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(Heft 2/2020)
„Ausbildungsprogramm NRW“: Gewinn für Unternehmen und Jugendliche in Hamm

„Wir haben mehr Bedarf als Plätze“

Die Schule beendet, den Berufswunsch fest im Blick: Konstantin Reh sah sich als kommender Bankkaufmann. Ein halbes Jahr lang. „Ich habe aber einfach keinen Ausbildungsplatz gefunden. Das hat schon an meiner Motivation genagt“, sagt der 20 Jahre junge Mann aus Hamm. Auf dem Berufsweg keinen Schritt vorwärtszukommen kann entmutigen. Konstantin Reh aber wollte nicht stehen bleiben. Er nahm bereitwillig den Rat des Berufsinformationszentrums (BiZ) der Agentur für Arbeit an, sich an die Kolping Bildungszentren Westfalen (KBW) zu wenden. Damit öffnete sich für Konstantin Reh das „Ausbildungsprogramm NRW“ des Landesarbeitsministeriums.

Parallel startete die Agentur für Arbeit ihre traditionellen Unternehmensbesuche und Christian Palm von der Agentur für Arbeit in Hamm kam mit der Existenzgründerin Daniela Schindler von „Caldea Therapie & Training GmbH“ zusammen. Der Fachkräftemangel in der Physiotherapie war das eigentliche Thema, aber auch die Möglichkeit der Ausbildung eigener Fachkräfte wurde erörtert. Der „Runde Tisch im Ausbildungsprogramm NRW“ zeichnet sich durch einen engen Austausch aller Beteiligten aus. Dabei gelang es der KBW, kurzfristig einen Termin mit Daniela Schindler zu vereinbaren. Die Unternehmerin ließ sich über die Möglichkeiten informieren, zusätzliche Ausbildungsplätze für junge Menschen in Hamm zu schaffen, und entdeckte so das „Ausbildungsprogramm NRW“ für sich.

42 neu geschaffene Ausbildungsplätze seit 2018
 

Bereits beim ersten Durchgang des Ausbildungsprogramms 2018 gelang es der KBW – bei kurzer Vorlaufzeit und ohne die inzwischen geförderte dreimonatige Akquise- und Matchingphase –, die Hälfte der maximal 36 Ausbildungsplätze zu besetzen. Für das Ausbildungsjahr 2019/2020 sah das Programm 24 Plätze vor. „Wir haben bis zum Stichtag 31. Januar eine hundertprozentige Abdeckungsquote erreicht“, sagt KBW-Jobcoach Carsten Wiemann. Mit seiner Kollegin Annika Henkel, zuständig für den Bereich Ausbildung, freut er sich auch über positive Nebeneffekte. Denn wie im Jahr zuvor sind über die KBW wiederum 14 weitere junge Menschen zu einem Ausbildungsplatz gekommen, die indirekt vom „Ausbildungsprogramm NRW“ profitiert haben. „Denn auch sie haben wir in Betrieben unterbringen können, dabei handelt es sich aber letztlich nicht um zusätzliche Ausbildungsplätze im Sinne des Landesprogramms“, erklärt Carsten Wiemann.

Konstantin Reh hatte gegen Ende des ers­ten Durchgangs das Glück, einen der zusätzlich akquirierten Ausbildungsplätze zu bekommen. Er lässt sich seit Januar 2019 bei der Caldea Therapie & Training GmbH zum Sport- und Fitnesskaufmann ausbilden. Das Unternehmen vereint Physiotherapie und Trainingswissenschaft, ist seit Ende 2017 auf dem Markt und bildet jetzt erstmals aus. Weil nacheinander die Versuche mit zwei Jugendlichen bereits während der vorgeschalteten Praktikumsphase gescheitert waren, „hatten wir nicht mehr daran geglaubt, noch jemand Geeigneten zu finden“, sagt Geschäftsführerin Daniela Schindler. Die ersten Interessierten erschienen nicht verlässlich zum Dienst, wohl auch, weil ihnen die Unterstützung durch die Familie fehlte. „Wir als kleines, wachsendes Unternehmen müssen uns aber auch auf den Auszubildenden verlassen können, weil bei uns jeder aktiv eingesetzt wird“, sagt Daniela Schindler.

„Nach dem ersten Jahr bei Caldea bin ich selbstbewusster“
 

Insofern ist das Landesprogramm für Betriebe Chance und Wagnis. Die geförderten Plätze sind speziell für Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen gedacht, die nicht direkt bei Betrieben Fuß fassen können. Konstantin Reh spricht offen davon, dass seine zurückhaltende Art ihm anfangs den Weg zur gewünschten Ausbildung verbaut habe. „Ich bin auch in den Vorstellungsgesprächen nicht aus mir herausgekommen“, sagt er, „nach dem ersten Jahr bei Caldea bin ich aber selbstbewusster und kann meine Botschaft im Gespräch mit anderen deutlicher anbringen.“ Das ist gerade für den Empfang, wo er hauptsächlich arbeitet, besonders wichtig. Er nimmt Anrufe entgegen, regelt die Terminvergabe, bespricht Rezeptänderungen mit Ärzten und bereitet Gruppentrainings so vor, dass sie in den Tagesablauf passen. „Konstantin entwickelt sich sehr gut und nimmt auch proaktiv an Sport- und Fitnessgruppen teil“, sagt Daniela Schindler, die ihm vertretungsweise auch schon einmal eine Gruppenleitung anvertraut hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er nach der Ausbildung übernommen wird.

Erwartungen und Anforderungen anpassen
 

Caldea-Geschäftsführerin,-Auszubildender,-Träger.jpgDamit bilden Caldea und Konstantin Reh eines jener funktionierenden Teams, auf die die Kooperation von Bildungsträger KBW, Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer, Jobcenter und Agentur für Arbeit hinwirkt. Dass Caldea ausbilden wollte, übermittelte die Arbeitsagentur beim „Runden Tisch im Ausbildungsprogramm NRW“ an die Kolping Bildungszentren, für die Carsten Wiemann und Annika Henkel infrage kommende Jugendliche in die engere Auswahl nahmen. Das geschieht zum Beispiel über eine größere Infoveranstaltung, die die KBW bei der Agentur für Arbeit für Jugendliche veranstaltet. Dort meldeten die Teilnehmenden sich direkt für Erstgespräche mit den KBW an. „Für uns als Berufsberater war die Arbeit sehr unkompliziert“, sagt die Studien- und Berufsberaterin Heike Kalb von der Agentur für Arbeit. „Wir mussten schließlich bremsen, weil nicht genug Plätze für die benachteilig­ten Jugendlichen da waren.“ Die Zusammenarbeit mit den vom Jobcenter ausgewählten Interessierten „gestaltete sich für uns etwas aufwändiger“, erklärt Annika Henkel. Dort waren Einzelgespräche im Beisein der Fallmanager das Mittel der Wahl, um die Chancen durch das Landesprogramm noch einmal zu erläutern. „Für diese jungen Menschen stellt es oft noch eine größere Hemmschwelle dar, direkt auf uns als Träger zuzugehen.“

Arbeitsagentur und Jobcenter bemühen sich, die Jugendlichen „über ihren ursprünglichen Berufswunsch auch für andere Berufsfelder zu öffnen, um mehr Spielraum zu gewinnen“, sagt Heike Kalb von der Agentur für Arbeit. Auch bei den Betrieben wirke sie darauf hin, deren Erwartungen und Anforderungen anzupassen. Wichtig sei der Hinweis, dass bei Bedarf parallel zum Landesprogramm und ergänzend zum Berufsschulunterricht auch „Ausbildungsbegleitende Hilfen“ als Angebot zur Verfügung stehen. Konstantin Reh nutzt diese, um bestimmte Inhalte etwa in Rechnungswesen nachzuarbeiten, die er durch seinen späten Einstieg ins Ausbildungsjahr im Januar verpasst hatte.

Erfolgsgarant: Gut funktionierendes institutionsübergreifendes Netzwerk
 

Der Matchingprozess zwischen Betrieben und Auszubildenden gestaltete sich im zweiten Durchlauf des Programms noch einmal glatter, sagt Axel Gaschler, Teamleiter im Kommunalen Jobcenter Hamm AöR und zuständig für den Bereich Ausbildung. „Dazu trägt auch der sehr enge Austausch in unserem Team und mit dem Bildungsträger KBW bei“, sagt er. Nach seinem Eindruck ließen sich durchaus noch mehr Betriebe und Interessierte zusammenbringen. Auch die Kammern übernehmen im Abstimmungsprozess eine aktive Rolle. Ausbildungsberater Kai Thomaschewski verweist darauf, dass die Handwerkskammer Dortmund das „Ausbildungsprogramm NRW“ über Gespräche mit ihren angeschlossenen Unternehmen und Anzeigen im Deutschen Handwerksblatt bewerbe. Bei Anfragen, ob es sich bei einem angebotenen Ausbildungsplatz tatsächlich auch um eine neue beziehungsweise zusätzliche Lehrstelle handele, „wollen wir binnen 24 Stunden Rede und Antwort stehen“, so Kai Thomaschewski.

„Es gibt immer auch Fälle, die wir noch nicht hatten“, sagt Annika Henkel von den KBW. Etwa Fragen, ob die Förderung bei langfristigen Erkrankungen noch möglich sei, bis hin zu allgemeinen förderrechtlichen Unsicherheiten.

Für die Regionalagentur Westfälisches Ruhrgebiet (Hamm, Dortmund, Kreis Unna) ist aus Sicht von Corina Mader ausschlaggebend, dass „alle Institutionen auf kurzem Weg sehr gut zusammenarbeiten“. Die vom Land unterhaltene Serviceeinrichtung unterstützt das Netzwerk und organisiert einen runden Tisch, der sich in regelmäßigen Abständen verschiedensten Themen annimmt. Corina Mader spiegelt dem Ministerium und der beratend tätigen G.I.B. zurück, dass den Beteilig­ten gemeinsame Lösungen wichtig seien, falls im Prozess einmal Hürden auftauchten. „Das Ausbildungsprogramm NRW‘ ist erfolgreich“, sagt Corina Mader, „wir haben aber mehr Bedarf als Plätze.“

Kontakte

Caldea Therapie & Training GmbH
Werler Straße 111
59063 Hamm
Daniela Schindler, Geschäftsführerin
Tel.: 02381 339050
kontakt@caldea-therapie.de
www.caldea-therapie.de

Kolping-Bildungszentren Westfalen gGmbH
Koordinatorin BaE/Reha
Berufsförderungszentrum Hamm
Grünstraße 98 b
59063 Hamm
Annika Henkel
Tel.: 02381 9500458
a.henkel@kolping-hamm.de
www.kolping-hamm.de

Ansprechperson in der G.I.B.

Thomas Lindner
Tel.: 02041 767276
t.lindner@gib.nrw.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
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