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(Heft 2/2020)
Interview mit Michaela Hofmann, Referentin für Armutsfragen beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln

„Was in der Corona-Krise zum Beispiel fehlt, sind Krankenwohnungen für obdachlose Menschen“

G.I.B.: Frau Hofmann, eine aktuelle Online-Befragung im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung hat ergeben, dass die Corona-Pandemie Ungleichheiten vergrößert. Wie wirkt sich nach Ihren Erfahrungen die Corona-Krise auf Menschen in Armutsverhältnissen aus?

DiCV-Mitarbeiter-11-2019-022.jpgMichaela Hofmann: Wir stellen fest, dass gegenwärtig der Fokus auf die Rettung von Unternehmen, auf Kontaktsperren und die Einhaltung von Social Distancing gerichtet ist. Dabei geraten Menschen aus dem Blick, die in Armutsverhältnissen leben, die im Leistungsbezug sind oder schon vor der Krise Schwierigkeiten hatten, mit ihrem geringen Einkommen auszukommen. Sie müssen jetzt erleben, dass nahezu sämtliche Einrichtungen und Dienste inklusive der Jobcenter und kommunalen Verwaltungen keine Face-to-Face-Beratung mehr anbieten. Für Menschen, die nicht so gut lesen und schreiben können oder über keinen Online-Zugang verfügen, ist das ein Riesenproblem. Die Barrieren, um in den genannten Institutionen jemanden zu erreichen, um ihr Anliegen vorzubringen, um offene Fragen abzuklären und an ihr Geld zu kommen, sind höher geworden. Der faktisch versperrte Zugang ist für diese Menschen ein tiefer Einschnitt in ihr Leben und erzeugt ein starkes Gefühl von Unsicherheit. Je länger der Zustand anhält, desto schwieriger wird es für sie, nicht in die Schuldenfalle zu geraten, weil sie sich das Geld für die Grundbedürfnisse ihres Lebens irgendwo borgen müssen.

Darüber hinaus wächst die Zahl der Menschen, die zuvor noch zurechtgekommen sind und jetzt durch Kurzarbeitergeld oder gar den Verlust ihres Arbeitsplatzes in den Leistungsbezug rutschen. Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt da eine Lawine von Menschen auf uns zu, die öffentliche Unterstützung brauchen.

G.I.B.: Wie gehen die Kommunen, die manche der Unterstützungsleistungen mitfinanzieren, mit diesen Herausforderungen um?

Michaela Hofmann: Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten Kommunen bemühen sich in engem Kontakt mit unseren Einrichtungen, gerade wohnungslosen Menschen zu helfen. Die Erreichbarkeit der kommunalen Verwaltungen und der Jobcenter ist und bleibt aber das Nadelöhr. Online und telefonisch erreichbar zu sein, reicht nicht aus, um die Existenz von Menschen zu sichern. Diesem Auftrag nachzukommen, ist unter Corona nicht einfach, aber originäre Aufgabe der Kommunen.

G.I.B.: Haben Sie den Eindruck, die Politik hat – was die Menschen in prekären Lebensverhältnissen betrifft – die Lage im Griff?

Michaela Hofmann: Nein, keineswegs. So ist überhaupt nicht darüber nachgedacht worden, zum Beispiel einfach mal den Regelsatz des Arbeitslosengeldes II für zwei oder drei Monate unbürokratisch zu erhöhen, damit Eltern ihren Kindern, die zuvor in den jetzt geschlossenen Schulen und Kitas ein preisgünstiges Mittagessen bekamen, eine warme Mahlzeit zubereiten können.

Ein weiteres Beispiel für das völlig unzureichende politische Handeln mit Blick auf diese Personengruppe zeigt sich beim Thema Homeschooling, das das Vorhandensein von PCs in den privaten Haushalten voraussetzt. Hier steuert die Politik 150 Euro bei, damit – so die offizielle Begründung – auch finanziell weniger gut gestellte Menschen in ihre digitale Ausstattung investieren und einen Laptop kaufen. Doch für 150 Euro kriegt man nichts! Es gibt keine kostenfreien Microsoft Produkte mehr, alles ist jetzt kostenpflichtig! Da frage ich mich schon, ob diejenigen, die diese Summe festgelegt haben, sich jemals selbst einen Computer gekauft haben.
 
Vermutlich resultiert die Entscheidung für eine so knapp bemessene Summe aus dem Vorurteil, dass die betroffenen Menschen das Geld für etwas anderes ausgeben könnten oder dass die Regelsätze so üppig seien, dass man mit der zusätzlichen Unterstützung locker einen Computer kaufen kann. Das aber zeigt, wie weit manche Entscheider von der Lebensrealität dieser Menschen entfernt sind. Daran wird deutlich, dass man zwar oft über diese Menschen in prekären Lebensverhältnissen spricht, aber nur selten mit ihnen. Wir sollten ihnen einfach mehr zuhören, denn sie wissen meist sehr genau, was sie brauchen.

G.I.B.: Wo finden Menschen in prekären Lebensverhältnissen in diesen pandemiebedingt extremen Zeiten eine letzte Haltelinie? Wer kann sie wenigstens noch einigermaßen unterstützen?

Michaela Hofmann: Unsere Beratungsstellen sind nach wie vor erreichbar, die meisten auch Face to Face, dann sind Beratende und Klienten meist durch Plexiglasscheiben getrennt. Wo dies nicht möglich ist, da wird online oder telefonisch beraten.

Ansonsten bleibt vielen oft nur die Lebensmittelversorgung der Tafeln mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Doch das Angebot erreicht nicht alle Menschen. Zudem ist es ein Akt der Barmherzigkeit und hält die Menschen in einer Armenfürsorge gefangen und damit in Abhängigkeit, statt mit staatlicher Unterstützung dafür zu sorgen, dass sie genug Geld in der Tasche haben, um selbst entscheiden zu können, welche Lebensmittel sie kaufen wollen. Aber es gibt noch einen anderen Haken: So ehrenwert das Engagement der Ehrenamtlichen ist: leicht gerät dabei die professionelle Arbeit aus dem Blick. Tatsächlich aber kommt es auf eine sinnvolle Verknüpfung von beidem an.

G.I.B.: Wo vor allem fehlt es an schneller und weitergehender Hilfe?

Michaela Hofmann: Obdachlose Menschen ohne Krankenversicherung haben es gerade besonders schwer. Schon vor der Pandemie war das Angebot für sie wie auch für die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften unzureichend. Hier wie dort leben zu viele Menschen auf engem Raum. Zwar gehe ich davon aus, dass jetzt in Corona-Zeiten auch Menschen ohne Krankenversicherung vom Gesundheitssystem nicht zurückgewiesen werden, doch für die nachgehende Betreuung und Pflege fehlt es zum Beispiel an Krankenwohnungen für obdachlose Menschen.

Ebenso betroffen sind Familien, die auf engem Raum leben und deren Kinder weder in die Kita noch in die Schule oder auf den Spielplatz dürfen. Für sie müssen Möglichkeiten des Spielens, des Lernens außerhalb der Wohnung geschaffen werden.

G.I.B.: Wie ist die Situation in der Trägerlandschaft beziehungsweise bei den Sozialdienstleistern? Erfüllt der Schutzschirm für die soziale Infrastruktur, das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) seine Funktion, wenn es um beispielsweise Frühförderung oder um ambulante mobile Angebote geht?

Michaela Hofmann: Hier liegt die grundlegende Schwierigkeit in der Tatsache, dass in einer Einrichtung und manchmal sogar bei einem Angebot verschiedene Kostenträger wie etwa die Kommune, der Landschaftsverband und weitere gleichzeitig am Werk sind. Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht leicht, Angebote auszuhandeln, sich zu einigen und gemeinsam zu entscheiden, wer den Hut aufhaben soll. Diese oft unklare Gemengelage setzt unsere Träger ziemlich unter Druck, weil sie mitunter nicht einmal wissen, wo sie den Antrag stellen müssen. Zudem ergeben sich, weil vieles mit heißer Nadel gestrickt ist, offene Fragen wie etwa, ob das Kurzarbeitergeld gegenüber anderen Unterstützungs­angeboten vorrangig anzurechnen ist.

Meines Erachtens fehlt bei den Kostenträgern eine Übereinkunft, der die Haltung zugrunde liegt: Wir wollen Angebote und Einrichtungen erhalten. Dann wäre vieles leichter. Dabei geht es nicht vorrangig um eine hundertprozentige Finanzierung, sondern darum, dass die Träger wissen, dass ihre Existenz nicht gefährdet ist. Wir dürfen nicht vergessen: Als gemeinnützige Verbände dürfen sie ja keine Rücklagen bilden, sodass sie gegebenenfalls in Insolvenz geraten können.

Gewünscht hätte ich mir eine politische Entscheidung, wonach in diesen – vorübergehenden – Krisenzeiten das zugesagte Geld weiter an die Träger ausgezahlt wird, da deren Kosten für Personal und Miete auch bei der zeitweiligen Schließung ihrer Einrichtungen weiterlaufen. Das wäre meines Erachtens langfristig gedacht und nachhaltig gehandelt gewesen. So müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Träger eventuell in Kurzarbeit gehen und sich ihr reduziertes Einkommen vom Jobcenter aufstocken lassen. Warum aber diesen Umweg gehen, zumal die Gelder in den Budgets der Geldgeber vorgesehen sind und nicht etwa zusätzlich aufgewendet werden müssen.

G.I.B.: Welche Lehren sind aus Ihrer Sicht aus all diesen Erfahrungen für die zukünftige Armutsbekämpfung zu ziehen? Was muss sich in Politik und Gesellschaft in Zukunft ändern?

Michaela Hofmann: Das Wichtigste sprach ich bereits an: Zunächst sollten die Regelsätze anders berechnet werden, damit Menschen nicht immer am untersten Level existieren müssen und nicht auf Almosen angewiesen sind. Darüber hinaus ist sicherzustellen, dass alle Kinder eine individuelle Förderung bekommen, damit sie ihren Platz in der Gesellschaft finden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Themenfelder Bildung und Weiterbildung – auch für Menschen im Leistungsbezug. Hier braucht es mehr Medienkompetenz und dazu einen WLAN-Zugang in allen öffentlichen Gebäuden. Es braucht Digital-Beraterinnen und -Berater und digitale Beratungsbüros. Darüber hinaus müssen wir Programme entwickeln, damit das Onlinezugangsgesetz (das Gesetz zur Verbesserung des Onlinezugangs zu Verwaltungsleistungen), gut umgesetzt werden kann und auch Menschen mit wenig Einkommen daran partizipieren können.

Ich würde mir wünschen, dass die Frage, was genau es braucht, damit Menschen in Würde leben können, in einer offenen und breiteren Diskussion beantwortet wird. Im Sommer werden die neuen Regelsätze festgelegt und dies könnte ein guter Zeitpunkt für Veränderungen sein. Ich erlebe oft, dass Menschen mit geringem Einkommen, vorgehalten wird, dass sie selbst schuld an ihrer Situation sind und der Hinweis kommt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Doch das stimmt nur bedingt. Wer keine Möglichkeiten hat, seine Talente zu nutzen, und keinen Boden unter den Füßen vorfindet, auf dem er oder sie schmieden kann, der ist nicht seines Glückes Schmied, sondern muss mit dem, was er oder sie vorfindet, etwas aus sich machen. Doch wenn da nichts ist – was soll er oder sie dann aus sich machen?

Das Interview führte

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakt

Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V.
Bereich Soziale Integration
Referentin für Allgemeine Sozialberatung,
Armutsfragen, Frauenhäuser und Gewaltschutz
Georgstr. 7
50676 Köln
Michaela Hofmann
Tel.: 0221 2010288
Michaela.Hofmann@caritasnet.de
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