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(Heft 2/2019)
Interview mit Florian Fliedler, Intendant am Theater Oberhausen

„Unser Modell schafft Bezahlungsgerechtigkeit“

Ein Gespräch mit Florian Fiedler; der mehrfach ausgezeichnete Bühnenregisseur ist Intendant am Theater Oberhausen.

G.I.B.: Herr Fiedler, neben den Erfolgen mit Ihren Theateraufführungen beim Publikum erzielten Sie hinter den Kulissen einen Erfolg, der bei Ihrem Ensemble Beifall fand: Sie haben dafür gesorgt, dass an Ihrem Theater Equal Pay gilt, also die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Wie ist Ihnen das gelungen?

Florian_Fiedler_1_Katrin_Ribbe.jpgFlorian Fiedler: Ich war schon immer erstaunt, wie wenig junge Schauspielerinnen und Schauspieler verdienen, obwohl sie eine erstklassige Ausbildung an hochqualifizierenden Schulen absolviert haben und sich jetzt mit ungeheurer Energie in ihre Arbeit stürzen, ohne wirklich auf Arbeitszeiten zu achten. Ihr Verdienst liegt deutlich unter dem zum Beispiel von Erzieherinnen und Erziehern, die ihrerseits schon viel zu gering entlohnt werden. Ein befreundeter Schauspielanfänger hatte mal ausgerechnet, dass er auf einen Stundenlohn von fünf Euro kommt – brutto! Das wollte ich ändern und habe dazu eine von holländischen Künstlerinnen und Künstlern selbst entwickelte Mindestlohnskala auf Oberhausen übertragen. Die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern war eine logische Folge davon. Bei den weiblichen Ensemblemitgliedern, deren Vertrag verlängert wurde, erhöhte sich die Gage um bis zu 35 Prozent. Gleichzeitig haben wir mit dieser Tabelle das Einstiegsgehalt von damals 1.850 auf 2.300 Euro erhöht. Das ist sicher immer noch zu wenig, aber so können auch die Jüngeren in unserem Ensemble sich mal einen Besuch in einem Café erlauben.

G.I.B.: Wie war das möglich? Wie haben Sie die Mehrkosten finanziert?

Florian Fiedler: Es gab keine Mehrkosten, weil ich den Differenzbetrag zwischen dem höheren Gehalt meines Vorgängers und meinem niedrigeren Anfangsgehalt auf das Ensemble umgelegt habe. Buchhalterisch gab es also keine Einwände. Die Verwaltungsspitze stand dem Vorhaben zudem sehr aufgeschlossen gegenüber. Offen war nur die Frage, wie sich die teils kräftige Gehaltserhöhung in einer Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit kommunizieren lässt, ohne dass der Vorwurf von „Dekadenz“ auftaucht. Aber offensichtlich haben die Menschen hier schnell erkannt, dass es eine Umverteilung von oben nach unten war und dass es keinen Cent mehr an Kosten verursacht. Mittlerweile konnten wir auch die Ensemblemitglieder aus dem ebenfalls unterbezahlten Mittelfeld finanziell etwas besserstellen.

G.I.B.: Haben sich andere Theaterleitungen von Ihrem Modell inspirieren lassen?

Florian Fiedler: Vielleicht ist es nicht vermessen, wenn ich darauf antworte: ja, das stimmt, denn es haben gleich mehrere Theater nachgezogen und ihre Mindestgagen deutlich angehoben, was sicher auch stark auf das Engagement des gemeinnützigen Vereins „Ensemble-Netzwerk“ zurückzuführen ist, der sich für gute Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung an Theatern einsetzt.

G.I.B.: Spielt das Thema „Arbeitswelt“ in Ihrem Theater auch auf der Bühne eine Rolle?

Florian Fiedler: Ja, insbesondere in der laufenden Spielzeit. Das liegt nicht nur, aber auch an der Schließung der letzten Steinkohlezeche im Ruhrgebiet. Der Abschied vom Steinkohlenbergbau zeigt: Arbeit verändert sich radikal, wir werden den Begriff von Arbeit neu definieren müssen. Gleich mehrere Theaterstücke beschäftigen sich damit. Der „Tod eines Handlungsreisenden“ zum Beispiel erzählt von einer Figur, die aus marktwirtschaftlicher Sicht überflüssig wird und die sich zusehends von der sie umgebenden Welt entfremdet. Die Figur ist geradezu eine Analogie zu großen Energiekonzernen im Ruhrgebiet, die allzu lange Geschäftsmodellen und Arbeitsweisen nachgehangen haben, die nicht mehr gefragt sind.

Eine andere Produktion, „Das Recht des Stärkeren“, ist wie ein Krimi geschrieben. Hier geht es um die Arbeitsbedingungen und Unterdrückungsmechanismen, denen Bergleute in kolumbianischen Steinkohleminen ausgesetzt sind sowie um die Rolle, die die westliche Welt dabei spielt, wobei jedem klar werden kann: „der Westen“, das ist jeder Einzelne von uns.

G.I.B.: Welche Funktion hat Theater überhaupt noch in einer Zeit, in der andere soziale Medien so stark dominieren? Findet Theater noch ein Publikum?

Florian Fiedler: Ich halte nichts vom ewigen Gejammer über den Bedeutungsverlust des Theaters. Der Mittelwert der absoluten Zuschauerzahlen am Theater Oberhausen ist seit Jahrzehnten relativ konstant, und die Auslastung zum Beispiel des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg ist heute bei der Intendanz von Karin Beier höher als damals die während der des legendären Gustaf Gründgens.

Im Gegensatz zu anderen Medien ist Theater eine regionale oder lokale Größe und eine gemeinsame Verabredung. Hier kommen Publikum und Ensemble live zusammen, jede und jeder sieht und erfährt die Reaktion der anderen gleich mit. Dadurch ist jede Vorstellung einzigartig. Wir stellen uns nicht auf die Bühne und sagen: So ist die Welt! Wir haben keinen Absolutheitsanspruch, sondern machen uns angreifbar, stellen Fragen. So entstehen Brechungen, die zur Reflexion, zum Selberdenken anregen. Insofern ist Theater immer auch eine demokratische Kunst, die dazu führen kann, dass Menschen ihre Blickweisen, vielleicht sogar ihr Verhalten und damit die Verhältnisse ändern.

Das Interview führte

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Kontakt

Theater Oberhausen
Will-Quadflieg-Platz 1
46045 Oberhausen
Florian Fiedler
Intendant
Tel.: 0208 8578101
intendanz@theater-oberhausen.de

 

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