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(Heft 1/2020)
Interview mit Yvonne Niggemann (Der Paritätische NRW)

Wachsende Armut trotz steigender Wirtschaftskraft

Ein Gespräch mit Yvonne Niggemann, Fachreferentin Armut und Grundsicherung beim Wohlfahrtsverband „Der Paritätische Nordrhein-Westfalen“

G.I.B.: Frau Niggemann, „Der Paritätische Gesamtverband“ veröffentlicht regelmäßig Armutsberichte. Bevor wir zu den Ergebnissen des „Armutsberichts 2019“ kommen: Wie definieren und berechnen Sie Armut?

article_image.jpgYvonne Niggemann: In unserem Armutsbericht gehen wir – analog zu der wissenschaftlich begründeten Definition der Europäischen Union – nicht von einem absoluten Armutsbegriff aus, der sich allein an existenziellen Notlagen wie Nahrungsmangel oder Obdachlosigkeit orientiert, sondern von einem relativen. Einem EU-Kommissionsbericht zur Folge – und dem schließen wir uns an – sind alle Menschen arm, die über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Land, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.

Demnach gilt jede Person, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, als einkommensarm. Nach unserer Ansicht ist das ein brauchbarer Indikator, um Armut methodisch zu definieren und messbar zu machen. Armut ist als ein Mangel an Teilhabe oder Verwirklichungschancen zu verstehen, Einkommen ist als Schlüsselressource für eben diese relevant.

G.I.B.: Was sind vor diesem Hintergrund die zentralen Ergebnisse des aktuellen Armutsberichts?

Yvonne Niggemann: Nach den Berechnungen unseres Gesamtverbandes waren 2018 15,5 Prozent der Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Im Vergleich zu 2017 ist das – im Gegensatz zu dem kontinuierlichen Anstieg in den vielen Jahren davor – ein minimaler Rückgang um 0,3 Prozent. Haupttreiber des Rückgangs der Armut war die positive Entwicklung in den drei bevölkerungsreichen Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Bayern. Im Vergleich der Bundesländer liegt die Spanne der Armutsquote zwischen 11,7 Prozent in Bayern und 22,7 Prozent in Bremen.

Dabei ist Deutschland viergeteilt: Im Süden, also in Baden-Württemberg und Bayern, liegt die Armutsquote bei 11,8 Prozent, in einem „Nordwest-Gürtel“, der von Schleswig-Holstein über Niedersachsen und Hessen bis nach Rheinland-Pfalz reicht, liegt sie bei 15,9 Prozent, in den fünf östlichen Bundesländern bei 17,5 Prozent und am höchsten, also höher noch als im Osten, in Nordrhein-Westfalen bei 18,1 Prozent. Die SGB II-Quote in Nordrhein-Westfalen beträgt 11,6 Prozent, nur in den Stadtstaaten Berlin, Bremen, Hamburg und in Sachsen-Anhalt ist sie noch höher.

Dabei gibt es deutliche regionale Unterschiede auch innerhalb der Bundesländer. Nehmen wir zum Beispiel das Ruhrgebiet, den mit 5,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern größten Ballungsraum in Deutschland. Positiv zu bemerken ist zunächst, dass hier die Armutsquote zum ersten Mal seit 2006 um 1,1 Prozentpunkte, im Raum Bochum/Hagen um 1,8 und im Raum Emscher-Lippe sogar um 2,6 Prozentpunkte zurückgegangen ist.

Trotz dieser erfreulichen Entwicklung ist das Ruhrgebiet Problemregion Nummer 1 in Deutschland, die im Zehnjahresvergleich einen kontinuierlichen Anstieg der Armut um insgesamt 28 Prozent aufweist. Damit stieg die Armut im Ruhrgebiet fast viermal so schnell wie im gesamten Bundesgebiet, und im Raum Duisburg/Essen ist die Entwicklung mit einem Armutszuwachs in den letzten zehn Jahren um 41,2 Prozent besonders dramatisch.

Deutlich gestiegen ist im Ruhrgebiet auch die Hartz IV-Quote, und zwar entgegen dem Bundestrend! In Essen ist mittlerweile jede fünfte und in Gelsenkirchen sogar jede vierte Person auf Hartz IV angewiesen – eine besorgniserregende Entwicklung.

G.I.B.: Lassen sich Gruppen identifizieren, die besonders von Armut betroffen sind oder ein erhöhtes Armutsrisiko tragen?

Yvonne Niggemann: Ja, aber es sind die gleichen Gruppen wie in den Vorjahren auch: Kinder und junge Erwachsene, Frauen, Ein-Personen-Haushalte, Alleinerziehende, Paar-Haushalte mit drei oder mehr Kindern, Erwerbslose, Rentnerinnen und Rentner, Personen mit niedrigem Qualifikationsniveau sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Bei all diesen Gruppen ist im Zehnjahresvergleich die Armut noch einmal deutlich stärker angestiegen als beim Rest der Bevölkerung.

Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass in Nordrhein-Westfalen jedes fünfte Kind nicht nur von Armut bedroht ist, sondern schon in Armut lebt, und dass jedes weitere Kind, das eine Familie bekommt, das Armutsrisiko erhöht.

Hinzuweisen ist zudem darauf, dass – bundesweit und im Zehnjahresvergleich – Rentnerinnen und Rentner mit einem Anstieg der Armutsquote um 33,1 Prozent zu den Gruppen mit erhöhtem Armutsrisiko zählen – bei zunehmender Tendenz.

Doch um statistisch ein vollständiges Bild von der Gruppe der Armen zu erhalten, dürfen wir nicht nur darauf achten, welche Gruppen das höchste Armutsrisiko tragen, sondern immer auch darauf, wie sich die Gruppe der 12,8 Millionen armen Menschen in Deutschland zusammensetzt, also wie viele von ihnen alt oder jung, erwerbstätig oder arbeitslos sind, allein oder in Familien leben. Wenn wir das unterlassen, ziehen wir aus der Tatsache, dass zum Beispiel ein sehr hoher Anteil der arbeitslosen Menschen arm ist, schnell die falsche Schlussfolgerung, dass auch ihr Anteil an den Armen insgesamt hoch ist. So entsteht ein realitätsfernes Bild, denn tatsächlich sind nur acht Prozent der erwachsenen Armen erwerbslos, 29 Prozent sind Rentnerinnen und Rentner beziehungsweise beziehen eine Pension und beachtliche 32 Prozent sind erwerbstätig, und davon sind die meisten sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Aussagekräftig auch diese Zahl, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: 62 Prozent der Armen, die älter als 25 Jahre sind, verfügen über ein mittleres oder sogar hohes Qualifikationsniveau.

Ein weiteres interessantes Phänomen: Seit der Wirtschaftskrise 2009 wächst das Bruttoinlandsprodukt stetig, doch parallel dazu weist – trotz minimalen Rückgangs im vergangenen Jahr – die Armutsquote eine insgesamt steigende Tendenz auf. Die weit verbreitete Auffassung, dass mit steigender Wirtschaftskraft zwangsläufig die Armut sinkt, ist also ein Irrglaube, und angesichts der Tatsache, dass über dreißig Prozent der Armen Rentnerinnen und Rentner sind, können Arbeitsmarktpolitik und Bildung allein nicht der Schlüssel zur Armutsbekämpfung sein. Ohne zum Beispiel eine Politik der Altersmindestsicherung bekommen wir das Armutsproblem nicht in den Griff.

G.I.B.: Sie nennen ein Beispiel. Wie aber müsste nach Ansicht des Paritätischen NRW ein Konzept zur Armutsbekämpfung aussehen?

Yvonne Niggemann: Wir brauchen ein Gesamtkonzept, einen Masterplan zur Armutsbekämpfung, der viele Politikfelder wie etwa Arbeit, Wohnen, Alterssicherung, Pflege, Gesundheit, Familie, Bildung und Teilhabe umfasst. Vieles ist bundesgesetzlich zu regeln, aber auch die Länder können und müssen viel tun.

Wir haben dazu klare Vorstellungen. So reichen etwa in der Arbeitsmarktpolitik die erforderlichen Maßnahmen von einer Stärkung der Tarifbindung über eine armutsfeste Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns bis hin zum Ausbau öffentlich geförderter Beschäftigung und einer sanktionsfreien Grundsicherung.

Zu Recht hat das Bundesverfassungsgericht kürzlich wesentliche Teile der bislang geltenden Sanktionsregelungen für verfassungswidrig erklärt, weil sie besonders scharfe Einschnitte in das soziokulturelle Existenzminimum ohne Rücksicht auf individuelle Härtefälle bedeuteten. Damit ist ein Teil der Forderungen unseres Gutachtens in dieser Sache erfüllt, aber das genügt noch nicht. Der Regelsatz muss nach unseren Berechnungen auf 582 Euro erhöht werden, damit Menschen nicht in Armut leben müssen. Zurzeit ist es so: Da die Wohnkosten bei fast jedem fünften Haushalt im Hartz IV-Bezug nicht in voller Höhe anerkannt werden, entsteht für die Betroffenen eine monatliche Lücke von durchschnittlich 80 Euro, die sie in der Regel von ihrer Grundsicherung zur Finanzierung ihrer Mietkosten aufbringen müssen.

Damit sind wir zugleich bei der Wohnungspolitik. Sie muss dafür sorgen, dass neben den stetig steigenden Kosten für Strom und Heizung auch die Wohnkosten nicht länger Armutsrisiko sind. Die dazu nötigen Maßnahmen reichen vom sozialen Wohnungsbau bis zur wirksamen Begrenzung von Mietpreissteigerungen.

Bei der Alterssicherung wiederum geht es um konsequente Reformen sowohl bei der Rente wie auch bei der Grundsicherung für alte und erwerbsgeminderte Menschen. So viele ältere Menschen verzichten aufgrund von Scham und erlerntem Verhalten auf eine ihnen rechtlich zustehende Aufstockung ihrer Renten, weil die Leistung stigmatisierend wirkt. Die aus diesem Verzicht resultierenden Einsparungen des Staates würden genügen, eine Grundrente umzusetzen.

Darüber hinaus ist die Pflege als Armutsrisiko in den Blick zu nehmen. Fast 40 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen sind auf Sozialhilfe angewiesen und auch die Absicherung pflegender Angehöriger ist zurzeit keineswegs armutsfest. Hohen Stellenwert hat zudem die Armutsprävention: das reicht von einer qualitativ guten Vorschulerziehung über inklusive Bildung bis hin zu Weiterbildungsangeboten im Berufsleben. All dies und mehr haben wir detailliert in unserem aktuellen Armutsbericht benannt. Klar jedenfalls muss sein, dass in unserem Sozialstaat Geldleistungen nicht nur das physische Existenzminimum, sondern auch die Ausgaben für soziokulturelle Teilhabe am Gemeinwesen abdecken müssen.

G.I.B.: Welche Rolle kann der Paritätische NRW bei der Armutsbekämpfung übernehmen beziehungsweise welche übernimmt er bereits?

Yvonne Niggemann: Da müssen wir differenzieren zwischen uns, als einem Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege, der die Öffentlichkeit für das Thema Armut sensibilisiert, der den Scheinwerfer auf eine Personengruppe richtet, die von der Gesellschaft oft nicht wahrgenommen wird, der Informationen bündelt und – wie beim Sanktionsurteil – Gutachten und Handlungsempfehlungen erstellt, und unseren 3.200 eigenständigen, im Sozial- und Gesundheitsbereich aktiven Mitgliedsorganisationen mit über 6.400 Diensten und Einrichtungen, auf deren fundierten und langjährigen Erfahrungen unsere Gutachten und Handlungsempfehlungen teilweise beruhen.

Deren Expertise ist unverzichtbar, wenn wir einen Masterplan erstellen wollen, der sich wirklich an den Lebenslagen der betroffenen Menschen orientiert, aber die muss man erst mal kennen! Wenn Sie durch die Stadt gehen und versuchen Armut zu erfassen, werden Sie nur einen Bruchteil der wirklichen Armut sehen: Sie werden nur den Menschen sehen, der Sie fragt ob Sie vielleicht ein Obdachlosenmagazin kaufen möchten, der nach Geld fragt, der in einem Mülleimer nach einer Pfandflasche sucht und sich umschaut, ob er beobachtet wird. Sie werden aber nicht mitbekommen, ob das Kind mit dem Schulranzen neben Ihnen ein Pausenbrot dabei hat und ob es beim Schulausflug dabei sein darf oder ob die Alleinerziehende gerade ihr Konto überziehen musste, weil der Unterhalt nicht geflossen ist oder ob die ältere Dame, die im Supermarkt neben Ihnen das Schwarzbrot auf das Kassenband legt, tatsächlich nur so wenig an Lebensmitteln braucht oder ob sie sich einfach nicht mehr leisten kann.

Um aber genau das zu erfahren, müssen wir mit diesen Menschen in Austausch treten, einen Dialog führen und vor allem – ihnen zuhören! Und genau das geschieht bei der Arbeit unserer 3.200 Mitgliedsorganisationen. Dazu zählen Kindertagesstätten, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie Pflegeeinrichtungen genauso wie Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen.

Ich selbst bin derzeit innerhalb unseres Verbands mit der Thematik der Weiterförderung der Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen betraut. Meines Erachtens leisten sie eine großartige Arbeit auch im Handlungsfeld Armutsbekämpfung. Auch die Evaluation im Auftrag des Arbeitsminis­teriums hat das eindrucksvoll belegt.

Diese Beratungsstellen sind enorm wichtig. Warum genau? Ganz einfach: Für erwerbslose Menschen ist der Gang zum Jobcenter oder überhaupt zu einer Behörde eine wirklich hohe Hürde. Allein werden viele von ihnen das nie schaffen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Arbeitslosenzentren und Erwerbslosenberatungsstellen aber können sie dorthin begleiten und damit ist der wichtige erste Schritt zurück ins Erwerbsleben getan. Unsere Mitgliedsorganisationen bieten in diesen Einrichtungen zudem Bewerbungstrainings an, um nur ein Beispiel zu nennen. Nicht minder wichtig ist die Peer-to-peer-Beratung, bei der Betroffene in aufgelockerter Atmosphäre beraten und sich so gegenseitig unterstützen.

Wenn sich eine erwerbslose Person in diesen Einrichtungen – und das Gleiche gilt für andere von Armut betroffene Menschen wie etwa arme Rentnerinnen und Rentner in anderen Einrichtungen unserer Mitgliedsorganisationen – an einen Tisch setzen darf, sich wohlempfangen fühlt, etwas sagen und mitteilen kann, was Gehör findet und weitergetragen wird, setzen positive Wirkungen ein. Vor allem wird so der Prozess von Vereinsamung unterbrochen, wovon nicht nur Arbeitslose, sondern auch viele Rentnerinnen und Rentner betroffen sind, die ihren Kindern nicht zur Last fallen möchten und weil sie gelernt haben, dass sie – angeblich – selbst schuld an ihrer Armut sind und sich immer mehr aus dem sozialen Leben zurückziehen.

G.I.B.: Woran messen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?

Yvonne Niggemann: Wir können durch Dokumentationen messbare Ergebnisse aufzeigen, beispielsweise wie viele Menschen in eine Beratung kommen, wie viele Mittagessen ausgegeben werden oder wie viele Menschen in Kleiderkammer um Hilfe suchen. Dennoch bleibt die Frage, inwieweit der Erfolg sozialer Arbeit messbar ist. Die Möglichkeiten dazu sind begrenzt, denn in der sozialen Arbeit gibt es sehr viele weiche Faktoren: Wenn jemand aus einem Beratungsgespräch mit Zuversicht nach draußen tritt und sich wieder etwas zutraut, weil ihm jemand zugehört hat und er trotz seiner Armut nach langer Zeit endlich mal wieder einen Augenblick durchatmen und unbeschwert leben kann – wie wollen Sie das messen? Ist es etwa weniger wichtig, weil man es nicht messen kann? Wohl kaum! Vor allem eins sollten wir uns mitunter vor Augen führen: Angesichts tiefgreifender Veränderungen in unserer Gesellschaft kann über kurz oder lang jeder von uns von Armut betroffen sein.

Das Interview führten

Denise Anton
Tel.: 02041 767262
d.anton@gib.nrw.de

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

Yvonne Niggemann
Fachreferentin Armut und Grundsicherung
Der Paritätische NRW
Arbeit, Armut, soziale Hilfen, Europa
Ernst-Abbe-Weg 50
40589 Düsseldorf
Tel.: 0211 9460032

 

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