Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2019 Jugendberufsagenturen „Wesentlicher Effekt der Jugendberufsagenturen ist die schnellere und effektivere Beratung“
(Heft 2/2019)
Interview mit Susanne Kretschmer, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung

„Wesentlicher Effekt der Jugendberufsagenturen ist die schnellere und effektivere Beratung“

Das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) in Berlin unterstützt durch seine Forschung die Weiterentwicklung des Systems der beruflichen Bildung und entwickelt in enger Zusammenarbeit mit Akteuren aus Politik und Wirtschaft Konzepte innovativer betrieblicher Bildungsarbeit. Im G.I.B.-Interview erläutert Susanne Kretschmer, Geschäftsführerin des Forschungsinstituts, die Ergebnisse ihrer Evaluation von Jugendberufsagenturen.

G.I.B.: Frau Kretschmer, Sie sind mit der begleitenden Evaluation der Jugendberufsagentur Berlin beauftragt, beschäftigen sich aber auch in Bremen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt mit der Arbeit von Jugendberufsagenturen. Wie gehen Sie dabei vor?

Susanne Kretschmer: Das Vorgehen in den einzelnen Bundesländern ist nicht identisch, lässt sich aber exemplarisch an unserer Evaluierung der Jugendberufsagentur in Berlin darstellen: Unsere Analyse umfasste die Aufbau- und Ablauforganisation der Jugendberufs­agentur, deren Ressourcenausstattung, die Synergieeffekte der Zusammenarbeit und das Aufzeigen weiterer Optimierungspotenziale. Dazu haben wir eine sehr ausführliche Dokumentenanalyse vorgenommen.

Direkt im Anschluss daran haben wir Experteninterviews geführt, in denen wir die zuständigen Staatssekretäre der beteiligten Senatsverwaltungen, Verantwortliche der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Brandenburg, aber auch die im Beirat vertretenen Arbeitgeber, Kammern und Gewerkschaften nach ihrer Erwartungshaltung fragten. Darüber hinaus haben wir an den einzelnen Standorten Vertreter aller Rechtskreise in Gruppeninterviews zu ihren Zielen und bisherigen Erfahrungen befragt. Das ist ein wichtiges Element der formativen Begleitung. Es diente der Reflexion und ermöglichte uns zugleich die Ableitung von Empfehlungen. Anschließend haben wir Fallstudien an ausgewählten Schulen durchgeführt.

G.I.B.: Haben Sie auch mit der Zielgruppe selbst gesprochen?

Susanne Kretschmer: Die Befragung der Zielgruppe ist ein echtes Problem. Eine Online-Erhebung aller jungen Menschen in Berlin ist nicht machbar und eine Befragung der Schülerinnen und Schüler in den Abgangsklassen ist bisher schwierig aus einem einfachen Grund: Die Jugendberufsagentur ist als Beratungseinrichtung noch nicht allen bekannt. Der Aufbau einer Jugendberufsagentur mit reibungslosen Abläufen, die gute Beratung ermöglichen, und der Aufbau einer Öffentlichkeitsarbeit, die die Einrichtung bei Kammern, Bildungsdienstleistern und an Schulen so bekannt macht, dass die Lehrkräfte ihre Schüler auch tatsächlich dort hinschicken, braucht Zeit, doch so weit sind die Jugendberufsagenturen noch nicht. Deshalb würde eine Befragung noch nicht wirklich Rückschlüsse auf die Wirkung zulassen.

Über soziale Medien wie zum Beispiel Facebook Kontakt zur Zielgruppe aufzunehmen, ist ebenfalls nicht angebracht, denn darüber generieren wir keine validen Daten. Wir können nicht nachprüfen, wer tatsächlich hinter dem Facebookaccount steckt und müssen leider auch davon ausgehen, dass die Antworten nicht immer „ehrlich“ sind. Wir haben deshalb direkte Kurzbefragungen mit jungen Menschen und wenn möglich ihren Eltern, die wir an den Standorten antreffen, im Plan und werden anonymisierte Interviews durchführen, sodass wir über Fallstudien unterschiedliche Problemlagen und mögliche Interventionen einer Jugendberufsagentur aufzeigen können. Die Hemmschwelle, sich für ein Interview bereit zu erklären, ist jedoch sehr hoch und alle Versuche einer Kontaktaufnahme sind trotz des Angebots zum Beispiel von Freikarten für Sportveranstaltungen aufgrund unterschiedlichster Bedenken der Jugendlichen bisher gescheitert. Es ist etwas sehr Persönliches, über seine Probleme Dritten gegenüber Auskunft zu geben. Gemeinsam mit den Beratern der Jugendberufsagentur erproben wir deshalb verschiedene Wege, um das notwendige Vertrauen bei den jungen Menschen aufzubauen.

G.I.B.: Was lässt sich über die Wirkung der Arbeit von Jugendberufsagenturen sagen? Gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen der Einrichtung einer Jugendberufsagentur und zum Beispiel der Vermittlung von Jugendlichen in Ausbildung?

Susanne Kretschmer: Statistisch darstellen lässt sich das noch nicht. Die insbesondere von der Politik gewünschte Wirkungsanalyse wäre nur mit einer Vergleichsgruppe möglich, aber dazu liegen keine Untersuchungen vor. Eine Wirkungsanalyse über statistische Daten lässt sich aufgrund der vorhandenen, von der Agentur für Arbeit und den anderen Rechtskreisen wie der Jugendhilfe in ihrem jeweiligen System erfassten Daten ebenfalls nicht erstellen, da diese keine Rückschlüsse auf die spezifischen Besonderheiten der Jugendberufsagentur erlauben. Um festzustellen, welche Leistungen tatsächlich erbracht wurden, ob die Beratungszeiten durch die abgestimmte Beratung in der Jugendberufsagentur z. B. kürzer geworden sind und die Zufriedenheit gestiegen ist, müsste eine statistische Erfassung an den Standorten erfolgen, doch neben dem damit verbundenen zusätzlichen Arbeitsaufwand gibt es auch personalrechtliche Bedenken, weil darüber die Arbeitsleistung der einzelnen Mitarbeiter ermittelt werden könnte. Außerdem sind die Wirkungen der Jugendberufsagentur eng mit den Rahmenbedingungen des Ausbildungsmarktes aber auch mit demografischen Faktoren verknüpft. Das alles ist ein Dilemma für die Politik, die gerne Erfolge sehen möchte und hohe Erwartungen hat hinsichtlich des Abbaus von Jugendarbeitslosigkeit, der Ausbildungsabbruchquoten sowie einer kürzeren Verweildauer im Übergangssystem.

Auch wenn sich eine eindeutige positive Wirkung statis­tisch nicht leicht darstellen lässt, so können wir doch positive Wirkungen an qualitativen Beispielen darstellen. Wesentlicher Effekt der Jugendberufsagenturen ist auf jeden Fall die schnellere und effektivere Beratung. Dass das in so kurzer Zeit gelungen ist, ist phänomenal. Sehr positiv ist zum Beispiel, dass die Partner die jeweils anderen Rechtskreise nun besser verstehen und eine gemeinsame Beratung durchführen. Manche Berater hören dabei zum ersten Mal von den Möglichkeiten, die sich aus dem relativ neuen § 16 h SGB II zur Förderung schwer zu erreichender junger Menschen ergeben, außerdem lassen sich Lücken im Portfolio der einzelnen Partner besser schließen, sodass eine passgenaue Angebotsgestaltung möglich wird.

Mit der Marke Jugendberufsagentur ist es gelungen, ein Thema zu platzieren. Doch es wird mehrere Jahre dauern, bis das Angebot reibungslos funktioniert. Ziel sollte sein, dass jeder Betrieb weiß: Ein junger Mensch, der zu uns kommt und vorher in der Jugendberufsagentur war, der weiß, was er will. Das wäre optimal, aber das dauert noch eine Weile.

G.I.B.: Gibt es Unterschiede in der Umsetzung von Jugendberufsagenturen und wo besteht noch Entwicklungsbedarf?

Susanne Kretschmer: Die zahlreichen Jugendberufsagenturen, die sich oft auch anders nennen, wie zum Beispiel regionale Kooperationsbündnisse befinden sich in ganz unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sind von divergierender Intensität und Qualität. Das ist nicht erstaunlich, denn hier geht es um Organisationsentwicklung, um die Entwicklung von Institution und öffentlicher Verwaltung.

Unterschiede gibt es also viele. Manche Bundesländer wie Sachsen-Anhalt zum Beispiel haben ein Landesprogramm (hier: RÜMSA – Regionales Übergangsmanagement Sachsen-Anhalt), das zum Beispiel Budgets für spezielle Angebote vorsieht, die sich an Eltern richten, etwa in Form von Berufsorientierungs-Touren oder spezifischen Informationsveranstaltungen, bei denen gleich mehrere Akteure anwesend sind, was den Jugendlichen und ihren Eltern Zeit und Wege spart. In Sachsen-Anhalt als auch in Sachsen (hier: JubaS – Jugendberufsagentur Sachsen) werden über diese Programme auch personelle Ressourcen für den zusätzlichen Koordinationsaufwand einer Jugendberufs­agentur zur Verfügung gestellt. In Berlin wiederum wurden für die Jugendberufsagentur zusätzliche Stellen in der Jugendhilfe geschaffen und es gibt eine bei der Senatsverwaltung für Bildung angesiedelte zentrale Netzwerkstelle, die ein Webportal organisiert und für ein einheitliches Wahrnehmungsbild in der Öffentlichkeit sorgt.

Manche Jugendberufsagenturen nehmen alle Jugendlichen in den Blick, andere fokussieren sich auf besonders benachteiligte unter ihnen, auf Migrantinnen und Migranten zum Beispiel, schon etwas ältere junge Menschen oder auf junge Frauen, um sie etwa für MINT-Berufe zu gewinnen.

Eigentlich soll eine Jugendberufsagentur für alle Jugendlichen da sein. Doch es gibt auch sehr eng geschnürte Einrichtungen. Dort geht zwar vielleicht ein Berufsberater in die Schulen, ohne aber die Problemfälle zu bearbeiten, weil dazu die Ressourcen nicht zur Verfügung stehen.

Grundsätzlich sollte die Jugendberufsagentur auch für junge Menschen mit Behinderung aus dem SGB IX offen sein. Aber meistens sind weder die Standorte selbst noch die Webseiten barrierefrei gestaltet, und für die spezialisierten Experten in den Reha-Abteilungen der Agenturen wäre der Umzug an einen anderen Ort mit erheblichen Kosten verbunden. Da gibt es noch Diskussionsbedarf.

Eine weitere Herausforderung ist die Einbindung von Wirtschaft und noch nicht so richtig gelungen ist die Integration der Schulen. Wir brauchen in den Schulen Ansprechpartner als Vermittler zum Übergangssys­tem und zu den Übergangsangeboten. Die Lehrkräfte selbst sind damit überfordert. Wünschenswert wären Ressourcen an den Schulen für Berufsberatung in Verbindung mit sozialen Problemlagen. Der Berufsberater der Agentur für Arbeit kann dies allein nicht leis­ten und verfügt in der Beratung auch nicht über die dafür notwendige Zeit, die teilweise nur 15 Minuten beträgt. Vorteilhaft wäre zudem, wenn die Jugendlichen besser vorbereitet in diese Gespräche gehen könnten.

In Flächenländern gibt es manche Landkreise mit unzureichendem öffentlichem Nahverkehr, der es Jugendlichen nur mit übermäßigem Aufwand erlaubt, einen Termin in der Jugendberufsagentur wahrzunehmen. Es gibt Versuche, an bestimmten Orten in Landkreisen dezentral Sprechzeiten einzurichten. Das ist sinnvoll, setzt aber Bereitschaft und Zeit aufseiten der Mitarbeiter voraus.

Eine weitere Variante ist die virtuelle Jugendberufs­agentur. Hier erfolgt, im Idealfall, eine dezidierte Beratung über eine Webseite, doch momentan wird diese Möglichkeit eher als Kommunikationsinstrument zwischen den Rechtskreisen genutzt sowie zur Erstinformation der jungen Menschen, die per Mail Kontakt aufnehmen und Fragen stellen können. Aber ein Web-Portal mit einem jederzeit aktuellen Überblick über die Angebote aller Rechtskreise, aller infrage kommenden Bundes- und Landesprogramme sowie inklusive der Angebote etwa von Stiftungen, ist sicher grundsätzlich von Vorteil.

G.I.B.: Sie sprachen das Thema „Organisationsentwicklung“ an. Wie könnten Implementation und Weiterentwicklung einer Jugendberufsagentur idealtypisch aussehen? Was sind die Erfolgsfaktoren?

Susanne Kretschmer: Für den Aufbau einer gut funktionierenden Jugendberufsagentur insgesamt bietet sich das von uns erstellte Stufenmodell an. Demnach geht es in einer ersten Stufe darum, die Logiken der anderen Rechtskreise zu verstehen, Vertrauen aufzubauen und eine verbindliche Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen den drei Rechtskreisen SGB II, III und VIII zu schaffen sowie ein gemeinsames Arbeitsprogramm.

Die zweite Stufe umfasst etwa eine gemeinsame Anlaufstelle, die Qualifizierung der Mitarbeitenden, eine Verständigung auf Mindeststandards, ein gemeinsames Besprechungswesen sowie Öffentlichkeitsarbeit. Zur dritten Stufe gehören gemeinsame Fallbesprechungen, regelmäßige Bestandsaufnahmen und Bedarfsanalysen, eine abgestimmte Planung von Leistungen und Maßnahmen sowie Transparenz über die kommunalen Angebote und eine kontinuierliche Qualitätssicherung. Auf der vierten Stufe haben wir dann endlich ein gemeinsames Fallmanagement, einen institutionsübergreifenden rechtskonformen Datenaustausch, gut erreichbare, flächendeckende Anlaufstellen mit „Leistungen aus einer Hand“. Idealerweise arbeitet jede im Handlungsfeld relevante Institution mit der Jugendberufsagentur zusammen und alle jungen Menschen kennen die Einrichtung und nutzen sie bei Bedarf. Wichtig ist dabei, das Erreichen jeder einzelnen Stufe als Erfolg zu bewerten.

Ein grundlegend wichtiger Erfolgsfaktor ist bei all dem sicher die Gestaltungsfreiheit der Akteure vor Ort, also die Freiheit, selbst über Ziele, Vorgehen und Zielgruppen im Detail entscheiden zu dürfen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Jugendberufsagentur keine eigenständige Institution ist, sondern eine Dachmarke, unter der die Institutionen nach wie vor in ihren eigenen Rechtskreisen arbeiten. Da gibt es vor Ort mitunter ein Konkurrenzverhältnis zwischen den Akteuren. Hinzu kommt: Die Vereinbarungspartner sind nicht immer die gleichen und vertreten unterschiedliche Interessen. Hier ist vielmehr Überzeugungsarbeit zu leisten. Nur wenn ein Vorteil in der Kooperation gesehen wird und das Vorhaben auf politischer Ebene unterstützt und wohlwollend begleitet wird, funktioniert es.

Vorteilhaft war in diesem Zusammenhang das kooperative „Auf-die-Kommune-zugehen“ der Bundes­agentur für Arbeit. Zudem hat die Erkenntnis, nicht in einer neuen Institution aufgehen zu müssen, vorhandene Vorbehalte zumindest relativiert. Die nun gefundene organisatorische Lösung, sagen die Beteiligten, ermögliche maximale Synergien, ohne dabei die Autonomie über die Verwaltung der eigenen Ressourcen aufgeben zu müssen.

G.I.B.: Welche Bedeutung haben Qualitätskriterien für Jugendberufsagenturen?

Susanne Kretschmer: Qualitätskriterien können sehr hilfreich sein, wie zum Beispiel in Berlin zu sehen ist. Dort ist die Jugendberufsagentur in den einzelnen Bezirken von ganz verschiedenen Modellen geprägt. Deshalb hat man, anders als in vielen anderen Bundesländern, als Basis für die Standorte ein Qualitätshandbuch erarbeitet und so von Anfang an gemeinsam mit der Senatsverwaltung, den Bezirken und der Regionaldirektion dafür gesorgt, dass alle Beteiligten entsprechend der darin enthaltenen Mindeststandards vorgehen, damit überall ein gleichwertiges Angebot entsteht.

In dem Handbuch ist unter anderem klar definiert, welche Aufgaben, Leistungen und Beratungsangebote die einzelnen Rechtskreise haben. Folgen müsste eine regelmäßige Bilanzierung und Anpassung, aber das kostet Zeit. Sätze wie „kein Jugendlicher verlässt die Schule ohne Angebot“ lassen sich schnell formulieren, aber wie prüft man das und welche Qualität hat das Angebot?

Ein Qualitätshandbuch sollte jedenfalls nicht so dick sein, dass man auf der zehnten Seite nicht mehr weiß, was auf der ersten stand. Insofern glauben wir, dass eine Qualitätssicherung durch eine Begleitung, durch Perspektivsetzung, regelmäßiges Lernen, regelmäßige Reflexion und Bilanzierung, Raum für Erfahrungsaustausch, Feststellung des Fortbildungsbedarfs in einer Art Selbstevaluation die bessere Methode im Organisationsentwicklungsprozess ist.

G.I.B.: Welche Rolle spielt der Datenschutz bei der Kooperation der Akteure?

Susanne Kretschmer: Der Datenaustausch ist eine echte Herausforderung. Für den Datenschutz sprechen gute Gründe, aber er wirkt auch hemmend. Regelungen zur Datenübergabe der Schulen sehen in jedem Bundesland anders aus. Bei einer gemeinsamen Fallbesprechung, in der die konkreten Daten der Personen benannt werden, braucht man eine Einwilligungserklärung, und wenn sich die Problemlage ändert, braucht man eine neue Einverständniserklärung. Zum Thema Datenschutz liegt übrigens eine Arbeitshilfe des Bundesarbeitsministeriums vor.

Grundsätzlich muss bei jedem Datenaustausch der Nutzen offensichtlich sein. Meist reicht auch eine anonyme Fallberatung, denn sie sensibilisiert die Beteiligten für die unterschiedlichen Lösungsansätze der Rechtskreise und führt zu neuen Optionen. Solange sich auf der gesetzlichen Ebene keine Erleichterungen ergeben – sollten die begrenzten Ressourcen vor allem in die Qualitätssteigerung investiert werden, statt sich am Thema Datenschutz und Datenbanksystemen „abzukämpfen“.

Qualitätssteigerung, gute Beratung und Mund-zu-Mund-Propaganda führen dazu, dass mehr Jugendliche zur Jugendberufs­agentur kommen. Da gibt es gute Ansätze in den Ländern. Das hat in Berlin zum Beispiel zunächst zu einer Steigerung der Zahlen der nicht versorgten Jugendlichen geführt, aber nur deshalb, weil viele arbeitslose Jugendliche so erstmals überhaupt erfasst wurden. Aber das ist der erste Schritt, um sie überhaupt unterstützen zu können.

G.I.B.: Welche Handlungsempfehlungen leiten Sie aus Ihrer Evaluation für die beteiligten Akteure ab?

Susanne Kretschmer: Aus unserer bisherigen Sicht lässt sich festhalten, dass sich die Umsetzungsprozesse der Jugendberufsagenturen in den letzten zwei Jahren überwiegend positiv entwickelt haben, auch wenn die Geschwindigkeit, wie bei anderen Organisationsentwicklungsprozessen auch, vielleicht manchmal hinter den hohen Erwartungen zurückbleibt. Für die Mitarbeitenden einer Jugendberufsagentur ergeben sich viele positive neue Möglichkeiten durch die Organisationsstruktur der Jugendberufsagentur „unter einem Dach“. Die neue Form der Zusammenarbeit wird als eindeutiger Gewinn verstanden – sowohl für die Mitarbeitenden als auch für die jungen Menschen.

Unsere Erhebungen verdeutlichen aber auch, dass an vielen Punkten noch Klärungsbedarfe bestehen und weitere Prozessoptimierungen nötig sind. Unsere Empfehlungen richten sich daher darauf, die Ausgestaltung der Zusammenarbeit weiter bewusst zu gestalten und sich nicht auf der einmal gefundenen Organisationsstruktur „auszuruhen“. Dies betrifft sowohl die rechtskreisübergreifende Weiterbildung, die kontinuierliche Qualitätsentwicklung über einen bewussten Erfahrungsaustausch und die (Neu-)Entwicklung von Formaten der gemeinsamen Fallberatung. Die Erfahrungen der Mitarbeitenden vor Ort, die sich in diesem neuen „Miteinander“ unserer Erfahrung nach sehr motiviert und engagiert einbringen, sollten dabei unbedingt Berücksichtigung finden. Ein großes, noch offenes Thema ist die Umsetzung einer gemeinsamen Maßnahmenabstimmung. Vielerorts muss hier noch der Schritt von einer gegenseitigen Informationspolitik hin zu einer gemeinsamen Planung gegangen werden. Hierbei sind alle Partner gleichermaßen gefragt sich mit konstruktiven Vorschlägen einzubringen, denn auch dies geht nur einvernehmlich. Besteht Einigkeit darüber, dass die Jugendberufs­agentur für alle jungen Menschen da ist, sollte auch eine Lösung dafür gefunden werden, wie eine Jugendberufsagentur zu einem inklusiven Angebot entwickelt werden kann. Der Ausbau der bisherigen Schnittstelle zu den Reha-Teams der Agentur für Arbeit ist hierbei ein wichtiger Bereich. Die neue Form der Zusammenarbeit in einer Jugendberufsagentur bringt viele Synergien. Deutlich wurde aber auch, dass für Koordination und rechtskreisübergreifende Kommunikation auch Zeit- und Personalressourcen eingeplant werden müssen, um diese Synergien sinnvoll nutzen zu können. Für die Abbildung der komplexen Wirkzusammenhänge einer Jugendberufsagentur eignen sich die bis dato bestehenden Kennziffern und Zahlenwerke nur bedingt. Sie sollten um qualitative Aspekte wie eine qualitativ hochwertigere Beratung, den Vertrauensaufbau zu bislang eher behördenfernen jungen Menschen, eine ganzheitlichere Betrachtungsweise der jungen Menschen und weitere Aspekte ergänzt werden. Darüber hinaus muss immer wieder deutlich gemacht werden, dass allein die Einrichtung einer Jugendberufsagentur als Zusammenschluss bereits bestehender Institutionen nicht alle Probleme am Übergang Schule – Beruf lösen kann, auch wenn die hier beschriebenen Ansätze ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sind. In unserem aktuell dem Berliner Abgeordnetenhaus vorgelegten 2. Evaluationsbericht der Jugendberufsagentur Berlin konnten wir viele dieser Schritte hin zu einem besseren Übergangsmanagement bereits beschreiben und sagen, ja, die Richtung stimmt!

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Elisabeth Tadzidilinoff
Tel.: 02041 767244
e.tadzidilinoff@gib.nrw.de

Kontakt

Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH
Susanne Kretschmer, Geschäftsführerin
Stresemannstr. 121
10963 Berlin
Tel.: 030 417498-620
susanne.kretschmer@f-bb.de
www.f-bb.de

 

Artikelaktionen