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(Heft 2/2019)
Interview mit Dr. Angelika Kümmerling, IAQ

„Wir brauchen flexiblere Modelle für die gerechtere Verteilung von Arbeitszeit für Mütter und Väter“

Mütter in Deutschland arbeiten heute deutlich länger als noch vor sechs Jahren – ganz besonders Mütter von Klein- und Kleinstkindern. Dabei leben Frauen und Männer weiter in unterschiedlichen Arbeitszeitrealitäten: Im Jahr 2017 war fast jede zweite Frau Teilzeit beschäftigt (46,5 %), aber nur knapp jeder zehnte Mann (9,4 %). Teilzeit gilt trotz der Nachteile für die Altersabsicherung inzwischen als Blaupause für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf –, wird aber vor allem von Müttern, sehr viel seltener von Vätern gewählt. Das zeigen aktuelle Untersuchungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE). Ein Interview mit Dr. Angelika Kümmerling, Wissenschaftlerin am IAQ, zu aktuellen Befunden und geschlechtergerechteren Arbeitszeitmodellen.

G.I.B.: Frau Dr. Kümmerling, Teilzeitarbeit hat sich offensichtlich als bevorzugte Arbeitszeitform von Müttern manifestiert. Wie sieht der Befund im Einzelnen aus? Was hat Sie besonders überrascht?

Kümmerling_AngelikaAK.jpgDr. Angelika Kümmerling: Trotz aller Erfolge hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung hat sich das Erwerbsvolumen von Frauen in den letzten Jahren – man muss schon sagen bedauerlicherweise – kaum verändert. Tatsächlich arbeitet jede zweite Frau in einer Teilzeitform und mehr als Zweidrittel aller Mütter arbeiten in Teilzeit. Bemerkenswert ist, dass die Teilzeitarbeit von Müttern so langlebig und dauerhaft ist. Nach unseren Befunden verbleiben sie nicht nur ein bis drei Jahre in Teilzeit, also solange die Kinder noch klein sind. Die Teilzeitphasen von Müttern verfestigen sich und erstrecken sich häufig über das gesamte berufliche Leben.

Die Langlebigkeit von Teilzeitarbeit bei Müttern ist frappierend und auch im europäischen Vergleich die Ausnahme. So haben wir in Deutschland – nach den Niederlanden – die kürzesten Arbeitszeiten von Müttern und das seit gut 15 Jahren. Das hat meiner Meinung nach mit dem Verständnis zu tun, wie wir Mutterschaft definieren. Eine in Vollzeit erwerbstätige Mutter eines Säuglings oder Klein(st)kindes ist für uns auch im Jahr 2019 nicht wirklich denkbar – und kommt statistisch auch äußerst selten vor.

Ein weiterer und leider auch kein neuer Befund ist, wie unbeeindruckt die Arbeitszeiten der Männer von der jeweiligen Lebensphase sind. Unabhängig vom Alter der Kinder haben Männer eine Vollzeitorientierung und leben das auch. Da hat sich durch Elterngeld, Elternzeit und Kita-Ausbau so gut wie nichts geändert.

G.I.B.: Welche Teilzeitformen herrschen bei Frauen mit Kindern vor? Ist es immer noch die geringe Teilzeit oder gibt es hier Veränderungen?

Dr. Angelika Kümmerling: Wir können in den letzten Jahren feststellen, dass es bei Müttern einen Trend zur längeren Teilzeitarbeit gibt. Der Anteil derjenigen Frauen und Mütter, die weniger als 20 Stunden arbeiten, nimmt insgesamt ab. Nach Lebensphasen kann man feststellen, dass sich die Arbeitszeiten von Müttern mit Kindern unter sieben Jahren um rund zwei Stunden erhöht haben. Normalerweise haben wir solche Veränderungen nicht. Diese Verschiebung innerhalb des Teilzeitgeschehens ist also auf jeden Fall positiv.

Auf der anderen Seite können wir sehen, dass die Arbeitszeiten von Müttern immer noch stark davon abhängen, wie viele Kinder sie haben, kurz gesagt: Je mehr Kinder Frauen haben, desto kürzer sind ihre Arbeitszeiten. Betrachtet man die Gesamtheit aller Mütter, also auch derjenigen, die Vollzeit arbeiten, so liegen die durchschnittlichen Arbeitszeiten von Müttern bei uns heute zwar bei rund 26 Stunden. Betrachtet man jedoch die ausschließlich in Teilzeitarbeit erwerbstätigen Mütter, dann kommen wir auf eine durchschnittliche Arbeitszeit von lediglich rund 21 Stunden, so auch das Ergebnis einer aktuellen Studie des Delta-Instituts im Auftrag der Bundesregierung. Mütter von kleinen, noch nicht schulpflichtigen Kindern arbeiten durchschnittlich sogar nur etwa 20 Stunden.

Bei den Arbeitszeiten von Müttern scheint es nach wie vor eine Art gläserne Decke zu geben und wir sind immer noch sehr weit entfernt von einer vollzeitnahen oder existenzsichernden Teilzeit. Das liegt u. a. am Ehegattensplitting und am Steuerklassenwechsel, beides Instrumente, die bekanntermaßen dazu führen, dass Frauen weniger arbeiten, und die sich als Hemmschuh für eine gleichberechtigte Arbeitsteilung von Frauen und Männern erweisen.

G.I.B.: Teilzeitarbeit und auch Teilzeitausbildung sind für viele Frauen eine gute und nicht selten einzige Lösung, in den Beruf zurückzukehren und Familie und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Als Wissenschaftlerin und Arbeitszeitexpertin sehen Sie das kritisch. Mit welchen Modellen ließe sich Arbeitszeit gerechter verteilen?

Dr. Angelika Kümmerling: So wie die Teilzeitarbeit ein dauerhafter Befund ist, so hartnäckig und folgenreich sind natürlich auch die Risiken, die mit einer Teilzeit als dauerhafter Arbeitszeitform einhergehen. Das hat sich in keiner Weise verändert. Die Risiken sind bekannt und scheinen genauso konsequent ignoriert zu werden: Teilzeitarbeit bedeutet fehlende berufliche Entwicklung, weniger Weiterbildung oder Angebote zur Führungsverantwortung und stagnierenden Verdienst. Auch die geschlechterspezifische Arbeitsteilung in Beziehungen ändert sich nicht, wenn ein Partner oder eher eine Partnerin immer genug Zeit für die Sorge- und Hausarbeit hat. Vor allem aber ist die Rente nicht abgesichert und das Risiko der Altersarmut insbesondere für Mütter bleibt langfristig deutlich erhöht.

Um der Teilzeitfalle zu entgehen, plädiere ich für flexible Arbeitszeitmodelle, die sich auf längere Sicht an vollzeitnaher Teilzeit orientieren. Etabliert hat sich bei uns in Deutschland das Modell 20/40, also die Frau arbeitet 20 Stunden in Teilzeit, der Mann 40 Stunden in Vollzeit. Wenn dieses Familienmodell scheitert, geht das in der Regel zulasten der Frauen.

Eine Alternative wären daher aus meiner Sicht neue Modelle der Arbeitszeitverteilung nach dem Muster 30/30; d. h., beide Partner arbeiten jeweils um die 30 Stunden. Damit bliebe das gesamte Stundenvolumen gleich und beide Partner hätten genügend Freiraum, um Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlicher aufzuteilen und auch privaten Interessen nachzugehen. Ich denke, das bietet viele Vorteile: für die Kinder, für die beruflichen Karrieren beider Partner, ja auch für die Gesundheit und für die Work-Life-Balance.

In der Praxis, das weiß ich aus eigener Erfahrung, ist das nicht immer leicht umzusetzen und wird auch nicht für jede Tätigkeit, jede Branche möglich sein. Eingebunden in ein Bündel weiterer Maßnahmen, wie etwa die finanzielle Aufwertung von Frauenberufen und damit das Reduzieren des Gender Pay Gap, kann ein solches Modell jedoch dazu beitragen, die ungleiche Aufgabenverteilung in Familien positiv zu verändern und Väter stärker mit ins Boot zu holen. Sonst befürchte ich, bleibt Vereinbarkeit dauerhaft ein Frauenthema.

G.I.B.: Welche weiteren Stellschrauben und Lösungsmöglichkeiten sehen Sie, um die Rahmenbedingungen für Frauen und Männer mit Blick auf eine gerechte Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zu verbessern?

Dr. Angelika Kümmerling: Wichtige Instrumente sind sicherlich Elternzeit und Elterngeld. Wir sehen aber, dass sich an den Geschlechterrollen und der geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung wenig ändert. Nur ein geringer Teil der Väter nimmt mehr als zwei Monate Elternzeit in Anspruch und das häufig parallel zur Elternzeit der Partnerin. Hier könnte man überlegen, die Vätermonate auszuweiten.

In Island hat man da beispielsweise sehr gute Erfolge erzielen können, indem man die neunmonatige Elternzeit gedrittelt hat. Je ein Drittel steht jetzt ausschließlich der Mutter bzw. dem Vater zu, über das dritte Drittel darf gemeinsam entschieden werden. Bereits 2010 haben 90 Prozent der Väter die dreimonatige Elternzeit in Anspruch genommen. Zu überlegen wäre auch, ob tatsächlich die gesamte Elternzeit gemeinsam genommen werden darf. Denn wenn beide Partner zu Hause bleiben, fördert das eher nicht die Berufstätigkeit der Frau oder die Gleichverteilung von Haus- und Sorgearbeit. Ein positives Signal ist sicher auch die Einführung der Brückenteilzeit, und ich bin gespannt, welche Effekte das haben wird.

Bewegen müssen sich auch die Unternehmen, indem sie flexiblere und moderne Arbeitsverhältnisse anbieten. Und zwar nicht nur für Frauen, sondern explizit auch für Väter, die, wie Umfragen zeigen, ja durchaus an einer Reduzierung der Arbeitszeit interessiert sind und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten.

Grundsätzlich denke ich, dass an der Stellschraube Frau genug gedreht wurde: Wir haben gesehen, dass die Frauen insgesamt sehr flexibel auf die Rahmenbedingungen reagieren. Durch Elterngeld und Elternzeit kehren sie früher zurück in den Beruf und wir haben inzwischen eine der höchsten Erwerbstätigenquoten von Frauen in Europa. Kurzum, Frauen mit Kindern können und wollen arbeiten und sie schaffen das auch.

Leichter als bisher sollte den Männern ermöglicht werden, mehr Verantwortung für die Sorgearbeit zu übernehmen. Insofern ist die Zielgruppe der Männer, also der Väter, proaktiv anzusprechen und für partnerschaftliche Modelle und neue Formen der Arbeitszeitverteilung zu gewinnen. Zumal Untersuchungen bestätigen, dass eine Elternzeit von einem Jahr keinerlei Nachteile für Männer hat, während das bei Frauen durchaus anders bewertet wird.

G.I.B.: Mit Blick auf die ungleiche Verteilung von bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Sorgearbeit und damit verbunden das größere Armutsrisiko von Frauen haben Verbände, darunter Gewerkschaften und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, den Vorschlag gemacht, ein permanentes Rentensplitting einzuführen. Inwieweit sehen Sie das als einen gangbaren Weg, um der Teilzeit- und Armutsfalle zu entgehen?

Dr. Angelika Kümmerling: Das mindert auf jeden Fall das Risiko der Altersarmut von Frauen, wenn die Rentenpunkte dauerhaft geteilt werden können. Im Einzelfall also eine gute Lösung und vor allem angesichts der Langlebigkeit von Teilzeitarbeit bei Müttern. Allerdings ändert es strukturell wenig an der eher traditionellen Aufgaben- und Rollenverteilung in der Familie.

Gerade für das Wiedereinstiegsgeschehen halte ich es demgegenüber für wichtig, immer wieder auf die Nachteile von dauerhafter, kurzer Teilzeitarbeit hinzuweisen, das Risiko der Altersarmut von Frauen hartnäckig zu thematisieren und sehr proaktiv für moderne geschlechtergerechte Arbeitszeitmodelle auch bei Männern zu werben. An Vorschlägen und Erkenntnissen mangelt es ja nicht.

Ansprechperson in der G.I.B.

Dr. Victoria Schnier
Tel.: 02041 767159
v.schnier@gib.nrw.de

Das Interview führte

Kontakt

Dr. Angelika Kümmerling
Institut Arbeit und Qualifikation
Universität Duisburg-Essen
Fakultät für Gesellschaftswissenschaften
Tel.: 0203 3791825
angelika.kuemmerling@uni-due.de

Literaturhinweise

• Geschlechtsspezifische Unterschiede in den Arbeitszeiten. Fortschritt auf der einen, Stagnation auf der anderen Seite. IAQ-Report 2018/08, Angelika Kümmerling
http://www.iaq.uni-due.de/iaq-report/2018/report2018-08.php

• Frauen in Teilzeit – Lebensqualität oder Teilzeitfalle, Studie des Delta-Instituts im Auftrag der Bundesregierung, 2018
https://www.delta-sozialforschung.de/news/frauen-in-teilzeit-lebensqualitaet-oder-teilzeitfalle.html

 

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