Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2019 Jugendberufsagenturen One-stop-Government
(Heft 2/2019)
Jugendberufsagenturen: Unterstützung aus einer Hand

One-stop-Government

Für die Beratung und berufliche Integration junger Menschen unter 25 Jahren sind drei Sozialleistungsträger mit unterschiedlichen Zuständigkeiten verantwortlich: die Agenturen für Arbeit, Jobcenter und Träger der Jugendhilfe. Auf dem Weg zwischen diesen Institutionen gingen in der Vergangenheit viele Jugendliche verloren. Deshalb wirken diese drei Institutionen jetzt insbesondere im Übergangsbereich von der Schule in den Beruf unter dem Dach der sogenannten Jugendberufsagenturen, mit dem Ziel eines One-stop-Governments, eng verzahnt, rechtskreisübergreifend zusammen. Erste positive Wirkungen sind bereits sichtbar.

Auf der Suche nach passender Unterstützung im komplexen, für sie manchmal nicht leicht überschaubaren Angebotsportfolio von Arbeitsagentur, Jobcenter und Jugendhilfe finden viele junge Menschen erst über Umwege in Ausbildung und Arbeit; einige resignieren gar und bleiben ganz auf der Strecke.

Vor diesem Hintergrund, hieß es im Koalitionsvertrag 2013 auf Bundes­ebene, „sollen flächendeckend einzurichtende Jugendberufsagenturen die Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern II, III und VIII für unter 25-Jährige bündeln.“

Das Ziel der intensivierten rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit: nicht nur, aber vor allem junge Menschen mit Startschwierigkeiten und ohne Anschlussperspektive frühzeitiger zu erreichen und ihnen durch exakt auf ihre Bedarfe zugeschnittene und aufeinander abgestimmte Angebote die soziale und berufliche Integration zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen.

Verzahnt werden mit der Einrichtung von Jugendberufsagenturen die Förderangebote und Unterstützungsmaßnahmen der drei Kooperationspartner mit ihren jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten: der Agentur für Arbeit mit ihrem primären Ziel einer Integration in Berufsausbildung und Arbeit, der Jobcenter mit dem Ziel, Menschen zu befähigen, ihren Lebensunterhalt selbst und ohne öffentliche Unterstützung zu bestreiten, sowie der kommunalen Träger der Jugendhilfe, die auf die soziale und berufliche Integration ausgerichtet sind. Junge Menschen mit ihren unterschiedlichen Fragen, Anliegen und Unterstützungsbedarfen sollen so im Sinne eines One-stop-Governments Hilfe aus einer Hand erhalten, und das im Idealfall nicht nur inhaltlich, sondern in Form einer gemeinsamen Anlaufstelle möglichst auch räumlich unter einem Dach.

Mit der neuen Einrichtung ist jedoch weder die gesetzlich vorgegebene Trennung der Rechtskreise aufgehoben noch entsteht eine rechtlich selbstständige Institution, sie verfügt auch nicht über einen eigenen Haushalt oder eigenes Personal. Damit aufgrund der unterschiedlichen Verantwortlichkeiten der Träger einer Jugendberufsagentur keine isolierten Einzelmaßnahmen ge­plant werden, ist eine enge Abstimmung über jeweils einzubringende Mittel für Maßnahmen und Aktivitäten bis hin zu gemeinsam finanzierten Angeboten erforderlich.

Die verschiedenen Rechtskreise arbeiten also nicht mehr, wie in der Vergangenheit nicht selten der Fall, neben-, sondern verstärkt miteinander. Ein fiktives Beispiel zur Illustration: Ein Jugendlicher verlässt die Schule ohne Abschluss und findet weder Arbeit noch einen Ausbildungsplatz. Wendet er sich an die Jugendberufsagentur, klären die kooperierenden Akteure zunächst in einer Fallkonferenz, welche der beteiligten Institutionen das am bes­ten geeignete Hilfeangebot zur Verfügung stellen kann.

Dies kann zum Beispiel zunächst die Teilnahme an einer über den Landesjugendplan und das kommunale Jugendamt finanzierten Jugendwerkstatt oder einer vom Jobcenter finanzierten Aktivierungshilfe sein, wenn der betreffende Jugendliche erheblichen Förderbedarf hat. Oder es kommt ein ausbildungsnäheres Angebot wie etwa eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder eine Einstiegsqualifizierung infrage, beides gefördert über die Agentur für Arbeit. Kurzum: ein stringentes, aufeinander abgestimmtes, stufenförmig aufgebautes Hilfeangebot, das den Jugendlichen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Arbeit oder Ausbildung führt.

Große Gestaltungsspielräume und erste Erfolge
 

Laut Aussagen im Bericht der Bundesagentur für Arbeit zum Stand der Umsetzung der Jugendberufsagenturen im Bundesgebiet und in den Ländern, haben inzwischen alle Bundesländer die Jugendberufsagenturen entweder als landespolitischen Handlungsschwerpunkt benannt oder in eine landespolitische Strategie im Übergangsbereich von der Schule in den Beruf oder in eine landespolitische Fachkräftestrategie integriert. Darüber hinaus sind die Einrichtungen in fast allen Bundesländern Gegenstand von Kooperationsvereinbarungen zwischen Landesregierung und der jeweiligen Regionaldirektion.1

So auch in Nordrhein-Westfalen – aus gutem Grund, so Stefan Kulozik, Gruppenleiter Ordnung auf dem Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen: „Unsere Maxime ist: Kein Jugendlicher darf verloren gehen! Wir müssen uns um die jungen Menschen kümmern – am Übergang von der Schule in den Beruf, bei Arbeitslosigkeit, aber auch in sehr schwierigen Lebenssituationen. Ziel ist es, insbesondere jungen Menschen, die über keinen Schulabschluss oder über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, an einem Ort eine Beratung aus einer Hand anzubieten, damit sie zwischen den Leistungssys­temen nicht verlorengehen und ihnen die erforderlichen Unterstützungsleis­tungen für die Integration in Ausbildung oder Arbeit zielführend angeboten werden.“

Eine Auffassung, die er mit Torsten Wit­hake, Geschäftsführer Arbeitsmarktmanagement der Regionaldirektion NRW, teilt: „Gemeinsam und gut abgestimmt können wir die Jugendlichen noch besser aktiv unterstützen und begleiten. Eine Schlüsselrolle kommt den Jugendberufsagenturen zu, mit denen die Bundesagentur für Arbeit zwei wichtige Aufgaben verbindet: Erstens die Vorbeugung von Jugendarbeitslosigkeit und der häufig auf sie folgenden Langzeitarbeitslosigkeit, und zweitens ist die gute Beratung und Betreuung Jugendlicher ein sehr wichtiger Baustein, um für Unternehmen und Betriebe in NRW motivierten Fachkräfte-Nachwuchs zu finden.“

Das Land Nordrhein-Westfalen unterstützt den Aufbau von Jugendberufsagenturen auch deshalb, weil sie eine sinnvolle Ergänzung zur Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ mit ihren vergleichbaren Zielen sind. Eine Verzahnung mit deren Angeboten sieht Stefan Kulozik vom MAGS NRW als einen „wesentlichen Erfolgsfaktor“. Neben den Trägern der Rechtskreise SGB II, III und VIII sind deshalb die Schulen die wichtigsten Partner der Jugendberufsagenturen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bezieht die Mehrzahl der Jugendberufsagenturen die Schulen über die regulären Angebote der Berufsberatung hinaus in ihre Aktivitäten ein.

Die Gestaltungsfreiheit bei der Implementation wie auch bei der Arbeit von Jugendberufsagenturen sieht die Wissenschaftlerin Susanne Kretschmer, Geschäftsführerin des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung (f-bb), das Jugendberufsagenturen in verschiedenen Bundesländern evaluiert hat, im G.I.B.-Interview als zentralen Erfolgsfaktor, denn: „Es gibt kein idealtypisches oder optimales Modell. Die Vereinbarungspartner sind immer unterschiedlich und vertreten unterschiedliche Interessen. Hier muss Überzeugungsarbeit geleis­tet werden. Nur wenn die Akteure einen Vorteil in der Kooperation sehen und das Vorhaben auf politischer Ebene unterstützt und wohlwollend begleitet wird, funktioniert es.“

Tatsächlich arbeiten die Jugendberufs­agenturen in dezentraler Verantwortung, setzen ihre Handlungsschwerpunkte entlang regionaler und lokaler Handlungsbedarfe sowie passend zu den Rahmenbedingungen vor Ort. Für Stefan Kulozik ist klar: „Nordrhein-Westfalen ist im Vergleich des regionalen Ausbildungs- und Arbeitsmarktes sehr unterschiedlich und so bedarf es der Berücksichtigung der lokalen Besonderheiten. Die lokalen Akteure sind die Profis; sie kennen den Handlungsbedarf und die Angebotsstrukturen vor Ort. Sie sind sich ihrer gemeinsamen Verantwortung bewusst und entwickeln – schrittweise – tragfähige lokalspezifische Lösungen.“

Tatsächlich sind die teilweise langjährig bestehenden Kooperationsansätze in den aktuell in Nordrhein-Westfalen an 56 Standorten umgesetzten Jugendberufsagenturen regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. So unterliegt beispielsweise die Organisation einer Jugendberufsagentur in einem Flächenkreis mit unterschiedlich angesiedelten dezentralen Strukturen der Arbeitsförderung und Jugendhilfe anderen Herausforderungen als in einer Großstadt.

Eindeutig positiv das Zwischenresümee von Torsten Withake von der Regionaldirektion NRW: „Die bisherigen Anstrengungen haben sich gelohnt! Von den Jugendberufsagenturen an den 56 Standorten arbeiten bereits 25 – in einigen Regionen an bestimmten Tagen – unter einem Dach und weitere 21 haben die Abläufe der drei Partner Agenturen, Jobcenter und Jugendhilfe harmonisiert – mit Blick auf eine gemeinsame Koordination, abgestimmte Angebote und gemeinsame Fallbearbeitung. An den weiteren zehn Standorten gibt es einen intensiven Informationsaustausch mit dem Ziel der Transparenz über die jeweiligen Angebote.“

In Bielefeld zum Beispiel hat die rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit eine lange Tradition; in der Stadt wurde für die neu geschaffene Jugendberufsagentur eigens ein Neubau errichtet, auch ein Zeichen dafür, welche Wertigkeit man der Einrichtung beimisst. Und wie sich der strukturelle Aufbau einer Jugendberufsagentur in einem Flächenkreis von dem in einer kreisfreien Stadt unterscheidet, zeigt das Beispiel der Jugendberufsagentur im Kreis Warendorf.

In Düsseldorf wiederum, wo schon 2008 das Jugend-Job-Center als zentrale Anlaufstelle für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen und damit de facto eine Jugendberufsagentur eröffnete, ist nach Aussagen von Ingo Zielonkowsky, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung des Jobcenters Düsseldorf, im Gespräch mit der G.I.B. „ein riesiges Netzwerk“ entstanden, das alle wesentlichen Akteure umfasst: Schulen, Hochschulen, die kommunale Koordinierung, Bildungsträger, Kammern, Arbeitgeberverbände sowie den DGB.

Birgitta Kubsch-von Harten, die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Düsseldorf, weist auf die neuen Möglichkeiten intensiver Beratung für junge Menschen durch die Lebensbegleitende Berufsberatung (LBB) hin, die in Düsseldorf als einem der drei Pilotstandorte in Deutschland schon frühzeitig eingeführt wurde und auch ein erfolgreiches Beratungsangebot in der Jugendberufsagentur sei. Zudem bestehe für Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf, wie zum Beispiel inklusiv Beschulte mit einer Lernbehinderung, ein enger Kontakt zum Zentrum für Berufsorientierung und Übergänge (ZBÜ), das jungen Menschen mit Unterstützungsbedarf als Anlaufstelle für ihre berufliche Orientierung dient.

Selbstbewertungsverfahren und Weiterentwicklung der Kooperationsansätze
 

Nicht zuletzt mit Blick auf die weitere Optimierung der Jugendberufsagenturen hat die Bundesagentur für Arbeit in Absprache mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den kommunalen Spitzenverbänden ein Selbstbewertungsverfahren für die Jugendberufsagenturen entwickelt. Torsten Withake: „Die Selbstbewertung ermöglicht die Verbesserung und Anpassung der regionalen Jugendberufsagenturen, indem die Punkte Standortanalyse, Identifizierung von Entwicklungspotenzialen und Praxistipps angesprochen werden. Die Selbstbewertung kann aber auch in den Regionen genutzt werden, die eine Jugendberufsagentur gründen wollen oder über die Gründung nachdenken. Wir werden das Angebot noch in diesem Jahr den Kolleginnen und Kollegen in den Regionen zur Verfügung stellen.“

Ziel ist, dass sich die Idee der Jugendberufsagenturen landesweit etabliert, auch in den sieben Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen es derzeit noch keine Jugendberufsagentur gibt. Zur kontinuierlichen Weiterentwicklung gehört für Withake auch, die Jugendberufsagenturen noch enger als bisher mit der landespolitischen Strategie „Kein Abschluss ohne Abschluss“ zu verknüpfen und die Schulen noch stärker als Kooperationspartner einzubeziehen, „und auf Bundesebene wollen wir gemeinsam mit den Ländern Regelungen zur Datenübertragung entwickeln.“ Ein klares Statement zur weiteren Optimierung auch von Stefan Kulozik vom MAGS NRW: „Mit Unterstützung der G.I.B. werden wir im Rahmen einer Fachveranstaltung die Partner der Jugendberufsagenturen bei der Weiterentwicklung ihrer Kooperationsansätze unterstützen.“


1 Bericht zum Stand der Umsetzung und Weiterentwicklungsperspektiven. Entwicklungsstand der Jugendberufsagenturen im Bundesgebiet und in den Ländern, S. 14 ff.: https://con.arbeitsagentur.de/prod/apok/ct/dam/download/documents/Jugendberufsagenturen-Perspekt_ba029161.pdf

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
Artikelaktionen