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(Heft 2/2019)
Interview mit Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern, Bauhaus-Universität Weimar

„Die App SIM-OFFICE lässt sich auch zur Gefährdungsbeurteilung im Arbeitsschutz nutzen“

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern, Bauhaus-Universität Weimar

G.I.B.: Frau Kämpf-Dern, wie lassen sich die hundert Jahre alten Bauhaus-Ideen in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt noch produktiv im Interesse der Unternehmen wie auch der Beschäftigten nutzen?

Kämpf-Dern.jpgProf. Dr. Annette Kämpf-Dern: Das Bauhaus steht dafür, Objekte oder Sachverhalte zusammenzubringen, die vorher nur isoliert voneinander betrachtet worden sind. Auch in der heutigen Arbeitswelt ist es wichtiger denn je, nicht nur in einzelnen Disziplinen zu denken, sondern systematisch zu analysieren, wie Job-Design, Architektur und Technologie zusammen mit ergonomischen und persönlichen Faktoren auf Beschäftigte und ihre Arbeit einwirken. Bisherige Studien befassen sich zwar mit den Zusammenhängen beispielsweise zwischen introvertierter oder extrovertierter Persönlichkeit und physischen Aspekten des Arbeitsraums wie Lärm oder Farbe, untersuchen diese Parameter aber nicht zusammen in ihrer Konfiguration. Deshalb ist für uns die interdisziplinäre Bauhaus-Idee mit ihrer Einheit von Form und Funktion ein guter Anknüpfungspunkt, um mit den sechs Dimensionen unserer App Büro-Arbeitswelten umfänglich zu betrachten. So können Zusammenhänge und „Muster“ erkannt und darauf basierend ein Arbeitsumfeld geschaffen werden, in dem ganz unterschiedliche Menschen produktiv, gesund und glücklich arbeiten können. Wir haben uns zunächst auf die Büroarbeit konzentriert, weil wir in Deutschland einen hohen Dienstleistungsanteil haben, doch die von uns angesprochenen Dimensionen und Parameter lassen sich grundsätzlich auf alle anderen Formen von Arbeit übertragen. Das gilt für die Industrie und die Logistik genauso wie für den Straßenbau.

G.I.B.: Die App wendet sich direkt an Beschäftigte. Für die Gestaltung des Arbeitsumfelds sind aber in der Regel Arbeitgeber verantwortlich.

Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern: Unsere App wendet sich zunächst ganz bewusst an die Beschäftigten, um diese dabei zu unterstützen herauszufinden, wo ihrer Ansicht nach Divergenzen zwischen Ist und Soll bestehen, die geändert werden müssten. Über ein strukturiertes Vorgehen ermöglicht die App, ein anfangs diffuses Unbehaglichkeitsgefühl bei der Arbeit in Wissen zu verwandeln, in Worte fassen zu können und beim Gespräch mit dem Arbeitgeber in einen konstruktiven Diskurs zu kommen. Dabei ermöglicht es die App, wirklich jeden zu beteiligen, was für einen effektiven Change Prozess hoch relevant ist. Zudem lässt sich die App zur Gefährdungsbeurteilung des Arbeitsplatzes einsetzen. In der Produktionshalle, im Labor oder in der Werkstatt ist eine Gesundheitsbeurteilung in der Regel etwas Physisches. Die Gefährdung an Büroarbeitsplätzen hingegen ist meist nicht so leicht erkennbar, weil die psychische Gefährdung, etwa durch Stress, etwas extrem Individuelles ist. Insofern befähigt die App Beschäftigte, ihren Sicherheitsbeauftragten detaillierte Informationen an die Hand zu geben, die diesen erlauben, den Ist-Zustand mit einem gefühlten Ideal-Zustand zu vergleichen und damit überhaupt konkrete Ansatzpunkte für eine mögliche Veränderung zu erhalten. Deswegen haben wir uns übrigens auf Empfehlung unseres betrieblichen Gesundheitsmanagements mit der App für den Thüringer Arbeitsschutzpreis beworben.

G.I.B.: Erweckt die App unter Umständen nicht Erwartungen, die Arbeitgeber nicht erfüllen können oder wollen?

Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern: Die App ist für Mitarbeiter wie Unternehmen eine strukturierte Bestandsaufnahme von Bedürfnissen, vielleicht vergleichbar einem Wunsch-, aber gerade nicht einem Bestellzettel. Auf Basis der App-Ergebnisse können Arbeitgeber und Beschäftigte, individuell oder in Gruppen bzw. Abteilungen, gemeinsam überlegen, was sich wo und wie ändern lässt, damit die Menschen bei der Arbeit gesund und zufrieden bleiben. Zu den Gestaltungsmöglichkeiten zählen neben physischen Raumangeboten und technischen Hilfsmitteln zum Beispiel auch Serviceangebote, die variantenreicher sind als manche zunächst annehmen. Kategorien wie Sport- oder Betreuungsangebote, Seminare, zum Beispiel Stressmanagement, aber auch berufliche Weiterbildungsmöglichkeiten, Mobilitätsunterstützung, professioneller IT-Support oder auch nur ein Essensangebot ermöglichen es Beschäftigten bei Bedarf, sich gestärkt bzw. unbelasteter auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Das alles wollen wir im Zeitverlauf ergänzen und darüber hinaus den Game-Charakter der App verstärken, die mit ihrem unmittelbaren individuellen Feedback aber jetzt schon mehr Spaß macht als das Ausfüllen von Fragebögen mit standardisierter Auswertung.

G.I.B.: Welche verallgemeinerbaren Erkenntnisse haben Sie bislang gewonnen?

Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern: Um fundierte Erkenntnisse über Zusammenhänge zu gewinnen, brauchen wir noch viel mehr Datensätze und hierfür, ehrlich gesagt, auch weitere Partner, die die Fortführung unserer Aktivitäten inhaltlich und finanziell unterstützen. Bisher haben wir 150 Datensätze ausgewertet, darunter die der Deka-Bank, die sich in der Pilotphase mit 30 ihrer Beschäftigten beteiligt hat. Dabei mehren sich die Anzeichen, dass die Bedürfnis-Cluster je nach Branche oder Job-Typ variieren. Um aber zu wissenschaftlich belastbaren Erkenntnissen und Handlungsempfehlungen zu kommen, müssten die Daten aus den unterschiedlichsten Branchen, genauso wie von öffentlichen Einrichtungen, zum Beispiel Stadtverwaltungen, kommen, denn nicht für jedes Unternehmen ist eine Google-Umgebung das Optimum und nicht jeder Beschäftigte will während seiner Arbeit in einer Hängematte liegen. Unser Ziel ist deshalb eine evidenzbasierte Mustererkennung, die Organisationen bei der Gestaltung einer „besseren“ Arbeitswelt hilft. Mit unserer App wollen wir aber kein kommerzielles Start-up-Unternehmen gründen, sondern unser Wissen einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, denn es kann ja nicht sein, dass nur große Unternehmen, die sich Berater leisten können, gute Arbeitsbedingungen schaffen. So wie das Bauhaus ganzheitlich, bedürfnisorientiert und ökonomisch dachte, so wollen auch wir ein „Produkt“ kreieren, das nicht nur gut aussieht und super funktioniert, sondern auch für jeden erschwinglich ist.

Das Interview führte

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

Link zur App „SIM-Office“

Kontakt

Prof. Dr. Annette Kämpf-Dern
Bauhaus-Universität Weimar
Tel.: 03643 584570
annette.kaempf-dern@uni-weimar.de
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