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(Heft 4/2019)
Modellprojekt Hêvî

„Eine bestimmte Anzahl gelungener Integrationen kann kein Maßstab für die heutigen Herausforderungen eines Jobcenters sein“

Seit den 1980er Jahren lebt ein Teil der ältesten Glaubensgemeinschaften der Welt in Bielefeld – die Jesiden, eine Volksgruppe die ursprünglich aus der Türkei, Syrien und dem Irak stammt. Die ersten Jesiden kamen Anfang der 1980er Jahre aus der Türkei und Syrien nach Bielefeld und haben seitdem ihren Platz in der Bielefelder Bürgergesellschaft gefunden. Anfang der 2000er flüchteten vermehrt Jesiden aus dem Irak nach Deutschland, einige zog es nach Bielefeld. Die Volksgruppe wurde in der Vergangenheit in ihrer Heimat immer wieder verfolgt und vertrieben – wie zuletzt beim Massaker im nordirakischen Sindschar-Gebirge, bei dem IS-Terroristen tausende Männer töteten, die Frauen vergewaltigten und verschleppten und Hunderttausende in die Flucht trieben. Viele von ihnen fanden damals, im Jahr 2015, Zuflucht in Bielefeld.

In einem fremden Sprach- und Kulturmilieu mit hohen Zugangsbarrieren zum Bildungsbereich und häufig geprägt von physischen und psychischen Belastungen, persönlichen Verlusten sowie Traumatisierung, leben sie meist in Isolation und Arbeitslosigkeit. Diesen negativen Kreislauf zu durchbrechen und ihnen eine Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen, stellt eine enorme Herausforderung dar, bei der die üblichen Wege der Förderung und Unterstützung nicht ausreichen. Das Jobcenter Arbeitplus in Bielefeld entwickelte daher mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales sowie des Europäischen Sozialfonds im Modellprojekt „Hêvî“ ein neues Handlungskonzept.

„Hêvî“ ist kurdisch und bedeutet Hoffnung. Die wollte das Team Hêvî vom Jobcenter Arbeitplus in Kooperation mit der Regionalen Personalentwicklungsgesellschaft mbH (REGE), den Bodelschwingsche Stiftungen – Stiftungsbereich proWerk und dem Verein Psychologische Frauenberatung den geflüchteten Familien in Bielefeld geben. Ziel von Hêvî war es, erwerbsfähige Personen mit Fluchtgeschichte und deren Angehörige dabei zu unterstützen, in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt anzukommen. 600 Geflüchtete nahmen von Oktober 2016 bis Dezember 2018 an dem Projekt teil, die größte Gruppe stellten irakische Jesiden.

„Es war an der Zeit zu handeln und neue Wege zu gehen“, so der Geschäftsführer des Jobcenters Bielefeld, Rainer Radloff. Denn die Gruppe der Jesiden, die sich im Langzeitleistungsbezug befand, sei über die Jahre zu beträchtlicher Größe angewachsen. Die Migrationsbewegungen von 2015 brachten zusätzlich viele Jesiden vornehmlich aus dem Irak nach Bielefeld, die heute Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) beziehen. Heute leben allein aus dem Irak 4.548 regelleistungsberechtigte Iraker in Bielefeld, das sind 12,7 Prozent der Leistungsberechtigten des Jobcenters Arbeitplus. Wie viele Personen darunter tatsächlich Jesiden sind, lässt sich nur schätzen, da vom Jobcenter zwar die Nationalität aber nicht die Religionszugehörigkeit erhoben wird. Die Mehrzahl, so wird vermutet, dürfte dem Jesidentum zugehörig sein. „Es war schwierig, mit den Maßnahmen die das SGB II bereithält, bildungsunerfahrene Personen zu erreichen und wirksam zu unterstützen, da sie zu spät ansetzen und für diese Personengruppe zu viel voraussetzen. Wir haben uns daher an das Land gewandt, um mit einer Projektförderung neue Maßnahmen einleiten zu können“, sagt Radloff. Dank einer Projektförderung durch das Land Nord­rhein-Westfalen ging „Hêvî“ schließlich im Oktober 2016 an den Start.

Viele Herausforderungen …
 

„Die große Herausforderung im Umgang mit der Zielgruppe liegt darin, dass wir es mit multiplen Problemlagen zu tun haben“, beschreibt Radloff die Ausgangslage des Projekts. Die Geflüchteten sind auf ein Leben in einer Bildungs- und Wissensgesellschaft nicht vorbereitet. In ihrer Heimat lebten sie in archaischen Gesellschaftsformen. Viele Eltern sind Analphabeten und kennen die Notwendigkeit der Investition in Schule und Bildung nicht. Ihnen fehlt das notwendige Wissen, um ihre Kinder bei schulischen Angelegenheiten adäquat unterstützen zu können. „Zwei Drittel der Teilnehmenden haben weniger als sieben Jahre die Schule besucht, Frauen häufig sogar nur vier. Ab der vierten Klasse nehmen viele Eltern ihre Kinder von der Schule, unter anderem aufgrund der Gefahr für die Mädchen entführt zu werden“, erklärt Markus Link, ehemaliger Projektleiter von Hêvî. Die Allermeisten bringen keine Lernerfahrung aus einer Schule mit und konnten sich so auch keine Lernstrategien aneignen.

Der niedrige Bildungshintergrund erschwert natürlich auch das Erlernen der deutschen Sprache. 80 Prozent der Teilnehmenden am Projekt Hêvî erreichten zuvor in einem Sprachkurs nicht das Sprachniveau B1. Sie waren mit den Anforderungen schlicht überfordert. Das schlechte Abschneiden in den Sprachkursen resultiert aber auch aus kollektiven und zum Teil individuellen Traumata. „Die Kurse standen kurz nach dem Ankommen in Deutschland im Schatten der Überfälle des IS auf Verwandte in der Heimat. Die Kursteilnehmenden waren emotional noch nicht in der Lage, sich auf das Erlernen einer fremden Sprache zu konzentrieren“, sagt Link.

Dies betrifft insbesondere die Frauen, denn „sie müssen nicht nur ihre eigenen schmerzvollen Erfahrungen vom Verlust Angehöriger verarbeiten, sondern auch den Familienangehörigen in ihrer Trauer Beistand leisten. Das beansprucht sie stark“, so Cornelia Neumann, Geschäftsführerin des Vereins Psychologische Frauenberatung. Damit nicht genug: „Die Gruppe der eng mit der Tradition verbundenen Frauen stehen unter dem Druck der Reproduktion, angesichts hoher personeller Verluste kommt ihnen historisch-gesellschaftlich die Aufgabe zu, genügend Kinder zu gebären, um den Erhalt der Ethnie zu sichern. Damit verbunden sind unter belastenden Lebensbedingungen immer auch Fehlgeburten – eine zusätzliche körperliche und seelische Belastung, die sie zu verkraften haben“, so Neumann. „Die jesidischen Familien pflegen traditionell außerdem sehr enge Freundschaften untereinander. Dies stabilisiert ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre gegenseitige Unterstützung ist ein wichtiger Resilienzfaktor, beinhaltet aber auch, dass die Frauen in hohem Maße über die familiäre Haushaltsarbeit (zum Beispiel durch regelmäßiges Kochen für große Treffen am Wochenende) eingebunden sind und wenig Zeit für das Pflegen neuer Kontakte übrig bleibt.“ Dass die Gesellschaft auf einem Narrativ beruht – Geschichte und religiöse Traditionen werden nicht aufgeschrieben, sondern ausschließlich erzählt – wirkt sich auf die Integration in Deutschland aus. „Um kollektive Narrative zu erhalten, die Tradition zu pflegen und weiterzuentwickeln, ist ein stetiger – muttersprachlicher – Austausch notwendig. Dies ist einerseits ein wichtiger Resilienzfaktor, erschwert aber andererseits das Erlernen einer neuen Sprache und deren soziokulturelle Regeln“, so Neumann. Die intensive Beanspruchung innerhalb der eigenen Familie und der jesidischen Gemeinschaft, gepaart mit einem akuten Mangel an Bildung und Verständnis für die Voraussetzungen und Bedingungen einer modernen Gesellschaft, erfordern neuartige, auf die Zielgruppe zugeschnittene Maßnahmen und Herangehensweisen.

… benötigen einen Mix aus Angeboten
 

In verschiedenen Teilprojekten nahmen sich die Projektpartner der komplexen Integrationsproblematik der Jesiden an. Das Jobcenter übernahm die Gesamtprojektleitung und vermittelte die einzelnen Fälle je nach Expertise an die Projektpartner weiter. Die REGE bot ein integrationsförderndes Familiencoaching an und bildete Sprach- und Kulturassistentinnen und -assistenten als Bindeglied zwischen der Gemeinschaft und den Projektträgern aus. Der Verein Psychologische Frauenberatung und der Stiftungsbereich proWerk stellten jeweils traumasensible Bildungs- und Beratungs­angebote zur Verfügung. ProWerk, das Menschen, die noch nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, dabei hilft, ihnen eine berufliche und soziale Teilhabe zu ermöglichen, vermittelte den Teilnehmenden von Hêvî in Bildungsseminaren unter anderem Wissen über die Aufnahmegesellschaft. Den geflüchteten Frauen erklärte es beispielsweise das Schulsystem oder zeigte ihnen mögliche Wege in Arbeit und Ausbildung auf und für die Männer schuf es Anreize, den Lebensunterhalt durch Erwerbsarbeit zu bestreiten.

Für zusätzlichen Input von außen gründete man einen Beirat bestehend aus dem Sozialdezernenten der Stadt Bielefeld sowie Expertinnen und Experten im Bereich Arbeitsmarkt und Flucht aus der Industrie- und Handelskammer, Kulturexpertinnen und Kulturexperten aus den jesidischen Vereinen aus Bielefeld, der Klinik für Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin im evangelischen Klinikum Bethel und dem Verein zur Beratung und Unterstützung von Geflüchteten AK Asyl e. V.

Oberste Prämisse für alle Teilprojekte lautete: Vertrauen aufbauen! So wurde sich von den Mitarbeitenden im Jobcenter für alle Teilnehmenden Zeit genommen, um herauszufinden was die Einzelne/der Einzelne braucht, und um eine für beide Seiten verbindliche Arbeitsbeziehung aufzubauen. Die allermeisten Teilnehmenden konnten so dafür gewonnen werden, Neues auszuprobieren oder sich überhaupt das erste Mal auf ein Angebot einzulassen. Hierbei kam es vor allem auf eine angemessene Ansprache durch die Beratungsfachkräfte an. Wichtige Informationen wurden immer übersetzt und wenn notwendig auch muttersprachlich beraten oder ein Sprach-und Kulturassis­tent eingesetzt. So bekam man Zugang zur Zielgruppe, erfuhr über deren Ängste und konnte entsprechend handeln. Ein Beispiel: der Verzicht auf Schriftverkehr. „Viele haben aus Angst vor Ämtern Post nicht geöffnet, sie verbinden mit Behörden Gefahr. Mussten sie in der Heimat einen Termin bei einer Behörde wahrnehmen, war nicht sicher, ob sie danach wieder nach Hause kehren konnten, da die Behörden häufig willkürlich Festnahmen vornahmen“, sagt Michael Bauch, Bereichsleiter im Jobcenter Arbeitplus Bielefeld.

„Wir haben über Bildungsangebote zu den Themen, Gesundheit, Erziehung und Beziehung den Zugang zu der Zielgruppe der Frauen gesucht; über den Erfahrungsaustausch und das Verstehen soziokulturell unterschiedlicher Regeln und Normen konnte so eine Grundlage des gegenseitigen Kennenlernens geschaffen werden. Dieser Zugang über Bildungsangebote erwies sich auch von daher als notwendig, als Beratung, zudem die Form der Frauenberatung wie wir sie in Nordrhein-Westfalen kennen – als Lebensberatung mit einem prioritären Schwerpunkt bei allen Gewaltformen –, in vielen Ländern nicht existiert und daher als Angebot zu hochschwellig wäre. Über die Bildungsangebote haben die Frauen die Beraterinnen – Pädagoginnen – kennengelernt und einen Eindruck über die Bandbreite der Unterstützungsmöglichkeiten gewinnen können“, sagt Neumann. Bildungs- wie Beratungsangebote fanden in einem exklusiv für Frauen angebotenen Schutzraum statt. Sie erhielten Informationen über Themen wie Sozial- und Gesundheitssystem, Kindererziehung und Schul- wie Bildungssystem, seelische Gesundheit und Rechte als Frauen in Deutschland. Auf Wunsch der Frauen berief man zusätzlich einen Termin mit einer Gynäkologin ein, die ihnen Informationen über die Frauenheilkunde gab und ihre Fragen beantwortete. Neben der Möglichkeit einer individuellen psychologischen Beratung in der Frauenberatungsstelle gab es auch die Option, an einer Stressbewältigungs- oder kreativen Stärkungsgruppe einmal wöchentlich teilzunehmen – jeweils mit Sprach- und Kulturmittlerin –, um durch die Vermittlung verschiedener Techniken einen besseren Umgang mit (traumatischem) Stress zu erlernen.

So wurden zum Beispiel in der Stressbewältigungsgruppe Symptome wie massive Konzentrationsschwächen, Ängste und Schlafstörungen, über die die Frauen klagten, als gesundheitliche Folgen ihrer kollektiv und individuell unterschiedlich traumatisierenden Lebenserfahrungen infolge von Gewalterfahrungen und Verlusten eingeordnet. Zur psychischen Stabilisierung wurden zum einen die individuellen Ressourcen (re-)aktiviert, zum Beispiel positive Erinnerungen an Naturerfahrungen, zum anderen gezielt Techniken zur Stressreduktion vermittelt und erprobt. In der kreativen Stärkungsgruppe wurden darüber hinaus über kreative Methoden kollektiv oder individuell neue Ressourcen erarbeitet. Neumann: „Wir konnten damit den Frauen Stress nehmen und ihre Konzentrationsfähigkeit steigern. So fiel ihnen auch das Lernen leichter.“

Einen neuen Beratungsansatz entwickelte die REGE mit dem Familiencoaching. „Anders als bei herkömmlichen Coaching-Prozessen stand hier nicht der Einzelne im Fokus der Begleitung, sondern das gesamte Familiensystem unter Berücksichtigung aller Familienmitglieder“, erklärt der Bereichsleiter der kommunalen Arbeitsförderung der REGE, Ingo Doerk. So gelänge es, in Bezug auf die arbeitsmarktliche und soziale Integration sowohl die Ressourcen als auch integrationshemmende Faktoren eines Einzelnen im Kontext zu sehen. Meist gelang es nicht beide Elternteile in die Beratung zu lotsen. „Wenn wir aber den Einzelnen erreichen, wirkt sich das im Ergebnis später auf das ganze Familiensystem aus“, so Doerk.

Zum Beispiel so: Ein Mann begriff durch das Coaching die Wichtigkeit des Sprach­erwerbs und ermutigte anschließend seine Frau, die nicht am Coaching teilgenommen hatte, dazu, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Grundsätzlich, so Doerk, sei nach einer Aufklärung über das Schul- und Bildungssystem das Bildungsinteresse der Zielgruppe durchaus stark ausgeprägt, „schwierig war aber die Vermittlung des Systems an sich. Wir mussten den Personen Schritt für Schritt erklären, was Elternabende sind, wie Gespräche mit Lehrenden ablaufen, dass es nicht egal ist, auf welche weiterführende Schule ihre Kinder gehen. Diese Gespräche fanden auf einem sehr niedrigen Niveau statt“, so Doerk. Dementsprechend groß war der zeitliche Aufwand für Vorbereitung und Durchführung der Beratung. Insbesondere bei Teilnehmenden, die schon lange hier leben.

Doerk: „Wir müssen bei ihnen nachholen, was im ersten Integrationsversuch, aufgrund des fehlenden Wissens über kulturelle Hintergründe, schieflief. Bei Familien, die schon länger als zehn Jahre hier sind, hat sich eine Parallelwelt aufgebaut.“ Dies zu korrigieren, betont Doerk, beanspruche viel Zeit.

Ein Projekt endet, die Hoffnung bleibt
 

Im Dezember vergangenen Jahres endete die Förderung des Projektes Hêvî. Grundsätzlich fällt die Bilanz positiv aus. Für die meisten Teilnehmenden war das Projekt ein erster Schritt hin zur gesellschaftlichen Teilhabe. Von 300 Männern nahmen 130 eine Beschäftigung auf – wenn auch nicht in jedem Fall dauerhaft.

Es ist deutlich geworden, dass es wichtig ist die Personen immer wieder gezielt über Berufsbilder, Ausbildungen, Vergütungen, Rechte und Pflichten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu informieren. Und: Das Prinzip einer Solidargesellschaft zu erklären. Radloff: „Einige fühlen sich durch die sozialen Sicherungssysteme gut versorgt und erkennen in einer Erwerbstätigkeit keinen finanziellen Vorteil. Es ist wichtig ihnen zu erklären, woher das Geld, das sie erhalten, kommt. Andere wiederum sind Stolz, darauf was sie erreicht haben. Dass sie nun Teil der Arbeitsgesellschaft sind und ihren Beitrag zum Gemeinwohl über Steuern und Sozialversicherungsabgaben leisten können.“

Schwieriger gestaltete sich die Integration der Frauen in Arbeit und doch konnte das Projekt auch hier durchaus Erfolge erzielen, sodass immerhin 15 Frauen eine Beschäftigung fanden. „Die Zahl mag einem gering erscheinen. Wenn man aber berücksichtigt, dass die Frauen aus einer Gesellschaft kommen, in der sie noch in sehr traditionellen Rollen gefangen sind und in der Regel nicht arbeiten, so ist die Zahl doch durchaus positiv zu bewerten“, erläutert Link.

Tief verwurzelte Rollenbilder ließen sich nicht von heute auf morgen aufbrechen, ergänzt Neumann. „Eine Grundvoraussetzung ist, Frauen über die verschiedenen Versorgungssysteme, ihre Rechte als Frauen aufzuklären und Zugang zu soziokultureller Bildung zu verschaffen, auch um die erworbenen Sprachkenntnisse an unterschiedlichen Orten einsetzen zu wollen und zu können.“ Zum Vergleich: Der Anteil der Frauen, der innerhalb des Projektes nicht das Sprachniveau A1 erreichte, lag bei 49 Prozent. Bei den Männern waren es „nur“ 19 Prozent.
Insgesamt zeigten die Angebote des Vereins Psychologische Frauenberatung und proWerk im Projekt Hêvî jedoch Wirkung. Neumann: „Die Frauen in den Kursen haben uns die Rückmeldung gegeben, dass sie verstehen, dass wir ihnen dabei helfen, das tun zu können, wozu sie imstande sind. Viele sagen heute, dass sie froh seien, uns kennengelernt zu haben, und dass sie uns nicht verlieren wollen. Das ist für uns ein großer Vertrauensbeweis.“ Darüber hinaus ist es gelungen, Anreize zu schaffen. Durch Besuche wie zum Beispiel in der Universität Bielefeld und das Kennenlernen der dortigen Frauenstudien im Bereich Erziehungswissenschaft. Das bedeutet zwar nicht, dass sie morgen studieren können. Entscheidend aber sei, dass die Frauen eine Idee davon bekämen, welche Palette an Möglichkeiten eine Integration in die Gesellschaft ihnen bereithalte. „Die Frauen haben durch die Angebote gelernt, wie sie sich sichtbar machen und sich einen Weg in die Öffentlichkeit bahnen können. Auch so etwas Alltägliches wie der Besuch eines Elternsprechtags lässt sich als Projekterfolg werten“, so Neumann.

Das Projekt hat gezeigt, dass die Integration zugewanderter arbeitsmarktferner Menschen durchaus gelingen kann. Insbesondere dann, wenn städtische Einrichtungen und Vereine so engagiert zusammenarbeiten, wie es in Bielefeld der Fall war. Link: „Entscheidend für das Gelingen von Hêvî war der Aufbau einer Vertrauensebene und zwar über den Dialog mit den Menschen auf Augenhöhe, bei Bedarf zunächst durchaus auch über die Verständigung in der Muttersprache. Das war die Basis um im nächsten Schritt Bildungs- und Sprachförderangebote – angepasst an den Bildungsgrad und die zeitlichen Ressourcen – an die Zielgruppe heranzutragen. Gleichzeitig war es wichtig, den zugewanderten Menschen eine Verbindlichkeit in der Zusammenarbeit zu vermitteln und ihnen, die Krieg und Verluste erfahren mussten, Orientierung in der neuen Gesellschaft zu geben, auch durch Angebote zur psychischen Stabilisierung.“

Das Projekt ist zwar beendet, aber der Hêvî-Ansatz bleibt. Neben einem sechsköpfigen Beraterteam des Jobcenters Arbeitplus Bielefeld, das im Rahmen des Arbeitsprozesses der Stadt „Bielefeld integriert“ weiterhin Teilnehmende von Hêvî betreut und neue Gemeinschaften erschließen soll, setzt auch der Verein Psychologische Frauenberatung sein Bildungs- und Beratungsangebot fort. Ebenso die REGE, wenn auch in veränderter Form. Aktuell bietet sie in einem Pilotprojekt 43 ehemaligen Hêvî-Teilnehmenden einen speziell auf sie zugeschnittenen Sprachkurs an. Die klassischen Kategorien A1 und A2 sind hierbei in sechs Unterkategorien aufgeteilt. Doerk: „Wir haben aus Hêvî gelernt, dass die herkömmlichen Integrations- und Sprachkurse kaum zu Erfolg, bei der Zielgruppe führten. Mit der neuen Aufteilung können wir nachweisen, dass sie sehr wohl Fortschritte machen. Eben nur viel kleinschrittiger. Man muss ihnen mehr Zeit als anderen Zielgruppen einräumen.“

Zeit ist das zentrale Stichwort im Zusammenhang mit der Integration jesidischer Geflüchteter. Das Projekt konnte zwar positive Prozesse in Gang setzen, „drei Jahre reichen jedoch nicht aus, um eine nachhaltige Integration zu erreichen“, so Radloff. Was es brauche, seien verstetigte Angebote und nicht zeitlich befristete. Abschließend wünscht sich Radloff daher: „Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Jobcentern die Freiheit geben, kundenspezifische Integrationsmaßnahmen anzubieten. Wir benötigen regionale Instrumente, um vor Ort gestalten zu können. Eine bestimmte Anzahl gelungener Integrationen ist kein Maßstab für die heutigen Herausforderungen eines Jobcenters. Das Projekt hat gezeigt, dass Integrationsfortschritte das Ziel sein müssen.“

Ansprechperson in der G.I.B.

Anne Gollenbeck
Tel.: 02041 767251
a.gollenbeck@gib.nrw.de

Kontakte

Jobcenter Bielefeld Arbeitplus
Rainer Radloff, Geschäftsführer
Tel.: 0521 55617-3600
rainer.radloff@jobcenter-ge.de
Markus Link, Teamleiter und ehemaliger Projektleiter von Hêvî
Tel.: 0521 55617-3664
Markus.Link@jobcenter-ge.de
Michael Bauch, Bereichsleiter und Leiter des Zuwandererteams
Michael.Bauch@jobcenter-ge.de

Regionale Personalentwicklungsgesellschaft mbH REGE
Ingo Doerk, Bereichsleitung Kommunale Arbeitsförderung
Tel.: 0521 9622-316
ingo.doerk@rege-mbh.de

Psychologische Frauenberatung Bielefeld e. V.
Cornelia Neumann, Leitung
Tel.: 0521 121-597
neumann@frauenberatung-bielefeld.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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