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(Heft 1/2020)
Interview mit Claudia Dunschen (unternehmer nrw)

„Öffentlich geförderte Beschäftigung kann nur die Ultima Ratio sein“

Gemeinsam mit anderen Partnern auf Landesebene hat unternehmer nrw, die Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen e. V., 2019 eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, in der sich alle Partner verpflichten, die Umsetzung des Teilhabechancengesetzes zu fördern, um so gemeinsam die Langzeitarbeitslosigkeit im Land zu bekämpfen. Ein Gespräch mit Claudia Dunschen, bei unternehmer nrw zuständig für den Bereich Arbeitsmarktpolitik.

G.I.B.: Frau Dunschen, gemeinsam mit anderen Arbeitsmarktpartnern im Land Nordrhein-Westfalen hat unternehmer nrw vor einem Jahr die gemeinsame Erklärung unterschrieben? Was hat Sie dazu bewogen?

Claudia Dunschen: Langzeitarbeitslosigkeit nachhaltig zu senken ist zweifellos ein wichtiges Ziel, da wir uns Langzeitarbeitslosigkeit langfristig nicht leisten können, weder wirtschaftlich noch unter sozialen Aspekten. Aber ich sage ganz offen: Wir, unternehmer nrw, waren nicht begeistert über das Teilhabechancengesetz, mit dem kostspielige Instrumente zur öffentlich geförderten Beschäftigung durch den Bund deutlich ausgebaut wurden. Wir befürchten Lock-in-Effekte, dass also durch die Möglichkeit der langjährigen Subventionierung Fehlanreize geschaffen werden, die das Verharren von Personen im Fördersystem begünstigt. Wir halten öffentlich geförderte Beschäftigung grundsätzlich für eine Ultima Ratio. Sie kann nur das letzte Mittel sein, also ein Türöffner, um Menschen wieder in Arbeitsprozesse zu bringen und sie an regelmäßige Tages- und Arbeitsstrukturen zu gewöhnen. Zudem stehen wir zu dem Grundsatz des Förderns und Forderns, den wir auch hier berücksichtigen müssen: Es werden Teilnehmer mit dem Teilhabechancengesetz intensiv gefördert, aber es ist auch erforderlich, dass sie mitmachen, motiviert und, wo erforderlich, mobil sind.

Für uns ist das Teilhabechancengesetz nur ein Teil­aspekt zur Senkung von Langzeitarbeitslosigkeit. Wichtig für uns ist eine ganzheitliche Betrachtung, bei der präventive Ansätze immer mitgedacht werden müssen. Darunter verstehen wir insbesondere Investitionen ins Bildungssystem und in die Betreuungsinfrastruktur.

Trotz unserer kritischen Haltung begleiten wir die Umsetzung des Teilhabechancengesetzes in NRW konstruktiv. Ziel muss es sein, Langzeitarbeitslose nachhaltig auf dem ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass vor Ort eine verbindliche Einbindung der Sozialpartner erfolgt, um Verdrängungswettbewerbe auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden und Potenziale in Unternehmen für die Zielgruppe zu erschließen. Die Sozialpartner kennen den regionalen Arbeitsmarkt am besten und können gut einschätzen, wo Verdrängung regulärer Beschäftigung droht und wo sich nachhaltige Integrationschancen bieten. Darüber hinaus können sie in ihrer Multiplikatorenrolle zur Akzeptanz auf allen Seiten beitragen.

G.I.B.: Mit dem Teilhabechancengesetz erhalten Langzeitarbeitslose die Möglichkeit, Fuß zu fassen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dort aber geht es um wertschöpfende Arbeit unter realen Bedingungen. Kann das gelingen und ist das der richtige Weg?

Claudia Dunschen: Für uns ist entscheidend, dass die geförderten Personen wertschöpfende Arbeit im ers­ten Arbeitsmarkt leisten. Dabei denke ich in erster Linie an Beschäftigungsverhältnisse bei Wirtschaftsunternehmen und kommunalen Einrichtungen beziehungsweise Unternehmen, die nicht in Konkurrenz zum privaten Sektor stehen. Wenn es um Beschäftigungsverhältnisse bei Trägern geht, bin ich mir nicht sicher, ob wirklich immer von wertschöpfender Arbeit unter echten Bedingungen die Rede sein kann. Eine Förderung beim Träger sehe ich eher als zeitlich befristete Heranführung und Vorbereitung für eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt.

Auch aus der Perspektive der Langzeitarbeitslosen ist es wichtig, dass es sich um nachhaltige Tätigkeiten handelt, denn so können sie wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fassen. Neben den wertschöpfenden Tätigkeiten sind reale Beschäftigungsbedingungen wichtig, damit die Teilnehmer ihre Motivation unter realen Gegebenheiten beweisen können. Dazu gehört auch, dass sie als Mitarbeiter im Betrieb integriert sind und Teil des Teams werden.

In meinen Augen ist die Umsetzung des Gesetzes nur dann gelungen, wenn eine nachhaltige Integration in den ersten Arbeitsmarkt erfolgt. Zum heutigen Zeitpunkt sind Aussagen zum Erfolg des Gesetzes jedoch verfrüht.

G.I.B.: Welche Bedeutung hat vor diesem Hintergrund das im Teilhabechancengesetz vorgesehene Coaching?

Claudia Dunschen: Das Coaching ist ein positives und wichtiges Element des Gesetzes, das wir ausdrücklich begrüßen. Die Aufgabe des Coaches ist unter anderen den Teilnehmern Rückendeckung zu geben und zu ihrer Stabilisierung beizutragen. Wir schätzen den Coach zugleich auch als Bindeglied zwischen den Beteiligten, der in der Lage ist, bei Unstimmigkeiten vermittelnd zu unterstützen. Das aber setzt voraus, dass ein Coach die Strukturen eines Unternehmens kennt, Verständnis für die betrieblichen Abläufe hat und die Sprache des Unternehmens versteht. Erste Rückmeldungen aus den Unternehmen zeigen uns jedenfalls, dass das Coaching eine wertvolle Unterstützung ist.

G.I.B.: Die Abbrecherquoten sind beim Teilhabechancengesetz mit unter zehn Prozent vergleichsweise niedrig. Ist das – neben dem Coaching – auch auf die gute Vorauswahl seitens der Jobcenter zurückzuführen?

Claudia Dunschen: Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass das Matching von Teilnehmern und Arbeitsplätzen nicht immer einfach ist. Wenn es gelingt, scheint es sich aber auszuzahlen, hier sehr sorgfältig zu verfahren. Bereits jetzt gibt es gute Beispiele, wie zum Beispiel Speed Datings, bei denen sich Teilnehmer und Betriebe unkompliziert kennen lernen können.

Unseren Erfahrungen nach leisten die Jobcenter hier vor Ort gute Arbeit. Es ist ihre Aufgabe eine Vorauswahl zu treffen, da die Jobcenter in der Regel ihre Kunden am besten kennen. Idealerweise kennen sie auch die ortsansässigen Unternehmen, die Arbeitsplätze anbieten, und können so die Marktsituation richtig einschätzen. Der kurze und pragmatische Kontakt zwischen den Mitarbeitern der Jobcenter und den Personalverantwortlichen der Betriebe ermöglicht gemeinsame Überlegungen, welche Person gut zu welchem Unternehmen passen könnte. Dabei vertrauen wir auch den Jobcentern.

G.I.B.: Wie bewerten Sie die mögliche Weiterbildungsförderung von bis zu 3.000 Euro im Rahmen des Teilhabechancengesetzes?

Claudia Dunschen: Eins der bisherigen Vermittlungshemmnisse der Teilnehmer ist in vielen Fällen die unzureichende Qualifizierung. Insofern ist es gut, dass das Gesetz eine Förderung für Qualifizierung vorsieht. Jedoch müssen dem gegenüber entsprechende Qualifizierungsangebote mit passenden Inhalten und Formaten stehen. Es sollte darauf geachtet werden, dass die vorliegenden Angebote mit dem betrieblichen Alltag vereinbar sind und möglichst bedarfsgerecht und praxisnah das vermitteln, was für eine nachhaltige Integration gebraucht wird. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass es sich hier um Personen handelt, die oft nicht sehr bildungsaffin sind und nicht immer positive Lernerfahrungen gemacht haben. Es lassen sich aber bestimmt clevere Lösungen finden, um die Teilnehmer zu qualifizieren und damit die Beschäftigungsfähigkeit zu stärken.

G.I.B.: Die Vorteile des Teilhabechancengesetzes für Langzeitarbeitslose liegen auf der Hand. Welche Vorteile gibt es für die Betriebe?

Claudia Dunschen: In vielen Branchen und Regionen gibt es Fachkräfteengpässe und offene Stellen. Dass der Fachkräftemangel nicht mit langzeitarbeitslosen Menschen, die schon mehr als sechs Jahre nicht mehr an Arbeit gewöhnt sind, kompensiert werden kann, ist klar. Die Unternehmen können jedoch bestimmte einfachere Tätigkeiten aus dem Aufgabenspektrum von Fachkräften lösen, neu bündeln und so gegebenenfalls eine Stelle schaffen. Das entlastet die Fachkräfte, damit die sich auf ihre wesentlichen Aufgaben konzentrieren können und eröffnet Perspektiven für Langzeitarbeitslose. So genutzt, beinhaltet das Teilhabechancengesetz Vorteile für Betriebe in Branchen und Regionen, in denen es Fachkräfteengpässe gibt.

Unabhängig davon sind Betriebe grundsätzlich bereit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und langzeitarbeitslosen Menschen eine Chance zu geben, wenn es zu den betrieblichen Abläufen passt.

G.I.B.: Frauen und (Allein-)Erziehende sind bei den Teilnehmenden bislang unterrepräsentiert. Wie lässt sich das ändern?

Claudia Dunschen: Dazu müsste man zunächst die wirklichen Gründe für die Arbeitslosigkeit identifizieren: Liegt es an einer fehlenden Ausbildung/Qualifizierung, an einer gesundheitlichen Einschränkung oder an fehlender beziehungsweise nicht ausreichender Kinderbetreuung. Ist Letzteres der Fall, ist es wichtig, dass hier eine Lösung gefunden und dass die Kinderbetreuung bedarfsgerecht gewährleistet wird. Die Beteiligung am Erwerbsleben darf nicht an mangelnden Betreuungsplätzen scheitern.

Natürlich ist uns bewusst, dass Menschen mit familiären Verpflichtungen besondere Verantwortung tragen. Daher begrüßen wir sehr, dass die Partner der gemeinsamen Erklärung in NRW diese Zielgruppe besonders in den Blick nehmen. Damit soll dem Hereinwachsen von Kindern in verfestigte Strukturen des Fürsorgesystems und einer „Vererbung“ der Hilfebedürftigkeit entgegengewirkt werden. Zudem ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern auch ein gutes Vorbild sein können.

G.I.B.: Was meinen Sie: Gibt es auf Unternehmensseite auch Vorbehalte, langzeitarbeitslose Menschen einzustellen? Und was könnte man tun, damit noch mehr Unternehmen im Rahmen des Teilhabechancengesetzes sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse schaffen?

Claudia Dunschen: Im Grunde ist es ganz einfach: Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die bestimmte Aufgaben erfüllen können. Und wenn jemand das kann, dann ist es erst einmal egal, ob die Person zuvor langzeitarbeitslos war.

Hilfreich zur Akquise von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen ist meiner Einschätzung nach eine Kommunikation mit klarer Vorteilsübersetzung für die Betriebe. Das heißt, es wird empfängerorientiert mit dem Mehrwert für den Arbeitgeber geworben und nicht mit dem Titel des Förderinstruments.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767256
u.soldansky@gib.nrw.de

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

unternehmer nrw
Claudia Dunschen
Arbeitsmarktpolitik
Uerdinger Str. 58 – 62
40474 Düsseldorf
Tel.: 0211 4573-220
dunschen@unternehmer.nrw
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