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(Heft 2/2019)
IQ Projekt startet in neue Förderphase

Interkulturelle Kompetenzentwicklung

Das aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und des Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Programm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ geht 2019 in eine neue Förderphase.

Verantwortlich für den Teilbereich interkulturelle Kompetenzentwicklung und interkulturelle Öffnung in Jobcentern und Bereichen der Arbeitsverwaltung in Nordrhein-Westfalen ist das IQ Team der G.I.B.1 Was hat sich in Nordrhein-Westfalen seit 2015 in dem Bereich entwickelt und wie geht es ab 2019 mit dem Förderprogramm weiter?
„Wir werden in der neuen Förderphase die von uns entwickelten und bewährten Fortbildungsformate weiterführen“, erklärt Ute Soldansky vom IQ Team der G.I.B., „jedoch bieten wir 2019 auch neue Beratungs- und Fortbildungsformate an.“

Aber zunächst ein kurzer Blick zurück: Gestartet ist das IQ Team 2015 mit interkulturellen Grundlagenschulungen. Diese wurden als erstes Schulungsformat für die Jobcenter in Nordrhein-Westfalen angeboten. Das von der Bundesagentur für Arbeit und der IQ Fachstelle Interkulturelle Kompetenzentwicklung und Antidiskriminierung entwickelte Schulungskonzept wurde auf die Bedarfe der Jobcenter in Nordrhein-Westfalen abgestimmt und umgesetzt.

Vor dem Hintergrund der gestiegenen Zahlen von geflüchteten Menschen im Herbst 2015 mussten die Jobcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in kurzer Zeit auf die neuen Herausforderungen vorbereitet werden. Hierzu wurde kurzfris­tig ein eintägiges Schulungskonzept mit dem Schwerpunkt Asyl und Flucht entwickelt. Innerhalb von drei Monaten wurden dann in sehr intensiver Zusammenarbeit mit der Regionaldirektion NRW diese Schulungen, die für die Mitarbeitenden in den Jobcentern verpflichtend waren, umgesetzt. Rund 600 Personen nahmen in den drei Monaten an den interkulturellen Grundsensibilisierungstrainings teil. Das war nur mit einem Pool externer Trainer umsetzbar, die das G.I.B./IQ Team dabei unterstützt haben. Eine Aufbauschulung zum Thema Flucht und Trauma und Trainings zur Sprachsensibilisierung ergänzten das Angebot in der Förderphase 2015 – 2018 und fanden bei den Jobcentern sehr großen Anklang.

Darüber hinaus wurden speziell geschulte G.I.B./IQ-Trainerinnen und -Trainer damit beauftragt, das von der BA entwickelte Schulungsformat „Nachfrageorientiertes Vertiefungsmodul: Beratungskonzeption SGB II (noV) – Interkulturelle Kompetenz in der Beratung“ in den von der Bundes­agentur für Arbeit und Kommunen als gemeinsame Einrichtung (gE) geführten Jobcentern umzusetzen. Das Schulungsmodul verfolgt das Ziel die Beratungskompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jobcentern im Kontext interkultureller Herausforderungen in ihrem Beratungsalltag zu stärken.

Die statistischen Zahlen der letzten Förderphase können sich sehen lassen. Von 2015 bis 2018 wurden rund 2.700 Personen in 52 von 53 Jobcentern in Nord­rhein-Westfalen mit den unterschiedlichen interkulturellen Fortbildungsformaten des G.I.B./IQ Projekts erreicht.

Was bietet das G.I.B./IQ Projekt in der neuen Förderphase?
 

In der neuen Förderphase 2019 – 2022 bietet das Projekt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus allen Jobcentern in Nordrhein-Westfalen weiterhin Grundlagenschulungen zum Thema Interkulturelle Kompetenz an. Mit bedarfsorientierten Aufbauschulungen, beispielsweise zu den Themen Interkulturelles Hintergrundwissen, Antidiskriminierung und Interkulturelle Kommunikation konnte das Schulungsangebot weiter ausgebaut werden. Die in der Vergangenheit sehr erfolgreiche Train-the-Trainer-Fortbildung, an der zahlreiche Mitarbeitende der Jobcenter bereits teilgenommen haben, wird ebenfalls fortgeführt. Alle Schulungsangebote werden zukünftig fast ausschließlich von den Trainerinnen des G.I.B./IQ Teams durchgeführt.

Train the Trainer
 

Dieses Format bietet das IQ Team der G.I.B. bereits seit 2016 an, um interkulturelle Kompetenz nachhaltig in den Jobcentern zu verankern. Ziel ist es, die Mitarbeitenden der Jobcenter zu interkulturellen Trainerinnen und Trainern fortzubilden, damit sie anschließend interne Schulungen für ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen durchführen können. Die Train-the-Trainer-Fortbildung enthält in der Regel die fünf Module Diversity, Interkulturelle Kompetenz, Konfliktmanagement, Praxistransfer und Erstellung von Strukturplänen, die jeweils an einem Tag geschult werden. Die Konzeption sieht vor, dass immer zwei Trainerinnen und Trainer im Team die eigenen Kolleginnen und Kollegen inhouse schulen. Im Anschluss an die Fortbildung haben sie außerdem die Möglichkeit themenspezifische Aufbauschulungen zu besuchen, um ihre Kompetenzen fortwährend zu erweitern.

Bisher sind in den letzten Jahren 50 Trainerinnen und Trainer aus verschiedenen Jobcentern in Nordrhein-Westfalen geschult worden.

„Wir entwickeln unsere Schulungskonzepte ständig weiter, um die Fortbildung bedarfsgerecht und praxisorientiert anbieten zu können“, so Hyra Sutaj vom IQ Team der G.I.B. Auch sei das Angebot an die Jobcenter in jedem Fall individuell an die Bedarfe angepasst worden, je nachdem welche Voraussetzungen die zu schulenden Mitarbeitenden schon mitbrachten.

Positive Resonanz der Geschulten
 

Ahmet Üyük vom Jobcenter Kreis Recklinghausen und Marie Asselmeyer vom Jobcenter Münster sind zwei der Jobcenter-Trainer, die nicht nur an der kompletten fünfmoduligen Train-the-Trainer-Fortbildung, sondern Anfang Dezember 2018 auch an einer Aufbauschulung im Hause der G.I.B. in Bottrop teilgenommen haben.

Das gesamte Schulungskonzept bewerten beide sehr positiv. „Die ersten fünf Module waren sehr praktisch orientiert“, sagt Marie Asselmeyer. „Wir haben das Handwerkszeug für unsere Aufgabe bekommen und viele Übungen gemacht, um uns selber auch in die Situation unserer Kunden zu versetzen.“ Die Vertiefungsschulung unterfüttere das mit sehr viel länderspezifischem Wissen und Tipps und Tricks für die praktische Umsetzung der Inhouse-Schulungen.

Ahmet Üyük ist seit 2010 im Jobcenter Kreis Recklinghausen. Nach drei Jahren als Arbeitsvermittler wechselte er in die Personalarbeit und ist derzeit Teamleiter. Marie Asselmeyer arbeitet seit anderthalb Jahren als Jobcoach für Jugendliche und junge Erwachsene unter 27 im Jobcenter Münster. „Interkulturelle Kompetenz ist bei meiner Arbeit immer gefragt, jeden Tag“, sagt Marie Asselmeyer. Und das, obwohl sie gar nicht in einem Bezirk, in dem besonders viele Migranten leben, tätig ist. „Aber viele Menschen sind irgendwann einmal eingewandert und es gibt immer kulturell bedingte Besonderheiten, die man berücksichtigen sollte.“ Als Beispiel nennt sie die Gruppe der Sinti und Roma. Auch wenn diese Menschen zum Teil in zweiter oder dritter Generation hier leben, gebe es im Vergleich zur deutschen Kultur unterschiedliche Verhaltensweisen. „Wenn ich das entsprechende Hintergrundwissen habe, kann ich ganz anders damit umgehen.“

Bei Ahmet Üyük sieht das etwas anders aus. In seinem jetzigen Job hat er keinen Kundenkontakt mehr. Aber es geht bei dem Training ja auch nicht in erster Linie um Hilfen für die persönliche Arbeit der Teilnehmenden. Sie sollen im Anschluss an die Schulung ihren eigenen Kolleginnen und Kollegen intern interkulturelle Kompetenz vermitteln. Ihm, als Mensch, der selbst einen Migrationshintergrund hat, ist es wichtig, den Begriff nicht etwa auf das Wissen über länderspezifische Eigenheiten zu reduzieren. „Ich begreife interkulturelle Kompetenz weiter: Es ist eine Haltungsfrage. Und entsprechend ist das Training, das wir dann unseren Kollegen anbieten werden, auch ein Training in Richtung einer anderen Haltung gegenüber Migranten.“ Es gehe um eine Horizonterweiterung und darum, wie man den Aspekt der Vielfalt handhabe. „Gerade Diversität kann ich als Teamleiter mit meinem Team auch leben, weil es dabei nicht nur um Migration geht, sondern um verschiedene Weltanschauungen, Orientierungen und so weiter. Die Menschen sind nicht alle gleich. Um das gewinnbringend für das Team nutzen zu können, ist eine bestimmte Grundhaltung erforderlich. Deshalb ist das Thema auch für mich persönlich spannend.“

Es sei wichtig, sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen und Wissen dazu aufzubauen, sagt Marie Asselmeyer. „Nur so kann ich den Kollegen erklären, wo bestimmte Verhaltensweisen herrühren. Am Ende dient dieses Wissen dazu, unsere Kunden viel besser zu verstehen. Ich möchte den Kollegen vermitteln, dass es diese Unterschiede gibt und dass man sie in der Kommunikation beachten sollte. Dann hat man eine Win-win-Situation. Ich möchte versuchen, meine Kollegen hin zu dieser Win-win-Situation zu leiten und ihnen zu zeigen, was sie für ihren Arbeitsalltag Positives dabei herausziehen können, wenn sie versuchen, anders zu handeln als bisher.“

Gute Akzeptanz der Inhouse-Trainerinnen und -Trainer
 

Wie schätzen die zukünftigen hausinternen Jobcenter-Trainerinnen und -Trainer das Konzept „Kollegen schulen Kollegen“ insgesamt ein? Ahmet Üyük denkt, dass sie, was die Akzeptanz der Kolleginnen und Kollegen angeht, grundsätzlich zunächst einmal im Vorteil gegenüber externen Trainern und Trainerinnen sein werden. Allein schon aus dem Grund, dass dann niemand, der an einer solchen Schulung teilnimmt, dem Trainer zunächst erklären muss, wie man im Jobcenter arbeitet. „Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit in der Personalentwicklung oft festgestellt, dass externe Dozenten die inneren Abläufe in einem Jobcenter nicht richtig kannten. Das ist ein großes Defizit. Sie können sich zum Beispiel nicht vorstellen, wie schnell man als Arbeitsvermittler an seine Grenzen kommen kann, wenn es um die wohlwollende Integration in Arbeit geht. Dafür muss man den Job genau kennen, ihn vielleicht auch schon mal selbst gemacht haben.“

Marie Asselmeyer schätzt die Widerstandshaltung beim Inhouse-Schulungskonzept als geringer ein. „Ich erhoffe mir, dass mich die Kolleginnen und Kollegen als Ansprechpartnerin wahrnehmen, der man offen sagen kann, was ihrer Meinung nach gut war und was weniger. Auch Vorschläge und Wünsche für Änderungen oder Ergänzungen fallen ihnen hoffentlich leichter, wenn sie ein direktes Feedback auf Augenhöhe geben können.“ Dass sie vor den Schulungen im Haus als Ansprechpartnerin zur Verfügung stehe, habe zudem den Vorteil, dass sie schon vorab Wünsche der Kolleginnen und Kollegen bei der Konzept­entwicklung der Inhouse-Schulungen einfließen lassen und sie so besser den speziellen Bedürfnissen anpassen könne.

Alles Dinge, die Sarah Bellan vom IQ Team der G.I.B. nur bestätigen kann. „Die internen Trainer erfahren allgemein eine starke Akzeptanz von den Kolleginnen und Kollegen, ganz einfach schon deshalb, weil sie aus dem gleichen Arbeitskontext kommen und oftmals Beispiele aus der Praxis gefragt sind.“

Einen Wunsch, den Ahmet Üyük und Marie Asselmeyer haben, will das IQ-Team der G.I.B. in der aktuellen Förderphase umsetzen: Austauschtreffen der Trainer und Trainerinnen. Bei diesen Treffen soll man mit Trainer-Kollegen über Praxiserfahrungen sprechen, Wissen auffrischen und vertiefen und auch neue Aspekte im Bereich der interkulturellen Kompetenz kennen lernen können.

Weiterentwicklung der Inhalte
 

Für die Aufbaumodule kündigt das IQ Team der G.I.B. inhaltliche Veränderungen an. So wurden die Module noch stärker auf die Bedarfe der Jobcenter-Mitarbeitenden zugeschnitten. Neben der weiterhin angebotenen Schulung „Flucht & Trauma“ werden Schulungen zu drei neuen Themen aufgelegt: „Diversity & Antidiskriminierung“, „Interkulturelle Kommunikation“, und „Kultur & interkulturelles Hintergrundwissen“.

Die interkulturellen Grundlagenschulungen wird es weiterhin geben, und zwar sowohl als Inhouse-Schulungen in Jobcentern als auch zentral im Hause der G.I.B.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Ende 2017 von den Jobcentern zkT in Nordrhein-Westfalen gegründeten Jobcenter Akademie mit Sitz in Wuppertal geht ebenfalls weiter. Ziel dieser Einrichtung ist es, Fortbildungsveranstaltungen insbesondere für Jobcenter zkT zu bündeln und die Angebote zu steuern. Das IQ Team der G.I.B. hatte mit seiner „Train-the-Trainer-Fortbildung zentral“ eines der ersten Schulungsangebote der Akademie gestellt. Für das Projekt ist die Akademie ein ganz wichtiger Partner, weil über sie die Schulungsangebote des G.I.B./IQ Projekts beworben werden. Qualitativ bleibt das gesamte Angebot also erhalten oder wird sogar ausgebaut.

Partner für neues Projekt gesucht
 

Ein weiteres Angebot ist geplant: „In der neuen Förderphase sollen nicht nur die bekannten Schulungsformate umgesetzt, sondern auch interkulturelle Öffnungsprozesse unterstützt werden. Dabei geht es um einen interkulturellen Organisationsentwicklungsprozess im Jobcenter, der von uns begleitet wird“, erklärt Ute Soldan­sky. Das Thema interkulturelle Öffnung hat bisher in den Jobcentern nicht systematisch Einzug gehalten, sondern eher punktuell, zum Beispiel indem man beschlossen hat, mehr Menschen mit Migrationshintergrund einzustellen. Ein systematischer Öffnungsprozess sollte sich aber auf mehreren Ebenen bewegen: auf der personellen, der strukturellen und auch auf der Maßnahmen-Ebene (beispielsweise in Form von Trainings). Die Vorteile der interkulturellen Öffnung liegen einerseits in der Außenwirkung, die Attraktivität als potenzieller Arbeitgeber wird gesteigert. Andererseits wirkt der Öffnungsprozess auch nach innen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten eine höhere Handlungssicherheit im Umgang mit kultureller Vielfalt, was gleichzeitig zu einer Steigerung der Motivation, der Identifikation mit dem Job und der Produktivität führen kann.

Letztendlich profitieren auch die Kundinnen und Kunden: Durch eine kultursensible Ausrichtung der Angebote (unter anderem mehrsprachige Informationsmaterialien, Nutzung von sprachlichen und interkulturellen Kompetenzen der Mitarbeitenden) steht der Dienstleis­tungsaspekt mehr im Vordergrund und die Zufriedenheit auf Kundenseite kann gesteigert werden.

Über circa ein Jahr soll der interkulturelle Öffnungsprozess im Jobcenter mit verschiedenen Hilfsangeboten wie Workshops, Beratungsgesprächen, Hilfen zur Maßnahmenplanung begleitet werden. Es ist angedacht, eine Steuerungsgruppe einzurichten, in der die verschiedenen Jobcenter-Bereiche sowie die Leitungsebene vertreten sind. Weitere themenspezifische Arbeitsgruppen sind ebenfalls denkbar.

Geplant ist zunächst ein Pilotprojekt. Dafür sucht das IQ Team der G.I.B. noch interessierte Jobcenter, die interkulturelle Öffnungsprozesse dauerhaft in ihre Organisation integrieren möchten. Sind die gefunden, soll es einen Auftakt-Workshop geben, in dem noch einmal alle Fragen, Inhalte und notwendigen Rahmenbedingungen geklärt werden. Interessierte Jobcenter können sich bei den unten angegebenen Kontaktpersonen melden.


1 Das G.I.B./IQ Projekt ist ein Teilprojekt des IQ Landesnetzwerks NRW. Die Koordination des Netzwerks liegt beim Westdeutschen Handwerkskammertag e. V. (WHKT). Die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützen das Projekt als strategische Partner.

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Ute Soldansky
Tel.: 02041 767256
u.soldansky@gib.nrw.de

Hyra Sutaj
Tel.: 02041 767173
h.sutaj@gib.nrw.de

Sarah Bellan
Tel.: 02041 767176
s.bellan@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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