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(Heft 2/2020)
Ein Gespräch mit Frank Motschull, Sozialdezernent der Stadt Oberhausen

„Investitionen in Bildung und Zukunft dort, wo die meisten armen Kinder leben“

Frank Motschull ist der Stadt Oberhausen besonders verbunden. Er ist dort aufgewachsen und übernahm früh Verantwortung in der Lokalpolitik. Nach einigen Jahrzehnten in politischen Ämtern wählte der Stadtrat ihn 2010 zum Beigeordneten. 2019 übernahm er die Leitung des Dezernats für Soziales, Bauen, Wohnen und Recht. Mit einer interdisziplinären Sozialplanung versucht Oberhausen, die Armut zu bekämpfen, gleiche Chancen und verbesserte Lebensumstände zu schaffen. Dazu legte die Stadt 2017 einen Sozialbericht für die einzelnen Sozialquartiere vor und etablierte nun das Veranstaltungsformat „Expert*innendialog“.

G.I.B.: Hat der Sozialbericht Sie in bestimmten Analysen überrascht?

Motschull.jpgFrank Motschull: Grundsätzlich sind uns die Unterschiede zwischen den Sozialquartieren natürlich bekannt. Die kleinräumige Betrachtung des Sozialberichts hat aber Aspekte sichtbar gemacht, die nicht allen geläufig waren. So gibt es teils bedeutende Abweichungen innerhalb eines Quartiers, das eigentlich als durchschnittlich armutsgeprägt gilt. Dort gibt es aber auch Gebiete mit überdurchschnittlich hohen Armutsquoten, die wiederum unmittelbar an Gebiete grenzen, die niedrigere Werte aufweisen. Der vermeintliche Durchschnittswert erfasst also nicht alles, erst die kleinräumige Betrachtung schärft den Blick für die Feinheiten. Dazu erfährt nun auch ein breites Publikum, wie Armut mit Themenbereichen wie Bildung, Gesundheit und Umwelt zusammenhängt. Durch die sichtbare Segregation in Oberhausen ergibt sich für Sozialplanung die Leitfrage, wie wir die Bevölkerung in den Sozialquartieren punktgenau und bedarfsgerecht unterstützen können. Eine umfassende Lösung ist aber sehr schwierig, weil die Bedarfe so vielfältig sind und über klassische gesetzliche Maßnahmen wie die Integration in den Arbeitsmarkt oder die Erziehungshilfe hinausgehen. Im Ruhrgebiet ist gerade die Armutsprävention von Kindern ein Arbeitsfeld, in das die Kommunen alle verfügbaren Mittel stecken sollten. Ich finde: Wo die meisten armen Kinder leben, zur Kita und zur Schule gehen, dorthin sollten die meisten Investitionen in ihre Bildung und Zukunft fließen. Damit ließe sich die Armutsspirale für diese Kinder durchbrechen und Chancengleichheit für alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft, erhöhen.

G.I.B.: Die strategische Sozialplanung will – auch mithilfe der „Expert*innendialoge“ – Angebote stärker an den Lebenslagen und Bedarfen in den Quartieren ausrichten und in einer Gesamtstrategie konzertieren. Warum verspricht dieses Mantra, Ungleiches ungleich zu behandeln, Erfolg bei der Bekämpfung von Armut?

Frank Motschull: Als Basis der Oberhausener Sozialplanung hat die sozialräumige Ausrichtung unserer Arbeit einen hohen Stellenwert. Wir orientieren uns an dem Mantra und versuchen, die Lebenslagen der Menschen in ihren Sozialquartieren möglichst genau zu fassen. Dazu gehört, den Einfluss des Sozialquartiers mit seiner Raum- und Gebietsstruktur auf die schwierigen Lebenslagen zu berücksichtigen. Mit den „Expert*innendialogen“ machen wir uns die Hilfe von Sozialraumkennern zunutze. Sie ergänzen mit ihrem Wissen über das Leben und Arbeiten im Sozialraum unsere statistischen Analysen. Zusammen können wir die unterschiedlichen Lebenslagen in den Sozialräumen treffender erfassen.

G.I.B.: Bürgerinnen und Bürger sind zunehmend daran beteiligt, kommunale Angebote zu entwickeln und umzusetzen. Dies nährt die Hoffnung, nicht an ihren Bedarfen vorbeizuplanen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Frank Motschull: Unsere Sozialplanung ist nicht auf die direkte Bürgerbeteiligung ausgerichtet. In den „Expert*innendialogen“ sichern wir uns die Unterstützung von Funktionsträgern der Sozialräume, die stellvertretend für die Interessen der Bürger sprechen sollen. Die direkte Beteiligung gewährleisten wir durch unsere Koordinierungsstelle zur Bürgerbeteiligung, die mehrmals im Jahr Veranstaltungen für Bürgerinnen und Bürger anbietet. Die dort formulierten stadtteilspezifischen Bedarfe und das gebündelte Wissen fließen in die „Expert*innendialoge“ und die Sozialplanung ein.

G.I.B.: Die Hilfen für Arme und von Armut bedrohte Menschen sind auf viele Bereiche in Ihrem Dezernat und auf andere Dezernate verteilt. Welchen Beitrag liefert die strategische Sozialplanung für die ressort­übergreifende Zusammenarbeit?

Frank Motschull: Das zentrale operative Instrument der Sozialplanung auf der ressortübergreifenden Ebene sind die „Expert*innendialoge“. Sie werden von einem interdisziplinären Organisationsteam begleitet, das sich aus Mitarbeitenden der Bereiche Soziales, Chancengleichheit, Kommunales Integrationszentrum, Kinder, Jugend und Familie, Schule, Gesundheit, gemeinsame Einrichtung Jobcenter, Statistik und Stadtentwicklung zusammensetzt. Ziel ist eine integrierte strategische Ausrichtung, um die Lebenslagen der Oberhausener Bevölkerung zu verbessern.

G.I.B.: Verwaltungsgrenzen verlaufen teils mitten durch die Lebenswelten der Menschen, besonders deutlich abzulesen an Styrum, das teils zu Oberhausen, teils zu Mülheim gehört. Wie lassen sich im Ruhrgebiet, der Stadt der Städte, kommunale Angebote über die Verwaltungsgrenzen hinweg gestalten, und welche Rolle kann die Sozialplanung dabei einnehmen?

Frank Motschull: Auf der Ebene der Beigeordneten und der Bereichsleiter pflegen wir einen regelmäßigen interkommunalen Austausch. In der Tat spielen Stadtgrenzen im Ruhrgebiet nicht immer die entscheidende Rolle. Die Quartiere liegen häufig nebeneinander, die regionalen Verflechtungen sind vielfältig. Will Quartiersentwicklung erfolgreich sein, benötigen wir eine starke Vernetzung. Die Interessen der Kommunen überlagern sich eher, als dass sie sich widersprechen. Es geht darum, die Lebensqualität zu sichern. Wegen der fortwährenden Ressourcenknappheit kommen die Kommunen ihren gesetzlichen Aufgaben allerdings kaum hinterher. Für die interkommunale Zusammenarbeit sind daher Förderprogramme des Landes und des Bundes wichtige Bausteine, zum Beispiel die Landesinitiative „Vielfalt verbindet“. Mit Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr arbeiten acht Ruhrgebietsstädte unter dem Titel „Städtekooperation Interkommunal“ gemeinsam an Ideen und innovativen Handlungsinitiativen, die die Metropolregion Ruhr zukunftsfähig machen soll. Dies ist ein Beispiel für den Austausch, der Transparenz herstellt und gemeinsame Ideen und praktische Lösungsansätze befördert, wo Kommunen vergleichbare Entwicklungen aufweisen. Und die Sozialplanung pflegt dabei den interkommunalen Austausch über alle Kanäle, die sich bieten. Eine wichtige Unterstützung sind die regelmäßigen, von der G.I.B. organisierten Netzwerktreffen der Sozialplaner aus ganz Nordrhein-Westfalen. Was leider fehlt, sind explizite Angebote zur Vernetzung speziell der Sozialplanerinnen und Sozialplaner des Ruhrgebiets. Hinzu kommt, dass nicht jede Kommune des Ruhrgebiets überhaupt über eine Sozialplanerstelle verfügt.

G.I.B.: Wie könnten Bundes- und Landesregierung die Bekämpfung von Armut auf kommunaler Ebene noch besser unterstützen?

Frank Motschull: Ein wichtiger Aspekt ist eine langfristige und finanzielle Unterstützung, die uns Kommunen mehr Planungssicherheit bringen würde. Die auf Projekten basierende Finanzierung erschwert es, unterstützende Maßnahmen zu verstetigen. Gerade für Menschen in unsicheren und unsteten Lebenslagen, besonders Kinder in prekären Verhältnissen, müssen wir den Armutskreislauf durchbrechen. Dafür ist meiner Ansicht nach ein engmaschiges und gut abgestimmtes Netz an unterstützenden Systemen und Maßnahmen Voraussetzung. Ein Beispiel ist die aktuelle Debatte über die Schließung von Arbeitslosenzentren in Nordrhein-Westfalen. Unsere beiden Zentren in Oberhausen sind ohne Förderung durch Bund oder Land gefährdet. Dabei sind sie eine wichtige Anlaufstelle für Arbeitslose, besonders für Langzeitarbeitslose, die dort Begleitung und Beratung finden. Sie dienen auch als Begegnungsstätten, die für die Betroffenen sozialen Halt und Zusammenhalt erzeugen können. Kinder aus armutsgeprägten Haushalten sind beim Start in die Schule häufig benachteiligt, weil ihre elementaren Entwicklungskompetenzen weniger ausgeprägt sind. Das zeigen uns die Schuleingangsuntersuchungen. Darauf müssen wir mit einer besonderen Förderung der Kinder bereits in der Kita, aber auch in der Schule reagieren. Mit diesem effektiven Mittel würden wir den Kindern gleiche Bildungschancen und eine gute Perspektive bieten, ihr Leben selbstbestimmt und ohne Abhängigkeit von sozialen Transferleistungen zu führen. Hier wäre ein guter Ansatzpunkt für die Landesregierung, tatsächlich Ungleiches ungleich zu behandeln: Ich denke an flächendeckende und bedarfsgerechte Investitionen in jene Bildungseinrichtungen, die von vielen Kindern aus prekären Lebenslagen besucht werden.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Susanne Marx
Tel.: 02041 767201
s.marx@gib.nrw.de

Tim Stegmann
Tel.: 02041 767264
t.stegmann@gib.nrw.de

Kontakt

Frank Motschull, Beigeordneter
Dezernat Soziales, Bauen, Wohnen und Recht
Tel.: 0208 8252185
frank.motschull@oberhausen.de
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