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(Heft 4/2019)
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Christian Stegbauer, Professor für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

„Netzwerke leben durch die Struktur ihrer Beziehungen“

Ein Netzwerk lebt durch die Struktur seiner Beziehungen und einer guten Mischung aus Homogenität auf der einen und Diversität auf der anderen Seite. Dies sind wichtige Erkenntnisse, die Prof. Dr. Chris­tian Stegbauer am Rande eines Erfahrungsaustauschtreffens zum Qualifizierungsvorhaben für Akteure der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA)“ am 11. September im RuhrTurm in Essen erläuterte, nachdem er zuvor zur Keynote „Koordinierung von Netzwerken – Herausforderungen für Kommunale Koordinierungsstellen“ referierte.

G.I.B.: Herr Prof. Dr. Stegbauer, gibt man im Internet den Suchbegriff „Netzwerk“ ein, so werden einem zunächst informationstechnologische Begriffserläuterungen angezeigt, zum Beispiel: „Als Netzwerk bezeichnet man den Verbund mehrerer Rechner oder Rechnergruppen zum Zweck der Datenkommunikation“ oder „Netzwerke verbinden verschiedene Computer oder Systeme miteinander, um einen Datenaustausch zwischen diesen Rechnern möglich zu machen.“ Sie beschäftigen sich im Rahmen Ihrer Forschung nicht mit IT-Netzwerken, sondern mit sozialen Vernetzungen. Wie definieren Sie ein „Netzwerk“?

Stegbauer.jpgProf. Dr. Christian Stegbauer: Die Definition des Netzwerks ist nicht ganz einfach. Der Begriff, der auch unter Wissenschaftlern in verschiedenen Zusammenhängen benutzt wird, stammt ursprünglich aus einem Teilgebiet der Mathematik, der sogenannten Graphentheorie. Die graphentheoretische Definition sieht ein Netzwerk als abgegrenztes Set von Knoten und Kanten. Übertragen auf „soziale Netzwerke“ bedeutet das: Als Knoten fungieren die Institutionen, Organisationen und Menschen, die miteinander kommunizieren. Die Beziehungen untereinander werden durch die Kanten symbolisiert. Die Netzwerkforschung untersucht die unterschiedlichen Strukturen dieser Beziehungen. Ein typisches Merkmal von Netzwerken sind Zentrum-Peripheriestrukturen, bei denen die Kommunikation und die Beziehungen zur Peripherie und zwischen der Peripherie über das Zentrum laufen. Beispiele für solche Strukturen in der Praxis sind Drehkreuze im Luftverkehr und der Hauptbahnhof in einer Großstadt, über den oft alle Straßenbahnlinien führen.

G.I.B.: Welche Bedeutungen haben Netzwerke im Alltag von Menschen und insbesondere in der Arbeitswelt?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Jede Beziehung, die man unterhält, zählt zu einem Netzwerk, und jedes Netzwerk besitzt eine bestimmte Struktur. Betrachtet man die Beziehungsstruktur einzelner Personen, spricht die Forschung von einem egozentrierten Netzwerk. Was Menschen antreibt, hat praktisch immer mit den Beziehungen zu anderen zu tun. Anerkennung und soziale Integration sind bedeutender, beziehungsweise sie erklären individuelle Motive. Auf den Punkt gebracht: Jeder Mensch hat Netzwerkbeziehungen und ohne Beziehungen kann der Mensch nicht überleben.

Auch in der Arbeitswelt spielen Netzwerke eine wichtige Rolle. Hier werden Netzwerke oft in einem Organigramm beschrieben, das festlegt, wie die Mitarbeiter in einer Organisation zusammenarbeiten. Jeder von ihnen übt eine bestimmte Rolle aus. Die Kommunikationsabläufe sind mehr oder weniger genau festgelegt.

G.I.B.: In Ihrem Vortrag „Koordinierung von Netzwerken – Herausforderungen für Kommunale Koordinierungsstellen“ haben Sie auf die mögliche Diskrepanz zwischen formal strukturierten Netzwerken und daneben bestehenden informellen Netzwerken hingewiesen. Worin besteht diese Diskrepanz und welches sind ihre Ursachen?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Die Planung der Organisation eines Netzwerks mit all ihren Arbeitsabläufen ist sehr schwierig, da sich nicht immer genau vorhersehen lässt, welche Verbindungen geschaffen werden müssen, damit alle Aufgaben bestmöglich erledigt werden können. Deshalb wird in der Praxis oft nach Wegen gesucht, die nicht mit denen des formalen Netzwerks übereinstimmen. In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung persönlicher Beziehungen nicht zu unterschätzen. So hat der bereits verstorbene renommierte amerikanische Soziologe Peter Michael Blau in einer Untersuchung beobachtet, dass besonders kompetente Mitarbeiter einer Behörde von ihren Kollegen oft um Hilfe gebeten wurden, obwohl dies nach der vorgegebenen Kommunikationsstruktur nicht zulässig war. Auf diese Weise ist eine informelle Hierarchie entstanden, die zu einem Kompetenzgefälle führte. Mitarbeiter, die in einem Netzwerk ständig mit Fragen konfrontiert werden, könnten zudem auf Dauer überfordert werden.

G.I.B.: Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Netzwerkforschung?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Auf eine wesentliche Erkenntnis habe ich schon hingewiesen: Strukturen sind wichtiger als Personen.

Spannend ist es zu beobachten, wie in einem Netzwerk ein Verhaltensabgleich entsteht. Über die Beziehungsstruktur wird das eigene Verhalten an andere weitergegeben. Dieses Phänomen lässt sich sehr gut durch die Weinprobe veranschaulichen, ein praktisches Beispiel aus meiner Arbeit, das für die universitäre Forschung zunächst etwas skurril erscheint. Die Idee ist ganz einfach: Wir bringen mehrere Leute, die sich nicht kennen, zu einer Weinprobe zusammen und beobachten, was passiert. Dabei spielen Konventionen eine wichtige Rolle. Wer sich mit einer Weinprobe auskennt, hält das Glas am Stiel, riecht am Wein und schwenkt das Glas. Die anderen Teilnehmer übernehmen dieses Verhalten. So entsteht eine Kultur der Gemeinsamkeit, eine Tendenz zur Gleichheit.

Die Forschung offenbart weiter, dass sich Netzwerkverhalten einprägt, sich in späteren Situationen fortsetzt und auch in einem neuen Netzwerk als Multiplikator dient. Im Zuge dieser Forschung haben wir an der Universität Erfurt Verkäuferinnen im Direktvertrieb interviewt. Diese Vertriebsform kennt man beispielsweise von Tupperpartys. Die Verkäuferinnen bestätigten, dass ein Verkaufsabend am Erfolg versprechendsten ist, wenn mindestens die Hälfte der Teilnehmerinnen schon an so einer Veranstaltung teilgenommen hat und die bereits ausgehandelte Kultur weitergeben kann.

Eine weitere wichtige Erkenntnis betrifft die Erforschung von sozialen Netzwerken im Internet. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen, die oft noch nicht einmal etwas miteinander zu tun haben, kann zu erheblichen Auseinandersetzungen führen und ist oft für Shitstorms verantwortlich. Die Sozialität eines Netzwerks im Internet weist in vielen Fällen eine andere Dynamik auf als der persönliche Umgang. Im direkten Kontakt geht man mit einer Person, um die Form zu wahren, oft anders um, als wenn man mit ihr anonym über das Internet kommuniziert oder mit anderen hinter ihrem Rücken über sie redet.

G.I.B.: In vielen Netzwerken arbeiten unterschiedliche Partner zusammen, die nicht immer zum selben Zeitpunkt in die Netzwerkarbeit einsteigen. Welche Probleme können sich daraus in der dynamischen Entwicklung eines Netzwerks ergeben?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Ein Problem besteht darin, dass einige Netzwerker ein Projekt von Beginn an mit großem Engagement entwickelt haben und spätere Neueinsteiger schon nach kurzer Zeit bei entscheidenden Aspekten mitreden möchten. Das Engagement der „Mitarbeiter der ersten Stunde“ droht durch die Neulinge entwertet zu werden. Zudem hat sich im Netzwerk schon eine Führungsschicht herausgebildet. Bestimmte wichtige Positionen sind besetzt und nicht beliebig vermehrbar. Der deutsch-italienische Soziologe Robert Michels hat zwischen 1907 und 1911 in seinen Thesen zur Demokratieentwicklung („Ehernes Gesetz der Oligarchie“) dargelegt, dass Führungsgruppen in Organisationen zunehmend eigene Interessen herausbilden und so die Gefahr besteht, dass die eins­tigen Ziele der gesamten Gruppe in den Hintergrund treten können.

Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass mit einer zentralen Rolle auch ein hohes Maß an Verantwortung und die Zuschreibung von Erfolg, aber auch von Misserfolg verbunden sind. Deshalb sind nicht alle Beteiligten in einem Netzwerk bestrebt, eine zentrale Rolle einzunehmen. Eine periphere Position kann mehr Freiheiten bieten und deutlich bequemer sein.

G.I.B.: Was sind die Herausforderungen für ein professionelles Netzwerk, um seine Ziele zu erreichen?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Die größte Herausforderung besteht darin, möglichst alle Partner zu beteiligen, sie zu engagieren und für einen Interessenausgleich zu sorgen, um die unterschiedlichen Intentionen unter einen Hut zu bringen.

Wird ein Netzwerk eingerichtet, dann sollte die Struktur so gestaltet sein, dass sich Ideen entwickeln und verbreiten können. Dann ist Diversität wichtig. Neue Ideen entstehen eher, wenn die Partner eine Unterschiedlichkeit aufweisen. Diversität steht jedoch im Gegensatz zu einem anderen Gesetz der Netzwerk-Strukturierung. Die sogenannte soziale Homophilie oder auch Tendenz zur Gleichheit besagt, dass Menschen bevorzugt dann miteinander agieren, wenn sie sich ähnlich sind. So entstehen informelle Bindungen, die ebenfalls nützlich sein können, solange die Diversität im Rahmen einer professionellen Netzwerkarbeit nicht gefährdet wird.

Grundsätzlich gilt also, dass persönliche Beziehungen für die Strukturierung eines Netzwerks hilfreich sind. Fällt in einer solchen gewachsenen Struktur eine wichtige erfahrene Person weg, dann fehlt eine Stütze in der gesamten Struktur, die von einem „Neuling“ meist nicht ohne Weiteres aufgefangen werden kann. Dabei ist zu berücksichtigen, dass alteingesessene Netzwerker und nachrückende Akteure nicht ganz einfach zusammenzubringen sind. Sie haben unterschiedliche Denkweisen, die nicht immer miteinander harmonieren. Andererseits streben auch erfahrene und persönlich eng miteinander verbundene Netzwerker nach Neuem, wenn sich ihre Ideen irgendwann erschöpft haben.

Ein gut funktionierendes Netzwerk profitiert von einer gesunden Mischung unter den Teilnehmenden. Enge Verbündete sind wichtig, aber auch lose Verbindungen zu anderen Akteuren, um neue Impulse und Innovationen einzubeziehen.

Manche Organisationen setzen zur Weiterentwicklung von Beziehungen Incentives ein, also besondere Maßnahmen und Anreize zur Motivationssteigerung. Hierdurch entsteht ein Nebeneffekt, der oft gar nicht geplant war: Wenn kluge Köpfe aus verschiedenen Ressorts zum Beispiel einen gemeinsamen Segelturn unternehmen, müssen sie eng zusammenarbeiten. So kommen Mitarbeiter in einer Konstellation zusammen, die im Arbeitsalltag nicht möglich wäre. Auf diese Weise wird jenseits der Arbeitsplattform die Gelegenheit für einen persönlichen, informellen Austausch geschaffen. Manchmal entstehen hier neue kreative Ideen, die zu Neuerungen führen. Die Wissenschaft nennt so etwas Kamikaze-Innovationen.

G.I.B.: Sollten Netzwerke gezielt koordiniert werden, um die Verbreitung innovativer Ideen zu fördern?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Die Frage ist nicht pauschal zu beantworten. Kamikaze-Innovationen sind deshalb besonders spannend, weil sie eher zufällig zustande kommen, auch wenn sie in gewissem Maße arrangiert werden können. Eine wichtige Aufgabe der koordinierenden Stelle besteht darin, die Situation immer wieder neu zu bewerten und gegebenenfalls Veränderungen zu initiieren. Vor allem wenn ein komplexes Netzwerk aus vielen Partnern besteht, halte ich eine Koordinierungsstelle für wichtig.

G.I.B.: Wir beobachten eine zunehmende Tendenz, Netzwerke zu querschnittsübergreifenden Themen einzurichten. Halten Sie diese Strategie für sinnvoll?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Für die Einrichtung von Netzwerken gibt es verschiedene Gründe. In vielen Fällen kommt man zur Erkenntnis, dass eine Institution allein eine komplexe Aufgabe nicht bewältigen kann. Auch krankt die hierarchische Organisation häufig daran, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur innerhalb einer Abteilung kommunizieren dürfen. Die Kommunikation mit einer anderen Abteilung läuft über die nächste Führungsebene. Kommunikation über Hierarchie ist aber nicht immer effizient. Deshalb werden Organisationseinheiten oder verschiedene Institutionen zusammengebracht, um eine Aufgabe gemeinsam zu bearbeiten. Mit solchen neuen Strukturen kann man alle Beteiligten direkt miteinander in Kontakt bringen. Die Strategie, Netzwerke zu forcieren, kann deshalb sinnvoll sein. Aber es ist wichtig, von Beginn an zu überlegen, wie die Struktur aussehen soll.

G.I.B.: In Netzwerken finden sich verschiedene Institutionen, die trotz eines gemeinsamen Hauptziels zum Teil sehr unterschiedliche Interessen verfolgen. Außerdem erfordert die hohe Komplexität viele Abstimmungen und oft einen langwierigen Prozess, um das Ziel zu erreichen. Kann Netzwerkarbeit unter diesen Aspekten sogar kontraproduktiv sein?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: In gewisser Weise schon. Der Gedanke, in einem Netzwerk alle für das Thema erdenklichen Partner zusammenzubringen, führt meistens nicht zu den besten Lösungen.

Wenn Partner kooperieren, die verschiedene Interessen verfolgen, ist es wichtig, ein Bewusstsein für eine Zusammenarbeit zu entwickeln, um die partiellen Ziele und am Ende das Hauptziel nicht zu gefährden. Das ist bisweilen schwierig, vor allem wenn die Interessen stark voneinander abweichen. Manchmal ist es sinnvoll, innerhalb eines Netzwerks einen Mittler zwischen sehr verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten zu platzieren.

Abstimmungen, auch wenn sie müßig und als zu langwierig erscheinen, sind in vielen Fällen vor allem wichtig für die Legitimation. Alle Beteiligten müssen befragt werden, selbst wenn die Entscheidung im Grunde schon feststeht.

Ausschlaggebend für den Erfolg eines Netzwerks sind eine klare, nicht zu komplizierte Struktur und eine gute Koordination. Wenn man zur Erkenntnis kommt, dass nicht alle Partner zu jeder Frage gehört werden müssen, ist das meistens der bessere Lösungsansatz.

G.I.B.: Gestatten Sie uns zum Schluss eine persönliche Frage: In welchem Netzwerk oder Beziehungsgeflecht halten Sie sich persönlich am liebsten auf?

Prof. Dr. Christian Stegbauer: Am liebsten halte ich mich dort auf, wo ich Anerkennung erfahre, wo ich eine gewisse Bedeutung habe und wo ich das Gefühl habe, gut aufgehoben zu sein.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Ulrich Schipp
Tel.: 02041 767258
u.schipp@gib.nrw.de

Kontakt

Prof. Dr. Christian Stegbauer
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Theodor-W.-Adorno-Platz 6
60323 Frankfurt am Main
Tel.: 069 798-36551
stegbauer@soz.uni-frankfurt.de
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