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(Heft 4/2019)
Erstes Familienzentrum an einer Grundschule: Das Familienzentrum an der Sternschule in Gelsenkirchen

Fäden spannen und ein Netzwerk daraus machen

Vor fünf Jahren wurde an der Sternschule in Gelsenkirchen das erste Familienzentrum an einer Grundschule eingerichtet. Eine Premiere nicht nur für die Ruhrgebietsstadt, sondern für ganz Nordrhein-Westfalen. Welche besonderen Herausforderungen gehen mit dem Modell „Schule als Familienzentrum“ einher und hat sich die Idee bewährt?

Als die Lehrkräfte der Sternschule an der Franz-Bielefeld-Straße in Gelsenkirchen-Schalke vor fünf Jahren gebeten wurden abzustimmen, ob an ihrer Schule ein Familienzentrum eingerichtet werden sollte, gab es – das gibt Schulleiterin Sabine Wild heute gerne zu – kein großes „Hurra“. Im Gegenteil, das Votum pro Familienzentrum war ziemlich knapp. Immerhin hatte es bis dahin in ganz Nordrhein-Westfalen und auch in Gelsenkirchen nur Familienzentren an Kitas gegeben und niemand wusste genau, was ihn erwartete.

Die vierzügige Sternschule mit insgesamt 420 Kindern ist auch Offene Ganztagsschule (OGS) und liegt in einem Wohnviertel im „Herzen von Gelsenkirchen“, im Stadtteil Schalke. „Unser Quartier ist einem steten Wandel unterworfen“, erklärt Sabine Wild. Zwar seien schon immer Kinder mit Migrationshintergrund auf die Sternschule gegangen; habe ihr Anteil früher bei 25 bis 30 Prozent gelegen, liege er jetzt aber bei 85 Prozent, wobei die Familien aus nicht weniger als 32 verschiedenen Herkunftsländern stammten. Das sieht Sabine Wild zum Teil sogar positiv: „Früher besuchten uns sehr viele türkische Kinder, sie bildeten quasi ihre eigene Community und sprachen untereinander türkisch. Auch als Lehrkraft stand man dann außen vor. Jetzt ist durch die große Zahl der Nationalitäten Deutsch der kleinste gemeinsame Nenner. Auch wenn die teilweise geringen deutschen Sprachkenntnisse und das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen die Arbeit an der Schule nicht leichtmachen, betrachten wir das als Chance.“

Auch was den Bildungsstand angeht, stellt die Schulleiterin im Stadtteil einen Wandel fest. Durch die Zuwanderung auf der einen Seite, zuletzt meistens aus Krisengebieten wie Syrien und verstärkt aus Südosteuropa, und Wegzug auf der andern entwickle er sich von bildungsnah zu bildungsfern.

Der Leistungsstand der Kinder bei der Einschulung habe sich ebenfalls stark verändert. „Die Kinder bringen heute nicht mehr das mit, was sie zur Einschulung bräuchten. Wir als Grundschullehrer sind aktuell eigentlich primär Erzieher und Sozialarbeiter und erst danach Bildungsvermittler.“

Eltern als Lernende
 

Auch viele Eltern müssten erst einmal „Basics“ lernen. Dass die Schule immer pünktlich um acht Uhr beginne, pünktlich ende und dass man jeden Tag in die Schule zu gehen habe, sei für manche Eltern nicht selbstverständlich. „Auch Eltern sind hier Lernende“, sagt deshalb Sabine Wild, – was auf der anderen Seite bedeute, dass ein Familienzentrum an einer Schule durchaus Sinn mache.

Erfahrungen mit Familienzentren lagen vor dem Vorhaben „Familienzentrum Sternschule“ in Gelsenkirchen bereits vor. „Seit über zehn Jahren bieten Kindertageseinrichtungen als Familienzentrum erfolgreich bedarfsgerechte Beratung und Betreuung für Kinder und ihre Eltern an“, sagt Neriman Aksoy, Koordinatorin der Familienzentren in Grundschulen bei der Stadt Gelsenkirchen. „Die Idee, es auch mal mit einem Familienzentrum an einer Grundschule zu versuchen, entstand 2013/14. Wir haben dann aufgrund der Struktur des Stadtteils die Sternschule angesprochen und zum Schuljahr 2014/15 sind wir schließlich gestartet.“

Mittlerweile gibt es Familienzentren in fünf weiteren Grundschulen in Gelsenkirchen. „Jedes Familienzentrum hat ein eigenes Profil“, erläutert Neriman Aksoy, „weil es unser Ansatz ist, die Angebote direkt vor Ort anzubieten und entsprechend der jeweiligen Bedarfslage der Familien zu gestalten.“

Gemein ist allen Angeboten, dass sie niederschwellig angelegt sind und sich entlang der vier Säulen „Beratung und Information“, „Zugang“, „Übergang Kita – Grundschule“/„Übergang Grundschule – weiterführende Schule“ sowie „Vernetzung und Kooperation“ orientieren.

Im Bereich Beratung und Information, bieten etwa Erziehungsberatungsstellen in den Familienzentren entweder Sprechstunden an oder die Eltern werden von den Mitarbeitenden an die Beratungsstellen vermittelt und auch dorthin begleitet. Je nach Bedarf finden in den Familienzentren Informationsveranstaltungen zu allen möglichen Themen statt. Trauerbegleitung, Unterstützung bei den Hausaufgaben, Konzentrationsübungen, internationales Kochen, Nähen für Mütter, um nur einige zu nennen. Auch Elterncafés ohne spezielles Programm werden angeboten.

Im Bereich „Übergang“ geht es vor allem um eine enge Kooperation mit den Kindertageseinrichtungen und den weiterführenden Schulen. Wichtigstes Thema ist die Vorbereitung der Kinder und Eltern auf den Wechsel. Dazu kommen Angebote zur Stärkung der Kompetenzen und zum Ausbau von Potenzialen der Kinder. Auch refinanzierte Angebote von verschiedenen Institutionen, zum Beispiel Angebote zur Gesundheitsförderung von Krankenkassen oder Angebote zur Bewegung und Ernährung, sind in den Einrichtungen möglich.

Besonders Familien, die sich in unserer Gesellschaft noch nicht gut zurechtfinden, könne man mit diesen Angeboten, die an einem ihnen bekannten Ort stattfinden, besser erreichen, so Neriman Aksoy. Wenn Kapazitäten frei sind, werden die Angebote mittlerweile auch für Menschen geöffnet, die keine Kinder an der Schule haben, aber in dem Sozialraum leben.

Die Finanzierung der Personalstelle (18 Wochenstunden) im Familienzentrum Sternschule übernimmt die Stadt Gelsenkirchen, das Personal stellt die Caritas, die auch als Trägerin der Offenen Ganztagsschule (OGS) an der Sternschule fungiert. Drei der Mitarbeiterinnen der OGS, darunter die Leiterin, Tanja Hupe, die auch Leiterin des Familienzentrums ist, arbeiten zusätzlich für das Familienzentrum und teilen sich die 18-Stunden-Stelle. Außerdem gibt es ein Sach- und Honorarbudget der Stadt.

Dass das Familienzentrum an der Sternschule für das Familienzentrum keine neuen Kräfte einstellen musste, sieht Tanja Hupe als großes Plus. „Wir kannten zumindest 90 Elternpaare schon vorher, weil deren Kinder die OGS besuchen. Damit wussten wir schon gleich mit dem Start des Familienzentrums, wo die Bedarfe an unserer Schule liegen. Außerdem geht vieles im Bereich der Familienarbeit einfach nur über intensive Beziehungsarbeit und die ist eher möglich, wenn man sich jeden Tag sieht.“

Spaß haben steht im Vordergrund
 

Dennoch sei für viele Eltern aufgrund ihrer eigenen Schulbiografie die Hemmschwelle groß, eine Schule für Angebote aufzusuchen. Deshalb habe man diese Angebote, die meistens wochentags nach 16 Uhr oder auch am Samstagvormittag stattfinden, sehr niederschwellig anlegen müssen. „Wir mussten deutlich machen, dass wir nicht die Lehrer sind, die sich immer nur bei den Eltern melden, wenn es um etwas Negatives geht“, so Tanja Hupe. „Deshalb ging es bei den ersten Angeboten erst einmal nur um angenehme Dinge wie gemeinsames Kochen oder Basteln und den Austausch der Familien untereinander, um zu zeigen, dass man auch in der Schule Spaß haben kann.“

Grundsätzlich gelten alle Angebote immer für die Eltern und die Kinder. So können die Mitarbeiterinnen genauer beobachten, welche Unterstützung die Eltern im Umgang mit ihren Kindern brauchen. Bei Veranstaltungen, die nur für Eltern angeboten werden, gibt es parallel immer eine Kinderbetreuung. Um die Familien bei neuen Angeboten zu erreichen, hilft neben der direkten Ansprache und einem großen Schaukasten im Außenbereich der Schule mittlerweile auch der Kanal Social Media (WhatsApp-Gruppe „Familienzentrum“).

Nachdem anfangs schwerpunktmäßig die Familien kamen, die schon die OGS nutzten, nahmen nach und nach immer mehr der anderen Schulkinder mit ihren Eltern das neue Angebot „Familienzentrum“ wahr, zum Beispiel das Angebot „Hausaufgaben/Hausaufgabenheft“, in dessen Rahmen den Eltern erklärt wird, was die Zeichen der Lehrkraft in dem Hausaufgabenheft bedeuten, was zu tun ist, wenn das Kind keine Hausaufgaben machen will und Ähnliches. Bei Verständigungsproblemen kann Tanja Hupe auf einige Lehrer-Kolleginnen und -Kollegen aus der Sternschule zurückgreifen, die Türkisch, Arabisch, Polnisch und Spanisch beherrschen. Oft behelfen sich die Erzieherinnen auch mit Bildern, oder sie werden von zweisprachigen Eltern, die gut Deutsch sprechen, und für ihre Landsleute übersetzen können, unterstützt.

„Beratungsangebote in diesem Setting unterzubringen war zunächst schwierig“, sagt Tanja Hupe. Mittlerweile würden Eltern aber im Familienzentrum konkret Termine zum Beispiel bei der Erziehungsberatungsstelle der Caritas anfragen, die dann in der Sternschule stattfinden. Überhaupt hätten sich Erziehungsfragen zu einem Schwerpunktthema an der Sternschule entwickelt. Verstärkt wünschten Eltern in den letzten Jahren auch präventive Angebote, zum Beispiel zum Thema sexueller Missbrauch. Ein Selbstbehauptungskurs für Kinder etwa werde sehr gut angenommen.

Wichtig sei, dass Kinder und Erwachsene schnelle Erfolge erlebten, zum Beispiel beim Backen nach einfachen Rezepten, aber auch, wenn es darum geht, das Gelernte in den eigenen Alltag zu übernehmen. „Wenn wir vermitteln, was zu einem gesunden Frühstück gehört, muss es vom Budget für die Familien natürlich auch umsetzbar sein“, gibt Tanja Hupe ein Beispiel.

Verbesserung beim Übergang in weiterführende Schulen
 

Zwar gibt es in Gelsenkirchen regelmäßig eine große Veranstaltung, auf der sich alle weiterführenden Schulen, Gymnasien, Realschulen und Gesamtschulen, vorstellen – das überfordert aber einen größeren Teil der Eltern und Kinder der Sternschule, so die Erfahrung von Tanja Hupe. „Wir haben deshalb für die Viertklässler und ihre Eltern eine Woche vor der Großveranstaltung eine Veranstaltung im Programm, in der wir auf den kommenden neuen Lebensabschnitt der Kinder eingehen, die verschiedenen Schulformen erklären, abfragen, was sich die Eltern für ihre Kinder wünschen und Fragen sammeln, die sie den Vertretern der weiterführenden Schulen stellen sollten.“ Weil die Beteiligung der Sternschule-Eltern bei der großen Veranstaltung der weiterführenden Schulen immer gering war, gehen die Mitarbeiterinnen des Familienzentrums nun gemeinsam mit den Eltern und Kindern dorthin.

„Leider ist das ein generelles Problem“, sagt Sabine Wild. „Die Eltern in unsere Schule zu bekommen, ist schon nicht einfach, sie an Angebote von Kooperationspartnern außerhalb der Schule anzubinden, und seien sie nur 500 Meter entfernt, ist äußerst schwierig. Das geht nur, wenn sie wortwörtlich an die Hand genommen werden.“

Anbindung an Angebote von Kooperationspartnern
 

Einer dieser Kooperationspartner ist die „KiKi“ – Kirche für Kinder – der Caritas. Dieses Unterstützungsangebot stellt Bedürftigen Kinderkleidung, Schul- und Spielsachen zur Verfügung. Die Tafel Gelsenkirchen liefert Butterbrote und Obst für bedürftige Kinder.

„Armut ist bei einigen Familien ganz deutlich zu erkennen, sei es an Äußerlichkeiten wie fehlenden Pantoffeln, fehlendem Sportzeug, fehlendem Material für den Unterricht oder auch, wenn die Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen“, so Tanja Hupe.

Als weitere wichtige Kooperationspartner nennt Sabine Wild den Sozialdienst Schule und Gelsensport (ursprünglich Stadtsportbund heute Dachorganisation aller Gelsenkirchener Sportvereine und zuständig für die städtische Sportverwaltung). Besonders in die kostenlosen Aktionen „Jedes Kind kann schwimmen lernen“ und „Jedes Kind kann Radfahren lernen“, mit denen sich Gelsensport auch an Kinder aus sozial schwächer gestellten Familien richtet, vermittelt das Familienzentrum die Kinder sehr gerne. Ein weiteres oft genutztes Angebot sind die Lernferiencamps von Gelsensport in den Oster- und Sommerferien, bei denen sich Kinder sowohl sportlich als auch kulturell oder künstlerisch betätigen können. Dazu gibt es an der Sternschule theaterpädagogische Kurse des Consol Theaters und vieles mehr.

Netzwerkarbeit im Stadtteil
 

„Vor der Zeit des Familienzentrums waren die vielen Angebote im Stadtteil kleine Blitzlichter für uns. Das Familienzentrum hat uns geholfen, die Fäden enger zu spannen und ein Netzwerk daraus zu machen. Das empfinden wir als einen ganz deutlichen Effekt des Familienzentrums. Die Strukturen sind jetzt gelegt, es gibt feste Ansprechpartner und dadurch bedeutet es keinen Mehraufwand mehr, wenn wir die zahlreichen Angebote auch nutzen wollen“, stellt Sabine Wild fest.

Als Netzwerkknoten im Sozialraum bezeichnet Neriman Aksoy das Familienzentrum und bewertet die Verbindung Schule, OGS, Familienzentrum insgesamt als Erfolgsmodell. „Die Befragung der Eltern zur Zufriedenheit und zum weiteren Bedarf, die wir im Mai 2019 an allen sechs Familienzentren an Schulen durchgeführt haben, zeigt, dass die Angebote gut bekannt sind und gut angenommen werden.“
 

Deshalb wird das Angebot in Gelsenkirchen nach der zunächst auf fünf Jahre begrenzten Förderphase, die Ende 2019 endet, nun verstetigt und zwar nach dem Modell, wie es in der Sternschule realisiert wurde, also mit dem jeweiligen OGS-Träger als Träger des Familienzentrums.1 


Als „integralen Bestandteil“ der Schule bezeichnet Neriman Aksoy mittlerweile das Familienzentrum. „Grundschule, OGS und Familienzentrum sind ein System, eigentlich müsste man einen neuen Namen dafür finden“, schlägt Schulleiterin Sabine Wild sogar vor.

Und was sagen die Lehrerinnen und Lehrer der Sternschule fünf Jahre nach dem knappen Abstimmungsergebnis pro Familienzentrum? „Wir erleben Eltern und Kinder durch die Arbeit des Familienzentrums selbstständiger und auch selbstbewusster“, sagt Sabine Wild. „Sie halten sich auch besser an Strukturen und Vorgaben, was daran liegt, dass die Eltern ‚diskret‘ miterzogen werden.“ Viele Lehrer würden den Mehrwert des Familienzentrums erkennen und sich mittlerweile ehrenamtlich im Familienzentrum engagieren, zum Beispiel bei den Gesellschaftsspielnachmittagen. „Und dass wir uns als ‚Brennpunktschule‘ vor Anmeldungen von Kindern kaum retten können, ist sicher auch zu einem guten Teil auf die Arbeit des Familienzentrums zurückzuführen.“


1Ein weiteres Familienzentrum war auch bisher schon wie die Sternschule organisiert und finanziert, die anderen vier arbeiteten bisher nicht mit OGS-Kräften, sondern mit zusätzlichen Kräften, die bei der Stadt angestellt waren und über eine Stiftung finanziert wurden.

Ansprechperson in der G.I.B.

Denise Anton
Tel.: 02041 767262
d.anton@gib.nrw.de

Kontakte

Neriman Aksoy
Stadt Gelsenkirchen, Referat 51 – Kinder, Jugend und Familien – Sozialdienst Schule (SDS)/Jugendhilfe in Schule
Tel.: 0209 1694456
neriman.aksoy@gelsenkirchen.de

Tanja Hupe
(Leiterin Familienzentrum Sternschule)
Franz-Bielefeld-Straße 50
45881 Gelsenkirchen
Tel.: 0209 1696619
tanja.hupe@caritas-gelsenkirchen.de

Sabine Wild (Schulleiterin Sternschule)
Tel.: 0209 1696618
sternschule@gelsenkirchen.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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