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(Heft 1/2019)
Beispiele aus den Jobcentern Kreis Lippe und Kreis Warendorf

Systematische Datenerhebung wichtiger Baustein für die Unterstützung von Geflüchteten

Wie können Jobcenter die vielen geflüchteten Menschen, die in den letzten Jahren nach Deutschland zugewandert sind, bestmöglich unterstützen? Die Herausforderung ist enorm. Die Fallzahlen sind seit dem Höhepunkt der Flüchtlingszuwanderung aus den außereuropäischen Krisenländern (Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) im Jahr 2015 massiv gestiegen. Wurden im Juli 2016 in Nordrhein-Westfalen noch 71.294 Geflüchtete im Rechtskreis des SGB II betreut, so hat sich deren Zahl innerhalb eines Jahres fast verdoppelt (auf 142.175 im Juni 2017) und bis zum Juni 2018 auf 167.231 weiter erhöht.

Dabei ist die Flüchtlingswelle inzwischen spürbar zurückgegangen. Die Zahl von 722.370 Erstanträgen auf Asyl bedeutete 2016 in Deutschland einen historischen Höchststand. Sie sank im Jahr darauf um 72,5 Prozent auf 198.317. Von Januar bis August 2018 wurden 111.685 Erstanträge durch das Bundesamt für Migration und Integration (BAMF) entgegengenommen – das bedeutet ein weiteres Minus von 14,9 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres.

Die unterschiedlichen Tendenzen gründen darin, dass Geflüchtete erst mit einer zeitlichen Verzögerung nach Durchlaufen des Anerkennungsverfahrens in das Leistungssystem des SGB II münden. Um hilfreiche Angebote für die Zielgruppe bereitzustellen und weiterzuentwickeln, benötigen die Jobcenter gezielte Informationen: zum Beispiel über Alter, Herkunft, Sprachkenntnisse, Bildung und persönliche Verhältnisse der betreffenden Personen. Deshalb kommt der systematischen Erhebung und Nutzung von Daten eine besondere Bedeutung zu. Dafür wählen die einzelnen Jobcenter, zum Beispiel in den Kreisen Lippe und Warendorf, verschiedene Ansätze und Schwerpunkte.

Clearing- und Koordinierungsstelle im Kreis Lippe
 

Sprache ist der Schlüssel zur Integration! „Wer nicht Deutsch spricht, kann nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden. Deshalb gibt es die vom BAMF bereitgestellte Sprachförderung“, sagt Thomas Koebe-Helbich vom Jobcenter Lippe.

Um die Planungen und Aktivitäten aller an der Sprachförderung für Geflüchtete im SGB II-Bezug beteiligten Akteure (Agentur für Arbeit, Jobcenter, BAMF, Kreisverwaltung, Sprachkursträger, Ausländerbehörden) klug aufeinander abzustimmen, finanziert das Jobcenter als zugelassener kommunaler Träger eine Clearing- und Koordinierungsstelle beim Netzwerk Lippe.

Zwischen Jobcenter und Netzwerk besteht seit vielen Jahren eine gut eingespiel­te Kooperation. Das Jobcenter unterhält im ländlich geprägten Kreis fünf dezentrale Servicebüros mit spezialisierten Beratern. Sie kümmern sich ausschließlich um die Betreuung geflüchteter Menschen, die Hilfen in verschiedensten Alltagsfragen benötigen: von der Kinderbetreuung über die Schulanmeldung, Sprachförderung, Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche bis zur Bewältigung von Traumata durch Kriegs- und Fluchterfahrungen.

Das Netzwerk Lippe wurde 1995 als gemeinnützige GmbH gegründet. Als kommunale Beschäftigungsförderungsgesellschaft des Kreises unterhält es heute eine große Arbeitnehmerüberlassung. Ein besonderer Fokus liegt inzwischen auch auf der Unterstützung von Zugewanderten und insbesondere von Geflüchteten.

Sprachförderung zentral koordinieren
 

Über eine Optimierung der Sprachförderung wurde im Kreis Lippe schon früh nachgedacht. Vor allem, weil das vom BAMF vertretene Postulat der freien Trägerwahl Schwächen offenbarte. „Ohne Sprachkenntnisse ist den Geflüchteten eine freie Trägerwahl kaum möglich. Aus Sicht der Träger wiederum lohnt sich die Eröffnung eines neuen Kursangebotes erst ab etwa 15 Teilnehmern. Ein freies Spiel der Kräfte ermöglicht den Trägern keine verlässliche Planung“, erklärt Koe­be-Helbich.

Eine zentrale Steuerung sollte das Verfahren verbessern und deutlich beschleunigen. „Nach Sichtung und Auswertung von Best-Practice-Modellen aus Osnabrück und Mönchengladbach und nach einem etwa einjährigen politischen Diskussionsprozess haben wir im Sommer 2017 die Clearing- und Koordinierungsstelle installiert und diese Aufgabe an das Netzwerk Lippe delegiert“, so Koe­be-Helbich. Das Jobcenter fördert die Einrichtung mit der Finanzierung von viereinhalb Personalstellen, eine weitere Stelle wird durch den Kreis gefördert.

„Das Netzwerk fungiert für uns als Dienstleister. Es bereitet die Daten der Flüchtlinge auf und koordiniert für uns die regionalen Sprachkurse nach Abspräche mit den Trägern“, sagt Koebe-Helbich.

Kursträger melden Kapazitäten
 

Das Verfahren der Clearing- und Koordinierungsstelle ist klar strukturiert. Zunächst melden die Träger ihre Planungen für die Kurse. Es gibt im Kreis Lippe neun Sprachkursträger, die Integrationskurse und – mit Überschneidungen – sieben Träger, die Kurse der berufsbezogenen Deutschsprachförderung (DeuFöV) anbieten.

Für die Organisation der Integrationskurse bietet das neue Verfahren nach Einschätzung des Jobcenters eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum BAMF-Auskunftssystem WebGIS, dessen Datenqualität mangels Vollständigkeit und Aktualität oft unzureichend sei.

Für die DeuFöV-Kurse organisiert das BAMF mit den Trägern regelmäßige Quartalsgespräche zur regionalen Planung der Kurse. Die Clearing- und Koordinierungsstelle gleicht die Daten mit dem geschätzten Bedarf ab.

Überweisung mittels Einschaltbogen
 

Kunden mit Bedarf an einem Sprachkurs werden vom Jobcenter mittels Einschaltbögen an die Clearing- und Koordinierungsstelle überwiesen. Der Einschaltbogen enthält wichtige Informationen über den Geflüchteten. Dazu zählen neben persönlichen Daten die Staatsangehörigkeit, der Aufenthaltstitel und der aktuelle Stand der Sprachkenntnisse. Im Formular erklärt der Geflüchtete sein Einverständnis für den Austausch der personenbezogenen Daten zwischen allen potenziell beteiligten Akteuren des Verfahrens.

Schnittstellenprobleme erschweren Arbeit
 

Die Datenverarbeitung offenbart erhebliche Schnittstellenprobleme, da die einzelnen Institutionen mit verschiedenen Software-Programmen agieren. „Wir arbeiten mit AKDN, das Netzwerk Lippe nutzt STEP NOVA, die Agentur für Arbeit VERBIS, die Ausländerämter nutzen das Ausländerzentralregister und die Kursträger wiederum andere Datenformate. Deshalb werden Informationen über die Kunden oft mehrfach erfasst“, erklärt Koebe-Helbich.

Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Außerdem existiert die Software Integrationsgeschäftsdatei (InGe-Online), die der Datenerfassung und dem Datenaustausch im Kontext der Integrationskurse dient, in verschiedenen Versionen, wobei jeder Verfahrensbeteiligter nur Zugriff auf einen bestimmten Ausschnitt der Daten hat. Für die Aufnahme eines Geflüchteten in einen Integrationskurs wird die zentrale Personenkennziffer (PKZ) benötigt, auf die nur die Ausländerbehörde Zugriff hat. Dieses Problem konnte in Lippe gelöst werden, indem der Leiter der Clearing- und Koordinierungsstelle vom Kreis finanziert wird und somit den gleichen Zugriff auf InGe-Online hat wie die Ausländerbehörden.

Der InGe-Online-Datenbank kann die Koordinierungsstelle entnehmen, ob die Geflüchteten zu einer Teilnahme berechtigt sind, ob sie bereits zur Teilnahme an einem Sprachkurs verpflichtet wurden und welche Module sie schon belegt haben. Keinen Zugriff haben die Ausländerbehörden und die Koordinierungsstelle auf die Angabe, ob der Kunde schon über einen anderen Träger beim BAMF gemeldet wurde und ob ihm „Wiederholerstunden“ zustehen. Diese Informationen sind nur für die Sprachkursträger einsehbar. Sie müssen die entsprechenden Daten auslesen und an die Clearing- und Koordinierungsstelle übermitteln. Das generiert einen erheblichen Mehraufwand.

Einstufungstests wichtig für Kursplanung
 

Um die Geflüchteten gezielt einem bestimmten Kursangebot zuordnen zu können, wird mithilfe verschiedener Verfahren ihr Sprachstand geprüft. Für die Einstufungstests der Integrationskurse sind die Sprachkursträger zuständig. Etwa die Hälfte der Teilnehmer sind Analphabeten, die noch vor dem Einstieg in das erste Modul 300 Unterrichtseinheiten zur Alphabetisierung absolvieren. Eine organisatorische Schwierigkeit besteht darin, dass bestimmte Kurse wegen zu geringer Teilnehmerzahlen nur selten oder gar nicht zustande kommen, aber die einmal getroffene Zuordnung eines Kunden nicht ohne Weiteres verändert werden kann.

Für die DeuFöV-Kurse nimmt die Clearing- und Koordinierungsstelle nach den Richtlinien des Sprachanbieters telc die Kompetenzfeststellungen selbst vor. Die Clearingstelle versucht, mindestens 15 Personen für einen Kurs zu gewinnen und wählt einen geeigneten Kursort aus. Das Jobcenter prüft anhand der Vorschlagslis­te, ob die Kunden verfügbar sind. Nach Kursbeginn erhält die Clearingstelle eine Starterliste. Dann wird auch bekannt, wie lange der Kurs läuft und wann eine Anschlussperspektive für die Teilnehmenden benötigt wird.

Berufsstandserhebungen als wertvolle Orientierungshilfe
 

Die Koordinierungsstelle hält während der Kurslaufzeit Kontakt zu den Teilnehmenden und führt mit einfachen Fragebögen Berufsstandserhebungen durch. Dabei wird abgefragt, wie lange die jeweilige Person in ihrem Heimatland welche Tätigkeiten ausgeübt hat.

Die so gewonnenen Erkenntnisse werden nicht in die klassischen Systeme bei der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter eingepflegt. Denn eine besondere Schwierigkeit besteht darin, dass die Berufserfahrungen im Herkunftsland und die Anforderungen an bestimmte Berufe in Deutschland zum Teil weit auseinandergehen.

Die Informationen sind aber wertvoll für eine erste Orientierung. Sie können genutzt werden, wenn Unternehmen für eine bestimmte Branche Personal suchen und sind auch für das Creaming hilfreich, mit dem das Jobcenter Ärzte, Apotheker und andere Akademiker in kreisweiten „High Potentials“-Gruppen zusammenfasst.

Gute Sprachkenntnisse – gute Anschlussperspektive
 

Zum Ende eines Kurses melden die Träger die Ergebnisse der Teilnehmer direkt an die Clearing- und Koordinierungsstelle, die auf dieser Grundlage Anschlussperspektiven plant. „Die unmittelbare Kommunikation zwischen Träger und Koordinierungsstelle beschleunigt das Verfahren gegenüber einer Wiedereinladung durch das Jobcenter um mindestens drei Monate. Es dauert aber in der Regel immer noch vier bis acht Wochen, bis ein Folgekurs zustande kommt“, sagt Koebe-Helbich.

Die Anschlussperspektive ist stark von den erworbenen Sprachkenntnissen abhängig. Ein erheblicher Teil der Geflüchteten verbleibt auch nach längerer Förderung auf dem Sprachniveau A2, das für den Arbeitsmarkt nicht ausreicht. Das nächsthöhere Level B1 schafft bundesweit nur gut die Hälfte der Kursteilnehmer.

Auch unter den B1-Absolventen ist das Leistungsniveau sehr unterschiedlich. Bei der Bewertung der Kompetenzen wird zwischen „Hören/Verstehen“, „Sprechen“ und „Schreiben“ unterschieden. Viele der Geflüchteten mit einem B1-Zertifikat sind in der Kategorie „Schreiben“ deutlich schlechter, als es das B1-Niveau vorgibt. Auf einer solchen Basis lässt sich das nächsthöhere B2-Niveau nur schwer erreichen. „An dieser Schwelle scheitern selbst geflüchtete Akademiker“, sagt Koebe-Helbich. Ohne B2 sei eine Ausbildung oder qualifizierte Umschulung mit einer realistischen Aussicht auf Erfolg aber kaum möglich. „Arbeitgeber erwarten von ihren Mitarbeitern, dass sie sich gut verständigen können“, ergänzt Koebe-Helbich.

Problem Fahrtkostenerstattung
 

Eine andere Herausforderung ist die unzureichende Übernahme von Fahrtkosten für Integrationskurse durch das BAMF. „Die Struktur unseres Kreises mit 16 Städten und Gemeinden erschwert die Organisation der Sprachförderung erheblich. Die Kursorte sind nicht für alle Teilnehmer gut erreichbar“, sagt Koebe-Helbich.

Die vom BAMF 2018 eingeführte pauschalierte Fahrtkostenregelung deckt die Kosten für eine Monatskarte des öffentlichen Personennahverkehrs nicht. Eine Finanzierungslücke von 50 Euro pro Monat ist keine Seltenheit. Hinzu kommt, dass die Fahrtkosten von den Kursteilnehmenden zum Teil über drei oder vier Monate vorfinanziert werden müssen.

Um die Belastung für die Geflüchteten zu senken, beteiligen sich im Kreis Lippe die Träger an der Vorfinanzierung. Zudem erstattet das Jobcenter auf Antrag die Fahrtkostenlücke für ein Monatsticket als Mehrbedarf nach § 21 Abs. 6 SGB II.

Offene Frage: Umgang mit Geduldeten
 

Eine offene Frage ist der Umgang mit Geduldeten, die keinen Aufenthaltstitel erhalten, aber aus verschiedenen Gründen nicht abgeschoben werden können. Sie halten sich zum Teil über Jahre in Deutschland auf, oft mit Kindern, die hier die Schule besuchen, ohne einen Zugang zu Integrationskursen zu erhalten. Die Kommunen haben diese Menschen bislang nur selten zur Teilnahme an einem Sprachkurs verpflichtet. „Wir rechnen damit, dass es in dieser Frage bald Bewegung gibt“, sagt Koebe-Helbich. Die Fahrtkostenproblematik würde sich für die Geduldeten in verschärfter Weise stellen, da die Deckungslücke für sie durch keine andere Organisation geschlossen werden kann.

Kooperation mit BAMF geplant
 

Die Clearing- und Koordinierungsstelle hat sich nach Einschätzung des Jobcenters Lippe sehr gut bewährt. „Die Sprachkursträger wissen den Nutzen der zentralen Steuerung zu schätzen“, sagt Koebe-Helbich.

Die beteiligten Akteure arbeiten daran, die Prozesse des komplexen Handlungsfeldes weiter zu optimieren. Zudem steht die Clearing- und Koordinierungsstelle in konkreten Verhandlungen mit dem BAMF, das plant, seine 18 Pilotprojekte für Test- und Meldestellen (TuM) auszuweiten. Diese Einrichtungen haben das Ziel, Geflüchtete möglichst schnell an die Sprachbildung heranzuführen.

Das Netzwerk Lippe wäre mit seinen Erfahrungen, Kompetenzen und seiner materiellen Ausstattung in hervorragender Weise als TuM geeignet. Auf diese Weise könnte das BAMF in die Finanzierung der wichtigen Steuerungsaufgabe eingebunden und weitere Synergieeffekte erzielt werden.

Strukturdatenbank über Geflüchtete im Jobcenter Warendorf
 

Beim Jobcenter Kreis Warendorf werden die Geflüchteten seit Mai 2017 vom Kompetenzteam Migration betreut. Das Team besteht aus Mitarbeitenden, die zuvor an mehreren Standorten im Kreisgebiet speziell mit Zugewanderten gearbeitet haben. Eine Flüchtlingskoordinatorin fungiert als Bindeglied zwischen Steuerung und operativer Ebene und hält den Kontakt zu Maßnahme- und Sprachkursträgern und zu den anderen Netzwerkpartnern.

Um einen Überblick über die Situation der Geflüchteten im SGB II-Bezug zu erhalten und die Arbeit zu erleichtern, wurde eine Strukturdatenbank entwickelt und zum Mai 2017 mit allen verfügbaren relevanten Informationen über die Zielgruppe befüllt. „Die Datenbank, die im laufenden Geschäft stets aktuell gehalten wird, dient unserer internen wie externen Berichterstattung und verschiedenen Planungen“, sagt Susanne Beier, Leiterin des Kompetenzteams Migration im Jobcenter Kreis Warendorf.

Gute Zusammenarbeit in Integration Points
 

Eine gute Basis für die Arbeit des Kompetenzteams bildete vor allem in der Zeit des hohen Flüchtlingszustroms die erfolgreiche Kooperation in den Integration Points. Hier arbeiten an 13 Standorten im Kreisgebiet die Bundesagentur für Arbeit, das Jobcenter Kreis Warendorf, die beteiligten Städte und Gemeinden und die Ausländerbehörden zusammen, um Geflüchtete aus fünf Ländern mit hoher Bleibeperspektive (Eritrea, Iran, Irak, Somalia und Syrien) zu unterstützen.

Nach vollzogener Anerkennung der Geflüchteten und dem damit verbundenen Rechtskreiswechsel werden dem Jobcenter wichtige, von den Agenturen erhobene Informationen über ein verschlüsseltes Postfach zugestellt. Maßnahmen aus dem gemeinsamen Arbeitsmarktprogramm, die noch im Rechtskreis des SGB III starteten, werden vom Jobcenter fortgeführt. „Inzwischen sind fast alle Geflüchteten aus Eritrea, dem Iran, Irak, Somalia und Syrien in den Rechtskreis des SGB II gewechselt“, sagt Susanne Beier.

Kompetenzfeststellung und Potenzialanalyse
 

Die Strukturdatenbank bietet als Excel-Lis­te verschiedene Filtermöglichkeiten. Auf Tabellenblättern, die den einzelnen Beratern zugeordnet sind, werden wesentliche Informationen über die Kunden dokumentiert. Dazu zählen zunächst der Aufenthaltsort, persönliche Daten, die Schul- und Berufsausbildung im Herkunftsland und die Sprachkenntnisse. Entscheidend für die rechtzeitige Planung von Anschlussperspektiven ist das Erfassen des aktuellen Status durch Informationen, ob und wie lange der Geflüchtete gerade an einem Sprachkurs, an einer Maßnahme oder an einem Praktikum teilnimmt. Die Datenbank gibt auch Hinweise darauf, welche Hilfe die Geflüchteten sonst noch erhalten. Viele von ihnen werden in Alltagsfragen von ehrenamtlichen Helfern und Migrationsberatungsstellen oder durch Aktivierungsmaßnahmen externer Träger unterstützt.

Kompetenzfeststellungen, die zu Beginn der Betreuung und ein zweites Mal während des letzten Drittels des Sprachkurses getroffen werden, geben Auskunft über die beruflichen Möglichkeiten der Geflüchteten. „Die Ergebnisse der Kompetenzfeststellung fließen in die Potenzialanalyse ein. So kann für jeden Geflüchteten ein realistischer Berufswunsch erarbeitet und dokumentiert werden“, sagt Susanne Beier.

Die Strukturdatenbank informiert auch darüber, ob ein im Ausland erworbener Berufsabschluss mittels IQ-Anerkennungsverfahren in Deutschland anerkannt wurde, ob die Person für ein IQ-Verfahren vorgemerkt ist oder ob dies nicht notwendig ist, weil kein Abschluss vorliegt.

Wichtig für weitere Planungen ist der Hinweis, ob der Geflüchtete perspektivisch für eine Ausbildung infrage kommt. Die Ausbildungsvermittlung im Regelgeschäft der Regionalteams im Jobcenter Kreis Warendorf steht jungen wie älteren Kunden offen und kann sich so rechtzeitig auf den Ausbildungsbedarf der Zugewanderten einstellen.

Wertvolle Informationen für politische Gremien
 

Politische Gremien erwarten vom Jobcenter stets aktuelle Informationen zur Flüchtlingsproblematik. Auch dafür sind die Informationen der Strukturdatenbank nützlich. So konnte sich der Sozialausschuss des Kreises Warendorf dank der umfassenden Datenerhebung im Sommer 2017 einen guten Überblick über die Gruppe der Geflüchteten im SGB II-Bezug verschaffen. Zu diesem Zeitpunkt wurden im Kreisgebiet 1.951 erwerbsfähige leistungsberechtigte Geflüchtete in 1.348 Bedarfsgemeinschaften betreut. Nahezu die Hälfte der Geflüchteten (47,5 Prozent) waren junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Männer waren dabei mit 65,1 Prozent klar überrepräsentiert.

Hohes Fachkräftepotenzial konnte unter den Geflüchteten nur bedingt ermittelt werden. Die Gruppe zeigte sich äußerst heterogen: Etwa jeder vierte Geflüchtete war im Kreis Warendorf nicht alphabetisiert, auf der anderen Seite konnten 12,3 Prozent der Geflüchteten einen Hochschulabschluss vorweisen.

Jobcenter fördert nachhaltige Integration
 

Von Januar bis Mai 2017 wurden im Kreis Warendorf 82 Geflüchtete in den ersten Arbeitsmarkt integriert. Das Jobcenter richtet seine Förderpolitik nicht vorrangig auf schnelle, sondern auf nachhaltige und bedarfsdeckende Integrationen aus und versucht deshalb, die Geflüchteten für Investitionen in Sprache und Bildung zu motivieren. Dafür ist viel Überzeugungsarbeit nötig. „Junge Männer bevorzugen oft kurzfristige Helferarbeiten anstelle eines längerfristigen Bildungsweges. Sie möchten möglichst schnell Geld verdienen, um ihre Familien zu unterstützen und finanziellen Verpflichtungen in ihrem Heimatland nachzukommen“, erklärt Susanne Beier.

Strukturdaten nützlich für Planung und Organisation
 

Welche Geflüchteten sollen als Nächstes eingeladen werden? Wie können Arbeitsprozesse effektiv gestaltet werden? Welche Anschlussperspektiven ergeben sich mittelfristig? Welche Maßnahmen müssen geplant werden?

Das Kompetenzteam Migration nutzt die Daten der Strukturdatenbank für viele Fragen der eigenen Arbeitsorganisation, der internen Planung an den Schnittstellen zum Regelsystem, der Kooperation mit Dritten und für die Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern. Für die Träger von Sprachkursen hat das Jobcenter einen runden Tisch organisiert, an dem die Kursbeginne jeweils zeitversetzt auf Basis der Informationen der Strukturdatenbank abgestimmt werden.

„Welcome to Work in Nature“
 

Wenn laut Datenbank ein Kurs oder eine Maßnahme endet, wird rechtzeitig eine Folgeberatung vereinbart, um im Idealfall eine nahtlose Anschlussperspektive zu realisieren. Geflüchtete, für die eine Vermittlung in Ausbildung oder Studium zu früh kommt, können mit einer Maßnahme auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden, zum Beispiel im Projekt „Welcome to Work in Nature“, einer Kooperation von Jobcenter, Agentur für Arbeit und dem Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (VGL). In sechs Lernmodulen verbessern Geflüchtete aus verschiedenen Ländern in einer Gruppe von etwa 20 Teilnehmenden mithilfe eines Integrationscoachs ihre Sprachkenntnisse und werden in Unternehmen des VGL praxisorientiert qualifiziert.

„Das Projekt hat sich mit seiner guten Mischung aus Theorie und Praxis bewährt“, sagt Susanne Beier. Deshalb plant das Kompetenzteam Migration ähnliche Kooperationen mit dem Handwerk und dem Pflegesektor.

Unterstützung qualitativ weiterentwickeln
 

Positiv fällt im Kreis Warendorf auch das Gesamtfazit für die Strukturdatenbank aus. „Deshalb haben wir zusätzlich eine anknüpfende Datenbank für den Übergang der Geflüchteten in das Regelgeschäft konzipiert“, sagt Susanne Beier. Damit kann das Jobcenter seine eigenen Anstrengungen überprüfen und zugleich verlässliche datenbasierte Auskünfte über alle betreuten Flüchtlinge liefern.

Da die Fluchtmigration auf einem niedrigeren Niveau anhält, wird es in Zukunft für alle Jobcenter vor allem darauf ankommen, ihre Unterstützungsleis­tungen qualitativ weiterzuentwickeln und an den lokalen Bedarfslagen auszurichten. Die systematische Nutzung von Daten, die von den Jobcentern in verschiedenen Variationen genutzt werden, wird für diesen Zweck ein wichtiger Baustein bleiben.


Der Beitrag basiert auf dem G.I.B.-Bericht „Erhebung und Nutzung von Daten über geflüchtete Menschen in den Jobcentern – Beispiele aus der nordrhein-westfälischen Praxis“ (November 2018)

Ansprechpartner in der G.I.B.

Jan Amonn
Tel.: 02041 767162
j.amonn@gib.nrw.de

Autor

Andreas Düppe
Tel.: 0171 8309531
presse@da-pr.de

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Jobcenter Lippe
Servicebüro Detmold
Koordination des Integration Point
Wittekindstr. 2
32758 Detmold
Thomas Koebe-Helbich
Thomas.Koebe-Helbich@jobcenter-lippe.de

Jobcenter Kreis Warendorf
Raiffeisenstr. 11
59229 Ahlen
Susanne Beier, Teamleiterin
Kompetenzteam Migration
susanne.beier@kreis-warendorf.de
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