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(Heft 4/2019)
Ein Interview mit Tim Buyse und Ingrid Taelemans vom Wirtschafts- und Sozialrat Flandern (Social and Economic Council of Flanders, SERV) zum EU-Projekt „Social partners on the digital fast track“

„Wir müssen die Herausforderungen der Digitalisierung gemeinsam angehen“

Genau wie der Rest der Welt steht auch Flandern einem radikalen technologischen Wandel gegenüber. Denn die Digitalisierung wirkt sich auf sämtliche Bereiche der Gesellschaft aus: wie wir leben, arbeiten, produzieren und konsumieren und wie wir mit Freiheit und Sicherheit umgehen. Dieser Umbruch wird voraussichtlich viel weitreichender, schneller und komplizierter als alles, was unsere Gesellschaft bisher durchlaufen hat. Umso stärker kommt es darauf an, dass Regionen und Länder diese Herausforderung gemeinsam angehen und Informationen und Wissen untereinander weitergeben.

Der Wirtschafts- und Sozialrat Flandern (Social and Economic Council of Flanders, SERV) hat ein internationales Projekt mit dem Titel „Sozialpartner auf der digitalen Überholspur“ (Social partners on the digital fast track) ins Leben gerufen, das im November 2018 vom Europäischen Sozialfonds bewilligt und finanziert wurde. Ziel des Projekts ist der Austausch von Wissen, bewährten Verfahren und Know-how rund um das Thema Digitalisierung sowie zur Rolle der Sozialpartner in dieser Transformationsphase. Wir haben mit dem Wirtschafts-, Innovations- und Politikexperten Tim Buyse und seiner Kollegin Ingrid Taelemans gesprochen, die bei SERV als Sekretärin des Generaldirektors und Beraterin für internationale Beziehungen tätig ist. Dabei ging es um die Fragen, wie andere Länder und Sozialpartner im Ausland mit den Herausforderungen der digitalen Revolution umgehen, wie sie die Chancen der Digitalisierung nutzen und wie Arbeitnehmer in die Digitalisierung eingebunden werden.

G.I.B.: Wie entstand die Idee zu dem Projekt „Social partners on the digital fast track”?

Tim Buyse: Im SERV versuchen wir jedes Jahr ein Thema zu finden, das wir mit Blick auf die nähere Zukunft für die flämische Regierung und die Sozialpartner für relevant halten, damit diese neue Gesetze auf den Weg bringen können. 2016 war dieses Thema die Digitalisierung. Wir haben uns mit der Frage auseinandergesetzt, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und das Bildungswesen haben wird, welche Gesetze geändert werden könnten, um die Digitalisierung in den Unternehmen zu fördern, und wie wir die negativen Folgen der Digitalisierung abmildern können.

Natürlich betrifft die Digitalisierung keineswegs nur die Region Flandern. Deshalb haben wir uns auch in anderen Regionen und Ländern nach bewährten Verfahren umgeschaut, um herauszufinden, wie die Sozialpartner dort auf die digitale Transformation reagieren und welche Lösungen sie entwickeln.

G.I.B.: Wie viele Partner sind an dem Projekt beteiligt und wie sind Sie bei deren Auswahl vorgegangen?

Ingrid Taelemans: Zunächst haben wir die Sozialpartner und diverse Beteiligte des gesellschaftlichen Dialogs angesprochen, also vor allem Arbeitgebervertretungen, Handelskammern, Gewerkschaften und Mitglieder sozialer Konsultationsforen. Es waren aber auch Unternehmen darunter. Unser Ziel war es, ein Netzwerk aus Sozialpartnern, Gewerkschaften, Organisationen und Unternehmen aufzubauen, um die Folgen der Digitalisierung für das Bildungswesen, den Arbeitsmarkt und die staatliche Arbeitsvermittlung anzugehen.

In Flandern ist der SERV dabei der Hauptpartner des Projekts. Gemeinsam mit den sieben Ratsmitgliedern (den flämischen Gewerkschaften ABVV, ACLVB und ACV und den Arbeitgeberverbänden Boerenbond, UNIZO, Verso und Voka) bilden wir den flämischen Teil der Partnerschaft. Wir haben aber auch acht ausländische Partner. Dies sind der Verband der unabhängigen Gewerkschaften der tschechischen Republik (ASO CR), der regionale Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrat der französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes (CESER), das Comité Económico y Social de la Comunidad Valencia (CES) aus Spanien sowie fünf Institute und Organisationen aus Deutschland: das Qualifizierungsförderwerk Chemie GmbH (QFC), die Sächsische Bildungsgesellschaft für Umweltschutz und Chemieberufe (SBG), das Merseburg Innovation and Technology Centre (MITZ), das Institut für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung gGmbH (isw Institut) und die Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung mbH (G.I.B.).

G.I.B.: Ziel des Projekts war der Austausch von Wissensbeständen, bewährten Verfahren und Know-how zum Thema Digitalisierung. Wie beurteilen Sie Ihre Ergebnisse und wie haben Sie das Projekt organisiert?

Tim Buyse: Als wir mit dem Projekt begannen, haben wir das Thema Digitalisierung in vier zentrale Themen unterteilt: die Auswirkungen der Digitalisierung auf Arbeitsmarkt und Arbeitsorganisation, auf Fertigkeiten und Kompetenzen, auf die regionale Wirtschafts- und Innovationspolitik sowie auf den Prozess des gesellschaftlichen Dialogs. Der Sozialdialog bildete die Grundlage des gesamten Projekts. Vor diesem Hintergrund haben wir zwischen Herbst 2018 und Frühjahr 2019 vier Workshops ausgerichtet. Jeder dieser Workshops widmete sich einem anderen Thema und wurde durch Ortstermine in der Gastgeberregion ergänzt, um bewährte Verfahren der Digitalisierung in der Praxis zu erleben. Die einzelnen Workshops folgten alle demselben Konzept. Zunächst erläuterten hochrangige Redner, wie ihre Region mit dem Thema des Workshops in Hinblick auf politische Erfolge und Entscheidungen, aber auch mit den dadurch entstehenden Ungewissheiten umgeht, und wie Sozialpartner in diesen Prozess eingebunden sind.

Für die Ortstermine haben wir uns Unternehmen ausgesucht, die in einem bestimmten Bereich führend waren, etwa, weil sie ihre Angestellten optimal im Umgang mit den neuen digitalen Angeboten im Unternehmen schulen.

Der gesellschaftliche Dialog spielte vor dem Hintergrund des Austauschs von Wissensbeständen, bewährten Verfahren und Know-how zur Digitalisierung eine besonders große Rolle. Denn wenn man Politik machen will, die von großen Teilen der Gesellschaft unterstützt wird, ist man auf Sozialpartner angewiesen, da diese Bürger, Arbeitnehmer und Unternehmen repräsentieren. Die Sozialpartner sorgen dafür, dass der Staat die Fragen, Sorgen und Ideen der unmittelbar von der Digitalisierung betroffenen Menschen zur Kenntnis nimmt. So kann der Staat die Auswirkungen der Digitalisierung besser abschätzen und eine Politik entwickeln, die sich an den Menschen orientiert.

Als Beleg für den Erfolg unseres Projekts werten wir unter anderem, dass an jedem einzelnen Workshop mindestens ein Mitglied von allen sieben Sozialpartnern teilgenommen hat. Und sie kamen gerne wieder, weil sie erkannt haben, dass sie von den Erfahrungen anderer Regionen und Länder lernen und diese an ihre Mitglieder – etwa Unternehmen oder Ausbilder – weitergeben können.

G.I.B.: Gibt es Unterschiede darin, wie die Länder den sozialen Dialog rund um die Digitalisierung führen?

Tim Buyse: Grundsätzlich nehmen alle Sozialpartner aus den verschiedenen Ländern eine ähnliche Haltung zu den Themen Digitalisierung und technologische Entwicklung ein. Die Sozialpartner aus Deutschland, Frankreich, Tschechien, Spanien und Flandern gehen das Thema Digitalisierung konstruktiv an und wollen die technologische Entwicklung im Rahmen einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung in feste Bahnen lenken und regulieren. Trotzdem gibt es auch Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. Diese sind jedoch oft nicht so einfach auszumachen. In Tschechien beispielsweise spielen die Sozialpartner im politischen Prozess eher eine untergeordnete Rolle. Deshalb können sie auch keinen so großen Beitrag zur Politikentwicklung leis­ten. Sie müssen also nach anderen Möglichkeiten suchen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen. In Belgien, Frankreich und Deutschland sind die Sozialpartner dagegen in regionalen Entscheidungsgremien vertreten. Sie nehmen eine beratende Funktion gegenüber der Regierung ein und vertreten eine gemeinsame Position. Dies kann gar nicht hoch genug bewertet werden, da die Sozialpartner in der Politikgestaltung natürlich viel einflussreicher sind, wenn sie mit einer Stimme sprechen.

G.I.B.: Wie nutzen die Länder und Regionen der Europäischen Union die Chancen der Digitalisierung und der Robotisierung?

Tim Buyse: Die meisten Unternehmen, die wir in den verschiedenen Ländern besucht haben, nutzen irgendeine Art von Roboter oder Software, um ihre Produktionsprozesse und Dienstleistungen effizienter zu gestalten. In unserem Abschlussbericht bezeichnen wir dies als traditionelle Ausprägung der digitalen Transformation. Das bedeutet, dass eine bestimmte Tätigkeit innerhalb des Unternehmens mit digitalen Verfahren verändert wird. Wir haben unter anderem den Autobauer Ford in Valencia besucht, wo uns Firmenvertreter zeigten, wie Fortbildungen und Digitalisierung Hand in Hand gehen. Dort wurden vor 20 Jahren führende Mitarbeiter zu „Fertigungsinstandhaltern“ umgeschult, die für die Maschinenwartung verantwortlich sind. Auf Grundlage der positiven Erfahrungen bildete Ford Valencia ab 2012 dann im Rahmen einer radikalen betrieblichen Umstellung „vielseitige Mitarbeiter“ aus. Dank dieser Schulungsangebote sind die Angestellten viel besser auf die Arbeit und die Instandhaltung von Robotern eingestellt und daher vielseitiger einsetzbar. Hier gehen Digitalisierung und eine übergeordnete Aufgabe also Hand in Hand. Dank der positiven Erfahrung mit der Digitalisierung sehen die Angestellten diese als Chance – und nicht als Bedrohung.

Die Art und Weise, wie Unternehmen die digitale Transformation angehen, hängt aber auch stark von der Unternehmensgröße ab. Insbesondere die Großkonzerne kümmern sich aktiv um ihre digitale Zukunft. Sie verfügen über die notwendigen Ressourcen, um langfristige Maßnahmen umzusetzen, die nicht unbedingt sofort Ergebnisse erzielen müssen. Unsere Workshops haben aber auch gezeigt, dass insbesondere die kleinen Unternehmen in den Regionen eine gewisse Zukunftsangst haben. In Flandern haben wir festgestellt, dass viele kleine und mittlere Unternehmen (KMU) das volle Potenzial der Digitalisierung noch nicht ausschöpfen. Denn einerseits entwickeln kleine Unternehmen keine eigenen Digitalprodukte, andererseits sind sie auch nicht unbedingt Pioniere in der Verwendung bereits exis­tierender Digitaltechnologien. Die flämischen Arbeitgeberverbände und Behörden suchen deshalb nach Möglichkeiten, wie sie kleinen und mittleren Unternehmen etwa im Rahmen von Clustern eine aktivere Rolle verschaffen können. Doch die KMU müssen auch darin bestärkt werden, die digitalen Technologien für sich anzunehmen.

Der Eindruck, den wir bei den Besuchen in den einzelnen Ländern gewonnen haben, ist, dass die eher traditionelle Form der Digitalisierung für die Unternehmen relativ gut funktioniert. Sie können die Transformation bewältigen und konzentrieren sich auf die Vermittlung neuer digitaler Arbeitsverfahren an ihre Angestellten. Die Länder sind also durchaus bereit, die Unternehmen bei der digitalen Transformation zu unterstützen.

G.I.B.: Wie gehen die Länder in Europa mit den Herausforderungen der Digitalisierung um?

Tim Buyse: Die Regionen in den einzelnen europäischen Ländern haben ihre zentrale Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderungen erkannt und nehmen sie uneingeschränkt an. Dies tun die einzelnen Regionen auf vielfältige Art und Weise. Sie nutzen zwar mitunter ähnliche Instrumente, stellen aber auch eigene wirtschafts- und innovationspolitische Rahmenbedingungen auf. So hat die spanische Region Valencia mit der RIS3 eine politische Agenda angestoßen, die die Aktivität in der Region steigern, Forschung und Entwicklung unterstützen und die Teilregionen zur Spezialisierung bringen soll. Valencia unterstützt die Unternehmen mit einer eigenen Innovationsagentur und konzentriert sich bewusst auf die Förderung kleiner und mittelgroßer Unternehmen. Im französischen Departement Auvergne-Rhône-Alpes wiederum wurde ein Netzwerk aufgebaut, das Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Finanziers unter dem Namen „Minalogic“ zusammenbringt. Dort konzentriert man sich auf die Förderung der regionalen Zusammenarbeit. Der Cluster hilft bei Patentanträgen und vermittelt internationale Kontakte, bringt aber auch kleine lokale Unternehmen und Start-ups mit Großunternehmen zusammen. So wurden bereits mehr als 500 Projekte mit staatlichen Mitteln in Höhe von insgesamt 881 Mio. Euro gefördert. Sie sind Teil eines Forschungs- und Investitionspakets mit einem Budget von über 2,2 Milliarden Euro.

Man sieht also, dass viele Länder und Regionen inzwischen eine eigene digitale Agenda zur Veränderung ihrer Politik vorantreiben. Und einigen ist das auch bereits gelungen. Trotzdem kann meiner Auffassung nach aber noch viel mehr getan werden. In Flandern etwa haben wir (noch) überhaupt keine digitale Agenda. Letztes Jahr haben die Sozialpartner selbst eine entwickelt und dabei die Relevanz einer strategischen Agenda für die Digitalisierung betont. Die Regierung hat die Wichtigkeit einer digitalen Agenda bekräftigt und will die Empfehlungen des SERV berücksichtigen. Im Grunde geht man hier aber eher spontan vor und verfolgt keine klare Strategie. Die Politik erkennt zunehmend, dass die Themen künstliche Intelligenz, Smartcitys und die Digitalisierung von KMU angegangen werden müssen. Es gibt aber noch keinen klaren Plan, der die gesamte Gesellschaft einschließen würde. Der Vorsitzende unseres Rates hat deshalb die Schaffung eines Digitalisierungsministeriums angeregt. Denn die Digitalisierung wirkt sich auf sämtliche Politikbereiche aus. Es geht nicht nur um Wirtschaftspolitik, sondern auch um die Arbeitsmarkt-, Energie-, Verkehrs- und Regionalpolitik.


Ingrid Taelemans: Außerdem gibt es noch keine zufriedenstellende Antwort auf die schwierige Frage, wie wir auf die neue Plattformökonomie reagieren sollen. Die Plattformökonomie ist ein vollkommen neuartiges Wirtschaftsmodell, das eine gesellschaftliche Debatte erfordert. Als Minimalkonsens kann man sagen, dass es sich um eine Wirtschaftsform mit atypischen Arbeitsmodellen handelt. Eine weit gefasste Definition würde dagegen anerkennen, dass die Plattformökonomie einen vollkommen neuartigen Arbeitnehmerstatus mit sich bringt. Derzeit sind die Beschäftigten in der Plattformökonomie in einer Grauzone tätig, die Teilzeitarbeit mit der bedingten Freiheit bei der Festlegung der Arbeitszeiten verbindet. Das alles geschieht jedoch im Rahmen eines Abhängigkeitsverhältnisses gegenüber der Plattform, über die die Beschäftigten ihre Aufträge erhalten, und ohne jede Form von Regulierung oder Rechtsschutz. In vielen Ländern hat man noch nicht einmal damit begonnen, sich damit auseinanderzusetzen, ob diese Beschäftigten unter das Arbeitsrecht oder das Wirtschafts- und Unternehmerrecht fallen.

G.I.B.: Wie werden die Beschäftigten in den Prozess der Digitalisierung eingebunden?

Tim Buyse: Es gibt Fälle, in denen die Beschäftigten sehr intensiv einbezogen werden. Das Industrieunternehmen Bosch Rexroth etwa bindet seine Angestellten umfassend in seine Unternehmensinnovationen ein: Hier suchen Gruppen aus Freiwilligen nach neuen Ansätzen und entwickeln diese weiter. Innerhalb des Unternehmens hat dieser Beteiligungsprozess eine Liste über zehn aussichtsreiche Vorschläge zutage gefördert, die anschließend ausgearbeitet und auf Effizienz und Umsetzungsgeschwindigkeit getes­tet wurden. Den Mitarbeitern ist es zu verdanken, dass die Techniker inzwischen mit Datenbrillen ausgestattet sind, die ihnen während des Fertigungsprozesses Projekthandbücher und Prüflisten anzeigen.

Zumindest was unseren Rat angeht, sind sich die Gewerkschaften und Unternehmensverbände der Tatsache, dass die Mitarbeiterbeteiligung der Schlüssel zum Erfolg bei der Digitalisierung der Unternehmen ist, bewusst. Es gibt ein gutes Gefühl, dass die Arbeitgeber auf der Ebene der Sozialpartner davon überzeugt sind, dass die Einbindung der Arbeitnehmer notwendig ist und von Beginn an erfolgen sollte. In Belgien beispielsweise existiert der Tarifvertrag CAO39, demzufolge Sozialpartner und Arbeitnehmer drei Monate, bevor ein Unternehmen in eine neue Technologie investiert, über deren sozialen Folgen informiert und angehört werden müssen. Natürlich ist ein solcher Konsultationsprozess nicht dasselbe wie eine echte Mitarbeiterbeteiligung. Und wir sind uns auch darüber im Klaren, dass solche Vereinbarungen nur in wenigen Unternehmen umgesetzt werden. Schätzungen zufolge halten sich sieben von zehn Unternehmen überhaupt nicht an den Vertrag. Dies gilt vor allem für KMU, in denen die Arbeitgeber nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Hier hängt die Mitarbeiterbeteiligung also vom guten Willen der Unternehmensseite ab.

G.I.B.: Warum sind internationale Projekte wie „Social partners on the digital fast track” wichtig?

Tim Buyse: Der kurzfristige Nutzen von Projekten wie dem unseren ist nicht immer ganz offensichtlich. Denn selbst wenn man sich an einem solchen Projekt beteiligt, kann man das gewonnene Wissen und die neuen Erfahrungen nicht unbedingt sofort auf die eigene Tätigkeit übertragen. Wenn man aber eine längerfristige Perspektive einnimmt, zeigen solche Projekte, dass der internationale Austausch extrem wichtig ist, um neue Ideen und Anregungen zu bekommen. Die konkrete Umsetzung von Maßnahmen und Prozessen in den einzelnen Ländern muss dann wiederum auf der regionalen Ebene durch die lokalen Akteure erfolgen. Denn die Regionen kennen ihre eigenen Besonderheiten und Möglichkeiten natürlich am besten. So können sie die Maßnahmen dann auf wirtschaftlicher Ebene so effektiv wie möglich umsetzen. In Nordrhein-Westfalen mit seiner regionalisierten Arbeitsmarktpolitik und seinen arbeitnehmer- und arbeitgeberfreundlichen Finanzierungsprogrammen lässt sich das sehr gut beobachten.

Solche Projekte sind meiner Auffassung nach besonders wichtig, da die Digitalisierung nicht nur Flandern, sondern ganz Europa betrifft. Wir müssen sie also gemeinsam im Rahmen internationaler Partnerschaften angehen. So können wir voneinander lernen. Dabei muss jedes Land diese Herausforderung selbstverständlich in seinem eigenen institutionellen Kontext angehen; unser Projekt hat aber zumindest ein Bewusstsein bei den Unternehmen und den Menschen geschaffen, dass man über diese Fragen nachdenken muss. Ein wichtiges Ergebnis unserer Arbeit im Rahmen des Projekts ist auch das Netzwerk, das wir aufgebaut haben und in Zukunft weiter pflegen werden.

G.I.B.: Gibt es schon Pläne für neue Projekte?

Tim Buyse: Momentan noch nicht. Das Programm wurde vom Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert und endet demnächst. Einige Projektpartner wollen jedoch ungeachtet der weiteren Finanzierung durch den ESF auch in Zukunft gemeinsam an solchen und ähnlichen Themen arbeiten. Es kommt auch darauf an, das Netzwerk, das wir uns aufgebaut haben, weiterzuführen und weiter nach geeigneten Verfahren zu suchen. Ein Beispiel hierfür sind die Gewerkschaften, die ihre Funktionsweise und ihre Rolle gegenüber ihren Mitgliedern in etlichen Ländern neu ausloten. Eine interessante Frage ist zum Beispiel, wie wir neue Beschäftigtenkategorien wie Freelancer und Plattformarbeiter bei der Politik­entwicklung einbinden können. Ein anderes Beispiel betrifft vor allem junge Menschen. Wie können wir als Sozialpartner den Jugendlichen Gehör verschaffen? In den Niederlanden hat man im dortigen Sozial- und Wirtschaftsrat zu diesem Zweck eine Jugendplattform eingerichtet. Dort gibt es strukturelle Bemühungen, junge Menschen in die Auseinandersetzung mit den Themen des Rates einzubeziehen. So etwas haben wir in Flandern noch nicht. Es gibt allerdings erste Überlegungen in diese Richtung. Solche Beispiele aus dem Ausland sind auch für andere Organisationen in Europa interessant.

Das Interview führten

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Kontakte

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Ingrid Taelemans
Secretariat General director and
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