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(Heft 1/2020)
Christliche Sozialhilfe Köln

Teilhabechancen für Frauen

Bei den Langzeitarbeitslosen, die im Kontext des Teilhabechancengesetzes eine sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle gefunden haben, sind Frauen bundes- und landesweit deutlich unterrepräsentiert. Nicht so bei der Christlichen Sozialhilfe (CSH) in Köln-Mülheim: Hier sind neun der elf über die neue Fördermöglichkeit Beschäftigten Frauen.

Die Knauffstraße in der Hacketäuer Siedlung im Kölner Stadtteil Mülheim-Nord, früher ein Kasernenareal, entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zum größten sozialen Brennpunkt Nordrhein-Westfalens, geprägt von Armut und Obdachlosigkeit. Überlastet von der gewaltigen Herausforderung wandte sich die Stadt in den 1960er Jahren an die beiden Kirchen, um gemeinsam mit ihnen den Menschen vor Ort zu helfen.

Die Kirchen reagierten sofort: Ihre beiden Wohlfahrtsverbände, das evangelische Diakonische Werk und der katholische Caritasverband, gründeten 1964 die Christliche Sozialhilfe, die CSH Köln. „Als ökumenischer Träger und sozialer Dienstleister mit mehr als 120 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlicher kultureller, religiöser und nationaler Herkunft“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Sabine March, „ist die CSH heute in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Beschäftigungsförderung und einem ausgeprägten sozialräumlichen Profil aktiv.“ Mit räumlichem Schwerpunkt im Stadtbezirk Mülheim betreibt die CSH unter anderem vier Kindertagesstätten, eine Familienberatungsstelle sowie ein Jugend- und Nachbarschaftshaus.

Bei ihrer Arbeit nutzt die CSH öffentliche Fördermöglichkeiten wie etwa jene, die sich aus dem Teilhabechancengesetz ergeben. Allein elf zuvor langzeitarbeitslose Personen sind hier über den § 16 i SGB II „Teilhabe am Arbeitsmarkt“ beschäftigt: in den Bereichen Kinderbetreuung, Hauswirtschaft, Haustechnik und Verwaltung. Das Besondere dabei: Neun von ihnen sind Frauen.

Gescheiterte Bewerbungen
 

Eine von ihnen ist Hülya Kazkondu. Die gelernte Verwaltungsfachangestellte ist 30 Jahre alt und hat zwei Kinder im Alter von sechs und acht Jahren. Eine andere, Elif Tuncer, ist 41 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern im Alter von zwölf und fünfzehn Jahren. Sie hat vor langer Zeit eine Ausbildung zur Kinderpflegerin absolviert.

Nach der Geburt ihrer Kinder hatten sich beide Frauen auf ihre Elternarbeit konzentriert. Als sie wieder ins Erwerbsleben einsteigen wollten, hatten sie keine Chance: „Wir haben fleißig Bewerbungen geschrieben, aber immer ohne Erfolg. Manche Vorstellungsgespräche haben gerade mal fünf Minuten gedauert.“

Eva Fischer, Bereichsleiterin Integration bei der CSH, kennt die Gründe für die vielen Ablehnungen: „Hauptgrund ist die mangelnde Berufserfahrung. Weil sie schon so lange nicht mehr gearbeitet haben, sind sie fachlich zwangsläufig weit abgehängt. Bei Frauen mit Migrationshintergrund kommen mitunter sprachliche Schwierigkeiten hinzu, weil sie sich aufgrund ihrer langen Arbeitslosigkeit häufig nur in Communities ihrer Herkunftsländer bewegt haben.“ Mitentscheidend für die Ablehnungen seitens der Arbeitgeber sind nach ihren Erkenntnissen auch deren Bedenken wegen Ausfallzeiten durch Kinderbetreuung im Krankheitsfall. Dann denken Arbeitgeber oft: Das tu ich mir nicht an und sortieren die Bewerberin unverzüglich aus.“

Verlängerter Übergangszeitraum
 

Erst mit dem Teilhabechancengesetz ergab sich für die beiden Frauen eine realistische Chance auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Für das Gesetz und hier speziell für den § 16 i SGB II findet Bereichsleiterin Eva Fischer deshalb nur positive Worte: „Das Beste daran ist die langfris­tige Förderung, die es vorher so nicht gab, die aber für eine Integration in den Arbeitsmarkt unerlässlich ist. Unter den Langzeitarbeitslosen sind 30- oder 40-Jährige, die noch nie in ihrem Leben einen Arbeitsvertrag unterschrieben haben und nicht wissen, was eine Rentenversicherungsnummer ist.“

Um aber eine Person, die fünf oder vielleicht sogar zwölf Jahre arbeitslos war, wieder zu integrieren, ist nach Ansicht von Eva Fischer „viel zu leisten – von ihnen selbst, aber auch von uns, dem Arbeitgeber. Deshalb ist die fünfjährige Förderung so wichtig, denn in dem Zeitraum kann sowohl eine strukturelle Umorientierung erfolgen wie auch eine fachliche Entwicklung.“

Die Herausforderung speziell für die neu Beschäftigten beschreibt Eva Fischer so: „Wenn eine Person mit Kindern ihre Familienarbeit, ihr Privatleben organisiert hat und plötzlich regelmäßig inklusive Pausen und Wegezeiten 50 Stunden für eine Erwerbstätigkeit einplanen soll, dann ist die unvermeidliche Neustrukturierung des Alltags für sie nicht von heute auf morgen zu schaffen.“ Besonderer Vorteil der CSH als Arbeitgeber: „Wenn Frauen für ihre Kinder an bestimmten Tagen keine Kinderbetreuung organisieren können, sagen wir ihnen: Bringt Eure Kinder mit zur Arbeit. In Notfällen können wir über das Projekt „BiSKids“, einem Projekt zur Betreuung und Wegebegleitung von Kindern eine Betreuung anbieten.

Ebenfalls positiv bewertet Eva Fischer eine Nachbesserung beim § 16 i: „Ursprünglich fingen Teilnehmende mit der Höchststundenzahl an und konnten ihre Stundenzahl reduzieren, wenn es nicht klappte. Jetzt ist es umgekehrt: Sie können mit einer geringeren Wochenarbeitszeit beginnen, und wenn sie es geschafft haben, parallel dazu ihren Alltag neu zu organisieren, die Stundenzahl erhöhen. Das ist die wesentlich sinnvollere Variante, denn wenn man mit einer hohen Stundenzahl anfängt, ist auch die Möglichkeit zu scheitern hoch.“ Und noch einen Aspekt des Teilhabechancengesetzes weiß die Bereichsleiterin zu schätzen: „Weil Tariflöhne gezahlt werden können, nehmen sich die Teilnehmenden nicht als Mitarbeiterinnen zweiter Klasse wahr. So entwickeln sie innerhalb kurzer Zeit ein neues Selbstwertgefühl und das erhöht ihre Chance auf den Einstieg in die Erwerbsarbeit.“

Stabilisierendes Coaching
 

Nicht minder förderlich für die Arbeitsmarktintegration ist das im Teilhabechancengesetz vorgesehene Coaching. Die stellvertretende Geschäftsführerin Sabine March: „Gutes Coaching trägt zur Stabilisierung bei und dient dazu, die Menschen in Arbeit zu halten. Ein guter Coach steht den Beschäftigten hilfreich zur Seite und ist zugleich Ansprechpartner für den Arbeitgeber. In Konfliktfällen wirkt er deeskalierend.“

Für unverzichtbar halten Hülya Kazkondu und Elif Tuncer das Coaching: „Sonst kommt man ja gar nicht richtig in den Job hinein.“ Nennenswerte Probleme hatten beide bisher nicht, „aber es ist gut zu wissen, dass es ein Coaching gibt. Über die Gespräche mit dem Coach ist Vertrauen entstanden. Wenn es bei der Arbeit oder im privaten Bereich wie etwa der Kinderbetreuung tatsächlich mal Probleme gibt, würde er uns sicher helfen.“

Erstattung der Weiterbildungskosten
 

Nach Ansicht von Sabine March spielt beim Coaching das Thema Fortbildung eine zentrale Rolle: „Wir haben sehr hohe fachliche Ansprüche an unser pädagogisches Personal und legen deshalb gro­ßen Wert auf kontinuierliche Fortbildung. Das gilt auch für Beschäftigte, die über das Teilhabechancengesetz zu uns gekommen sind. Zwar lernen sie im Arbeitsalltag viel von Kolleginnen und Vorgesetzten, doch formale Fortbildungen sind auch für sie unverzichtbar. Ein Coach kann bei der Recherche von Weiterbildungsmöglichkeiten unterstützen und im Gespräch mit uns und den Beschäftigten klären, welche Fortbildung genau für welche Person am ehesten infrage kommt.“

Die CSH bietet selbst viele Schulungen zu Spezialthemen wie Datenschutz, Kindeswohlgefährdung und Hygiene oder – durchgeführt von pädagogischen oder psychologischen Mitarbeitern der Erziehungsberatung in Trägerschaft der CSH – zum Thema „Bindung“ für Kinderpflegerinnen an, ergänzt um externe Fortbildungen, die teils als Inhouse-Schulungen organisiert sind.

Auch Hülya Kazkondu will die Förderung von Fortbildung in Höhe von bis zu 3.000 Euro über das Teilhabechancengesetz nutzen: „Ich bin zwar gelernte Verwaltungsfachkraft, habe aber nicht so viele Erfahrungen in Buchhaltung. Da Abrechnungen und Kassenbuchführung zu meinem aktuellen Tätigkeitsfeld gehören, habe ich mit meiner Vorgesetzten bereits eine Fortbildung in dem Bereich vereinbart.“

Klare Fortbildungspläne hat auch Elif Tuncer. Die gelernte Kinderpflegerin möchte sich später zur Erzieherin ausbilden lassen. „Wir unterstützen das“, sagt ihre Chefin Sabine March, „bei ihr genauso wie bei unseren anderen Kinderpflegerinnen mit einem ähnlichen Wunsch. Sie können in unserem Kinderbetreuungsprojekt „BisKids“ erste Erfahrungen sammeln. Wenn sie später wirklich ihre Erzieherinnen-Ausbildung abschließen, wird die Arbeitsagentur oder das Jobcenter sie wohl nie wiedersehen – so stark nachgefragt sind Fachkräfte dieser Provenienz.“ Äußern Beschäftigte, die über das Teilhabechancengesetz in den Betrieb gekommen sind, einen entsprechenden Fortbildungswunsch, kann die CSH ein „Profil“ für das weitere Vorgehen wie etwa die „praxisintegrierte Ausbildung“, kurz „PiA“, die theoretisches Wissen direkt mit eigenen Praxiserfahrungen verknüpft, erstellen.

Dauerhafte Integration
 

In jeder Phase der Umsetzung des Teilhabechancengesetzes spielen die Jobcenter eine entscheidende Rolle: bei der Auswahl der Personen, beim Coaching, der Fortbildung sowie letztlich bei der Übernahme in eine unbefristete, reguläre Beschäftigung.

Allein in Köln hat das dortige Jobcenter nach Auskunft von Teamleiterin Stefanie Wagener im letzten Jahr über § 16 i SGB II mehr als 700 geförderte Beschäftigungsverhältnisse realisiert, bei einer Abbruchquote von nur rund zehn Prozent.

Die Kritik, dass die Arbeit bei einem Träger „nicht so richtig“ wertschöpfende Arbeit unter realen Bedingungen ist, lässt sie nicht gelten: „Es werden ganz normale Arbeitsverträge geschlossen; mit allen Rechten und Pflichten eines klassischen Arbeitsverhältnisses.“

Nicht immer ist eine Übernahme in ein ungefördertes Arbeitsverhältnis nach Ablauf der Förderung sicher. Daher ist es in diesem Zusammenhang von Vorteil, dass während der Förderung Praktika bei anderen Arbeitgebern ermöglicht werden. Das Jobcenter Köln wünscht sich, dass noch mehr Arbeitgeber insbesondere Frauen berufliche Perspektiven über das Teilhabechancengesetz bieten.

So wie die Christliche Sozialhilfe Köln mit ihrem außergewöhnlich hohen Anteil an Frauen unter den über das Teilhabechancengesetz geförderten Personen. Kaum eine Überraschung vor diesem Hintergrund, dass Hülya Kazkondu auch langfristig gerne bei der CSH arbeiten möchte: „Meine Eltern“, sagt sie, „haben immer gearbeitet, seit sie in Deutschland sind. Sie sind gute Vorbilder für mich und ich möchte auch ein gutes Vorbild für meine Kinder sein. Hier dauerhaft zu arbeiten wäre mein Traum.“ Und Elif Tuncer, die sich irgendwann gerne zur Erzieherin fortbilden lassen will, sagt: „Auch, wenn ich nicht mehr dabei bin: Die Förderung, wie sie das Teilhabechancengesetz ermöglicht, sollte fortbestehen, damit auch andere langzeitarbeitslose Menschen die Chance bekommen, die ich hatte.“

Ansprechperson in der G.I.B.

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767256
u.soldanksy@gib.nrw.de

Kontakte

Christliche Sozialhilfe Köln e. V.
Knauffstr. 1
51063 Köln
Sabine March, stellv. Geschäftsführerin
Tel.: 0221 6470952
sabine.march@csh-koeln.de

Eva Fischer, Bereichsleitung Integration
Tel.: 0221 6470965
eva.fischer@csh-koeln.de

Jobcenter Köln
Team Mitarbeit, Stefanie Wagener
Tel.: 0221 94295010
stefanie.wagener@jobcenter-ge.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

 

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