liegen, weil die Stellenbeschreibung am besten auch noch in einer anderen Sprache verfasst sein müsste. Im Moment kommt kein richtiger europäischer Arbeitsmarkt zustande, die Vermittlung von qualifizierter Beschäftigung ist bei Eures nur ein Nischengeschäft. Würde sich das ändern, dann hätten wir auch wesentlich weniger Probleme mit der Anerkennung von Qualifikationen, mit einer Beschäftigung unter bestimmten Standards. Dann wäre europaweit deutlicher, welcher Bereich mit welcher Qualifikation offensteht. Und dadurch würden wir auch die Helfertätigkeit reduzieren können. Bis zu einem europäischen Arbeitsmarkt ist aber noch viel zu tun.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767280
h.kleinen@gib.nrw.de

Kontakt

Prof. Dr. Timo Baas
Professor in BWL-Industrie, insbesondere Volkswirtschaftslehre
Duale Hochschule Baden-Württemberg
Herdweg 23/1
70174 Stuttgart
Tel.: 0711 1849-147
timo.baas@dhbw-stuttgart.de
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