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(Heft 1/2019)
Kölner Projekt unterstützt psychisch labile Menschen bis 27 Jahre

Plan 27: Individuelle Hilfe für junge Menschen

Um junge Menschen zu erreichen, die sich aufgrund psychischer Probleme zurückziehen und deshalb nicht in der Lage sind, einen geregelten Alltag zu führen und wichtige Entwicklungsschritte in schulischer oder beruflicher Hinsicht zu gehen, hat die Stadt Köln im Jahr 2017 das mit Landesmitteln und Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Projekt „Plan 27“1 ins Leben gerufen. Erklärtes Ziel ist es, diese jungen Menschen nicht verloren zu geben, Kontakt zu ihnen aufzubauen, ihre Probleme anzugehen und ihnen eine Lebensperspektive zu eröffnen.

„Im nächsten Sommer will ich wieder in die Schulausbildung zur Fachoberschulreife einsteigen“, sagt Peter P.2 Und auch davon, wie es danach beruflich weitergehen soll, hat der 23-Jährige schon eine Vorstellung: „Ich habe verschiedene Praktika gemacht. Der IT-Bereich ist das, was mich am meisten anzieht", so der im Gespräch aufgeweckt wirkende junge Mann. Es weist kaum etwas darauf hin, dass diese Perspektive für ihn vor etwas mehr als einem halben Jahr noch undenkbar gewesen wäre. Da verbrachte Peter P. den Großteil des Tages in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung, ging kaum noch raus, hatte unter anderem Depressionen, eine Angststörung mit Panikattacken, einen verschobenen Tag-/Nachtrhythmus und schaffte es aus eigener Kraft nicht, sich in eine psychosomatische Behandlung zu begeben. Die schulische Weiterbildung hatte er, als er psychisch erkrankte, abbrechen müssen.

Im Spätsommer des Jahres 2018 wurde die Situation, auch für die Familie, zunehmend unerträglicher, so dass Peter P.’s Vater beim Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) Köln-Kalk Hilfe suchte. Genau die richtige Adresse, denn in dem städtischen SPZ ist die „Der Sommerberg – AWO Betriebsgesellschaft“ als Kooperationspartner eingebunden (Tagesstätte und Hilfen zum selbständigen Wohnen [BeWo]) – und das ist einer der Träger, die Plan 27 in Köln umsetzen, das Projekt mit dem Peter P. in gut einem halben Jahr wieder in die Spur kommen sollte.

Plan 27 ist Teil des Integrierten Handlungskonzeptes „Starke Veedel – Starkes Köln“, das im Zuge des Aufrufs des Landes Nordrhein-Westfalen „Starke Quartiere – Starke Menschen“ für die EU-Förderphase 2014 bis 2020 entstanden ist. Das Kölner Handlungskonzept verfolgt unter anderem das Ziel, in den elf ausgewiesenen Sozialräumen Kölns die Armut zu bekämpfen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken, Prävention zu systematisieren und die Lebenssituation der dort lebenden Menschen nachhaltig zu verbessern.

Im Rahmen von Plan 27 nimmt die Stadt Köln mit der Hilfe von insgesamt drei umsetzenden Trägern Sozialräume ins Visier, in denen gehäuft Familien mit niedrigem sozialen Status und Multiproblemlagen leben. Eine überdurchschnittliche Anzahl der dort aufwachsenden jungen Menschen vermeidet aufgrund ihrer Probleme den direkten Kontakt zu anderen Menschen oder verhält sich aggressiv und abweisend. Oft sind auch Alkohol und/oder illegale Drogen im Spiel – und eben psychische Probleme. „In der Psychiatrie-Szene ist das Problem schon vor etwa zehn Jahren erkannt worden: junge Menschen, die aufgrund dieser Probleme nicht im Regelsys­tem ankommen“, sagt Dorothea Stender von der Alexianer Köln GmbH. Sie ist im Rahmen von Plan 27 als Fachkraft für die Sozialraumgebiete im linksrheinischen Nord- und Südwesten zuständig.

Projekt schließt Angebotslücke
 

Start des Projekts Plan 27 war am 1. April 2017. Expertinnen und Experten unterschiedlicher Kölner Institutionen, darunter das Jobcenter, der Landschaftsverband, verschiedene Ämter der Stadt Köln und Träger der Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie, hatten im Jahr zuvor unter der Federführung des Gesundheitsamts Handlungsempfehlungen zu speziellen Hilfen für junge Menschen mit psychischen Problemen entwickelt. Dazu gehörte die Einrichtung einer Beratungsstelle, die in Form des „Proberaums“ durch die Alexianer in Köln-Rodenkirchen umgesetzt wurde, sowie ebenfalls dort das über den § 16 h des SGB II finanzierte Angebot „Proberaum WorX“, das das Ziel hat, junge Menschen die sich in einer psychischen Krise befinden und mit Schule, Ausbildung oder einer Maßnahme nicht zurechtkommen, zu helfen. Wobei hier im Vordergrund steht, sie zurück zu einem geregelten Tagesablauf zu führen und realistische Ziele in Richtung Arbeitsmarkt zu entwickeln.

Beides sind „Komm-Angebote“, die Betroffenen müssen also die jeweilige Stelle selbst aufsuchen. Was aber, wenn junge Menschen das aufgrund ihrer psychischen Situation nicht schaffen? Hier setzt Plan 27 an. Das Konzept sieht vor, dass eine Fachkraft die Person in ihrem persönlichen Umfeld oder einem frei wählbaren Ort aufsucht, und schließt damit eine Lücke, die die übrigen vorhandenen Angebote nicht abdecken. „Man hat das Erst-Setting für die Betroffenen sehr simpel gemacht. Ein Treffen Zuhause, im Park oder im Café, alles möglich. Damit hat man bei den meis­ten schon den Fuß in der Tür“, sagt Fachkraft Jutta Kröhne vom SPZ Köln-Nippes und Köln-Chorweiler e. V.

„Vor dem Start waren wir unsicher, ob wir die Zielgruppe auf diese Weise finden und erreichen können. Das Projekt gab uns erstmals die Mittel, Gelegenheit und die Chance auszuprobieren, ob ein aufsuchender Ansatz funktioniert“, beschreibt Elisabeth Ostermann vom Gesundheitsamt der Stadt Köln die Ausgangssituation.

Denn eine erste Kontaktaufnahme zu jungen Menschen mit psychischen Problemen stellt sich teilweise überaus schwierig dar. Den Betroffenen ist selbst oft nicht bewusst, dass bei ihnen psychische Problemlagen vorliegen und sie sehen daher keinen Grund, einen Fachdienst wie den Sozialpsychiatrischen Dienst oder einen niedergelassenen Facharzt aufzusuchen. Auch wenn die Angehörigen die Situation meist deutlich wahrnehmen, schaffen sie es meist nicht, die jungen Menschen zu motivieren, Hilfsangebote wahrzunehmen.

Wenn das doch irgendwann passiert, haben die Betroffenen oft schon die Schule oder die Ausbildung abgebrochen, eine Perspektivplanung verpasst und sind frus­triert. Folgen sind soziale Isolation, schulische und berufliche Perspektivlosigkeit, Fehlen einer tragenden Tagesstruktur und Einbindung in die Regelversorgung, gravierende familiäre Konflikte, Überforderung mit dem Aufbau einer selbstständigen Lebensführung.
So in etwa war die Situation auch im Fall von Peter P. Uwe Armbruster, der als Fachkraft in den rechtsrheinischen Sozialraumgebieten für das Projekt verantwortlich ist, besuchte nach dem Hilferuf des Vaters die Familie und stellte das Angebot behutsam vor. „Ich war erst skeptisch“, sagt Peter P., „habe dann aber schnell gemerkt, dass das Angebot sehr gut war.“ Denn Uwe Armbruster machte den Ansatz detailliert deutlich, erklärte worin die Hilfen, die er im Rahmen von Plan 27 anbieten kann, bestehen, dass er Peter P. abholen und begleiten kann, wenn es um Termine geht.

„Das hat Peter P. sofort angesprochen, weil er selbst gemerkt hat, dass er jemanden braucht, um wieder den Weg nach draußen zu schaffen.“

Peter P. entschied sich also in das Projekt einzusteigen. Von da an standen ein- bis zweimal wöchentlich Treffen im SPZ oder in der elterlichen Wohnung mit Uwe Armbruster auf dem Programm, bei Bedarf oder Terminen bei verschiedenen Anbietern von Hilfen auch öfter. „Wir zerlegen den Berg an Problemen, den die jungen Leute vor sich sehen, oft zum Beispiel auch Schulden, in kleinere Häufchen, die man nach und nach beseitigen kann. Dadurch bekommen sie den Kopf wieder frei und können sich auf ihre Ziele fokussieren. In der Regel gelingt der Zugang zu den Menschen ganz gut, weil wir uns zunächst auf das dringlichste Problem stürzen können“, sagt der gelernte Diplom-Heilpädagoge. Und das war im Fall von Peter P. eine psychosomatische Reha. Als die eingeleitet war, geriet der Auszug aus der elterlichen Wohnung in den Fokus der Unterstützungsleistungen. „Ein dringend notwendiger Schritt um die Negativ-Spirale, in die Peter P. nach der Rückkehr aus der Tages-Klinik immer wieder geriet, zu durchbrechen“, so Uwe Armbruster. Nach dem gemeinsamen Besuch verschiedener Wohnheime speziell für psychisch kranke Menschen, fiel die Wahl dann auf das Machabäerhaus in Köln, eine Übergangseinrichtung für psychisch erkrankte Erwachsene mit dem Schwerpunkt einer stationären, medizinischen und sozialen Rehabilitation. „Ohne das Projekt wäre ich definitiv nicht in das Machabäerhaus eingezogen, was mir einen extremen Fortschritt auf allen möglichen Ebenen gebracht hat“, sagt Peter P., der bis zum jetzigen Zeitpunkt dort wohnt und das Projekt beenden konnte, weil er dort die notwendige Unterstützung bekommt, „im Regelsystem angekommen“ ist, wie Elisabeth Ostermann das ausdrückt. Mittlerweile hat Peter P. nicht nur soziale Kontakte zu vielen Mitbewohnern aufgebaut und – vorher übergewichtig – durch neue sportliche Aktivitäten 30 Kilogramm abgenommen, er engagiert sich auch im Bewohnerbeirat des Machabäerhauses, gestaltet mit der Leitung Infotermine und stellt Neuinteressenten das Angebot aus Bewohnersicht vor.

Netzwerk wichtig
 

Für solche Erfolge spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. „Auf der strukturellen Ebene war für das Projekt wichtig, dass sich die Stadt Köln für die Umsetzung Träger gesucht hat, die in den Sozialräumen schon gut verortet und eingebunden sind, und den Ansatz auch leben“, sagt Barbara Schwarz, Leiterin der SPZ’s in Chorweiler und Nippes. „Auch das notwendige Netzwerk war so schon vorhanden.“ Auf der linken Rheinseite sind diese Träger das „Sozialpsychiatrische Zentrum (SPZ) Köln-Nippes und Köln-Chorweiler e. V.“3 sowie die „Alexianer Köln GmbH“4 mit jeweils einer halben Stelle und auf der rechten Rheinseite die „Der Sommerberg AWO Betriebsgesellschaft mbH“5 mit einer Vollzeitstelle.

Für die aufsuchende Sozialarbeit setzen die Träger geschultes Fachpersonal ein, das über sozialpsychiatrische Kenntnisse verfügt und eng mit dem psychiatrischen Hilfesystem zusammenarbeitet. Solche gut ausgebildeten Fachkräfte mit Empathie für die Zielgruppe sind ein weiterer Erfolgsfaktor, denn „das Projekt lebt von dem persönlichen Kontakt“, sagt Barbara Schwarz.

Ein anderer wichtiger Faktor sind die Kooperationspartner, zu denen Bildungseinrichtungen wie Schulen, Jugendzentren, Familienberatungsstellen, sonstige städtische Einrichtungen, Jobcenter U25, alle Akteure in den Sozialraumgebieten vor Ort sowie die Jugendhilfe zählen. Sie stehen oft in Kontakt mit der Zielgruppe und können Hinweise auf Personen geben, die Hilfe brauchen – immer deren Einverständnis vorausgesetzt. Sie sind also eine wichtige Quelle für die Teilnehmer-Akquise und auch Multiplikatoren, um die neue Hilfe bekannt zu machen. Das Jobcenter ist außerdem eine wichtige Anlaufstation, wenn die Teilnehmenden so stabilisiert sind, dass sie eine Perspektive in Richtung Arbeitsmarkt entwickeln können, zum Beispiel durch den Einstieg in die 16 h-Maßnahme Proberaum-WorX. Oft ist dann die weitere Teilnahme an Plan 27 ein Teil der entsprechenden Eingliederungsplanungen. Die bessere Vorbereitung der Jugendlichen führt dazu, dass weniger Maßnahmen abgebrochen werden und Ressourcen gezielter eingesetzt werden können. Das Jobcenter profitiert also auch von der Kooperation.

Keine starren Vorgaben
 

Das Projekt hat einen modellhaften Ansatz, der die beschriebene, in der Fachwelt deutlich wahrgenommene Lücke im Hilfesystem schließt und erstmalig in Köln erprobt wird. „Plan 27 zeichnet eine große Flexibilität aus“, sagt Uwe Armbruster. „Es gibt anders als in anderen Jugendhilfe-Maßnahmen keine starre Zeitvorgabe pro Klient, wo man schon vorab einen Hilfeplan schreiben muss, mit Zielen, Handlungsschritten und einer Angabe, wie viel Zeit man jeweils braucht. Bei Plan 27 kann man anfangs – was meistens nötig ist –, sehr intensiv in den Fall einsteigen und sich dann, wenn bestimmte Dinge geregelt sind, wieder zurückziehen und zum Beispiel telefonisch Kontakt halten. Es ist also wirklich ein großer Vorteil, dass wir uns an dem jeweiligen Bedarf orientieren können.“

Quantitatives Ziel des Projektes war es, im zweijährigen Projektzeitraum mindestens 40 junge Menschen mit psychischen Problemlagen zu begleiten, sie in ihren Alltagskompetenzen zu stärken, sie in mindestens ein Angebot zu vermitteln, je nach individueller Problemlage im gesundheitlichen, schulischen, ausbildungs-, qualifizierungs- und/oder berufsbezogenen Bereich und sie langfristig an das Regelsystem anzubinden. Dieses Ziel wurde übererfüllt. Das Projekt hat in der Projektlaufzeit insgesamt 75 Jugendliche der Zielgruppe erreicht (Stand 31.12.2018), 39 Personen haben die Maßnahme bisher ordnungsgemäß beendet, 30 befinden sich noch im Projekt, nur sechs haben sie vorzeitig abgebrochen.

Das Projekt läuft noch bis zum 31. März mit der ursprünglichen Landes- und ESF-Finanzierung. Die Förderung habe als Anschubfinanzierung gedient und gezeigt, dass zukunftsweisende Effekte von diesem Projekt ausgehen, sagt Wolfgang Heiliger vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS). Er ermuntert die Akteure aus dem Regelsystem ausdrücklich dazu, vorhandene Ressourcen für die Sicherung der Nachhaltigkeit der „erfolgreichen und unverzichtbaren Maßnahme“ zu nutzen.

Dass das MAGS es gern sähe, wenn Plan 27 fortgesetzt würde, ist Wind auf die Mühlen des Gesundheitsamts der Stadt Köln. Es will das Angebot aufgrund des großen Erfolges verstetigen und zudem auf weitere Stadtteile ausweiten. „Das wird letztendlich durch die Politik entschieden“, sagt Elisabeth Ostermann. „Wir hoffen, dass die Offenheit gegenüber dem Projekt, die uns aus dieser Richtung bereits signalisiert wurde, dazu führen wird, dass die Verstetigung auch gelingt.“


1 Vollständiger Projekttitel: Plan 27 – Zugehende Hilfen für junge Menschen mit psychischen Problemen zur Überleitung ins Regelsystem und zur Entwicklung einer beruflichen Perspektive in allen ausgewiesenen Sozialraumgebieten Kölns.

2 Name geändert

3 Zuständig für die Sozialraumgebiete Chorweiler/Blumenberg/Seeberg-Nord, Bilderstöckchen

4 Zuständig für Bocklemünd/Mengenich, Bickendorf/Westend/Ossendorf, Meschenich/Rondorf

5 Zuständig Buchheim/Buchforst, Höhenberg/Vingst, Ostheim/Neubrück; Mülheim-Nord/Keup­str, Porz-Ost/Finkenberg/Gremberghoven/Eil und Kalk/Humboldt-Gremberg)

Kontakte

Stadt Köln, Psychiatrie und Suchtkoordination, Gesundheitsberichterstattung und -aufklärung
Neumarkt 15 – 21
50667 Köln
Elisabeth Ostermann
Tel.: 0221 22124757
elisabeth.ostermann@stadt-koeln.de

SPZ Köln-Nippes und Köln-Chorweiler e. V.
Niehler Straße 83
50733 Köln
Barbara Schwarz, Jutta Kröhne
Tel.: 0221 888213-0
spz-nippes-schwarz@netcologne.de

Alexianer Köln GmbH
Adamstr. 27
50996 Köln
Dorothea Stender
Tel.: 0221 1705078-21
plan27-proberaum@alexianer.de

Der Sommerberg AWO
Betriebsgesellschaft mbH
Olpener Straße 114
51103 Köln-Kalk
Uwe Armbruster
Tel.: 0221 9918262
plan27@awo-der-sommerberg.de

Ansprechpartner in der G.I.B.

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767208
h.kleinen@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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