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(Heft 1/2020)
Erfahrungsaustausch in regionalen ZiQ-Zirkeltreffen

Vielseitige Ansätze kreativ umgesetzt

Im Rahmen ihrer fachlichen Begleitung des Förderprogramms „Zusammen im Quartier“ (ZiQ) führt die G.I.B. in Kooperation mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS NRW) im Jahr 2020 insgesamt neun ZiQ-Zirkeltreffen in drei Regionen durch: in Düsseldorf, Essen und Dortmund. Sie geben Einblick in den Stand der Umsetzung und dienen so dem Wissenstransfer sowie dem Erfahrungsaustausch der Projektverantwortlichen, die mit der Umsetzung des Programms vor Ort beauftragt sind.

Um Kinder- und Jugendarmut in besonders benachteiligten Quartieren zu bekämpfen, hat das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen (MAGS) das Programm „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“ aufgelegt. Der Aufruf zur Einreichung von Anträgen auf Projektförderung fand starke Resonanz: Mehr als 150 Anträge gingen im Ministerium ein, unterschiedlich verteilt auf die drei Bausteine des Projekts. 108 Anträge betrafen die Förderung sogenannter „Quartiers-Kümmerer“ (Baustein 1), 29 Anträge das Thema „Gesundes Aufwachsen“ (Baustein 2) und 19 den Bereich „Daten zu Taten im Sozialraum“ (Baustein 3), also letztlich die strategische Sozialplanung.

Nach zwei Auftaktveranstaltungen im vergangenen Jahr hat die G.I.B. jetzt im Rahmen ihrer fachlichen Unterstützung des Förderprogramms – orientiert an den Regierungsbezirken und den auf sie verteilten Projektanträgen – regionale ZiQ-Zirkel in Düsseldorf, Essen und Dortmund implementiert. Ihr Ziel ist, den Austausch der Projektverantwortlichen vor Ort zum aktuellen Stand zu ermöglichen, den Wissenstransfers zu gewährleisten und im weiteren Verlauf die ZiQ-Projektarbeit mit der strategischen Sozialplanung in den Kommunen und Quartieren zu verknüpfen.

Darüber hinaus, erläuterte Wolfgang Kopal vom MAGS beim ersten ZiQ-Zirkel in Düsseldorf am 4. Februar 2020, können die hier herausgearbeiteten Praxiserfahrungen und Kriterien guter Praxis der Ausgestaltung des geplanten neuen Förderaufrufs 2021 dienen: „Wir möchten wissen, ob wir das Programm aufgrund seiner erfolgreichen Umsetzung so fortsetzen können wie bisher oder ob wir vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwa in Form veränderter Vorgaben oder einer zusätzlichen Begleitung nachjustieren müssen.“ Abhängig ist die konkrete Fortführung aber auch davon, ob zukünftig wieder Mittel des Europäischen Sozialfonds zur Verfügung stehen. Das aber ist heute noch nicht exakt absehbar.

Träger- und fachbereichsübergreifende Kooperation
 

Vier Themen standen im Zentrum des ers­ten ZiQ-Zirkels in Düsseldorf, wie auch bereits in Essen und Dortmund: die träger- und fachbereichsübergreifende Kooperation, der Zugang zu den Zielgruppen Kinder, Jugendliche und Familien, die niederschwelligen Angebote sowie die „Ankerstandorte“ der Projekte im Quartier.

Dabei zeigte sich, dass die gegenwärtigen Kooperationsformen und -partner abhängig sind vom Entwicklungsstand der strategischen Sozialplanung in den einzelnen Kommunen sowie den bestehenden Strukturen und von der Existenz integrierter Konzepte im Handlungsfeld „Armutsbekämpfung“. Dort, wo bereits regelmäßig tagende Gremien wie Stadtteilkonferenzen oder Sozialraum-Arbeitsgemeinschaften etwa an sozialen Brennpunkten vorhanden sind, galt und gilt es, beim „Community-Organizing“ das eigene Projekt an die bestehenden Einrichtungen anzudocken.

So konnte ein ZiQ-Projekt in einer örtlichen „Sozialraum-AG“ in Anwesenheit einer Vielzahl kommunaler Entscheidungsträger Programm und Projekt detailliert vorstellen und so die Grundlage für weitere Kooperationen schaffen. Andere Projekte waren darüber hinaus in trägerinternen Netzwerkkonferenzen aktiv. Hier war zu verdeutlichen, dass ZiQ-Projekte keine Konkurrenz zu den Angeboten anderer Träger darstellen, dass es also nicht um den Aufbau von Parallelstrukturen oder die Verdrängung existierender Angebote geht, sondern um deren Ergänzung in Form zusätzlicher und gemeinsam abgestimmter Angebote, die in der Lage sind, etwaige Angebotslücken zu schließen. „Ohne Vernetzung jedenfalls“, formulierte eine Veranstaltungsteilnehmerin pointiert, „läuft gar nichts. Persönlicher Austausch und gute Beziehungen sind unverzichtbar, um auch die eigene Arbeit reflektieren zu können.“

Zugang zu den Zielgruppen und niederschwellige Angebote
 

Kreativ und flexibel zeigten sich die Projektverantwortlichen bei ihren Strategien, Erstkontakte zu den oft nur schwer erreichbaren Zielgruppen herzustellen. Orte der ersten Begegnung waren dabei genauso vielfältig wie die Ansprache selbst: In Abhängigkeit von der konkreten Zielgruppe waren das zum Beispiel Schulen, Berufskollegs, Bürger- und Familienzentren, Einrichtungen von Kirchengemeinden, Jugendberufswerkstätten, Kulturbahnhöfe oder Gemeinschaftsunterkünfte für geflüchtete Menschen, aber auch – unter Berücksichtigung der Datenschutzgrundverordnung – die Räumlichkeiten des U 25-Team in einem Jobcenter.

Einige Projektverantwortliche stellten ihr Projekt in Elternsprechstunden an Grundschulen oder bei sozialräumlich organisierten Hilfeangeboten wie etwa der „Tafel“ vor, andere gingen und gehen auf Spielplätze, um Kontakt zu Müttern und Vätern herzustellen, suchen Hinterhöfe sozialer Brennpunkte auf oder gehen direkt auf die Straße, dorthin, wo viele Jugendliche ihre Freizeit verbringen. Wichtig ist nach einhelliger Auffassung, „überall im Sozialraum präsent zu sein.“ Dabei können einzelne ausgesuchte Personen in den Communities der Jugendlichen als Multiplikatoren fungieren.

Klar ist zudem: Handelt es sich um Jugendliche, muss die Sprache jugendadäquat sein. Anschaulich schilderte eine Veranstaltungsteilnehmerin, wie ihr nicht über das Thema Schulnoten, sondern über die anerkennenden Worte „Wer seine Zigarette so drehen kann wie Du, hat bestimmt auch handwerkliches Geschick“ der Einstieg in einen Dialog über die Berufs- und Ausbildungswünsche eines Jugendlichen gelang.

So wie die Ansprache benachteiligter Zielgruppen unmittelbar im Quartier erfolgt, so müssen auch die neuen Angebote im direkten Lebensumfeld verortet sein, da auch die Mobilität erfahrungsgemäß eingeschränkt ist. Nicht nur hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit indes, sondern auch inhaltlich müssen die Angebote niederschwellig sein und sich so von meist „mittelstandsorientierten“ (Hilfe-)Angeboten unterscheiden.

Demnach sind in ZiQ-Projekten etwa niederschwellige, der Gesundheit dienende Ernährungskurse oder „Bewegungsprogramme“ in Kitas gestartet, über die – Stichwort „Nachhaltigkeit“ – zugleich das Personal befähigt wird, später selbst entsprechende Kurse zu gestalten. Weitere Angebote – hier nur ein Ausschnitt aus einer Fülle von Ideen und Maßnahmen – waren die Eröffnung eines Pausencafés in einer Jugendeinrichtung direkt gegenüber der Schule, ein kostenloses Mittagessen für Schülerinnen und Schüler, Graffiti-Workshops oder Seifenkistenrennen.

Gleich mehrere Projektverantwortliche warnten vor überzogenen Erwartungen bei der Aktivierung von Menschen, die es nicht gewohnt sind, sich einzubringen und gefragt zu werden. Sie rieten zur Nachsicht, wenn etwa Jugendliche Angebote nur sporadisch statt regelmäßig nutzen: „Hauptsache, der Kontakt bricht nicht völlig ab.“

Nicht minder unterschiedlich wie die Angebote und das Vorgehen ist die Platzierung der „Ankerstandorte“ der ZiQ-Projekte im Quartier. Sie sind in trägereigenen wie auch in öffentlichen Einrichtungen zu finden, immer aber ganz nah bei den Menschen, denen sie dienen.

Erfahrungswissen für die Zukunft nutzen
 

Wolfgang Kopal vom MAGS zeigte sich zum Ende der Veranstaltung beeindruckt vom Engagement der Vereine, Träger, nicht-kommunalen und kommunalen Einrichtungen wie auch der vielen ehrenamtlichen Akteure vor Ort sowie von der Vielseitigkeit der Ideen und Ansätze in den Quartieren: Angefangen vom Streetwork, um problembelastete Zielgruppen zu unterstützen, die von herkömmlichen sozialen Hilfeeinrichtungen nicht mehr erreicht werden – „ihnen als Ansprechpartner zu dienen ist das Rudimentärste, was man als Hilfe im Zwischenmenschlichen anbieten kann“ – über zusätzliche Angebote in bestehenden Einrichtungen bis hin zu Projektansätzen von Kommunen, die auf einem über Jahrzehnte aufgebauten Fundament an Wissen und Erfahrungen in der Sozialplanung verfügen.

„Negativ betrachtet“, ergänzte er seine anerkennenden Worte, „sind das Engagement und die Vielzahl an Ideen und Ansätzen aber auch ein Hinweis auf deren Notwendigkeit, weil es offensichtlich Kinder- und Jugendarmut in besonders benachtei­ligten Quartieren gibt, sodass die Verwendung von Steuermitteln für die Förderung dieser Projekte vor dem Landtag wie auch vor den Bürgerinnen und Bürgern gut begründet ist.“

Noch sei es zu früh, Konsequenzen für eine zukünftige Förderrunde zu ziehen, doch bestehe die Möglichkeit, auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen Muster oder Bausteine für die Antragstellung zu entwickeln. Sie könnten vielen Kommunen als Vorlage dienen und zugleich den Verwaltungsaufwand für alle Beteiligten in Grenzen halten. Für die ZiQ-Zirkel selbst wünschte er sich, „dass sie weiterhin den guten Zuspruch finden wie bisher“, etwa dann, wenn in einer zweiten Runde der ZiQ-Veranstaltungsreihe Baustein 3 des Programms, die Förderung der Einrichtung und Erprobung einer kommunalen Sozialplanung, im Mittelpunkt stehen wird. Dann haben Projektverantwortliche sowie Sozialplanerinnen und Sozialplaner Gelegenheit, gemeinsam über geeignete Strategien und Maßnahmen zur präventiven, sozialraumorientierten und partizipativen Bekämpfung von Kinder- und Familienarmut zu diskutieren.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Lisa Bartling
Tel.: 02041 767263
l.bartling@gib.nrw.de

Lars Czommer
Tel.: 02041 767254
l.czommer@gib.nrw.de

Kontakte

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS NRW)
Fürstenwall 25
40219 Düsseldorf
Wolfgang Kopal
Tel.: 0211 8553499
wolfgang.kopal@mags.nrw.de
Claudia Salzmann
Tel.: 0211 8553217
claudia.salzmann@mags.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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