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(Heft 1/2019)
Gemeinde Everswinkel: Ausgezeichnet!

Bundeswettbewerb „Zusammenleben Hand in Hand – Kommunen gestalten“

Vor zwei Jahren stellte das G.I.B.-Info die gleichermaßen umfang- wie einfallsreichen Aktivitäten der Gemeinde Everswinkel vor, geflüchtete Menschen in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. Etwa zur gleichen Zeit startete das Bundesministerium des Innern den Wettbewerb „Zusammenleben Hand in Hand – Kommunen gestalten“. Kommunen aus ganz Deutschland waren aufgerufen, sich mit ihren Konzepten und Projekten zur Integration und zum Zusammenleben von Zuwanderern und Einheimischen zu bewerben. Im Juli 2018 wurden die Preisträger gekürt. Einer von ihnen ist die Gemeinde Everswinkel aus Nordrhein-Westfalen.

„Über den Zusammenhalt in der Gesellschaft wird in Städten, Landkreisen und Gemeinden entschieden.“ Das sagte der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maiziére anlässlich des Starts des von ihm initiierten Bundeswettbewerbs „Zusammenleben Hand in Hand – Kommunen gestalten“.

Vorbildcharakter für die Gestaltung hat offensichtlich die im Kreis Warendorf gelegene Gemeinde Everswinkel. Eine Jury ermittelte aus den 142 zur Prämierung zugelassenen Wettbewerbsbeiträgen 21 Preisträger, darunter die Gemeinde Everswinkel mit ihren rund 9.700 Einwohnerinnen und Einwohnern. Sie hatte allein im Jahr 2015 rund 220 Geflüchtete aufgenommen.

Gut begründete Prämierung
 

„Everswinkel“, heißt es in der Jury-Begründung, „zeigt ein umfassendes Verständnis von Integration als Aufgabe aller. Mit breiter Unterstützung durch den Bürgermeister Sebastian Seidel und alle politischen Fraktionen werden die Vorteile einer kleinen Kommune genutzt, um die Integration geflüchteter Menschen zu unterstützen.“

Hinter den Integrationsanstrengungen der Gemeinde Everswinkel, hebt die Jury hervor, „stehen klar formulierte Ziele“. Eins davon war, die Geflüchteten dezentral unterzubringen. Dafür wurden Mehrfamilienhäuser gekauft, ein Übergangswohnheim errichtet sowie Wohnungen angemietet. Sozialamtsleiter Thomas Stohldreier: „Es ist gelungen, die Geflüchteten gut verteilt in den Wohngebieten der beiden Ortsteile Everswinkel und Alverskirchen unterzubringen. So konnten soziale Brennpunkte vermieden werden – ein entscheidender Faktor für die Integration.“

Anerkennend bewertet die Jury zudem das Bestreben der Gemeinde, in der ortsansässigen Bevölkerung für die Akzeptanz der Ziele und Aktivitäten zu werben. Dazu erstellte die Gemeinde eine Informationsbroschüre und versandte sie an alle Haushalte. In ihr konnten die Bürgerinnen und Bürger aus erster Hand erfahren, was die zugewanderten Menschen zur Flucht aus ihren Heimatländern veranlasst hatte: „Das Leben war ein ständiger Alptraum, aus dem man leider nicht erwachen durfte“, berichtet zum Beispiel eine syrische Familie. „Jeden Tag mussten die Kinder ertragen, dass Menschen auf der Straße willkürlich gequält und ermordet wurden.“

Bei der Versendung der Broschüre beließen es die Verantwortlichen indes nicht. Regelmäßig erstatteten sie im öffentlichen Teil der Sitzungen des Familien- und Sozialausschusses Bericht über die Integrationsfortschritte. Sozialamtsleiter Thomas Stohldreier: „So war allen klar: Wir haben einen Plan, wir haben ein Konzept und das setzen wir um!“

Positiv sieht die Jury vor allem das „beachtliche und breite Angebot an Maßnahmen“ von Gemeinde und Flüchtlingsinitiative, darunter Nachbarschaftsfeste, Spielenachmittage und Kreativangebote, Sprachkurse durch Ehrenamtliche, ein Café, eine Fahrradwerkstatt sowie diverse Aktivitäten in Sportvereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, dem Blasorchester, dem Seniorenheim, dem Deutschen Roten Kreuz oder dem Kulturkreis.

Im Projekt „Alt für Jung Patenschaften“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senio­renbüros engagierten sich überwiegend ältere Aktive als Paten für Geflüchtete. „Die große Erfahrung der Paten“, stimmen die Koordinatoren des Projekts überein, „erleichterten den Geflüchteten die Aufnahme in die Gesellschaft.“ Weitsichtig auch der Einsatz Carmen Günnewigs als Flüchtlingssozialarbeiterin sowie zehn weiterer Frauen, die sich als ehrenamtliche Sprach- und Integrationshelferinnen in der Grundschule engagieren. Carmen Günnewig: „Wir hatten keine Integrationsklassen, die Flüchtlingskinder waren von Beginn an in den regulären Klassen untergebracht. Sie kannten unser Schulsystem nicht, sprachen kein Deutsch und kannten keine Gesellschaftsspiele. Mit unserer Unterstützung aber haben sie es geschafft, sich in den normalen Schulunterricht zu integrieren.“

Integration in Ausbildung und Arbeit
 

Wichtiger Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiche Integration ist der „Integration Point“. Hier erfolgt – in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit Münster – Ahlen, vertreten durch Sama Bensaida, dem Jobcenter, vertreten durch Jutta Drilling-Kleihauer, und der Ausländerbehörde des Kreises Warendorf sowie dem Sozialamt der Gemeinde Everswinkel eine schrittweise Heranführung an den Arbeitsmarkt.

Nach einer ersten „Talentsichtung“ wird die Anerkennung von Beruf und Ausbildung im Heimatland geprüft, werden Sprachförderkurse vermittelt, Arbeitserlaubnisse beantragt und Praktika organisiert. Koordinator Jürgen Wonning: „Am Beginn stehen oft gemeinnützige Tätigkeiten etwa in örtlichen sowie öffentlichen Einrichtungen. Ziel aber ist die Vermittlung in einen Beruf.“ Um mehr Unternehmen als Arbeitgeber für die neu Zugewanderten zu gewinnen, fanden spezielle Informationstreffen zwischen Gewerbetreibenden, der örtlichen Kommunalverwaltung und den Koordinatoren statt.

Das breit angelegte Engagement der kommunalen Akteure erwies sich als Erfolg: Sura Algaragholi, die mit ihrem Mann und ihrem neun Monate alten Kind aus dem Irak geflohen war, hat mit Unterstützung der Gemeinde ein Stipendium einer Stiftung bekommen. Sie promoviert zurzeit an der Universität Münster.

Dass junge Geflüchtete in Everswinkel eine Chance bekommen, ist nicht zuletzt zahlreichen Unternehmen wie zum Beispiel der Uennigmann Landmaschinen und Metallverarbeitung GmbH zu verdanken. Die Firma hatte auf Empfehlung von Friedhelm Hempelmann, der als ehemaliger Berufswahlkoordinator der Verbundschule alle ortsangehörigen Firmen kennt, Mohamad Osman, einem 26-jähren Flüchtling aus Syrien, ein Praktikum ermöglicht. Der Unternehmer: „Die Kollegen sagten über den Praktikanten: Den nehmen wir mit zur Baustelle, den können wir brauchen. Das ist die größte Anerkennung, die Mitarbeiter geben können.“ Gleich nach dem Praktikum konnte der junge Syrer eine Ausbildung zum Metallbauer beginnen.

Ganz ähnlich die Erfolgsmeldungen aus der Kortmann GmbH, einem Unternehmen für Heizung und Klimatechnik. Hier konnte Habtom Tesfay aus Eritrea in einem Praktikum seinen Arbeitgeber so überzeugen, dass er gleich eine Ausbildung zum Elektrotechniker angeboten bekam. Betriebsleiter Marvin Pohl: „Wir sind froh, ihn gefunden zu haben, denn Bewerberinnen und Bewerber um Ausbildungsplätze gibt es im ganzen Handwerk heute viel zu wenige.“ Auch darüber hinaus weiß der Betriebsleiter nur Positives zu berichten: „Für gewöhnlich bin ich morgens immer als erster im Betrieb, aber während seines Praktikums war Habtom schon vor mir hier, hat den Parkplatz gefegt, das Lager aufgeräumt und Autos gesäubert. Erst kürzlich hat er gefragt, ob er auch samstags arbeiten dürfe, ohne bezahlt zu werden.“

Festgestellt haben die ausbildenden Unternehmen jedoch eine Diskrepanz zwischen praktischem und theoretischem Können. Hier ist ein Austausch mit den Berufskollegs oder anderen ausbildungsbegleitenden Institutionen dringend vonnöten, um eine erfolgreiche duale Ausbildung sicherzustellen. Als „schönes Erlebnis“ ihres Engagements bezeichnen die Koordinatoren Friedhelm Hempelmann und Jürgen Wonning die Tatsache, dass sich bereits 16 Geflüchtete in Ausbildung befinden. In ihren Augen ein treffendes Bespiel dafür, dass „gelingende Integration ein ganzes Dorf benötigt.“

Kontakt

Integration Point – Kreis Warendorf
Jürgen Wonning
wonning@everswinkel.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de
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