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(Heft 1/2019)
10 Jahre Landesprogramm „Integration unternehmen!“ in Nordrhein-Westfalen

„Gemeinsam sind wir stark“

Vor genau zehn Jahren brachte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und weiteren Partnern das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ auf den Weg. Mit ihm wurden bislang mehr als 1.700 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit schwerer Behinderung geschaffen. Darüber hinaus haben die Landschaftsverbände rund 1.300 Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen zusätzlich vollständig aus Mitteln der Ausgleichsabgabe finanziert. Das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ wird es auch in Zukunft geben, denn „Menschen mit schweren Behinderungen“, so Minister Karl-Josef Laumann, „haben es trotz der derzeit insgesamt guten Arbeitsmarktlage nicht leicht, einen passenden Arbeitsplatz zu finden.“

In Nordrhein-Westfalen leben rund 1,8 Millionen schwerbehinderte Menschen, darunter 765.000 im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Zwar profitieren laut „Arbeitsmarktreport NRW 2018“ der G.I.B. zur „Situation der schwerbehinderten Menschen am Arbeitsmarkt“ auch schwerbehinderte Menschen von der aktuell guten Arbeitsmarktlage, doch ging die Arbeitslosigkeit dieser Personengruppe nicht so stark zurück wie bei den nicht schwerbehinderten Menschen. Gleiches gilt für die Zahl der Langzeitarbeitslosen unter ihnen. Zudem ist die Dauer der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen deutlich höher als die der nicht schwerbehinderten Arbeitslosen. Dabei sind schwerbehinderte Arbeitslose nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit von Mai 2018 gut qualifiziert: Anteilig finden sich bei ihnen sogar etwas mehr Fachkräfte als bei nicht schwerbehinderten Arbeitslosen.

„Auch inklusive Betriebe können sich am Markt behaupten!“
 

Schon vor zehn Jahren hatte die prekäre Situation erwerbsfähiger Menschen mit Schwerbehinderung am Arbeitsmarkt den damaligen und heutigen Arbeitsminister von Nordrhein-Westfalen Karl-Josef Laumann veranlasst, das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ zu schaffen.

Mit ihm werden investive Zuschüsse in Höhe von maximal 20.000 Euro pro neu geschaffenem Arbeitsplatz für Beschäftigte aus der Zielgruppe des § 215 SGB IX gezahlt, das sind Menschen, deren Teilhabe am Arbeitsmarkt „aufgrund von Art oder Schwere der Behinderung oder wegen sons­tiger Umstände voraussichtlich trotz Ausschöpfens aller Fördermöglichkeiten und des Einsatzes von Integrationsfachdiensten auf besondere Schwierigkeiten stößt.“ Die antragstellenden Unternehmen müssen einen Eigenanteil von 20 Prozent leisten. Inklusionsbetriebe – das können eigenständige Unternehmen oder Inklusionsabteilungen in regulären Unternehmen sein – beschäftigen zwischen 30 Prozent und in der Regel nicht mehr als 50 Prozent Personen aus dieser Zielgruppe.

Ganz sicher war sich Minister Karl-Josef Laumann vor zehn Jahren nicht, als es um die Einschätzung der zukünftigen Erfolge des von ihm initiierten Landesprogramms „Integration unternehmen!“ ging: „Ich hatte die Sorge“, räumte er am 12. November 2018 in Düsseldorf bei der von der G.I.B. organisierten Jubiläumsveranstaltung „10 Jahre Landesprogramm „Integration unternehmen!“ in Nordrhein-Westfalen – Gemeinsam sind wir stark“ freimütig ein, „dass Inklusionsbetriebe wegen ihres sozialen Engagements für Menschen mit Schwerbehinderung am hart umkämpften Markt ökonomisch scheitern könnten, wenn sie die notwendige Wertschöpfung für die Beschäftigung nicht erzielen würden.“ Dazu ist es nicht gekommen, im Gegenteil: Die Insolvenzquote ist geringer als bei den Unternehmen insgesamt. Der Minister: „Unsere Rechnung ist also aufgegangen. Das Programm beweist: Inklusionsbetriebe sind zur Integration schwerbehinderter Menschen in den Arbeitsmarkt besonders geeignet. Und: Auch inklusive Betriebe können sich am Markt behaupten!“

„Gute Arbeitsplätze im besten Sinne des Wortes“
 

In der Tat – die Zahlen sind beeindruckend: Gab es zum Start des Programms im Jahr 2008 gerade einmal 100 Inklusionsbetriebe, sind es heute 300. Sie stellen in Nordrhein-Westfalen insgesamt rund 4.100 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zur Verfügung. 1.735 dieser Arbeitsplätze wurden aus dem Landesprogramm „Integration unternehmen!“ gefördert. Dafür stehen jährlich 2,5 Millionen Euro aus Landesmitteln zur Verfügung. Damit nimmt Nordrhein-Westfalen heute bundesweit einen Spitzenplatz ein.

Zurückzuführen sind die Erfolge nach Ansicht von Karl-Josef Laumann nicht zuletzt auf die gute Zusammenarbeit mit den beiden Landschaftsverbänden, ihren Integrationsfachdiensten und mit der Handwerkskammer Münster und der Fachberatung für Arbeits- und Firmenprojekte (FAF gGmbH) als betriebswirtschaftliche Beratungsstellen sowie mit der G.I.B. und weiteren Partnern.

Im Rahmen der fachlichen Begleitung, ermöglicht mit finanzieller Unterstützung durch das Land Nordrhein-Westfalen und den Europäischen Sozialfonds, unterstützt die G.I.B. die Umsetzung des Landesprogramms und informiert und berät potenziell gründungswillige Organisationen und Unternehmen. Die Inklusionsämter der Landschaftsverbände fungieren als Bewilligungsbehörde für das Landesprogramm und begleiten mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mit ihren betriebswirtschaftlichen Beratungsstellen die Inklusionsbetriebe während und nach der Gründung. Zudem können die Landschaftsverbände aus der Ausgleichsabgabe Zuschüsse zu den Personalkosten gewähren, während die örtlichen Integrationsfachdienste die Inklusionsunternehmen bei der Einstellung geeigneter Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Behinderungen sowie bei deren Anleitung und Betreuung und weiteren Personalfragen im Betriebsalltag unterstützen. Ihnen galt der Dank des Ministers genauso wie jenen, „die mit Enthusiasmus Inklusionsbetriebe gegründet haben.“

Dass auch in Inklusionsbetrieben „eine reguläre, branchenübliche Entlohnung erfolgt und Tarife eingehalten werden“, so Karl-Josef Laumann, „war mir von Anfang an wichtig, denn auch schwerbehinderte Menschen müssen von ihrem Lohn aus der Wertschöpfung leben können. Nur so ist es ein guter Arbeitsplatz im besten Sinne des Wortes.“ Inklusionsbetriebe, so der Minis­ter weiter, „bieten einen Arbeitsplatz mitten im Leben, sie zahlen einen marktüblichen Lohn und sie gewährleisten allen Beschäftigten – ob mit oder ohne Behinderung – die gleichen Rechte. Und was ich besonders hervorheben möchte: Sie zeigen, dass sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Menschen mit Behinderung und wirtschaftlicher Erfolg zusammenpassen, ihre Insolvenzquote ist geringer als bei den Unternehmen insgesamt.“

Vielfalt der Branchen und Tätigkeitsfelder
 

Beeindruckend die Vielfalt der Branchen und Tätigkeitsfelder, in denen Inklusionsbetriebe erfolgreich agieren. Da ist zum Beispiel die JOSEFS-Brauerei (heute: duplio gGmbH) im sauerländischen Olsberg. Hier gründete der Priester Heinrich Sommer 1904 die Josefs-Gesellschaft. Sie wollte die Lebensbedingungen junger Menschen mit Körperbehinderungen vor allem durch Berufsausbildung verbessern. Dieser Gründungsgedanke prägt bis heute das unternehmerische Handeln. Unter dem Dach der Josefs-Gesellschaft wurde im Jahr 2000 die JOSEFS-Brauerei eröffnet. Sie bietet sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für acht Menschen mit Behinderung, die nach einer Qualifizierungsphase unter realen Marktbedingungen anspruchsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeiten verrichten, sei es am Biersieder, im Gär- und Lagerkeller oder in der Fass-Füllerei.

Die Klaus Fischer Dreh-und Presstechnik GmbH wiederum produziert innerhalb einer Inklusionsabteilung spezielle, offene Fahrradschläuche mit zwei Enden. Das macht nach Angaben der Firma den Schlauchwechsel „kinderleicht“. „Auf unsere schwerbehinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Entlohnung branchenüblich deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn erfolgt, können wir uns jederzeit verlassen“, sagt die Firmenleitung, „sie haben übrigens die geringsten Fehlzeiten im Vergleich mit allen Beschäftigten in unserem Unternehmen.“

Dass ein vermeintliches Handicap zum Vorteil für viele führen kann, davon zeugt die discovering hands Service GmbH, ein Inklusionsbetrieb aus Mülheim. „discovering hands“ nutzt den überlegenen Tastsinn blinder oder sehbehinderter Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung und bietet ihnen die Chance, sich zu „Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen“ ausbilden zu lassen – ein Betätigungsfeld nicht trotz ihrer Behinderung, sondern wegen ihrer Begabung. Bei ihrem späteren Einsatz in gynäkologischen Praxen und Kliniken entdecken sie bei Tastuntersuchungen der Brust deutlich mehr kleinere Gewebeveränderungen als Ärztinnen und Ärzte ohne Sehbehinderung und helfen so, Leben zu retten.

In Waltrop, ein weiteres Beispiel, bietet das Inklusionsunternehmen Moderne Floristik Steinbrecher 26 Beschäftigten, darunter sechs aus der Zielgruppe des § 215 SGB IX, dauerhaft sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. 2016 erreichte der Betrieb den 2. Platz beim Gründerpreis NRW, verliehen von Wirtschaftsministerium und NRW Bank. Nur zwei Jahre später wurde die Inhaberin Birgit Hohnvehlmann vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Rahmen der Initiative „FRAUEN unternehmen“ als „Vorbildunternehmerin“ ausgezeichnet.

Nicht minder vorbildlich ist die EIS LOUNGE in Maria Veen, deren handwerklich selbst produziertes Eis aus natürlichen und regionalen Zutaten besteht. Als Inklusionsfirma setzt der Betrieb auf inklusive Arbeit, das heißt: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten zusammen – jede und jeder nach ihren oder seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Mit ihrer mobilen Eis-Theke ist der Betrieb auch bei überregionalen Großveranstaltungen präsent und das hauseigene Café ist selbstverständlich barrierefrei.

Mit mittlerweile sogar 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Behinderungen in den Bereichen Garten- und Landschaftsbau, Verpackung, Hausmeister-Service und Transport sowie Logistik ist die Kiebitzhof GmbH in Gütersloh, ein Inklusionsunternehmen, für deren Geschäftsführung Inklusion „strategischer Erfolgsfaktor“ und für deren Mitarbeitenden Inklusion „selbstverständlicher Teil des Alltags“ ist.

Auch die hauswirtschaftlichen Bereiche des privatwirtschaftlichen Pflegeunternehmens Carpe Diem mit Sitz in Wermelskirchen bieten im Rahmen des Landesprogramms „Integration unternehmen!“ an fünf Standorten über 30 dauerhafte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Sofern es sich um Förderschüler handelt, absolvieren sie vorab in Kooperation mit der IN VIA Köln e. V. eine Ausbildung zur Fachpraktikerin bzw. Fachpraktiker in sozialen Einrichtungen.

Bei der VIA Integration gGmbH, einem weiteren Inklusionsbetrieb, arbeiten über 70 Menschen mit und ohne Handicap zusammen in den vier Abteilungen „Bio-Gärtnerei“, „Veranstaltungsgastronomie“, „Bio-Verkauf“ und „Fan Shops der Alemannia Aachen“. Bemerkenswert hier ist nicht zuletzt die Tatsache, dass der Betrieb zwölf jungen Menschen einen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellt.

Kultur des Miteinanders
 

Dass in Inklusionsbetrieben Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten, ist für Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung sowie für Patientinnen und Patienten, besonders wichtig: „Hier wird eine Kultur des Miteinanders, der gegenseitigen Wertschätzung gelebt, hier gilt das Motto: Gemeinsam sind wir stark!“ Inklusionsbetriebe tragen nach ihrer Überzeugung dazu bei, die von der UN-Behindertenrechtskonvention benannten Ziele zu erreichen: eine unabhängige Lebensführung, die volle Teilnahme an allen Aspekten des Lebens und den gleichberechtigten Zugang zu allen Lebensbereichen. „Ich möchte“, versichert die Landesbeauftragte, „mit meiner beruflichen und ehrenamtlichen Erfahrung für die Menschen mit Behinderung als Partnerin in der Durchsetzung ihrer politischen Rechte‎in Bezug auf ein selbstbestimmtes Leben handeln.“

Die Zahl schwerbehinderter Menschen im erwerbsfähigen Alter wird auch in den nächsten Jahren weiter steigen, sagt Prof. Dr. Angela Faber, Dezernentin für Schulen und Integration beim Landschaftsverband Rheinland. Für sie müsse ein passgenaues Angebot der Beschäftigungssicherung vorgehalten werden, wozu sie vor allem die Inklusionsbetriebe zählt: „Wir müssen als Gesellschaft die Fähigkeiten, die Stärken, die Expertise nutzen, über die viele schwerbehinderte Menschen zweifellos verfügen. Das Beispiel von „discovering hands“ ist nur eins von vielen.“ Für die Dezernentin ist klar: „Inklusion ist eine Generationenaufgabe“, und sie verspricht: „Wir sind für schwerbehinderte Menschen und deren Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber ein verlässlicher Partner – dies bleibt unser Anspruch!“

Ganz ähnlich äußert sich Matthias Münning, Sozialdezernent beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe: „Unser Anspruch ist hoch, die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention zu erfüllen. Je mehr Menschen mit Behinderung es gibt, die erfolgreich auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten, desto mehr Nachahmer wird es geben.“ Ziel müsse sein, „sichere und dauer­hafte Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen“ zu schaffen, deren Finanzierung langfristig abzusichern ist.

Darin stimmt er mit Regina Schafmeister, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Inklusionsfirmen Nordrhein-Westfalen, überein. Sie sieht die Inklusionsbetriebe insgesamt auf einem guten Weg: „Sie haben gesellschaftlich, aber auch volkswirtschaftlich mittlerweile eine enorme Bedeutung erlangt.“ Nach ihrer Auffassung besteht „die Kunst darin, Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung miteinander zu vereinen. Das geht nur, wenn alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens hinter der inklusiven Idee stehen und sich gegenseitig unterstützen.“ Das ist genauso unverzichtbar wie die bewährte Zusammenarbeit zwischen dem MAGS, den Landschaftsverbänden, den Beratungsstellen und der G.I.B.

So soll es auch in Zukunft sein: Das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ besteht fort. Aus guten Gründen, denn Inklusionsbetriebe, so Minister Laumann, „sind Vorbilder im Umgang mit schwerbehinderten Menschen.“

Ansprechpersonen in der G.I.B.

Ulla Böcker
Tel.: 02041 767203
u.boecker@gib.nrw.de

Gustav Bölk
Tel.: 02041 767212
g.boelke@gib.nrw.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@vodafonemail.de

 

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