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(Heft 2/2019)
Jugend-Job-Center Düsseldorf (Jugendberufsagentur)

„Das Handeln ist wichtiger als die Idee“

Schon 2008 wurde in Düsseldorf als zentrale Anlaufstelle für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Jugend-Job-Center eröffnet, eine gemeinsame Beratungseinrichtung des Jobcenters Düsseldorf (damals noch ARGE), der Agentur für Arbeit und des Jugendamtes Düsseldorf – de facto eine Jugendberufsagentur. Wenn es also Erfahrung im Aufbau und im Betrieb einer Jugendberufsagentur gibt, dann in Düsseldorf. Wir haben mit Birgitta Kubsch-von Harten, der Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Düsseldorf, und mit Ingo Zielonkowsky, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung des Jobcenters Düsseldorf gesprochen.

G.I.B.: Das Jugend-Job-Center in Düsseldorf gab es schon, bevor der Aufbau von Jugendberufsagenturen offiziell unterstützt wurde. Wie kam das zustande?

Birgitta Kubsch-von Harten: Die Zusammenarbeit aller drei Rechtskreise war in Düsseldorf recht früh sehr weit gediehen. Die Agentur für Arbeit hat sich zum Beispiel immer wieder mit dem Jugendamt über gemeinsam betreute Jugendliche ausgetauscht, um die Möglichkeiten der Unterstützung beider Rechtskreise, in dem Fall des Arbeitsförderungsrechts und der Kinder- und Jugendhilfe, auszuloten und abzustimmen. Dabei haben wir festgestellt, dass Jugendliche mit den unterschiedlichen Institutionen und ihren Zuständigkeiten oft überfordert waren. So kam dann die Idee auf, alle drei Sozialleistungs­träger – Agentur für Arbeit, Jobcenter, Jugendamt – mit ihren Unterstützungsleistungen unter einem Dach zu bündeln, was bedeutet: kurze Wege – sowohl für die Jugendlichen also auch für die Kolleginnen und Kollegen.

G.I.B.: An welche Zielgruppe richtet sich das Jugend-Job-Center?

Ingo Zielonkowsky: Grundsätzlich an alle Jugendlichen unter 25 Jahren.

G.I.B.: Den Jugendberufsagenturen liegt die Idee zugrunde, die Kompetenzen der drei Rechtskreise SGB II, SGB III und SGB VIII enger zu verzahnen und zu koordinieren. Wie gelingt das in Düsseldorf?

Ingo Zielonkowsky: Es war am Anfang wichtig zu klären, dass jeder Partner bei der Integration oder Begleitung eines Jugendlichen seine eigene Kompetenz hat und diese auch behalten soll.

Elementar für die Verzahnung der Arbeit ist auch die räumliche Nähe der Kolleginnen und Kollegen zueinander. Anders als an einigen Standorten, wo ausgiebig diskutiert wurde, in welcher Institution die Jugendberufsagentur angesiedelt oder ob sogar eine eigene Organisation für eine Jugendberufsagentur aufgebaut werden soll, war man sich in Düsseldorf schnell einig, sie in das Gebäude der Arbeitsagentur an der Grafenberger Allee zu integrieren. Dort gab es die Infrastruktur zum Thema Berufswahl, dort war das damalige Berufsinformationszentrum angesiedelt, auch der Großteil der Berufsberatung und die Mehrzahl der Arbeitsvermittler des Jobcenters saßen dort.

Birgitta Kubsch-von Harten: Mittlerweile hat sich dieses Berufsinformationszentrum in der Arbeits­agentur zum Beratungscenter weiterentwickelt. Das ist unser neuer zentraler Ort für Information und Beratung sowohl für Jugendliche als auch für Menschen über 25. Das Beratungscenter ist räumlich, optisch und hinsichtlich der Beratung vor Ort modern weiterentwickelt worden: 1.200 Quadratmeter mit
Lounge-Bereich, PC-Arbeitsplätzen, Flyerwänden, Beratungsplätzen und Besprechungsinseln. Wir können die Jugendlichen hier ganz anders abholen als bisher. Durch tägliche offene Sprechstunden, aber auch dadurch, dass dort neue Medien genutzt werden können, wie etwa Tablets. Es ist ein Ort, an dem sich die Jugendlichen wohlfühlen sollen, zu dem sie ohne Hemmschwelle gerne kommen und an dem sie sich über alle Beratungs- und Unterstützungsangebote in der Stadt rund um Ausbildung und Arbeit informieren können.

G.I.B.: Gibt es eine schriftliche Vereinbarung, auf deren Grundlage das Jugend-Job-Center arbeitet?

Birgitta Kubsch-von Harten: Wir haben bewusst auf eine Kooperationsvereinbarung verzichtet, weil wir uns einig sind, dass die Art, wie die Idee gelebt wird, das eigentlich Relevante ist. Das Ganze steht und fällt letzten Endes immer mit den Menschen und das Handeln ist uns an dieser Stelle wichtiger als die Idee. Wir haben aber ein eigenes Arbeitsmarktprogramm, in dem die Aktivitäten und die Ziele, die wir uns setzen, für alle drei Rechtskreise zusammengefasst sind.

G.I.B.: Welche Wirkungen hat die gebündelte Kompetenz in der Jugendberufsagentur Düsseldorf auf die Arbeit der drei beteiligten Institutionen?

Ingo Zielonkowsky: Das sind die berühmten kurzen Wege. Wenn sich in einem Beratungsgespräch herausstellt, dass ein junger Mensch eine weitere Kompetenz benötigt, können wir ihn im Haus zur entsprechenden Fachkraft mitnehmen, vielleicht auch gemeinsame spontane Beratungen führen. Nicht zu unterschätzen sind darüber hinaus die gegenseitige Akzeptanz und das Wir-Gefühl im Jugend-Job-Center. Das baut Vorurteile ab, aber auch – und das ist ganz wichtig – bürokratische Hürden.

Birgitta Kubsch-von Harten:
Außerdem ist die Transparenz der Angebote der jeweils anderen Organisationen einfach höher.

G.I.B.: Wie arbeiten die drei beteiligten Häuser in der Praxis zusammen?

Birgitta Kubsch-von Harten: Wir führen zum Beispiel gemeinsame Fallbesprechungen zu konkreten Fällen durch. Es gibt aber auch feste kollektive Besprechungstermine, in denen es um die Optimierung der Zusammenarbeit oder andere Themen geht.

G.I.B.: Oft ist in der rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit der Datenschutz ein Problem. Wie stellt sich das in Düsseldorf dar?

Birgitta Kubsch-von Harten: Ich glaube, gerade da hilft die Jugendberufsagentur. Wenn sich zum Beispiel in einem Gespräch eines Jugendlichen im Jobcenter herausstellt, dass das Jugendamt mit eingeschaltet werden sollte, können wir den Jugendlichen an die Hand nehmen und mit ihm ins nächste Büro gehen. Wir benötigen also nicht erst die Einholung einer schriftlichen Einverständniserklärung oder dergleichen, sondern sind in der Lage gleich vor Ort zu handeln. In Fallkonferenzen muss ich die Konstellationen allerdings losgelöst von einer Person beschreiben.

G.I.B.: Wie nehmen Jugendliche und Eltern das Angebot der Unterstützung und Beratung aus einer Hand wahr?

Ingo Zielonkowsky: In Düsseldorf kennen sie seit zehn Jahren keine andere Beratung als die aus einer Hand. Am Anfang war es für viele überraschend, dass man auf einen Termin in der jeweils anderen Institution nicht ein paar Wochen, sondern nur zehn Minuten warten musste und von dem einen Gespräch zum nächsten gehen konnte.

G.I.B.: Was sind die Herausforderungen bei der rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit am Übergang Schule – Beruf?

Birgitta Kubsch-von Harten: Anfangs standen vor allem organisatorische Fragen im Mittelpunkt: Wer spricht wann mit wem? Haben wir eine offene Sprechstunde? Kann man einen direkten Termin machen? Das musste sich im Haus erst einmal finden, aber das liegt lange zurück und ist mittlerweile eingespielt

Ingo Zielonkowsky: Eine Herausforderung war es, das Produktportfolio kennenzulernen. Gibt es neue Angebote in einem der drei Rechtskreise, gilt es, die so zu kommunizieren, dass alle dann damit umgehen können.

G.I.B.: Werden weitere Kooperationspartner in die Arbeit der Jugendberufsagentur einbezogen?

Ingo Zielonkowsky: Natürlich haben wir ein riesiges Netzwerk. Dieses umfasst alle wesentlichen Akteure, angefangen bei den Schulen im Rahmen von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA), die Hochschulen, die kommunale Koordinierung oder Bildungsträger, die Kammern, Arbeitgeberverbände oder den DGB. Die Zusammenarbeit in diesen Netzwerken ist in Düsseldorf sehr gut.

Birgitta Kubsch-von Harten: Ein erfolgreiches Beratungsangebot in der Jugendberufsagentur, mit neuen Möglichkeiten intensiver Beratung für junge Menschen, stellt auch die Lebensbegleitende Berufsberatung (LBB) dar, die in Düsseldorf an einem von drei Pilotstandorten in Deutschland schon frühzeitig eingeführt wurde. Zudem bieten wir Jugendlichen mit besonderem Unterstützungsbedarf, zum Beispiel inklusiv Beschulten, die eine Lernbehinderung haben, ein zusätzliches Beratungsangebot beim ZBÜ (Zentrum für Berufsorientierung und Übergänge) an, das diesen jungen Menschen und ihren Eltern als Anlaufstelle zur beruflichen Orientierung dient.

G.I.B.: Welche Ziele hat sich die Jugendberufsagentur für die Zukunft gesetzt?

Ingo Zielonkowsky: Das große gesellschaftlich zu sehende Ziel ist es, den Jugendlichen den Start ins Berufsleben auf der individuell besten Ebene zu ermöglichen, also über das gesamte Spektrum, von der eben geschilderten niederschwelligen Ebene bis zum Studium. Wenn der Einstieg als Jugendlicher nicht gut gelingt, stolpert der Mensch möglicherweise durch seine gesamte Berufslaufbahn.

Birgitta Kubsch-von Harten: Was uns darüber hinaus am Herzen liegt, ist das Thema lebensbegleitende Berufsberatung. Wir sind mit unserer Beratung gegenüber früheren Zeiten sehr viel stärker vor Ort an Schulen präsent. Dabei ist die enge Zusammenarbeit mit den StuBos (Studien- und Berufswahlkoordinatorinnen und -koordinatoren) und der Landesinitiative KAoA (Kein Abschluss ohne Anschluss) wichtig. Die StuBos haben im Rahmen von KAoA zahlreiche Aufgaben wie die Koordination der Potenzialanalysen, Berufsfelderkundungen, Schülerbetriebspraktika, die Jahresplanung in Kooperation mit unserer Berufsberatung und so weiter. Für sie ist es eine Arbeitserleichterung, wenn wir bestimmte Dinge übernehmen. Andersherum erreichen wir durch die Präsenz vor Ort deutlich mehr Schülerinnen und Schüler. Und auch Eltern – denn sie sind, was die Berufswahl angeht, nach wie vor sehr wichtig für die Jugendlichen. Bei der Elternarbeit geht es zum Beispiel darum, ihnen zu vermitteln, dass es nicht immer das Studium sein muss – die steigende Zahl der Studienabbrüche spricht für sich – und ihnen die Aufstiegsmöglichkeiten nach einer Ausbildung zu verdeutlichen. Das ist ein wesentlicher Baustein im Rahmen der Aufgabe, die da heißt: kein Jugendlicher darf verloren gehen.


Jugend-Job-Center Düsseldorf (Jugendberufsagentur)
Grafenberger Allee 300, 40237 Düsseldorf
jobcenter-duesseldorf.nord-u25-markt@jobcenter-ge.de
Fax: 0211 692-1221
Berufsberatung-Hotline: 0800 4555500

  • Das Jugend-Job-Center ist seit 2008 als gemeinsame Beratungseinrichtung des Jobcenters Düsseldorf, der Agentur für Arbeit und des Jugendamtes Düsseldorf die zentrale Anlaufstelle für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen für: Berufsorientierung, Berufsberatung, Ausbildungsvermittlung, Arbeitsvermittlung.
  • Das Jugend-Job-Center ist montags bis donnerstags von 7:30 bis 16:30 Uhr und freitags von 7:30 bis 12:30 Uhr geöffnet.
  • Im Empfangsbereich erhält der Jugendliche erste Informationen, es werden Gesprächstermine vereinbart oder er wird gegebenenfalls in eine offene Sprechstunde weitergeleitet.
  • Im Empfangsbereich wird auch geklärt, wer Hauptansprechpartner des Jugendlichen sein wird: das Jobcenter, die Agentur für Arbeit oder das Jugendamt.
  • Das Beratungscenter im Erdgeschoss steht während der Öffnungszeiten allen Jugendlichen durchgehend zur Selbstinformation zur Verfügung.

Das Interview führte

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Kontakte

Birgitta Kubsch-von Harten
Vorsitzende der Geschäftsführung
Agentur für Arbeit Düsseldorf
Grafenberger Allee 300
40180 Düsseldorf

Ingo Zielonkowsky
Vorsitzender der Geschäftsführung
Jobcenter Düsseldorf
Luisenstraße 105
40215 Düsseldorf

 

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