Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2019 Jugendberufsagenturen Digitale Transformation der Industrie
(Heft 2/2019)
Sozialpartnerschaftliche Erfolgswege

Digitale Transformation der Industrie

Kollaborierende Roboter, selbst lernende Maschinen, Künstliche Intelligenz. Die Digitalisierung ist kein Thema der Zukunft mehr, sondern längst Realität. Befürchtungen, dass für den arbeitenden Menschen immer weniger Platz in der modernen Berufswelt bleibt, treten engagierte Betriebsräte und Unternehmen aus der nordrhein-westfälischen Industrie entgegen. Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann nutzte seinen Besuch auf der Hannover Messe Industrie 2019 zum Austausch mit einigen von ihnen.

Es ist ein beliebiger Sonntagabend. Eine der Fernseh-Talkshows zeichnet das Bild der Arbeitswelt 4.0 und diskutiert die Auswirkungen. Professor Dr. Gunther Olesch erwartet, dass irgendein Talkshowgast heraufbeschwört, die Hälfte aller Jobs werde durch Digitalisierung, Automation und autarke Maschinen verschwinden. „Das ist eine beliebte These; ich halte sie für falsch“, sagt der Geschäftsführer Personal des Unternehmens Phoenix Contact aus Blomberg im Kreis Lippe. „Richtig ist vielmehr: Einige Arbeitsplätze entfallen, und neue entstehen.“ Bei Phoenix Contact – mit zuletzt 2,3 Milliarden Euro Umsatz – bestehe große Einigkeit zwischen Geschäftsführung und Beschäftigtenvertretung über den digitalen Veränderungsprozess, in dem vor allem die Chancen der Industrie 4.0 gesehen würden. Über allem stehe die Haltung, dass die Veränderungen und Entwicklungen der Effizienz, dem Wachstum und der Wirtschaftlichkeit dienen „und damit zur Sicherung von Arbeitsplätzen beitragen und nicht zu deren Abbau“, so Gunther Olesch. „Wir wollen alle Beschäftigten in diesem Prozess mitnehmen.“

„Mitzunehmen“ sind beim Hersteller von über 60.000 Komponenten für Schaltschränke, Feldinstallationen, Geräte- und Anschlusstechnik allein am Standort Blomberg aktuell rund 5.000 Menschen, 17.400 sind es weltweit. Zu den Produkten von Phoenix Contact, die auch im Alltag für viele wahrnehmbar sind, zählen Schnellladestecker für Elektro-Automobile. Die Erfindungen des Unternehmens aus dem Kreis Lippe sorgen dafür, dass Batterien von E-Autos binnen weniger Minuten und nicht mehr erst nach Stunden aufgeladen sind. „Das verkürzt eine Fahrt quer durch Deutschland, die sonst vielleicht eine Zwischenübernachtung erfordert hätte, enorm“, sagt Gunther Olesch. Im Geschäft mit anderen Unternehmen (B2B) findet Phoenix Contact digitale Lösungen etwa für Steuerung und Kontrolle in der Produktion. Fällt in Montage und Fertigung einmal eine Maschine aus, lässt sich mit Workplace-Software und dem Einsatz von Tablet-Geräten ein Fehler schnell lokalisieren und beheben. „Wofür zwei Mitarbeiter noch vor fünf Jahren zweieinhalb Stunden gebraucht haben, das lässt sich heute in unter 30 Minuten regeln“, sagt Gunther Olesch.

Gespräche bei Phoenix Contact „auf Augenhöhe“
 

Die Digitalisierungsstrategie umfasst bei Phoenix Contact mehrere Aspekte: Neben einer positiven Vision spiegelt die Digitalisierung sich in der Unternehmenskultur, in der nötigen Kompetenz aller Beteiligten, in der Führung und nicht zuletzt in der Arbeit selbst. Um den Beschäftigten die nötige Kompetenz zu vermitteln, hat Phoenix Contact zum Beispiel sogenannte „Future Now Days“ veranstaltet. Dabei wurde Fach- und Führungskräften des Unternehmens die Bedeutung des digitalen Wandels für Phoenix Contact vermittelt. Immer verbunden mit der allgemeinen Botschaft: Die Digitalisierung bringt Veränderungen; offene Information hilft dabei, Ängste abzubauen und eine positive Einstellung zu schaffen. „Bei der Transformation setzen wir auf Kommunikation auf Augenhöhe mit allen Beschäftigten“, sagt Michael Brunstering, bei Phoenix Contact für Kommunikation zum digitalen Wandel verantwortlich. Im Falle der „Future Now Days“ haben die Führungskräfte den Dialog auf die Ebene der Beschäftigten getragen. Dies geschehe in interaktiven Workshops zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden. „Nach etwa sechs Monaten aktiver Dialogworkshops freuen wir uns über fast ausschließlich positives Feedback der Mitarbeitenden“, sagt Michael Brunstering.

Der Betriebsrat von Phoenix Contact bringt sich aktiv in den Transformationsprozess ein, der sich im Austausch und mit größtmöglicher Transparenz vollzieht. Seit sechs Jahren ist Digitalisierung beständiges Thema auf den Betriebsversammlungen. Dort nimmt auch Geschäftsführer Prof. Dr. Gunther Olesch regelmäßig Stellung. Zu den Beschäftigten sprechen Betriebsrat und Geschäftsführung gemeinsam in ausführlichen Co-Interviews des firmeneigenen Mitarbeiter-Magazins „Contact“. Alle 14 Tage findet ferner ein intensiver Austausch beider Parteien statt. In einem Podcast mit der Geschäftsführung zu Neuigkeiten und Entwicklungen im Unternehmen sind die Fortschritte des Digitalisierungsprozesses ebenfalls Thema.

Arbeitsminister Laumann für Zusammenarbeit und Transparenz
 

Aus all diesen Gesprächen resultieren nicht nur ergonomische Verbesserungen an den Arbeitsplätzen, sondern auch Ideen für Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote. Der Betriebsrat arbeitet insbesondere darauf hin, die älteren Mitglieder der Belegschaft im Zuge der technologischen Fortschritte und Veränderungen nicht aus dem Blick zu verlieren. Dies ist auch für Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann ein wichtiger Aspekt. „Unternehmen tun sich in Zeiten von Fachkräfteengpässen keinen Gefallen, wenn sie versuchen, den Herausforderungen der Digitalisierung durch erweiterte Vorruhestandsregelungen für ältere Beschäftigte zu begegnen“, sagt der Minister beim Besuch des Standes von Phoenix Contact auf der Hannover Messe der Industrie. Eine funktionierende Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmen und Beschäftigtenvertretungen sei die bes­te Voraussetzung, um gemeinsam Prozesse anzustoßen und Entscheidungen transparent zu machen, so Karl-Josef Laumann. Was der Arbeitsminister grundsätzlich herausstellt, wird auch durch Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen bestätigt. Prof. Dr. Gunther Olesch verweist mit Stolz darauf, dass zuletzt alle befragten Beschäftigten ihre Bereitschaft bekannten, an Qualifizierungsmaßnahmen zur Digitalisierung teilzunehmen. Eine andere Zahl flankiert diesen Wert: Phoenix Contact hat allein im vergangenen Kalenderjahr insgesamt 9.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Weiterbildungen gezählt, vorrangig zum Schwerpunkt Digitalisierung.

Gelebte Sozialpartnerschaft äußert sich bei Phoenix Contact auch in der Übereinkunft zur Teilnahme an öffentlich geförderten Projekten, zum Beispiel zur Digitalisierung. Das Unternehmen partizipiert aktuell am Projekt „Arbeit 2020 in NRW“, das von Gewerkschaften wie der IG Metall initiiert und vom Landesarbeitsministerium mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) unterstützt wird. Es befähigt Betriebsräte, die Interessen der Belegschaft im Digitalisierungsprozess in den Vordergrund zu rücken. Ein Werkzeug, die Unternehmen auf Digitalisierungspotenziale zu durchleuchten, ist im Projekt die so genannte Betriebslandkarte Arbeit und Industrie 4.0. Dahinter verbirgt sich eine modellhafte, visuelle Darstellung der verschiedenen Unternehmensbereiche und ihr Status mit Blick auf die digitale Transformation. Die Landkarte erstellen Betriebsräte, Beschäftigte und auch Führungskräfte in gemeinsamen Workshops, die Ergebnisse fließen in den betrieblichen Kommunikations- und Transformationsprozess ein

Weidmüller führt Datenbrille nach intensiver Abstimmung ein
 

Das Detmolder Elektrotechnik-Unternehmen Weidmüller ist ebenfalls im Projekt „Arbeit 2020 in NRW“ aktiv und arbeitet mit den Erkenntnissen aus der Betriebslandkarte. Bei der 1850 als Textilhersteller gestarteten Firma ist Digitalisierung ein übergeordnetes Thema, auf der Hannover Messe zu erkennen an den erstmals präsentierten Lösungen für automatisierten Schaltschrankbau oder an einer Software für den Maschinen- und Anlagenbau, die Maschinen zum eigenständigen Lernen befähigt. Weidmüller, das im Jahr 2018 mit 4.900 Beschäftigten einen Umsatz von 823 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete, betreibt dabei mit viel Einsatz die Qualifizierung der eigenen Belegschaft. In der 2003 gegründeten Weidmüller Akademie zur Wissensförderung nimmt der digitale Wandel am Arbeitsplatz einen immer größeren Raum ein. Wie sollte es auch anders sein, wenn die analogen Steckverbindungen von damals heute im Kleid intelligenter Reihenklemmen erscheinen. „Wir könnten nach außen keine digitalen Innovationen verkaufen, wenn wir betriebsintern noch mit dem Hammer arbeiten würden“, sagt Dr. Patrick-Benjamin Bök, Leiter der Abteilung Global Digitalization bei Weidmüller. Aus dem „Hammer“ ist heute zum Beispiel die HoloLens geworden, eine Augmented-Reality-Brille (AR), die in enger Abstimmung mit der Belegschaft getestet und eingeführt worden sei, wie Betriebsratsvorsitzender Robert Chwalek betont.

Die HoloLens dient einerseits als digitales Hilfsmittel zur Instandhaltung von Werkzeugen bei der Fertigung. Andererseits ist es für Weidmüller die Brücke vom Standort in Detmold zu den Fertigungsstandorten in Rumänien oder China. Denn: Werkzeuge im Kunststoff-Spritzgussverfahren, zum Beispiel Auswerferstifte, können brechen. „Wenn das in der Vergangenheit an einem der Spritzgusswerkzeuge in China geschah, war das für uns bei bestimmten Aufträgen das schlimmste Szenario“, sagt Robert Chwalek. Denn zur Reparatur mussten meist Experten aus Deutschland einfliegen, wertvolle Zeit verstrich. Das lässt sich inzwischen in vielen Fällen vermeiden, durch die Einführung der neuen Datenbrillen-Technologie. Über die digitale Kommunikationsplattform Skype stellt das Mutterhaus in Det­mold eine Direktverbindung nach Südosteuropa oder Fernost her, mittels der HoloLens bekommt der vor der Maschine stehende Kollege die Informationen über Arbeits- und Reparaturschritte angezeigt.

Info-Points führen Beschäftigte an neue Technologien heran
 

Für den Einsatz der Brille bedarf es gewisser Kompetenzen: Aus den integrierten Programmen ist das zum Werkzeug passende auszuwählen und die Brille durch Gesten zu steuern. Betriebsratsvorsitzender Robert Chwalek lobt in diesem Zusammenhang die gute Verbindung zur Digital-Abteilung des Unternehmens, das die Brillen programmiert und die Beschäftigten für die Arbeit daran qualifiziert. In der Testphase war es Dr. Patrick-Benjamin Bök wichtig herauszufinden, ob die Belegschaft mit der HoloLens überhaupt Mehrwerte für die Arbeit erkennen konnte. Sie konnte – und sie wirkte während der Tests darauf ein, gewisse Hygienestandards vor der Übergabe der Brillen an andere Kollegen einzuhalten und auch die Frage der möglichen Strahlung der Geräte zu klären. „Spannend war es, gemeinsam Anwendungen für die Brille zu entwickeln“, sagt Dr. Patrick-Benjamin Bök. Die nächsten Schritte folgten schnell: Mit der Trainings-App ließen sich Rüstungen an Maschinen erstellen und in einem Werk beinahe spielerisch anwenden. Video- und Fotomaterial zur Dokumentation von Arbeitsschritten kamen hinzu. „Von den vielen Ideen haben wir viele verworfen, 30 Prozent waren nützlich“, sagt Dr. Patrick-Benjamin Bök. Er bezeichnet die digitale Datenbrille als „Paradethema“ für den digitalen Wandel im Unternehmen, gerade weil auch die Beschäftigten mitgestalten könnten. Am thüringischen Standort in Wutha-Farnroda ist die Digitalisierung in der Fertigung noch umfassender. Dort ist das Erfassungssystem für alle Maschinen einer Halle komplett umgestellt, Prüfaufträge sind kaum mehr auf Papier festgehalten. „Die Mitarbeiter arbeiten mit iPads und QR-Codes, um die Stammdaten zu kontrollieren und die Zykluszeiten in der Produktion vielleicht noch zu optimieren“, sagt Dr. Patrick-Benjamin Bök.

Zu Themen wie diesen betreibt Weidmüller besonderen Aufwand, um die Beschäftigten in neue Technologien einzuführen. Dazu gibt es in der jeweils betreffenden Abteilung als Anlaufstelle spezielle Info-Points. Sie sind ein mehrtägiges Angebot, die an die Innovationen heranführen. „Wir als Betriebsrat regen diese Info-Points an, wenn wir sie für angebracht halten“, sagt Robert Chwalek. Für ihn ist die Mitbestimmung im Digitalisierungsprozess ein besonderes Merkmal bei Weidmüller. So habe die Geschäftsführung es dem Betriebsrat ermöglicht, ein eigenes Digitalisierungsprojekt aus der Taufe zu heben. Robert Chwalek und seine Kollegen haben dazu das Personalentwicklungsprogramm (Pep) 4.0 entworfen, mit dem die weitere Qualifizierung der Belegschaft systematisch gesichert werden soll. Die Abteilung Digitalisierung arbeitet für dieses Projekt ein Schulungskonzept aus, das als Grundschulung 4.0 für alle Beschäftigten gelten soll, um gleichen Wissensstand sicherzustellen. „In nur drei Monaten haben wir mit der Geschäftsleitung eine Qualifizierungsvereinbarung erzielt, die persönliche und tarifvertraglich geregelte Qualifizierung berücksichtigt. Das habe ich so noch nicht erlebt“, sagte Robert Chwalek im Beisein von Landesarbeitsminister Karl-Josef Laumann auf der Hannover Messe. „Das ist als partnerschaftliches Vorgehen beispielhaft“, so der Minister. „Speziell auf dem Feld der Digitalisierung bestehen viele Vorbehalte und Ängste, die sich nur durch Transparenz und Mitsprache ausräumen lassen.“

Phoenix Contact und Weidmüller sind als Unternehmen aus dem Nordosten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zwei Beispiele für das Bemühen, Beschäftigte im digitalen Wandel ihrer Berufe durch Qualifizierung und Beteiligung zu stärken. Ohne Mitsprache und Mitbestimmung kommen aber auch jene Firmen nicht aus, die digitale Prozesse – anders als in der industriellen Serienfertigung von Komponenten der Elektrotechnik – eher im verwaltungs- und kaufmännischen Bereich, bei der Umstellung auf digitale Auftragsabwicklung oder im Datenmanagement sehen. Beim Maschinen- und Getriebehersteller Gebr. Eickhoff mit 1.000 Beschäftigten in Bochum und weiteren 200 in Klipphausen (Sachsen) sind laut dem Bochumer Betriebsratsvorsitzenden Volker Naurath Digitalisierungspotenziale in der eigenen Produktion von Bergbaumaschinen und Windkraftgetrieben gegeben. Ferner werden die Produkte mit Sensorik ausgestattet, über die Daten etwa während des Einsatzes im Kundenbetrieb erzeugt werden. Entsprechend erläutert Geschäftsführer Bernhard Torliene gegenüber Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, dass die Digitalisierung für Eickhoff besonders im Datenmanagement Möglichkeiten eröffne. Über eine IT-Plattform lassen sich Ursache-Wirkung-Analysen erstellen und damit die Betriebsdauer von Maschinen und anderen Produkten verlängern sowie die vorbeugende Wartung und Instandhaltung optimieren. Hier Erfolge zu erzielen ist insofern von Bedeutung für Eickhoff, als die Maschinen in der Montanindustrie und die Getriebe in der Erneuerbare-Energien-Branche weltweit und meist unter extremen Bedingungen im Einsatz sind.

Ansprechperson in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Kontakt

Weidmüller Gruppe
Dr. Patrick-Benjamin Bök
Leiter Global Digitalization
Klingenbergstraße 16
32758 Detmold
Tel.: 05231 14293097
Patrick-Benjamin.Boek@weidmueller.com

Robert Chwalek, Betriebsratsvorsitzender
Tel.: 05231 14291291
robert.chwalek@weidmueller.com

Phoenix Contact
Michael Brunstering, Fachreferent
Kommunikation zum digitalen Wandel
Flachsmarktstraße 8
32825 Blomberg
mbrunstering@phoenixcontact.com

Eickhoff Antriebstechnik GmbH
Bernhard Torliene, Geschäftsführer
44789 Bochum
Tel.: 0234 975-0
kontakt@eickhoff-bochum.de

Autor

Volker Stephan
Tel.: 0173 3679157
post@volker-stephan.net
www.volker-stephan.net
Artikelaktionen