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(Heft 4/2019)
Interview mit Dr. Andreas Kletzander, Christian Schönenberg und Christine Roddewig-Oudnia

„Um die konkreten Bedarfe der Menschen zu erkennen, müssen wir in die Quartiere gehen“

In Wuppertal ist die Armutsquote von Kindern und Jugendlichen hoch: Sie beträgt stadtweit 30 Prozent. In vielen Quartieren liegt sie sogar bei über 40 Prozent. Im G.I.B.-Interview erläutern Dr. Andreas Kletzander, Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation, und Erik Christian Schönenberg, Fachkraft Referat „Wirtschaft und Projekte“ vom Jobcenter Wuppertal, sowie Christine Roddewig-Oudnia, Leiterin des Ressorts „Kinder, Jugend und Familie – Jugendamt“ bei der Stadt Wuppertal, die Strategie von Jobcenter und Jugendamt beim Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Charakteristisch für sie sind die ressort­übergreifende Zusammenarbeit und die aufsuchende Arbeit im Quartier, die große Bedeutung von Partizipation als Voraussetzung für das Gelingen präventiver Aktivitäten und der Einbezug der lokalen Ökonomie. Die komplexe Strategie erweist sich als Gewinn für die Betroffenen, und von der mit ihr erzeugten Gemeinwohl-Rendite profitiert die gesamte Stadtgesellschaft.

G.I.B.: Laut EU-Definition ist arm, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren nationalen Einkommens verfügt. Von Armut bedroht sind vor allem Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Arbeitslose, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderung und Alleinerziehende. Wie ist die Armutssituation in Wuppertal?

Kletzander_Andreas_Copyright-Jobcenter-Wuppertal-AöR.jpgDr. Andreas Kletzander: In Wuppertal beziehen rund 50.000 Menschen Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II). Hinzu kommen weitere 20.000 Menschen in ähnlich prekären ökonomischen Verhältnissen, in anderen Transfersystemen wie der Sozialhilfe (SGB XII) oder in geringfügig bezahlten Beschäftigungsverhältnissen sowie noch mal 10.000 Personen, die von Armut latent bedroht sind. Also gelten in dieser Stadt 70.000 bis 80.000 Menschen als arm. Bei einer Einwohnerzahl von rund 350.000 Menschen liegt die Armutsquote also bei rund 20 Prozent. Noch nicht eingerechnet in die Zahlen sind Personen, die keine Ansprüche auf Sozialleistungen haben wie zum Beispiel EU-Migranten aus Südosteuropa, die sich in bestimmten Quartieren mit vergleichsweise billigen Mieten konzentrieren.

Problematisch ist die Lage in Wuppertal insbesondere bei jungen Menschen. So liegt die Mindestsicherungsquote – sie stellt den Anteil der Empfängerinnen und Empfänger von Mindestsicherungsleistungen an der Gesamtbevölkerung dar – der Kinder unter 15 Jahren, die in Armut aufwachsen, bei 30 Prozent, mit deutlichen Unterschieden in den einzelnen Quartieren. Während im Quartier Siebeneick 0,8 Prozent der Kinder mit dem Bezug von SGB II-Leistungen aufwachsen, sind es in einigen Straßenzügen in Oberbarmen bis zu 80 Prozent der Kinder.
Doch eine Definition von Armut allein über statistische Daten hilft nicht weiter. Wir müssen den Zahlen auch ein lebensweltliches Gesicht geben. Armut ist in einem reichen Land wie Deutschland keine existenzielle, sondern eine Frage von Teilhabe, Chancengleichheit und Wahlmöglichkeiten beim Zugang zu Angeboten wie Kinderbetreuung, Schule, Bildung und gesundheitliche Versorgung. Materielle Armut begrenzt die Wahlmöglichkeiten und die Chancen zur persönlichen Entwicklung.

Das alles darf nicht nur Thema der Jugendhilfe und des Jobcenters sein, sondern muss in die Köpfe der Stadtgesellschaft hinein. Wir müssen den besonders benachteiligten Quartieren eine Stimme geben im Wettkampf bei der Verteilung von Ressourcen. Valide Zahlen sind da natürlich wichtig, um den Bedarf verdeutlichen zu können, damit jedem klar wird: „Da muss etwas geschehen!“ Deswegen sind die Planungsdaten ein wichtiges Argument für eine sozial gerechte Stadtentwicklungsplanung.

Roddewig-Oudnia.jpgChristine Roddewig-Oudnia: Bei den Sozialdaten müssen wir immer auch die bestehenden oder eben noch nicht vorhandenen Unterstützungsangebote in den Blick nehmen. In vielen Quartieren haben wir bereits eine sehr gute soziale Infrastruktur mit sozialen Beratungsangeboten, sozialen Trägern und Treffmöglichkeiten, wo arme Menschen Unterstützung finden, aber das gilt nicht für alle Quartiere. In manchen herrscht in dieser Hinsicht ein gravierender Mangel.

Die Kommune hat erkannt, dass Handlungsbedarf besteht und tatsächlich haben wir längst ein Netzwerk früher Hilfen geschaffen und zum Beispiel die Schulsozialarbeit effizienter koordiniert. Doch dabei handelt es sich vorwiegend um freiwillige Aufgaben einer Kommune. Um präventive Ansätze zu implementieren, brauchen wir zusätzliche Ressourcen. Die stehen in einer Kommune wie Wuppertal, als Stadt im „Stärkungspakt Finanzen NRW“, nicht so einfach zur Verfügung.

Wir müssen deshalb bei unseren Planungen Prioritäten setzen und unsere Kräfte auf die Quartiere konzentrieren, wo die Not am größten ist. Zum Glück hat der Rat der Stadt beschlossen, die Integrationspauschale in Höhe von einer Million Euro für die Quartiersarbeit einzusetzen, wo das Geld nicht nur den Neuzugewanderten, sondern allen Menschen im Quartier zugutekommt, solange es der Integration und dem Zusammenhalt im Quartier dient.

G.I.B.: Die allgemeine Lage am Arbeitsmarkt ist bundesweit seit Jahren ausgesprochen gut. Trotzdem hat, wie hier in Wuppertal, die Armut zugenommen. Was sind die Ursachen dafür?

Dr. Andreas Kletzander: In Wuppertal mit seiner ausgeprägten Textilindustrie hat der Strukturwandel viel später eingesetzt als im Ruhrgebiet mit seinen klassischen Montanindustrien. Der Dienstleistungssektor konnte den großen Verlust an Arbeitsplätzen in der Industrie nicht kompensieren. Zwar ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse in den letzten 15 Jahren von 108.000 auf 127.000 gestiegen, darunter sind allerdings viele Teilzeitarbeitsverhältnisse und volatile Beschäftigungsverhältnisse im Bereich einfacher und mittlerer Dienstleis­tungen wie Lagerlogistik und Pflege, sodass sich trotz positiver Entwicklung bei den Beschäftigungsverhältnissen die Einkommensverhältnisse nicht adäquat verbessert haben.

Wir dürfen nicht vergessen: Wuppertal war lange Zeit eine schrumpfende Stadt, die über einen Zeitraum von zwanzig Jahren 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner verloren hat. Entgegen den ursprünglichen Prognosen aber ist mit der Zuwanderung die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner auf aktuell 360.000 gestiegen. Ohne die 9.000 geflüchteten Menschen zum Beispiel hätten wir heute statt 50.000 „nur“ 41.000 Menschen im SGB II-Bereich, das wäre ein his­torischer Tiefstand.

G.I.B.: Mit welchen Strategien reagiert die Kommune, reagieren Jobcenter und Jugendamt auf die Herausforderungen?

Christine Roddewig-Oudnia: Unsere kommunale Strategie hat zwei Stränge. Erstens geht es darum, über Kooperation und Vernetzung insbesondere die Familien zu erreichen, die schon in dritter Generation im Leistungsbezug sind, und ihnen aufeinander abgestimmte und passende Hilfeangebote zu machen. Zweitens kommt es darauf an, über aufsuchende Arbeit, über Angebote im Quartier ganz niederschwellig Familienzugänge zu ermöglichen und über langfristige Unterstützung Vertrauen aufzubauen, und zwar zu einem möglichst frühen Zeitpunkt, zu dem die Lage noch nicht so dramatisch und dadurch besser beeinflussbar ist. Dabei spielt das Thema bildungs- und bio­grafieorientierte Förderketten von der Frühförderung über den Primarbereich bis hin zu den weiterführenden Schulen und dem Übergang in den Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle.

Bei unserem Vorgehen orientieren wir uns an den Sozialdaten, aber um die konkreten Bedarfe der Menschen zu erkennen, müssen wir auch in die Quartiere gehen und mit den dort lebenden Menschen sprechen und fragen, welche Probleme sie belasten, welche Unterstützung sie benötigen.

Zuerst haben wir analysiert, was der jeweilige Problemschwerpunkt in einzelnen Quartieren ist. So hat sich herausgestellt, dass ein Quartier am Stadtrand, ein Quartier mit extrem hohen sozialen Belastungsfaktoren ist. Die Quote der unter 18-Jährigen im SGB II-Bezug liegt bei 65 Prozent! Wenn man dann weiß, dass jedes Kind, das z. B. Unterhaltszuschuss bekommt, gar nicht in dieser Statistik auftaucht, wird schnell klar, dass die Zahl der Kinder, die sich in einer prekären finanziellen Situation befinden, noch sehr viel höher ist.

Gleichzeitig ist es ein Quartier, in dem es außer einem von uns als Jugendamt geführten Stadtteilzentrum keine soziale Infrastruktur gibt. Das hängt damit zusammen, dass Wuppertal, als es noch eine schrumpfende Stadt mit sinkenden Einwohnerzahlen war, die Infrastruktur zurückgefahren hat. Doch durch die Zuwanderung vor allem geflüchteter Familien, die einen Wohnortwechsel vornehmen durften, sind dort Familien mit sehr vielen Kindern hingezogen. So ist allein die syrische Community in kurzer Zeit von 0 auf 350 Personen gewachsen. Die dortigen Schulen und Kita-Stätten haben uns einen großen Bedarf an Unterstützung nicht nur bei der Sprachförderung gemeldet. Alle riefen um Hilfe.

Die Problemanzeigen aus den Quartieren in Kombination mit unseren Sozialdaten haben uns sofort zum Handeln veranlasst. Als Erstes haben wir einen Ort geschaffen, in dem eine Mitarbeiterin des Bezirkssozialdienstes (BSD) sowie eine des Ressorts Zuwanderung und Integration im Wechsel alle zwei Wochen eine Sozialberatung für Familien anbieten und als Ansprechpartner für Akteure vor Ort fungieren.

Auch ein zentraler Ortsteil in der Talschiene, wie unsere Analyse gezeigt hat, hat eine sehr bedenkliche Sozialstruktur, doch immerhin gibt es hier viele Angebote. Es stellte sich die Frage, ob sie ausreichen oder ob sie aufgestockt werden müssen und ob diese Angebote die Menschen wirklich erreichen. Hier hat unsere Analyse Angebotslücken entdeckt. Eine davon betraf straf­unmündige Intensivtäter, also Kinder unter 14 Jahren, die in hohem Maße Straftaten begangen haben, keine Bagatelldelikte, sondern Körperverletzungen sowie Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz (BtMG). Daraufhin haben wir zusammen mit der Diakonie, die über Expertise in diesem Feld verfügt, aus kommunalen Mitteln ein Pilotprojekt aufgelegt, um Kinder aus dem Sog der Kriminalität herauszuholen.

Schoenenberg-Copyright-Jobcenter-AöR.jpgErik Schönenberg: Bei unserer gesamten Arbeit hat sich ein Wandel vollzogen. Früher hingegen hatten wir einen starken Zielgruppenansatz, bei dem sich sieben, acht Spezialteams jeweils nur um eine spezielle Gruppe, um behinderte Menschen, Ältere oder Jugendliche kümmerte, doch wir müssen die Familien im Kontext sehen. Dazu müssen wir anders arbeiten als früher. Das ist ein systemischer Ansatz, der immer auf das Quartier bezogen ist.

Dr. Andreas Kletzander: Wir als Jobcenter haben dazu einen neuen Beratungsansatz gewählt, bei dem wir die Biografie der Einzelnen, die Familie und das soziale Umfeld in den Blick nehmen. Das ist ein komplett anderes Denken. Deshalb haben wir uns auch stark engagiert, als es in der Kommune um die Themen Digitalisierung und Stadtentwicklung ging, die in der Vergangenheit eher mittelschichtsorientiert und nicht selten ohne uns angegangen worden sind. Uns ging es dabei um Transparenz und eine gerechte Ressourcenverteilung, die die Interessen und Bedarfe der Menschen in armen Quartieren berücksichtigt und ihnen die Chance gibt, ihre Bedarfe selbst zu artikulieren.

Deshalb haben wir unsere Geschäftsstellen beauftragt, in die Quartiere zu gehen, den Menschen zuzuhören und gemeinsam mit Partnern vor Ort, mit Bürgervereinen, Migrantenselbstorganisationen oder Schulen eigene, neue oder zusätzliche Formate wie zum Beispiel spezielle Angebote für Alleinerziehende zu entwickeln. Außerdem wollen wir in Kooperation mit der Uni eine wissenschaftliche Studie erstellen, die ermitteln soll, was geflüchtete Frauen davon abhält, eine Arbeit aufzunehmen oder eine Ausbildung zu beginnen, denn Fakt ist, dass der Abstand der Integrationsquote von geflüchteten Männern zu geflüchteten Frauen so hoch ist wie bei keiner anderen Gruppe, bei Männern liegt sie bei 35 Prozent, bei Frauen lediglich bei 5 Prozent. Durch Kinderbetreuung allein lässt sich das nicht erklären.

G.I.B.: Welche Bedeutung hat bei diesem strategischen Vorgehen die Zusammenarbeit verschiedener Kooperationspartner wie etwa von Jugendamt und Jobcenter?

Erik Schönenberg: Offen gestanden war die Zusammenarbeit von Jobcenter und Jugendamt aufgrund der unterschiedlichen Vorgehensweisen, der unterschiedlichen Terminologien und nicht zuletzt in Folge von Vorbehalten anfangs schwierig. Da hat sich einiges geändert. Mittlerweile funktioniert die Zusammenarbeit sehr gut, wobei die Modellprojekte einen wichtigen positiven Einfluss hatten bei der Umstellung auf unser neues Beratungskonzept, auf die partizipative Sozialraumarbeit sowie auf die Zusammenarbeit der Kooperationspartner Jobcenter und Jugendamt. Zu all dem liefern uns die Modellprojekte Erkenntnisse, die vielleicht auch Auswirkungen auf das Regelsystem selbst haben können.

Christine Roddewig-Oudnia: Im Projekt „75 Familien Plus“ haben wir zum ersten Mal sehr intensiv mit dem Jobcenter zusammengearbeitet. Im Projekt „75 Familien Plus“ steht nicht die Erziehungsproblematik eines einzelnen Kindes, sondern die gesamte prekäre Situation der Familie im Fokus. Diese Familien haben oft einen großen Helferkreis aus verschiedenen Systemen, wo es schon eine Kunst ist, das alles miteinander zu koordinieren. Der ganzheitliche Ansatz aber umfasst von vornherein erzieherische Fragen, regelmäßigen Schulbesuch oder die Erledigung der Hausaufgaben. Meist stehen die Familien von allen Seiten unter Druck. Sie sind verschuldet, öffnen keine Briefe mehr, Räumungsklagen stehen an oder eine Kürzung durch das Jobcenter. Vor diesem Übermaß an Problemen fallen viele Eltern in Resignation oder kapitulieren komplett. Für diese Fälle müssen wir die Integrationsplanungen unterschiedlicher Ämter verzahnen, damit die Familien wieder oder erstmals handlungsfähig werden. Das ist der Schlüssel und ist dem Jobcenter, Jugendamt und den weiteren Beteiligten in besagtem Projekt gut gelungen.

Zum Glück haben wir keine sogenannten Ghettos in Wuppertal, vielmehr sind die Quartiere gut durchmischt. Der Ortsteil Oberbarmen-Wichlinghausen zum Beispiel ist sehr diversitär. Hier gibt es keine dominante Nation mehr. Hier leben Menschen aus der Türkei, aus arabischen und afrikanischen Ländern neben italienischen und griechischen Communitys, Zugewanderte aus Ost- und Südosteuropa mit Deutschen ohne jeden Migrationshintergrund zusammen.

In Wichlinghausen sind viele kleine soziale Träger aktiv. Im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ mit seinem integrierten Handlungskonzept tauchte bei allen Beteiligten der Wunsch nach einem Bürgerzentrum auf. Hier konnte der geplante „BOB Campus“ der Montag-Stiftung einen Dreh- und Angelpunkt im Quartier schaffen, in dem Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer kulturellen Prägung Gelegenheiten haben, Kunst, Natur, Kulturen und Nachbarschaft glücklich zu erleben und nachhaltig mit zu entwickeln. Der „BOB Campus“ ist ein Vorhaben bei dem ein ehemaliger Fabrikstandort eines Textilwerks zu einem Campus entwickelt werden soll, der gewerbliche Nutzung mit Wohn- und Bildungsangeboten verknüpft. In zum Teil öffentlich geförderten, barrierefreien Wohnungen sollen große Familien, Senioren und Studenten-WGs ein neues Zuhause finden. Eine Etage mit rund 1.000 Quadratmetern steht zudem der Nachbarschaft für flexible Nutzung zur Verfügung. Unter anderem soll eine „Viertelsküche“ entstehen.

So wie hier gibt es in vielen Quartieren der Stadt mittlerweile ausgezeichnete Projekte, in denen viele Akteure zusammenarbeiten, zum Beispiel „Quartiere im Quadrat“, ein Projekt im Rahmen des Förderprogramms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“, das vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wird und ebenfalls präventiven Charakter hat. Klar ist aber auch: Prävention funktioniert nicht ohne Partizipation. Dazu brauchen wir neue Ansprache-Konzepte, um Menschen zu erreichen, die nicht gewohnt sind, sich im öffentlichen Raum zu äußern. Unsere Arbeit vor Ort und die von uns organisierten Kinder- und Familienfeste bieten dazu gewiss eine erste gute Möglichkeit. Wir sind jedenfalls froh, dass alle Projekte der Partizipation der betroffenen Menschen einen hohen Stellenwert einräumen.

G.I.B.: Wie lässt sich die Wirtschaft in Ihre Vorhaben integrieren? Welche Rolle spielt die lokale Ökonomie?

Dr. Andreas Kletzander: Das Problem ist, dass wir gerade im Wuppertaler Osten keine übergreifende starke ökonomische Struktur haben. Hier gibt es zumeist kleine Familienbetriebe, Unternehmen mit Migrationshintergrund. Einzelhandel, Gastronomie und Handwerks- und Konstruktionsbetriebe in Hinterhöfen, die wirtschaftlich oft auf wackeligen Füßen stehen. Da ist nicht viel an Dynamik zu spüren.

Deshalb ist die Förderung der lokalen Ökonomie in den sozial schwächeren Quartieren, von der Ausbildung bis hin zu Existenzgründungen, ein zentrales Zukunftsthema. Spannend sind in diesem Kontext „Zukunftsorte“ in den Quartieren wie „Codeks“ als Wuppertals größtem Coworking-Space, der nicht nur Freelancern und Studenten, sondern auch kleineren und größeren Unternehmen optimale Bedingungen bietet. Ein weiteres Beispiel ist der bereits erwähnte „BOB Campus“. Das Projekt hat mit den vielen hier engagierten Akteuren eine kritische Masse erreicht und beim Polis Award den zweiten Platz in der Kategorie gemeinnützige Stadtentwicklung gewonnen. Dass hier „Bildung im digitalen Wandel“ ein zentrales Handlungsfeld ist, dürfte sich als vorteilhaft erweisen bei der Entwicklung der lokalen Ökonomie.

G.I.B.: Was sind die nächsten Schritte bei Ihrer Arbeit im Sozialraum gegen Armut und soziale Ausgrenzung?

Dr. Andreas Kletzander: Wir geben rund 300 Millionen Euro pro Jahr aus für KdU, also Kosten der Unterkunft, für Lebensunterhalt, hinzu kommen noch die Kosten für Hilfen zur Erziehung. Das Geld sollten wir für einen Passiv-Aktiv-Transfer im sozialen Arbeitsmarkt nutzen und verdeutlichen, dass die so investierten Beträge im Quartiersinteresse einen Mehrwert für die Sozialgemeinschaft generieren. Unsere Aufgabe ist, der Kommune und dem Kämmerer zu verdeutlichen, dass mit diesen Projekten, mit der Sozialraumarbeit und dem Passiv-Aktiv-Transfer finanzielle Entlastungen verbunden sind und für die Stadtgesellschaft eine Gemeinwohl-Rendite nachzuweisen ist.

Erik Schönenberg: Im Weiteren geht es darum, den Ansatz der ganzheitlichen Betreuung im Jobcenter weiterzuentwickeln in Richtung eines beschäftigungsorientierten Familiencoachings und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ressorts weiter auszubauen, damit wir als Gesamtkommune agieren, wobei die verschiedenen Hilfesysteme eine gemeinsame Beratungsphilosophie vertreten.

Christine Roddewig-Oudnia: Das ist ein guter Ansatz, den ich nur unterstützen kann, wobei zu bedenken ist, dass sich nicht alle Wirkungen von Sozialraumarbeit wie zum Beispiel die Vermeidung von Sozialkonflikten monetär abbilden lassen. Hier stellt sich immer auch die Frage, welchen Wert eine Kommune, eine Gesellschaft der Lebensqualität der Menschen in den Quartieren beimisst.


Projekte zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung in Wuppertal – eine ausgewählte Übersicht

Ein „Bündnis gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit“ hat der Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal gemeinsam mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie verschiedenen Institutionen vor wenigen Jahren ins Leben gerufen. Mittlerweile gibt es in diesem Handlungsfeld eine Vielzahl teils landesgeförderter Projekte. Schon eine Auswahl der Projekte illustriert die Vielfalt der Vorgehensweisen beim sozialraumorientierten Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit. Handlungsleitend sind immer zuvor erhobene Sozialdaten sowie die von den in den Quartieren lebenden Menschen selbst artikulierten Bedarfe und Interessen.
 

  • KinderStube

Kinder und deren Eltern sind Zielgruppe im Projekt „KinderStube“. Hauptziel ist die Förderung der individuellen und gruppenspezifischen Handlungsmöglichkeiten der Kinder und ihrer Eltern durch Beratung und Unterstützung. Ein weiteres Ziel ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“, um Kindern „in sozial benachteilig­ten Lebenslagen“ Ressourcen und Kompetenzen zu vermitteln, „die sie befähigen, sich sozial zu (re-)integrieren.“ Das umfassende Angebot des Projektträgers, des SKJ e. V., umfasst neben der Stabilisierung der ökonomischen, sozialen und innerfamiliären auch die des Selbstwerts und der Eigenverantwortlichkeit oder etwa die Stärkung der Erziehungskompetenz. Hohen Stellenwert hat die Partizipation. Sie zeigt sich in Form einer Beteiligung der Kinder, Jugendlichen und deren Familien an der individuellen Hilfe, der Freiwilligkeit bei der Nutzung des Angebots, der Einbeziehung aller Familienmitglieder in die Alltags- und Kontaktgestaltung, der Förderung der Gleichberechtigung sowie in den Beschwerdemöglichkeiten für Teilnehmende.

Kontakt
Marko Golub
Tel.: 0202 71811225
golub@skj.de
 

  • CEVI-Kids

Wie der eingangs genannte „BOB Campus“ ist auch das Projekt „CEVI-Kids“ – „ein intensives Betreuungsangebot für ein gesundes Aufwachsen“ – in Oberbarmen angesiedelt, einem Stadtteil mit besonders hoher sozialer und ethnischer Segregation. Viele der hier aufwachsenden Kinder und Jugendlichen zeigen deutliche Bildungsschwächen. Deshalb soll ein niederschwelliges, intensives Betreuungsangebot pro Schuljahr acht Kinder zwischen 6 und 14 Jahren so für das Leben stärken, dass sie aufgrund ihres Sozialverhaltens und ihrer schulischen Leistungsfähigkeit in der Lage sind, die Schule erfolgreich zu beenden und anschließend in den Ausbildungs- bzw. Arbeitsmarkt einzusteigen und zugleich ihren Familien eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Kurzfristige Ziele sind ein stärkeres Selbstwertgefühl und ein verbessertes Sozialverhalten. Die beteiligten Akteure sind neben dem CVJM Oberbarmen, die Eltern und die Schulen der Kinder sowie die Kooperationspartner bestehend aus dem Jugendamt der Stadt Wuppertal, der Diakonie Wuppertal sowie den Sportvereinen und Kirchengemeinden des Stadtteils.

Kontakt
Bernd Schäckermann
Tel.: 0202 28148904
b.schaeckermann@cvjm-oberbarmen.de
 

  • Power

„Kostenlos, unkompliziert und freiwillig“ sind auch die Angebote im Projekt „Power“. Zielgruppe hier sind Kinder und deren alleinerziehenden oder nicht erwerbstätigen Mütter. Der Projektträger, die gemeinnützige Gesellschaft für Entsorgung, Sanierung und Ausbildung mbH (GESA), bietet ihnen nicht nur persönliche Beratung und Begleitung bei der Berufswegeplanung und dem Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern auch bei der „Stärkung des Selbstmanagements“ und der Gewährleistung einer gesicherten Kinderbetreuung. Schulungen zur „Quartierslotsin“ dienen der Qualifizierung, während spezielle „Resilienz- und Zukunftsworkshops“ Kindern Selbstsicherheit und Perspektiven beim Übergang in Ausbildung oder Studium vermitteln. Der mobile Beratungsbus in den Quartieren ist dabei weit mehr als nur ein Sinnbild für die aufsuchende Arbeit des Trägers in diesem Handlungsfeld.

Kontakt
GESA gGmbH
Tel.: 0202 28110-465
power@gesaonline.de
 

  • Familien im Quartier

Speziell Familien im Wuppertaler Osten unterstützen, das wollen Jobcenter und Jugendamt im Projekt „Familien im Quartier“. Das ist nötig, denn obwohl es zahlreiche Angebote in den Quartieren gibt, sind diese den Eltern und Kindern oft nicht bekannt oder werden aus verschiedenen Gründen nicht in Anspruch genommen. Oft fühlen sie sich überfordert und wissen nicht, wer ihre Fragen beantworten und sie am besten unterstützen kann. Das Projekt soll Lotse für die Familien sein und sie dabei unterstützen, Hilfe einzufordern und anzunehmen, um ihnen „ein selbstständiges Leben und eine Förderung ihrer Kinder“ zu ermöglichen. Im Projekt arbeiten Sozialpädagoginnen, Familienhebammen, Kinderkrankenschwestern und Sozialarbeiterinnen eng mit Familien aus den Quartieren Oberbarmen-Schwarzbach, Wichlinghausen und Hilgershöhe zusammen. Sie stehen als Ansprechpartner für alle Mitglieder der Familie zur Verfügung, besuchen sie auf Wunsch zu Hause oder begleiten sie bei schwierigen Terminen. Die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit von Jobcenter und Jugendamt garantiert eine Optimierung der Schnittstellen und eine Verbesserung der Integrationskette.

Kontakt
Erik Christian Schönenberg
Tel.: 0202 747-63179
erik.schoenenberg@jobcenter.wuppertal.de

 

  • Zuhause in Oberbarmen

Ähnlich das Projekt „Zuhause in Oberbarmen“ mit seinem aufsuchenden, rechtskreis- und trägerübergreifenden Fallmanagement zur arbeitsmarktlichen Integration von EU-Zugewanderten und der Unterstützung besonders marginalisierter Zuwanderergruppen mit Wohnsitz in Oberbarmen/Wichlinghausen bei der Überwindung ihrer sozialen Problemlagen. Verantwortlich dafür ist ein Projektverbund vom Ressort Zuwanderung und Integration, Jobcenter, Gesa GmbH, SKJ e. V. und Bergische VHS in Zusammenarbeit mit Migrationsdiensten, Einwohnermelde- und Gewerbeamt. Neben der Erstberatung und Orientierung in einem Ladenlokal mit überwiegend muttersprachlicher Ansprache bietet das Projekt ein arbeitsmarktorientiertes Fallmanagement. Dazu zählen unter anderem eine ganzheitliche arbeitsmarktliche Förderplanung, die Erstellung eines beruflichen Profils, die Vermittlung in Integrationskurse inklusive Begleitung und Unterstützung zur Sicherstellung des verlässlichen Kursbesuches, die Beseitigung von Hemmnissen zur Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung sowie Bewerbungscoaching, Qualifizierungen und zielgerichtete Vereinbarungen und Unterstützung bei Arbeitssuche.

Kontakt
Silena Sassaroli
Natalia Jasowitz
Tel.: 0202 74799398
zuhause-ob@skj.de

  • Quartiere im Quadrat

Auf vier Quartiere in Wuppertal (Nordstadt, Barmen Mitte, Höhe und Rehsiepen) mit Armutsquoten von bis zu 65 Prozent konzentriert sich „Quartiere im Quadrat“, ein Projekt im Rahmen des vom Land Nord­rhein-Westfalen geförderten Programms „Zusammen im Quartier – Kinder stärken – Zukunft sichern“. Entsprechend den differenzierten Problemlagen wie etwa den eskalierenden Konflikten zwischen und mit Jugendlichen oder der fehlenden Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und Familien stehen unterschiedliche Ziele auf dem Programm. So dient der Aufbau eines Lotsensystems der beruflichen Orientierung von Jugendlichen, der Vermittlung in Praktika, in berufliche Maßnahmen oder in Ausbildung sowie dem Gewinn neuer Arbeitgeber oder Praktikumsplätze. Der „Kontakt- und Vertrauensaufbau“ zu rund 70 Jugendlichen an ihren Treffpunkten wiederum soll sie zur Teilnahme an beteiligungsorientierten Aktivitäten zu verschiedenen gesellschaftlichen und beruflichen Themen motivieren, während ein neu geschaffenes „Kooperationsnetzwerk für jugendgerechte Angebote“ die „soziale Anbindung“ der Jugendlichen gewährleistet. Weiteres Ziel ist die „Schaffung positiver Vorbilder“ durch „Eltern/Kind-Vater/Kind Aktivitäten“ und Elternseminare sowie die Entwicklung neuer Angebote für Kinder und Familien aus kommunalen Ressourcen und die Beteiligung hier lebender Menschen an der „familienorientierten Quartiersentwicklung“. Genauso vielfältig wie die Handlungsfelder sind die am Projekt beteiligten Kooperationspartner. Zu ihnen zählen die städtischen Ressorts Kinder, Jugend und Familie sowie Zuwanderung und Integration, des Weiteren die Alte Feuerwache gGmbH, Jobcenter AöR, Schulen, eine Tageseinrichtung für Kinder, Familienbildungsstätten, Vereine, Migrantenorganisationen, Flüchtlingsinitiativen und nicht zuletzt Arbeitgeber.

Kontakt
Ulrich Fischer
Tel.: 0202 563-2269
ulrich.fischer@stadt.wuppertal.de

  • BOB Campus

Den „Beginn eines neuen Kapitals in der Geschichte des Stadtteils Oberbarmen“ verspricht die Montag-Stiftung Urbane Räume, die sich für eine „chancengerechte Alltagswelt“ engagieren und in Wuppertal am ehemaligen Fabrikstandort des „Bünger Textilwerks Oberbarmen“ (BOB) direkt an der Nordbahntrasse gemeinsam mit den hier lebenden Menschen den „BOB Campus“ entwickeln will, einen „Campus für Arbeit, Lernen, Wohnen und Gemeinschaft“. Der ehemalige Arbeiterstadtteil steht vor großen ökonomischen und sozialen Herausforderungen. Viele der hier lebenden Menschen aus 96 verschiedenen Herkunftsländern haben bislang kaum Chancen auf Zugang zu Bildung, Arbeit und Einkommen. Jetzt wird das bauliche Ensemble der ehemaligen Fabrik mit Investitionen der Stiftung komplett saniert. Neu entstehende Gewerbeflächen unterschiedlicher Preislagen machen den Raum attraktiv für Unternehmen und bringen Arbeit in das Viertel zurück. Eine KITA mit Sprachförderung und Schulräume für Kunst-, Technik- sowie eine Textilwerkstatt verschränken gewerbliche Nutzung und Bildungsangebote. In zum Teil öffentlich geförderten und barrierefreien Wohnungen finden große Familien, Senioren und Studenten-WGs ein neues Zuhause. Eine tausend Quadratmeter große Etage steht der Nachbarschaft zur flexiblen Nutzung zur Verfügung. Zusätzlich wird in Kooperation mit der Stadt Wuppertal eine anliegende Brachfläche als „Nachbarschaftspark“ entwickelt.

Kontakt
Carl Richard Montag Förderstiftung
Tel.: 0228 26716-633
info@montag-stiftungen.de

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Lars Czommer
Tel.: 02041 767254
l.czommer@gib.nrw.de

Kontakte

Dr. Andreas Kletzander
Vorstand für Arbeitsmarkt und Kommunikation
Jobcenter Wuppertal
Bachstraße 2
42275 Wuppertal
Tel.: 0202 747-63802
andreas.kletzanderjobcenter.wuppertal.de

Erik Christian Schönenberg
Fachkraft Referat „Wirtschaft und Projekte“
Jobcenter Wuppertal
Bachstraße 2
42275 Wuppertal
Tel.: 0202 74763-179
erik.schoenenberg@jobcenter.wuppertal.de

Christine Roddewig-Oudnia
Leiterin des Ressorts
„Kinder, Jugend und Familie – Jugendamt“
Stadt Wuppertal
Alexanderstr. 18
42103 Wuppertal
kinder.jugend.und.familie@stadt.wuppertal.de
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