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(Heft 2/2019)
„Wir sind gemeinsam dafür verantwortlich, dass der Übergang von der Schule in den Beruf funktioniert“

Die Jugendberufsagentur Bielefeld – Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Seit Januar 2018 gibt es in der Stadt Bielefeld eine Jugendberufsagentur. Sie befindet sich in einem architektonisch eindrucksvollen Neubau in der Innenstadt. Von einer „High-End-Jugendberufsagentur“ ist die Rede – bes­te Voraussetzungen also für eine rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit unter einem Dach.

„Für uns war klar: Wenn eine Jugendberufsagentur, dann nicht als Untermieter einer der beteiligten Institutionen, sondern als eigener Standort“, sagt Klaus Siegeroth, Geschäftsführer der REGE mbH. Diese Gesellschaft ist neben dem Jobcenter Arbeitplus Bielefeld, der Agentur für Arbeit Bielefeld, und der Stadt Bielefeld einer der Partner in der Bielefelder Jugendberufsagentur. Als hundertprozentige Tochter der Stadt Bielefeld kümmert sich die REGE mbH mit mehr als 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um die kommunale Arbeitsmarktpolitik.

Dass das markante Gebäude an einem sehr zentralen Ort in der Innenstadt liegt, so Klaus Siegeroth, vermittle sowohl gegenüber den Mitarbeitenden als auch gegenüber den Jugendlichen die Wertigkeit, die man der Institution Jugendberufsagentur beimisst.

In den vier unteren Etagen befinden sich die U25-Bereiche des Jobcenters (Ausbildungsstellenvermittlung, Fallmanagement, Vermittlung, Geldleistungsbereich) und der REGE (Kommunale Koordinierungsstelle KAoA, KAUSA-Servicestelle, Schulsozialarbeit, Jugend-Projekte), die Agentur für Arbeit mit dem gesamten Team der Berufsberatung sowie zu bestimmten Sprechzeiten Beratungsfachkräften des Arbeitgeberservice und Beratungsfachkräften für Rehabilitation von Jugendlichen sowie die Stadt Bielefeld mit der BAföG- und der Bildung und Teilhabe-Abteilung. Dabei werden die Etagen und auch die Konferenzräume gemeinsam genutzt. Insgesamt hat die Jugendberufsagentur 165 Mitarbeitende, 67 vom Jobcenter, 37 von der REGE, 32 von der Agentur für Arbeit und 29 von der Stadt Bielefeld.

Vorreiter der rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit
 

Rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit ist in Bielefeld nichts Neues. Die verschiedenen Rechtsträger arbeiten schon seit 2003 in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Als 2005 das SGB II (Grundsicherung für Arbeitsuchende) in Kraft trat, bildete das U 25-Team des Jobcenters und die Jugendberufshilfe aus dem Rechtskreis SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe), die von der REGE wahrgenommen wird, einen gemeinsamen Standort, das Bielefelder Jugendhaus. Bielefeld war damit eine der ersten Städte bundesweit, in denen eine rechtskreisübergreifende Zusammenarbeit erprobt wurde. Diese Zusammenarbeit sei immer enger geworden, sodass der Schritt zu einer gemeinsamen Einrichtung für den U25-Bereich allen Beteiligten nur logisch erschien, erläutert Klaus Siegeroth. Nachdem die Finanzierung geklärt war, trafen der Sozialdezernent der Stadt Bielefeld und die Geschäftsführer von REGE, Agentur für Arbeit und Jobcenter im Jahr 2016 daher die Entscheidung zur Umsetzung dieser Idee.

Wichtig, so Klaus Siegeroth, sei der Konsens der drei Rechtskreise gewesen, sich nicht nur mit bestimmten Abteilungen an der Jugendberufsagentur zu beteiligen, sondern mit dem Komplettangebot für die Zielgruppe U25.

Dass die Stadt Bielefeld auch die Bereiche BAföG und Bildung und Teilhabe in die Jugendberufsagentur verlegte, ist ungewöhnlich, aber: „Wir wollten, auch was die Geldleistungen angeht, ein Rundum-Paket anbieten. Deswegen haben wir diese Teams mit eingebracht“, sagt Ingo Nürnberger, Sozialdezernent der Stadt Bielefeld. Dies ermöglicht es, eine gezielte Unterstützung – zum Beispiel für Jugendliche in schwierigen familiären Verhältnissen – schon sehr frühzeitig anzubieten, und sei ein wichtiger Teil der Unterstützungskette, ergänzt Rainer Radloff, Geschäftsführer des Jobcenters Arbeitplus Bielefeld.

Darüber hinaus hat die Jugendberufs­agentur seit Anfang des Jahres 2019 einen Kooperationsvertrag mit weiteren Bereichen des Jugendamts der Stadt geschlossen. Der Kooperationsvertrag sieht zum Beispiel eine enge Zusammenarbeit in den Quartieren vor und außerdem gemeinsame Arbeitskreise und Fortbildungen. „Ich bin glücklich, dass wir diese Zusammenarbeit zwischen Jugendamt und den Institutionen der anderen Rechtskreise in der Jugendberufsagentur hinbekommen haben“, sagt Ingo Nürnberger. „So wissen zum Beispiel die Erziehungshilfe und die Jugendberufsagentur voneinander und können gemeinsam Lösungen für Jugendliche entwickeln.“

Auch die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) ist mit ihren Angeboten und Instrumenten mitgedacht: die REGE mit ihrem Bereich Kommunale Koordinierung KAoA ist eng verzahnt mit den Strukturen der Jugendberufsagentur. KAoA könne man auch als die Klammer des Gesamtkomplexes betrachten. „Wir sind gemeinsam dafür verantwortlich, dass der Übergang von der Schule in den Beruf funktioniert, wobei in manchen Phasen die Standard­elemente der beruflichen Orientierung aus KAoA mehr im Vordergrund stehen, zum bestimmten Zeitpunkt dagegen die Agentur für Arbeit mit ihrer Fachberatung wichtiger ist. Das Jobcenter wiederum ist für einen Teil dieser Menschen intensiver da, wenn sie in Bedarfsgemeinschaften leben, und die Jugendberufshilfe in der REGE setzt sich für die ein, die den Weg nicht oder noch nicht finden. Unser Anspruch muss es sein, jeden Einzelnen, der Unterstützung benötigt, so zu begleiten, wie er oder sie es auf seinem beziehungsweise ihrem individuellen Weg in Ausbildung oder auskömmliche Beschäftigung braucht“, sind sich Klaus Siegeroth (REGE), Ingo Nürnberger (Stadt Bielefeld), Rainer Radloff, (Jobcenter Arbeitplus) und Thomas Richter (Agentur für Arbeit) einig.

Neue Kommunikationswege
 

Damit die Jugendlichen die Jugendberufsagentur als ihren ersten Ansprechpartner in Berufswahlfragen wahrnehmen, muss man sie erst einmal erreichen. Sie kämen, so schön der Neubau auch sei, nur selten automatisch in ein solches Haus, so Klaus Siegeroth. Deshalb geht man neue Wege: „Wir haben im vergangenen Jahr eine Social-Media-Managerin eingestellt, weil wir neue Kanäle bespielen wollen“, erzählt Klaus Siegeroth. So ist die Jugendberufsagentur zum Beispiel jetzt auf Instagram vertreten und dreht dafür zum Beispiel kleine Filmclips mit Jugendlichen. „Wir versuchen also, auf einer anderen Ebene mit den Jugendlichen zu kommunizieren, als das bisher der Fall war“. Laut Klaus Siegeroth mit Erfolg: „Wir denken, dass wir schon besser wahrgenommen werden. Nicht als eine Verwaltung, sondern als ein Dienstleister für junge Menschen am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.“ Hilfreich dabei ist auch, dass die Jugendberufsagentur mit ihrer Beratung – hier besonders die Agentur für Arbeit mit der Berufsberatung – an den Schulen früh in die Berufsorientierung einsteigt.

Kommt ein Jugendlicher in die Jugendberufsagentur, gilt das Prinzip „One Face to the Customer“, also jeweils ein Hauptansprechpartner für jeden betreuten Jugendlichen, der dann aber bei Bedarf die anderen Ansprechpartner alle unter einem Dach findet („One-Stop-Government“).

Das gelte im Übrigen nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch etwa für Eltern, Schulen und Arbeitgeber. „Das Ziel muss sein, dass allen klar ist: Bei allen Themen rund um die Berufswahl gehe ich in die Jugendberufsagentur“, macht Ingo Nürnberger deutlich.

Besserer Datenaustausch ist in Arbeit
 

Im Zusammenhang mit rechtskreisübergreifender Zusammenarbeit stellt sich stets die Frage des Datenaustausches und damit des Datenschutzes. Grundsätzlich unterzeichnet jeder Jugendlicher, der mit der Jugendberufsagentur Bielefeld in Kontakt tritt und Unterstützung möchte, eine Datenschutzerklärung, ein Datenaustausch zwischen den Rechtskreisen über ein gemeinsames System ist bisher aber nicht möglich. Es gibt zwar einen gemeinsamen Sharepoint, auf dem alle Informationen zu den Angeboten der verschiedenen Rechtskreise hinterlegt sind und über die auch zum Beispiel die Nutzung der gemeinsamen Besprechungs- und Konferenzräume organisiert wird. Personenbezogene Daten enthält dieses System aber nicht.
Rainer Radloff hofft aber auf eine baldige Lösung des Problems. „Die Bundesagentur für Arbeit ist gerade dabei, ein Kerndatensystem für die Jugendberufsagenturen zur Verfügung zu stellen. Ich erhoffe mir, dass sich dadurch die Effektivität der Zusammenarbeit weiter verbessert.“ Auch bei dem Datenaustausch mit Schulen sieht Rainer Radloff noch Verbesserungsbedarf. Gerade die Zusammenarbeit mit ihnen sei nach den bisherigen Erfahrungen ein wichtiger Erfolgsfaktor. Es gebe zwar in Bielefeld freiwillige Absprachen mit den Schulen. „Es wäre aber ein wichtiger Schritt, das auch gesetzlich zu untermauern“, so Rainer Radloff.

Verschiedene Arbeits- und Organisationskulturen
 

Klaus Siegeroth verschweigt nicht, dass die rechtskreisübergreifende Arbeit in einer gemeinsamen Einrichtung einige Herausforderungen mit sich bringt. So hätten die Rechtskreise verschiedene Haltungen, die zum Teil gesetzlich vorgegeben seien. „Die einen kümmern sich – arg vereinfacht – per Gesetz um die, die sich im Leistungsbezug SGB II befinden, die Zweiten um die, die selbstständig Beratung nachfragen (SGB III) und die Dritten um die, die intensiveren Unterstützungsbedarf nach SGB VIII haben“, so Klaus Siegeroth. Die jeweiligen Rechtskreise haben unterschiedliche Logiken. Auf der einen Seite ist die Rechtssicherheit zu beachten, auf der anderen liegt der Schwerpunkt bei der intensiven pädagogischen Arbeit. „Das ist eine große Bandbreite von Ansätzen und es gilt, in dem Verständigungsprozess zwischen den Rechtskreisen zu lernen, dass der jeweils andere Ansatz immer auch eine Chance darstellt, Synergien aus den unterschiedlichen Zugängen zu nutzen.“. Er ist zuversichtlich, dass das gelingt, auch weil es die eigenen Möglichkeiten erweitert.

Durch die räumliche Nähe hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Rechtskreise nicht nur eine Telefonnummer, sondern ein Gesicht als Ansprechpartner. Das sei ein Mehrwert, der sich besonders bei der „warmen Übergabe“ der Jugendlichen von einem Rechtskreis zum anderen bezahlt mache, sagt Ingo Nürnberger.

Zum Verständnis untereinander tragen darüber hinaus verschiedene Formate der Zusammenarbeit bei. Fallkonferenzen auf der Mitarbeiter-Ebene, Austausch- und Abstimmungstreffen in verschiedenen Fachbereichen, zum Beispiel für die Bereiche Schule oder Berufsberatung. Die Bereichsleitungen arbeiten auf ihrer Ebene zusammen. Die Rechtskreissprecher treffen sich in einem Arbeitskreis. Außerdem gibt es einen Koordinator für die drei vertretenen Rechtskreise, der im jährlichen Wechsel aus einem anderen Rechtskreis stammt. „Diese rotierende Koordinationsleitung soll zeigen: Wir sind ein gemeinsames Haus“, sagt Klaus Siegeroth. Dazu gibt es noch einen Lenkungskreis bestehend aus den Geschäftsführern der REGE, der Agentur für Arbeit und des Jobcenters sowie dem Sozialdezernenten, der sich alle vier bis sechs Wochen trifft und vor allem Themen strategischer Natur bespricht „Der Wille der Leitungsebene zusammenzuarbeiten, ist unverzichtbar. Wenn es von oben nicht die richtigen Signale gibt, funktioniert es nicht“, sagt Ingo Nürnberger. Und dieser Wille sei hundertprozentig vorhanden.
Das eigene Selbstverständnis und die Ziele hat die Jugendberufsagentur schriftlich fixiert. In Bezug auf die eigene Organisation heißt es zum Beispiel: „Indem wir in der Jugendberufsagentur aktive Dialoge führen, können wir unsere Ideen einbringen und uns gemeinsam weiterentwickeln.“ Dieser Prozess wird durch eine interne, beteiligungsorientierte Beratung der Bundesagentur für Arbeit begleitet.

Das Feedback der Mitarbeitenden, so Thomas Richter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bielefeld, gehe ganz klar in die Richtung, die Jugendberufsagentur noch weiter auszubauen. Viele forderten noch mehr Gemeinsamkeit ein – und das sei durchaus positiv zu werten.

Was schon gut funktioniere, sei die gemeinsame Zielplanung, sagt Klaus Siegeroth. Als Beispiel nennt er Maßnahmen nach § 16 h des SGB II, also die Anbindung von schwer erreichbaren Jugendlichen an die vorhandenen Hilfsangebote der Rechtskreise.

Thomas Richter betont besonders die soziale Aufgabe der Jugendberufsagentur. Die Fallbesprechungen der drei Rechtskreise unter dem Dach der Jugendberufs­agentur führten immer wieder dazu, dass junge Menschen gar nicht erst zu schwer erreichbaren Jugendlichen werden. „Sich hier gemeinsam zu engagieren und über die Rechtskreise hinweg Arbeitszeit und Geld zu investieren, macht sich bezahlt. Wir setzen vorbeugend an. Auf diese Weise sparen wir mit unserem Konzept langfristig Finanzressourcen ein. Wir tun da etwas Gutes für die Stadt und die Gesellschaft.“ Wenn man sich statistische Zahlen ansehe, könne man außerdem erkennen, dass die Jugendarbeitslosigkeitsquote gesunken sei: Lag diese im April 2017 – also vor der Gründung der JBA – in der Stadt Bielefeld bei 7,5 Prozent, betrug die Arbeitslosenquote bei der Gruppe der unter 25-Jährigen im April 2019 5,8 Prozent.

Start geglückt – weiteres Potenzial vorhanden
 

Als Erfolgsfaktoren für das Gelingen einer Jugendberufsagentur nennt Klaus Siegeroth an erster Stelle die politische Unterstützung. Diese sei in Bielefeld, untermauert durch verschiedene Ratsbeschlüsse, hundertprozentig vorhanden. Hilfreich sei auch der Jugendbeirat, eine seit 2007 etablierte Kooperationsstruktur aller arbeits-, bildungs- und wirtschaftspolitischer Akteure, darunter Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Kammern, Universität, Qualifizierungsträger, der Sozial- und der Schuldezernent der Stadt, die das zentrale Steuerungsgremium KAoA vor Ort ist und unter anderem das Ziel hat, verlässliche Angebotsstrukturen und Initiativen für den regionalen Ausbildungsmarkt zu entwickeln.

„Und der dritte wichtige Punkt“, sagt Klaus Siegeroth: „man muss sich ein bisschen Zeit geben. Es darf nicht den einen Antreiber geben und die anderen müssen ihm folgen. Es muss sich eine Zusammenarbeit der Rechtskreise auf Augenhöhe entwickeln, sonst wird es immer Widerstände geben.“

Die Einrichtung der Jugendberufsagentur sei ganz klar der richtige Schritt gewesen, resümiert Ingo Nürnberger, „aber da steckt noch mehr positives Potenzial drin, von dem ich überzeugt bin, dass wir es auch heben können.“ Nach einem Super-Start und viel Anfangs-Euphorie sei es ein sehr gutes erstes Jahr gewesen, findet Thomas Richter. Das zweite Jahr sei nun das Jahr der Konsolidierung und des Nachschärfens an verschiedenen Stellen. Und Rainer Radloff bringt es auf die kurze Formel: „Start gelungen – aber es bleibt noch einiges zu tun.“

Kontakte

Regionale Personalentwicklungsgesellschaft (REGE) mbH
Herforder Straße 73
33602 Bielefeld
Klaus Siegeroth
Tel.: 0521 9622320
klaus.siegeroth@rege-mbh.de

Jobcenter Arbeitplus Bielefeld
Herforder Straße 67
33602 Bielefeld
Rainer Radloff
Tel.: 0521 55617600
rainer.radloff@jobcenter-ge.de

Agentur für Arbeit Bielefeld
Thomas Richter
33591 Bielefeld
Tel.: 0521 5871553
thomas.richter2@arbeitsagentur.de

Stadt Bielefeld Dezernat Soziales
Niederwall 23
33602 Bielefeld
Ingo Nürnberger
Tel.: 0521 515235
ingo.nuernberger@bielefeld.de

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Albert Schepers
Tel.: 02041 767255
a.schepers@gib.nrw.de

Elisabeth Tadzidilinoff
Tel.: 02041 767244
e.tadzidilinoff@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
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