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(Heft 4/2019)
Die Fabido-Kita Bornstraße in Dortmund, Trägerin des Deutschen Kita-Preises 2019

Kinder stark machen für ihren Weg in die Zukunft

Dass eine sehr gute Unterstützung für Kinder im Kindergartenalter und deren Familien auch in einem „nicht ganz einfachen“ Umfeld möglich ist, beweist die Fabido-Kita Bornstraße in der Dortmunder Nordstadt. Gemeinsam mit dem Netzwerk INFamilie Hannibal- und Brunnenstraßenviertel hat sie den Deutschen Kita-Preis 2019 in der Kategorie „Lokales Bündnis für frühe Bildung“ gewonnen.

Die Kita Bornstraße gehört zu den rund 100 Tageseinrichtungen für Kinder des städtischen Eigenbetriebs Fabido (Familienergänzende Bildungseinrichtungen für Kinder in Dortmund) im Stadtgebiet von Dortmund. Es gibt sicherlich problemlosere Standorte darunter als den der Kita in der Bornstraße. Die nackten Zahlen für das Quartier lesen sich so:
65 Prozent der Menschen haben ausländische Wurzeln. Sie stammen aus rund 35 Nationen. 40 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner beziehen SGB II-Leistungen, die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Der Stadtbezirk ist baulich hoch verdichtet und demografisch jung.

Die Kita liegt eher unauffällig im Erdgeschoss eines Mietshauses direkt an der Bornstraße, einer der meistbefahrenen Nord-Süd-Achsen im Dortmunder Norden. Eine eigene Außenfläche hat die Kita nicht, der Spielplatz vorm Haus ist öffentlich und für jeden zugänglich. Schräg gegenüber, durch eine große Straßenkreuzung getrennt, befindet sich der „kleine Hannibal“, ein riesiger terrassenförmiger Wohnkomplex aus den frühen 1970er Jahren mit mehr als 230 Wohnungen. Und natürlich hat man auch die vielen negativen Attribute im Kopf, die immer wieder mit dem Dortmunder Norden in Verbindung gebracht werden. Kriminalität, Drogen, Armut sind hier nur einige Stichworte.

Auch wenn das nicht das reale Gesamtbild der Nordstadt widerspiegelt, ist klar, dass Sozialplanung im Dortmunder Norden eine große Rolle spielen muss. Was aber hat die Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung mit der frühkindlichen Bildung in einer Kita zu tun?

„Wir sind als Stadt der Auffassung, dass es ein ganz entscheidender Baustein in der Armutsbekämpfung ist, durch frühe Bildung gleich gute Startbedingungen für alle Kinder herzustellen“, sagt Daniela Schneckenburger, Beigeordnete für Jugend, Familie und Schule der Stadt Dortmund. „Dabei spielen Kindertageseinrichtungen eine ganz wesentliche Rolle. Ihre Aufgaben bestehen unter anderem darin, Zugangsbarrieren zu Bildung abzubauen, Kinder durch frühkindliche Förderung in die Lage zu versetzen, gut vorbereitet in ihre Schullaufbahn zu starten, aber – und das spielt ebenfalls eine große Rolle – auch Eltern mit zu begleiten als wichtige Bildungspartner ihrer Kinder. Es gilt, ihnen den Weg in Angebote der Stadt Dortmund zu ebnen, die Sprach­erwerb und die Begleitung des Kindes ermöglichen und die überleiten ins weitere Hilfesystem.“

Heike Klumbies, die Leiterin der Kita Bornstraße, betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer Willkommenskultur. „Familien, egal woher sie kommen und wie lange sie hier sind, willkommen zu heißen, ist ganz wichtig, damit sie sich wohlfühlen, wenn sie zu uns in die Kita kommen. Denn ohne Bindung und ohne Vertrauen kann eine Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Kita nicht funktionieren.“ Nur so würden sich die Menschen öffnen und auch deutlich machen, wobei sie Hilfen benötigen. „Was die Kinder angeht, ist es neben der Vermittlung von Sprache und allen Basiskompetenzen vor allem wichtig, sie stark zu machen, sodass sie Selbstbewusstsein haben, sich etwas zutrauen und später mit Freude in die Grundschule und in ihre weitere Zukunft gehen.“

Wichtiges Ankunftsquartier
 

Die Kita an der Bornstraße wird von vielen marokkanischen Familien aufgesucht, auch Familien, die aus Syrien geflüchtet sind, stellen seit einigen Jahren einen größeren Anteil an den Besuchern. Dazu kommen Familien aus unterschiedlichen afrikanischen Ländern. Man dürfe zwar nicht übersehen, dass es auch Konflikte gebe, sagt Heike Klumbies, die vielen Kulturen seien in vielen Fällen aber ein großes Plus, weil sie voneinander profitieren.

Daniela Schneckenburger betont, dass der Stadtteil auch Chancen biete – und das sowohl für die Menschen, die dort wohnen als auch für die Stadt. „Der Stadtteil bietet den Zugewanderten die Chance, in Dortmund heimisch zu werden und von dort aus eine Lebensperspektive zu entwickeln. Im positiven Sinne ist das Quartier ein Ankunftsquartier und für die Stadt ein Erfahrungsraum, in dem es auch möglich ist zu erproben, wie eine Gesellschaft auf Entwicklungen wie eine innere gesellschaftliche Differenzierung und die Differenzierung durch globale Wanderungsbewegungen antworten kann.“

Ein wichtiger Partner, um diese Herausforderung zu meistern, ist das Netzwerk INFamilie Brunnenstraßen- und Hannibalviertel, in das die Kita Bornstraße eng eingebunden ist. Dieses Netzwerk ist im November 2011 im Kontext des Landesprogramms „Kein Kind zurücklassen – Kommunen in NRW beugen vor“ (heute „Kommunale Präventionsketten – Kommunen in NRW beugen vor“) der Landesregierung Nordrhein-Westfalen entstanden. Im Netzwerk haben sich verschiedene soziale Akteure aus dem Quartier zusammengeschlossen, um die Teilhabechancen von Kindern und ihren Eltern vor Ort zu fördern und insbesondere Kindern angemessene Startchancen in Schule und Beruf zu ermöglichen. „Es ist wichtig, die Menschen unter Berücksichtigung ihrer Kultur und der anderen Voraussetzungen, die sie mitbringen, wahr- und ernstzunehmen“, sagt Markus Jentzsch, Netzwerk-Koordinator des Netzwerks INFamilie. „Ausgehend von dieser Grundhaltung geht es darum, die Menschen in Aktivitäten und Projekte zum Beispiel zur Attraktivitätssteigerung des Wohnumfeldes einzubinden und sie damit für unser Bildungssys­tem zu öffnen.“

Die Kita Bornstraße veranstaltet zum Beispiel Elterncafés und trägt mit diesem niederschwelligen Angebot dazu bei, dass zugewanderte Familien aus dem Quartier in Dortmund „ankommen“. Heike Klumbies gibt ein Beispiel: „Unter den von uns betreuten Familien ist eine einzige aus Eritrea. Nachdem zunächst die Kinder Freundschaften geschlossen haben, hat die anfangs etwas isolierte Mutter durch die Teilnahme an den Elterncafés mittlerweile Kontakte zu anderen Familien aufgebaut. Von denen erfährt sie jetzt Unterstützung in allen möglichen Lebenslagen. Das ist genau das, was wir uns wünschen: dass ein Miteinander entsteht.“ Ein anderes Beispiel: Das Netzwerk hat den „Gang durchs Quartier“ entwickelt, bei dem Eltern und ihren Kindern die Angebote, Institutionen und Wege in ihrem Viertel, aber auch darüber hinaus gezeigt werden.

Wichtig ist, dass die Angebote niederschwellig angelegt sind. „Wenn ich Eltern zu einem Gesprächskreis zum Thema Medienkompetenz einlade, kommt niemand“, weiß Heike Klumbies. „Wenn wir sie zum gemeinsamen Kochen, Bas­teln oder zu Brettspiel-Nachmittagen in die Kita bitten, nehmen sie gern teil und lernen dann nebenbei etwas über die Medienerziehung von Kindern.“

Ohne die Eltern geht nichts
 

Die Einbeziehung der Eltern ist ein ganz wichtiger Baustein der Kita-Arbeit, aber auch bei der Arbeit des gesamten Netzwerks INFamilie. „Ohne die Eltern geht es nicht“, sagt Netzwerkkoordinator Markus Jentzsch. „Wir müssen alle Themen ganzheitlich sehen und da gehören die Eltern zwingend dazu.“

Angebote wie das Elterncafé helfen nicht nur ganz konkret, sondern stärken auch die Persönlichkeit und die Teilhabe der Teilnehmenden am öffentlichen Leben. So gingen einige Eltern nach mehreren Unfällen mit Fußgängern auf der vor der Kita Bornstraße liegenden Straßenkreuzung das offensichtliche Sicherheitsproblem gemeinsam mit dem Netzwerk INFamilie an. Nachdem sie das Problem sowohl an die Kita als auch an die Grundschulen herangetragen hatten, sammelte das Netzwerk Unterschriften von Eltern an allen Einrichtungen für Kinder im Quartier und leitete sie an die zuständigen städtischen Stellen weiter. „Es dauerte nicht lange und es gab einen Ortstermin an der Kreuzung und in der Folge einen Zehn-Punkte-Plan“, so Markus Jentzsch.

Viele Dinge, die die Kreuzung sicherer machen, wie Ampelschaltungen, sind in kürzester Zeit umgesetzt worden, die anderen sollen sukzessive folgen.

„Das Schöne bei diesem Beispiel war, dass die Eltern die Erfahrung machen konnten: Wir werden mit unseren Ängsten, Befürchtungen und Sorgen ernst genommen und es passiert etwas“, sagt Heike Klumbies.

Wichtig sei bei der Arbeit mit den Kindern und ihren Familien, sich auf die Stärken zu konzentrieren, alle teilhaben zu lassen, egal, woher sie kommen, egal, welche Voraussetzungen sie mitbringen, betont Heike Klumbies.

Wichtige Netzwerkpartner der Kita Bornstraße sind die Grundschule Kleine Kielstraße im Quartier und auch die Frühförderstelle der Diakonie Dortmund. Besonders mit den Schulen im Umfeld steht die Kita in engem Austausch, zum Beispiel wenn es um das Thema Sprachbildung geht. Es gibt gegenseitige Hospitationen, gemeinsame Projekte, auch gemeinsame Fortbildungen etwa zum Thema Phonologie – insgesamt ein gutes Miteinander von Erzieherinnen und Lehrkräften auf Augenhöhe.

Brückenprojekt für unversorgte Kinder
 

Die Kita war vor anderthalb Jahren auch eingebunden in die Entwicklung eines Projekts, mit dem auch Kinder, für die kein Kita-Platz zur Verfügung steht, versorgt werden. Die Initiative dafür kam von der Grundschule im Quartier. Sie hatte festgestellt, dass viele Kinder, die vor der Schule keinen Kindergarten besucht hatten, den gesetzlich vorgeschriebenen Schuleignungstest nicht bestanden. Bei diesem Test werden neben dem gesundheitlichen Zustand des Kindes auch die grob- und feinmotorischen Fähigkeiten sowie ihre sozialen und sprachlichen Kompetenzen geprüft. Auch an den Basiskompetenzen wie Sich-alleine-Anziehen oder Alleine-zur-Toilette-Gehen, mangelte es bei den Kindern.

Das Netzwerk entwickelte im Verbund verschiedener Partner eine Lösung für das Sprach-Problem. Es wurde eine Sprachschule eingerichtet.

„Das ist das Schöne an Netzwerkarbeit“, sagt Heike Klumbies, „jeder Partner steuert seinen Teil bei. Die Sprachschule findet in einem Raum der St. Antonius-Gemeinde statt, die Mitarbeitenden kommen von der St. Elisabeth-Gesellschaft und geschult werden sie von uns.“

Mittlerweile wird das Konzept auch auf andere Quartiere im Dortmunder Norden ausgeweitet. Und auch für die Verbesserung der Basiskompetenzen sucht das Netzwerk derzeit eine Lösung. Darüber hinaus fördert die Stadt Dortmund den Spracherwerb von Kindern mit Zuwanderungshintergrund in Vorschulklassen. Außerdem sind für die Kinder ohne Kita-Platz weitere Brückenangebote eingerichtet worden – unter anderem für 40 Kinder ebenfalls in den Räumen der St. Antonius-Gemeinde, die für einen verkürzten Zeitraum Betreuung und Förderung sicherstellen.

„Gerade für schon etwas ältere Kinder (5 Jahre), die neu zugereist sind, sind diese Brückenangebote wichtig“, verdeutlicht Daniela Schneckenburger. „Dem Nachteil, den diese Kinder in der 1. Klasse gegenüber anderen Kindern haben, versuchen wir mit diesem Angebot entgegenzuwirken.“

Für die Jury des Deutschen Kita-Preises1  ist diese konsequente Kindorientierung neben der Sozialraumorientierung (Umfeld als Ressource in die Arbeit integrieren und Beziehungen über die Kita hinaus pflegen), der Partizipation (Mitwirkung von Kindern, Eltern und Mitarbeitenden) und dem Prinzip der lernenden Organisation (sich als lernende Organisation begreifen und Qualität stets weiterentwickeln) eines der Kriterien, die ein Preisträger erfüllen muss. Als Begründung für die Verleihung des Preises „Lokales Bündnis für frühe Bildung des Jahres 2019“ an das Netzwerk INFamilie Hannibal- und Brunnenstraßenviertel und die Kita Bornstraße führt die Jury vor allem an, dass das Bündnis in einem schwierigen Sozialraum hoch engagiert arbeitet und Hoffnung ausstrahlt, dass sich in dem Bündnis zahlreiche Institutionen und weitere Akteure engagieren, eng verzahnen und dabei über die Grenzen der eigenen Institution hinausdenken und gemeinsam handeln, dass die Arbeit achtsam und ressourcenorientiert auf der Grundlage einer gemeinsamen wertschätzenden Haltung geschieht und dass es die Verantwortung für alle Kinder und Familien im Bezirk sehr ernst nimmt. Auch die vielseitigen und innovativen Förderangebote – besonders das Brückenangebot für Kinder ohne Kita-Platz wird hervorgehoben – haben die Jury beeindruckt.

Das mit dem Kita-Preis verbundene Preisgeld, 25.000 Euro, ist bisher noch nicht ausgegeben. Eine Idee dazu ist, einen Multifunktionsraum im Quartier einzurichten, in dem unter anderem Netzwerk-Koordinator Markus Jentzsch zu festen Terminen für die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers ansprechbar sein soll.

Und man braucht sich nicht zu sorgen, dass dem Netzwerk INFamilie oder der Kita Bornstraße die Ideen ausgehen könnten. So haben sich die Erzieherinnen der Kita von der Färbergarteninitiative sevengardens qualifizieren lassen und gemeinsam mit den Familien der Kita-Kinder einen Färbergarten auf einem ungenutzten Flurstück nicht weit von der Kita angelegt. „Mittlerweile geben die Kinder selbst Workshops im Färben mit Pflanzen zum Beispiel auf dem Roma-Kulturfest Djelem Djelem“, erzählt Heike Klumbies. „Das ist ein Projekt, an dem die Kinder, auch wenn sie noch nicht gut deutsch sprechen können, wachsen. Ich glaube, diese Kinder werden mit gro­ßem Selbstbewusstsein in die Schule gehen und sich etwas zutrauen.“

Heike Klumbies weiß, wovon sie spricht. Sie arbeitet seit zehn Jahren in der Kita Bornstraße und hat erlebt, dass viele ehemalige Kita-Kinder im Anschluss eine gute Schulbiografie, bis hin zum Abitur, hingelegt haben. – Mehr kann man in einem Quartier wie dem an der Dortmunder Bornstraße wohl nicht erreichen.


1Der Deutsche Kita-Preis ist eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Partnerschaft mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Karg-Stiftung, ELTERN, dem Didacta-Verband und der Deutschen Weihnachtslotterie.

Ansprechperson in der G.I.B.

Denise Anton
Tel.: 02041 767262
d.anton@gib.nrw.de

Kontakte

Heike Klumbies
(Leitung Fabido Kita Bornstraße)
Bornstraße 52
44145 Dortmund
Tel.: 0231 811821
hklumbie@stadtdo.de

Markus Jentzsch
Familienbüro Innenstadt-Nord
Leopoldstr. 16 – 20
44145 Dortmund
Tel.: 0231 50-23585
familienbueroinnenstadt-nord@stadtdo.de

Daniela Schneckenburger
Dezernentin des Dezernats 4 mit den
Fachbereichen Schulverwaltungsamt,
Jugendamt und dem Eigenbetrieb Fabido
Tel.: 0231 50-22031
daniela.schneckenburger@stadtdo.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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