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(Heft 4/2019)
Ein Gespräch mit Christina Ramb, Leiterin der Abteilung „Arbeit und Qualifizierung“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen

„Das Optimum finden für die Menschen, für die wir da sind!“

G.I.B.: Frau Ramb, Sie leiten seit dem Jahr 2018 die Abteilung „Arbeit und Qualifizierung“ im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nord­rhein-Westfalen. Ihrer beruflichen Vita ist zu entnehmen, dass Sie gleich nach Ihrem zweiten juristischen Staatsexamen in die Politik gegangen sind. Sie haben zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag für die heutige Präsidentin des bayerischen Landtags Ilse Aigner gearbeitet, waren anschließend Pressesprecherin der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin und später Abteilungsleiterin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in Berlin und dort zuständig für den Bereich „Arbeitsmarkt“. Woher kommt Ihr Interesse an Politik und hier speziell an Arbeitspolitik?

Christina Ramb: Es macht mir Freude, über die Gestaltung von Rahmenbedingungen dazu beizutragen, Menschen in Arbeit oder Ausbildung zu integrieren. Die Arbeitsmarktpolitik hat einen enormen Einfluss auf das Leben von Menschen und die Gesellschaft insgesamt, sie ist komplex, vielfältig und verzahnt, reicht von der beruflichen Orientierung von Schülerinnen und Schülern bis zur Gestaltung guter Arbeitsbedingungen für Beschäftigte. Schon während meiner Tätigkeit im Bundestag hat mich das Thema berufliche Bildung beschäftigt, das sowohl für Ilse Aigner als auch für Minister Laumann von besonderer Bedeutung ist.

Nach meinem Wechsel 2002 zur Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) habe ich mich zunächst mit Fragen des Arbeitsrechts und der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt. Anschließend befasste ich mich im Büro des Präsidenten als dem Hauptgeschäftsführer und später in der Grundsatzabteilung intensiv mit Themen der sozialen Sicherung, mit euro­pa-, bildungs- und arbeitsmarktpolitischen Themen. Zuletzt habe ich sechs Jahre lang die Arbeitsmarktabteilung geleitet.

G.I.B.: Gibt es berufliche Momente oder Erfahrungen, die Sie besonders geprägt haben?

Christina Ramb: Geprägt haben mich alle Momente, in denen ich gemeinsam mit anderen daran mitwirken konnte, dass sich etwas bessert oder, ganz konkret, dass wir an der Integration von Menschen in Ausbildung oder Beschäftigung mitarbeiten konnten. So etwa während meiner Zeit im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit (BA). Damals haben wir, um nur ein Beispiel zu nennen, im Rahmen der Initiative „Vorfahrt für berufliche Ausbildung“ unter anderem die Assistierte Ausbildung vorangebracht. Sie fand später Eingang in das Sozialgesetzbuch III. Das waren Momente, in denen ich gemerkt habe: Wenn alle zusammenarbeiten und ihr unterschiedliches Wissen, ihre vielfältigen Erkenntnisse einbringen, miteinander um die besten Lösungen ringen und ihre Kräfte bündeln, dann lässt sich viel erreichen.

So auch hier in meiner Abteilung, in der ich gemeinsam mit einem kompetenten und motivierten Team im Ministerium, aber auch in der G.I.B und in den Regionalagenturen, an gemeinsamen Aktivitäten mit den Partnern auf dem Arbeitsmarkt arbeiten kann: Es ist schön zu sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel beim Teilhabechancengesetz zusammen mit Sozialpartnern, Kammern und Kommunen und natürlich der Regionaldirektion der BA frühzeitig und erfolgreich eine gemeinsame Erklärung zur Reduzierung der Langzeitarbeitslosigkeit auf die Beine gestellt haben und damit positive Rahmenbedingungen gesetzt haben.

G.I.B.: In einem Dachverband wie der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Ihrem früheren Arbeitgeber, werden die Interessen einer Gruppe vertreten, in einem Ministerium hingegen müssen die Interessen vieler berücksichtigt und zusammengebracht werden. Was hat Sie an diesem Wechsel gereizt, welche Herausforderungen waren damit für Sie verbunden?

Christina Ramb: Nach vielen Jahren bei der BDA habe ich mir von einem Wechsel in ein Ministerium die Möglichkeit versprochen, meinen Horizont zu erweitern, die Perspektive zu wechseln und die Haltungen auf dieser Seite genauer kennenzulernen.

Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass die Perspektive der Sozialpartner in einem Arbeitsministerium wichtig ist und in meinem Fall ist es nun die eines anderen Sozialpartners. Ich würde übrigens der in Ihrer Frage enthaltenen Aussage widersprechen, dass die Arbeitgeberverbände nur die Interessen einer Gruppe vertreten. Vielmehr berücksichtigt man auch dort, z. B. in der Arbeitsmarktpolitik, durchaus die Perspektive des anderen und versucht, dem Gemeinwohl gerecht zu werden. Die Rolle der Sozialpartner ist eine besondere, die über die alleinige Interessenvertretung hinausgeht. Das bedeutet auch, konstruktive Kompromisse zu schließen. Dort geht es, so wie hier im Ministerium, nicht darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, sondern das Optimum für die Menschen, für die wir da sind. Insofern unterscheiden sich die Sichtweisen gar nicht so sehr.

Die größere Herausforderung bei meinem Wechsel hierher war die Gewöhnung an die mir bis dahin weniger bekannten Arbeitsweisen und -techniken einer Verwaltung. Hier waren und sind die Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung sehr hilfreich, die das alles aus dem Effeff beherrschen.

G.I.B.: Wir würden mit Ihnen gerne eine Tour d`Horizon unternehmen hinsichtlich ausgewählter Themenfelder der Arbeitspolitik in Nordrhein-Westfalen und Ihre Eindrücke und Auffassungen dazu erfahren. Starten wir mit dem Handlungsfeld Übergang Schule – Beruf. Welche messbaren Erfolge sind zu verzeichnen und wo hakt es noch?

Christina Ramb: Hier gibt es viel Positives zu berichten. Über die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) haben wir gemeinsam mit allen Partnern, den Gewerkschaften, den Arbeitgeberverbänden, den Kammern, der Regionaldirektion der BA und den Kommunen, in Nordrhein-Westfalen als erstem Flächenland ein systematisches, flächendeckendes System beim Übergang von der Schule in den Beruf aufgebaut, bei dem seit dem vergangenen Jahr endlich jede Schule, jeder Schüler und jede Schülerin erreicht werden kann und sollte. Ich weiß von keinem System, das besser funktioniert.

Im Bereich Berufs- und Studienorientierung gelingt schon sehr viel. Die Instrumente Potentialanalyse und Berufsfelderkundung sind gut etabliert. In beiden Fällen haben wir im Gespräch mit unseren Partnern qualitativ nachgesteuert und die Instrumente flexibilisiert. Jetzt wollen wir uns vor allem auf die Systematisierung des Übergangs von der Schule in den Beruf durch schlanke und klare Angebotsstrukturen konzentrieren und hier insbesondere frühzeitig alle Schülerinnen und Schüler ohne Anschlussperspektive identifizieren, was aufgrund des geltenden Datenschutzrechts nicht immer leicht ist.

Eine wichtige – im Rahmen von KAoA – bislang etwas vernachlässigte Funktion hat in diesem Zusammenhang die Berufseinstiegsbegleitung. Erst vor wenigen Wochen haben unser Ministerium und die Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der BA eine Vereinbarung zur Fortsetzung der Berufseinstiegsbegleitung unterzeichnet. Damit können Schülerinnen und Schüler auch im kommenden Schuljahr von dem bewährten Förderinstrument profitieren. Nun erfolgt die Finanzierung durch BA und Land, nicht mehr durch den Bund.

Zur Messbarkeit der Erfolge: Wir erarbeiten zurzeit im KAoA-Steuerungsgremium ein Konzept für die Evaluation, die im kommenden Jahr starten soll. Sie wird zeigen, ob wir tatsächlich die beabsichtigte Wirkung erzielen und sich die meist positiven Rückmeldungen aus den Regionen und Kommunen bestätigen. Zugleich werden wir mit der Evaluation Gelingensbedingungen, aber auch etwaige Hemmnisse identifizieren, sodass wir gegebenenfalls nachjustieren können.
Noch stellen wir auf dem Ausbildungsmarkt große Passungsprobleme fest. Das heißt: Arbeitgeber können ihre Ausbildungsstellen nicht mehr besetzen, während junge Menschen nicht den Ausbildungsplatz finden, den sie sich wünschen. Hier setzen wir mit unserem erfolgreichen „Ausbildungsprogramm NRW“ an, das rund 1.000 zusätzliche Ausbildungsplätze jährlich bereitstellt. Mit ihm verbessern wir die Ausbildungssituation für junge Menschen mit Startschwierigkeiten in benachteiligten Regionen Nordrhein-Westfalens, wobei teilnehmende Betriebe einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung erhalten.

Darüber hinaus hat Minister Laumann mit den Partnern in Handwerk und Industrie einen Modernisierungspakt für berufliche Bildung geschlossen. Er soll unter anderem Ausstattung und Bauten der Überbetrieblichen Bildungsstätten systematisch auf den modernsten Stand der Technik bringen. Schon jetzt haben wir die Mittel zur Modernisierung von überbetrieblichen Bildungsstätten auf acht Millionen Euro verdoppelt. Zusammen mit den Eigenmitteln von Handwerk und Industrie und der Bundesförderung investieren wir damit jährlich rund 40 Millionen Euro in die berufliche Bildungsinfrastruktur.

G.I.B.: Die Attraktivität der dualen Ausbildung zu erhöhen, ist ein wichtiges Handlungsfeld der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Ist es in Nordrhein-Westfalen gelungen, ein Umdenken bei Jugendlichen, aber auch bei Eltern herbeizuführen, – ohne die Chancen, die ein Studium bietet, zu ignorieren?

Christina Ramb: Deutschland ist mit seinem dualen Ausbildungssystem international Vorbild und hat auch in Krisenzeiten sehr davon profitiert. In den kommenden Jahren werden viele dual ausgebildete Fachkräfte aufgrund ihres Ruhestands dem Arbeitsmarkt verloren gehen. Das wird die ohnehin bestehenden Fachkräfteengpässe noch einmal verschärfen. Bei unserem Werben für die duale Ausbildung haben wir aber nicht nur die Wirtschaft, nicht nur die Unternehmen im Blick, sondern immer auch und vor allem jede einzelne Schülerin, jeden einzelnen Schüler.
Die duale Berufsausbildung bietet eine sichere Zukunftsperspektive. Zudem ist sie eine sehr gute Grundlage für die berufliche Weiterentwicklung. „Durchlässigkeit“ ist hierbei eines unserer großen Anliegen. Jeder, der sich für eine duale Berufsausbildung entscheidet, kann über Weiterbildung beruflich aufsteigen oder zu einem späteren Zeitpunkt in die akademische Bildung wechseln. Dafür und für die Attraktivität der dualen Ausbildung insgesamt ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen, ist Teil unserer Aufgabe. Hierbei müssen wir auch die Medien erreichen, die oft ein idealisiertes Bild der akademischen Bildung zeichnen.

Aber auch die Arbeitgeber sind gefordert. Sie selbst können und müssen für die berufliche Bildung mit werben und die Attraktivität im betrieblichen Alltag steigern, indem sie zum Beispiel Praktikumsplätze im Rahmen der Berufsorientierung anbieten, die Auszubildenden stärker beteiligen oder ihnen die Möglichkeit zu einem Auslandsaufenthalt während der Ausbildungszeit eröffnen.

Ein attraktiver Ausbildungsplatzanbieter und grundsätzlich ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, ist heute für viele Betriebe ein maßgeblicher Wettbewerbsvorteil. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine gewisse Flexibilität bei der Arbeitszeit, ein gutes Betriebsklima sowie Mitbestimmungs- und Beteiligungsmöglichkeiten sind den Auszubildenden und Beschäftigten immer wichtiger. All das sind Themen, die von der Arbeitgeberseite angegangen werden können und sollten. Hier setzen wir zum Beispiel mit unserer Potentialberatung an.

G.I.B.: Sie sprachen die Fachkräfteengpässe und den partiellen Fachkräftemangel an. Seit Anfang 2018 aber wird das „Fachkräfteprogramm“ zur Unterstützung der Fachkräftesicherung in Nordrhein-Westfalen nur noch aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gespeist. Ist geplant, auch hier wieder mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) Projekte zum Beispiel zur Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit, zur Verbesserung der Ausbildungssituation oder zur Schaffung von gesundheitsfördernden Arbeitsbedingungen und demografiefester Arbeitsorganisation zu fördern?

Christina Ramb: Fachkräftesicherung ist in der Tat ein zunehmend wichtiges Thema. Die Demografie spielt uns dabei nicht gerade in die Hände. Im Moment verlassen die geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt und es kommen nicht genug junge Menschen nach. Nord­rhein-Westfalen ist, was den Arbeitsmarkt anbelangt, sehr divers. In einzelnen Regionen können wir Fachkräftemangel konstatieren und in einzelnen Branchen wie den Gesundheitsberufen ist er sogar flächendeckend. Fachkräftesicherung und -bindung ist in erster Linie natürlich Verantwortung der Unternehmen. Wir unterstützen sie dabei – zum Beispiel mit dem Ausbildungsprogramm, im Ausbildungskonsens, im Bereich der beruflichen Anerkennung, aber auch in den regionalen Lenkungskreisen oder mit den Regionalagenturen.

Jetzt zu Ihrer Frage nach der Ausrichtung des ESF: Dem Arbeitsminister war und ist es wichtig, die Fachkräfteförderung anstelle von Einzelprojekten stärker als Regelförderung zu verankern und dafür den Bildungsscheck auszubauen und ein neues Ausbildungsprogramm für Jugendliche, die es schwer haben, aufzulegen.

Derzeit wird das Operationelle Programm für die kommende ESF-Periode erarbeitet. Uns liegt sehr daran, dass die Themen der Fachkräftesicherung, wie Ausbildung, Arbeitsbedingungen und Arbeitsorganisation oder die Weiterbildung – insbesondere im digitalen Wandel – auch nach 2021 aus dem ESF gefördert werden können. Deshalb setzen wir uns sehr dafür ein, dass auch in der kommenden Periode entsprechende Programme aufgelegt werden können. Mir ist persönlich wichtig, dass wir bei allen Förderprogrammen deren nachhaltige positive Wirkung für die jeweilige Zielgruppe und die Möglichkeit des Transfers im Land immer im Blick behalten; also: Durchdringung statt Strohfeuer.

G.I.B.: Kommen wir zum Thema „Digitalisierung“. Bei der „Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0“ geht es der Landesregierung darum, gemeinsam mit Gewerkschaften, Arbeitgebern und Wissenschaft den digitalen Wandel zu gestalten. Was sind hier aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen? Und: Sie wollen die Förderinstrumente des Landes „immer wieder auf die sich wandelnden Herausforderungen und Bedürfnisse neu ausrichten“. Was heißt das konkret?

Christina Ramb: Zunächst: Unbestritten ist, dass sich mit der Digitalisierung die Abläufe in den Betrieben ändern werden. Da können wir nur unterstützen, denn es ist Aufgabe jedes Unternehmens selbst, mit seinen Belegschaften gemeinsam, also beteiligungsorientiert, den Weg in die Digitalisierung zu gehen.

Seit der Gründung der Initiative sind wir bei der Gestaltung der Digitalisierung einen großen Schritt weitergekommen. Jeder der beteiligten Akteure hat seine Handlungsfelder gefunden. Jetzt kommt es darauf an, diese vielfältigen Aktivitäten zu bündeln, aufeinander anzupassen und bekannt zu machen. So wollen wir zum Beispiel gemeinsam alle vorhandenen Förderinstrumente im Bereich der Qualifizierung in einer Datenbank erfassen und so Transparenz herstellen.

Zudem wollen wir im Gespräch mit Arbeitgebern und Belegschaften für den Transfer guter Ideen und Praktiken sorgen. Dazu diente etwa der „Dialogprozess NRW 4.0“, zu dem jüngst die Abschlussbroschüre „NRW 4.0 – So geht Digitalisierung“ erschienen ist. Sie berichtet über Ergebnisse und Angebote aus dem Dialogprozess in und mit den Regionen Nordrhein-Westfalens, darunter erfolgreiche Ideen wie die „Digital Scouts“. Das kostet nicht viel, kann aber helfen, überall den Horizont hinsichtlich der Chancen von Digitalisierung zu erweitern. Weiteres Positiv-Beispiel ist das von uns geförderte Projekt „Arbeit 2020“ der Gewerkschaften, das Betriebsräte befähigen soll, mit ihren Geschäftsführungen die Digitalisierung in ihrem Betrieb zu gestalten.

Momentan stellen wir uns für die neue ESF-Förderphase auf und werden sehen, wie wir unsere Instrumente ins Gefüge der Fördermöglichkeiten einpassen und mit Blick auf die Digitalisierung weiterentwickeln. Klar ist schon jetzt: Bei der Potentialberatung und beim Bildungsscheck, den wir künftig auch vollständig digital zur Verfügung stellen wollen, ist das Thema Digitalisierung immer mitzudenken. Auch das Thema digitale Grundbildung werden wir verstärkt angehen und zum Beispiel darauf achten, ob die Qualifizierungsträger hier richtig aufgestellt sind.

Unser Handeln in diesem Themenfeld erfolgt in enger Kooperation mit dem Bund, Stichwort „Nationale Weiterbildungsstrategie“ – so wie wir grundsätzlich die Förderinstrumente von Bund und Land so eng wie möglich aufeinander abstimmen. Schon deswegen sind wir mit der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der BA in sehr intensiven Gesprächen, um mit den Mitteln des ESF künftig noch stärker genau die Lücken im Regelsystem auszuloten, die wir für eine optimale Arbeitsmarktförderung in Nordrhein-Westfalen schließen müssen. Das gilt insbesondere beim Thema „Lebensbegleitende Berufsberatung“, bei der sich die BA neu aufstellt.

G.I.B.: Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund des neuen Qualifizierungschancengesetzes und dem damit verbundenen Ausbau der Weiterbildungs- und Qualifizierungsberatung der Bundesagentur für Arbeit die Bedeutung und Zukunft des Landesinstrumentes „Beratung zur beruflichen Entwicklung“?

Christina Ramb: Wenn die BA sich hier neu aufgestellt hat, werden wir unsere Strukturen mit denen der Regionaldirektion der BA zusammenführen und sehen, wo wir einen Mehrwert leisten können. Das liegt aber in der Zukunft, denn bisher steht das Qualifizierungschancengesetz auf dem Papier. Bis das Vorhaben in die Fläche gebracht ist, hat die BA noch einen Weg vor sich. Beim Strukturwandel ihrer Organisation steht auch die BA vor einer sehr gro­ßen Herausforderung. Zentral ist für das Landesarbeitsministerium, dass wir in Nordrhein-Westfalen weiter eine qualitative Beratungsinfrastruktur haben, die die berufliche Weiterentwicklung der Beschäftigten wirklich voranbringt.

G.I.B.: Eine große arbeitsmarktpolitische Herausforderung ist das hohe Niveau der Langzeitarbeitslosigkeit. Was unternehmen Sie, um auch die Lage langzeitarbeitsloser Menschen zu verbessern?

Christina Ramb: Der Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit in Nordrhein-Westfalen und gerade auch im Ruhrgebiet geht voran. So ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen im August gegenüber dem Vorjahr um rund 23.000 auf rund 245.000 Menschen gesunken. Das ist nicht zuletzt der Arbeit der Jobcenter zu verdanken, aber auch dem abgestimmten Vorgehen unseres Ministeriums mit der Regionaldirektion der BA gemeinsam mit den Arbeitsmarktpartnern im Rahmen des Teilhabechancengesetzes.

Mittlerweile wurden in Nordrhein-Westfalen schon rund 10.700 Stellen mit dieser Förderung geschaffen. Alle Akteure packen hier an. Erfreulich ist auch, dass die Kommunen die Möglichkeit des Passiv-Aktiv-Transfers nutzen.

Wichtig ist beim neuen Instrument „16i“, Arbeitgeber zu finden, die bereit sind, ein gewisses Risiko bei der Einstellung der genannten Personengruppe einzugehen. Aber das gelingt auch bei privaten Arbeitgebern recht gut. Zudem wollen wir dafür sorgen, dass es beim Auslaufen der Förderung zu Übergängen in möglichst ungeförderte Beschäftigung kommt.

Ein weiteres Thema ist die im Teilhabechancengesetz enthaltene Sonderregelung für Familien, für Bedarfsgemeinschaften mit Kindern, eine Zielgruppe, die wir zusammen mit den Jobcentern verstärkt in den Fokus nehmen. Gelingt hier die Integration in den Arbeitsmarkt, hat das gleich einen mehrfach positiven Effekt, insbesondere mit Blick auf die Kinder, die lernen, dass morgens früh aufzustehen und arbeiten zu gehen, normal ist.

G.I.B.: Die Strukturdaten zur Arbeitslosigkeit zeigen, dass manche Zielgruppen stärker von Ausgrenzung betroffen sind: Menschen mit Behinderung zum Beispiel oder Menschen mit Migrationshintergrund. Wie kann Landesarbeitspolitik dazu beitragen, deren Erwerbsbeteiligung zu erhöhen?

Christina Ramb: Zunächst zu den Menschen mit Behinderung oder mit gesundheitlichen Einschränkungen: Nordrhein-Westfalen ist nach Berlin das Bundesland mit dem höchsten Anteil von Beschäftigten mit einer Schwerbehinderung. Andererseits sind in Nordrhein-Westfalen derzeit knapp 48.000 Schwerbehinderte arbeitslos. Deren Integration in den Arbeitsmarkt ist uns ein wichtiges Anliegen. Eine Rahmenvereinbarung mit der Regionaldirektion der BA und den kommunalen Spitzenverbänden sieht zum Beispiel vor, dass Inklusion innerhalb der Jobcenter als Führungsaufgabe gilt, dass die Barrierefreiheit verbessert wird, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser für die Beratung von Menschen mit Behinderungen geschult werden und dass Arbeitgeber für neue Formen des Berufseinstiegs für Menschen mit Behinderungen gewonnen werden. Damit ist Nordrhein-Westfalen das erste Bundesland, das systematisch die Jobcenter zu Akteuren der Inklusionspolitik gemacht hat.

Von großer Bedeutung sind die Inklusionsbetriebe. Im vergangenen Jahr haben wir bei einer Jubiläumsveranstaltung für das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ Zwischenbilanz gezogen und erfolgreiche Inklusionsbetriebe vorgestellt. Mit der gemeinsamen Unterstützung der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe, des Landes und weiterer Partner haben diese Betriebe mittlerweile rund 4.100 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit schwerer Behinderung geschaffen.

Ein Baustein für die Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt ist auch die „Aktion 100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung“, durch die in bisher 13 Durchgängen mehr als 1.430 junge Menschen mit Handicap die Chance auf unterstützte betriebliche Ausbildung bekommen haben.

Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund ist sehr differenziert zu betrachten. Hier führen oft Sprachprobleme zu fehlender Qualifizierung oder Beschäftigung. Doch die Mittel, um bei Sprachförderung und Qualifizierung intensiv anzusetzen, sind ausreichend vorhanden. Die Mittel im Eingliederungstitel im SGB II sind so hoch wie selten. Hier wollen wir gemeinsam mit der Regionaldirektion der BA Teilqualifikationen als Mittel zur Integration stärker in den Fokus rücken, wobei wir Wert darauf legen, dass es nach Möglichkeit anschlussfähige Qualifikationen sind, die zu einem Abschluss, am besten zu einer Berufsausbildung führen.

Gerade bei jungen, erwachsenen Flüchtlingen kann eine Nachqualifizierung in Deutschland ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Das Land hat deshalb die Initiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“ verabschiedet, um insbesondere junge Flüchtlinge besser in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Insgesamt stehen Mittel in Höhe von 50 Millionen Euro aus Landesmitteln zur Verfügung.

G.I.B.: Über eine Zielgruppe haben wir noch nicht gesprochen: Frauen. Zwar ist deren Erwerbstätigenquote in Deutschland in den vergangenen 15 Jahren von 58 auf 70 Prozent gestiegen. Doch die OECD kritisiert, dass Frauen sehr wenig zum Haushaltseinkommen beitragen. Nun hat der ESF NRW das Querschnittziel „Gleichstellung von Frauen und Männern“, das als durchgängiges Prinzip auch im SGB II und SGB III gesetzlich verankert ist. Modelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Familienarbeit/Pflegearbeit gewinnen immer größere Bedeutung für die Fachkräftesicherung. Welche Impulse kann die Landesarbeitspolitik hier setzen?

Christina Ramb: Als Folge unseres Strategieprozesses in der Abteilung wollen wir das Thema „Frauenerwerbstätigkeit“ verstärkt angehen – auch hier im Gespräch mit unseren Arbeitsmarktpartnern und anderen Ressorts. Es gibt noch immer viele Frauen, deren Potenzial für den Arbeitsmarkt nicht ausreichend zur Geltung kommt. Dieses Fachkräftepotenzial müssen wir heben. Wir müssen gemeinsam an Bewusstsein und Haltungen arbeiten, damit deutlich wird, dass sich beide Elternteile in der Familie um die Kinder kümmern und gleichzeitig berufstätig sein können. Um auf der anderen Seite Arbeitgeber für das Thema aufzuschließen, bietet sich zum Beispiel die Potentialberatung an.

Alleinerziehende und die Frauen im SGB II-Leistungsbezug stehen für uns im Fokus. Hier wollen wir zusammen mit der Regionaldirektion der BA und den Partnern im Beirat der Regionaldirektion überlegen, wie wir unsere Programme stärker vernetzen können. Für junge Menschen mit Familienverantwortung bietet die Ausbildung in Teilzeit eine gute Lösung. Das Förderangebot „Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen (TEP)“ fördert sowohl die Fachkräftegewinnung als auch die Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie. Über 6.300 zumeist junge Frauen konnten bislang an dem Programm teilnehmen. Das ist gut, aber noch zu wenig. Wir wollen die Zahl weiter erhöhen. Wichtig sind dabei sicher auch die Beratungsstrukturen, sowohl die Beratung für die berufliche Entwicklung als auch die zum Bildungsscheck, um Wiedereinsteigerinnen wieder eine Perspektive zu eröffnen.

Darüber hinaus wollen wir im Bereich der Grundsicherung für Arbeitssuchende die Bedarfsgemeinschaften mit Kindern, wo oft die Frauen zu Hause bleiben, stärker in den Blick nehmen, damit auch hier der Übergang von Frauen in Beschäftigung besser gelingt.

Des Weiteren zielen wir auf eine Erhöhung des Arbeitszeitvolumens von Frauen. Bei dem gesamten Thema „Erwerbsbeteiligung von Frauen“ spielen unterschiedliche Aspekte eine Rolle, die von verschiedenen Akteuren bewegt werden müssen. Dazu gehören zum Beispiel die Flexibilisierung der Arbeitszeit, eine gute Kinderbetreuung, die auf die zeitlichen Bedarfe der arbeitenden Väter und Mütter reagiert, und schließlich auch geschlechtergerechte Bezahlung und Karrierechancen.

Wir selbst haben in unserem Ministerium die Telearbeit eingeführt. Bei den Kolleginnen und Kollegen findet das großen Anklang. Sie nutzen das Angebot gerne, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können und um Wegezeiten einzusparen. Wir befinden uns gerade in der Testphase, aber schon jetzt ist klar, dass sich dadurch die Freiheitsspielräume der Beschäftigten erhöhen und die Attraktivität des MAGS als Arbeitgeber steigt. Das stellt gleichzeitig Führungskräfte und Teams vor neue Herausforderungen bei der Kommunikation. Ich freue mich, eine Abteilung mit einem so hohen Frauenanteil zu leiten, in der Frauen genauso große Aufstiegschancen haben – selbst in Teilzeit.

Eine Sache ist mir am Ende unserer – wie Sie es eingangs nannten – Tour d`Horizon noch wichtig: Neben den anderen erwähnten Akteuren spielen die Regional­agenturen und die G.I.B. in ihrer Mittlerfunktion in die Regionen eine wichtige Rolle, damit unsere Förderung auch tatsächlich bei den Menschen ankommt, für die sie gedacht ist. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse geben uns die Möglichkeit nachzujustieren, wenn die eine oder andere Förderung nicht so greift, wie von uns beabsichtigt. Eine weitere wichtige Funktion übernimmt die G.I.B. beim Monitoring und der Evaluation, mit deren Hilfe wir erkennen, ob wir die Menschen mit unseren Unterstützungsangeboten tatsächlich erreichen. Nicht zu vergessen ist die Öffentlichkeitsarbeit der G.I.B., die dazu beiträgt, dass wir Gehör finden und die Arbeitsmarktpolitik des Landes auch wahrgenommen wird. Wir sollten die Regionalagenturen und die G.I.B. als Ideengeber und die hier vorhandene Kompetenz in Zukunft noch stärker bei der Konzeption von Initiativen und Programmen wie auch bei deren Weiterentwicklung nutzen.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

Christina Ramb
Abteilungsleitung „Arbeit und Qualifizierung“
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen
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40219 Düsseldorf
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