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(Heft 4/2018)
Perspektive Handwerk

Vom Studienaussteiger zum Meisterschüler

„Was mache ich hier eigentlich?“ Über diese Frage sinnierten schon viele Studierende, die Nächte mit ihrer Hausarbeit oder in der Klausurphase den Sommer in der Uni-Bibliothek verbrachten. Die Quote der Studierenden, die vorzeitig ihr Studium abbrechen, liegt bei rund 30 Prozent. Doch was passiert, wenn man sich falsch fühlt im Studiengang? Welche beruflichen Alternativen und Perspektiven gibt es?

Gerade im Zeitalter des demografischen Wandels bieten sich auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Auch das Handwerk hat sich positioniert, um Studienabbrecherinnen und -abbrecher davon zu überzeugen, dass ohne akademischen Abschluss eine erfolgreiche berufliche Karriere möglich ist. Unter dem Motto „Vom Studienaussteiger zum Meisterschüler“ haben die Handwerkskammern in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit dem Westdeutschen Handwerkskammertag eine Fachstelle für Studienaussteiger (http://www.studienaussteiger-nrw.de) gegründet, um deren Weg vom Hörsaal in den Beruf zu begleiten.

Schließlich hat das Handwerk einen hohen Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften und bietet mit mehr als 100 Berufen und einer Vielzahl von Weiterbildungsmöglichkeiten hervorragende Perspektiven. „Unser Ziel ist es, Studienaussteigern den direkten beruflichen Anschluss zu ermöglichen, ihnen Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk zu zeigen und sie zu guten Fach- und Führungskräften auszubilden“, sagt Andreas Oehme, Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertags (WHKT) in Düsseldorf. In diesem Zusammenhang weist Oehme darauf hin, dass der Meisterabschluss mit Stufe 6 des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens exakt dem Qualifikationsniveau des Bachelors entspricht.

Vielfältige Gründe für den Studienabbruch
 

Die Gründe für einen Studienabbruch sind vielfältig: zu großer Leistungsdruck, schlechte Noten, finanzielle Probleme. Vielen ist das Thema zu trocken, das Studium zu theoretisch, und sie vermissen den Bezug zur Realität. „Etliche junge Leute haben eine falsche Vorstellung vom Studium“, ergänzt Oehme, „andere sind klassisch überfordert, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern, in denen fast jeder Zweite das Studium nicht zu Ende führt.“

Auch der Zeitpunkt des Ausstiegs ist ganz unterschiedlich. Manch einer entscheidet sich schon nach ein bis zwei Semestern für einen neuen Weg, andere erkennen erst später im Studium, dass sie den Abschluss nicht schaffen werden. „Es gibt sogar Studierende, die kurz vor Studienende ihr Studium aufgeben, weil sie sich erst jetzt intensiv darüber informiert haben, welche Jobs für sie mit dem Abschluss überhaupt infrage kommen“, kritisiert Oehme.

Unterstützung benötigen vor allem Aussteiger, die längere Zeit studiert und ihre Entscheidung verschleppt haben. „Ein spätes Selbsteingeständnis bringt meis­tens mit sich, dass es schwierig ist, Verständnis bei den Eltern und im privaten Umfeld zu gewinnen. Das ist ein langwieriger Prozess, der mit Enttäuschung und dem Gefühl des Scheiterns verbunden ist“, weiß Oehme zu berichten.

Optimierung der Berufsorientierung
 

Studieren heute zu viele junge Menschen? Besonders wichtig für eine erfolgreiche Berufswahl ist eine frühzeitige und gute Berufsorientierung, dazu gehört auch ein langfristig-perspektivischer Blick. Viele Jugendliche überlegen, welchen Schritt sie nach der Schule als nächstes gehen. Das ist jedoch zu kurz gedacht. „Die Schülerinnen und Schüler sollten sich vor allem darüber bewusst werden, wie und was sie später einmal arbeiten möchten“, sagt Oehme und ergänzt: „Erst wenn dieses Ziel feststeht, sollten sie sich ihm mit der Vorfrage annähern, wie der Berufswunsch zu realisieren ist.“ Dabei sei dann zu entscheiden, ob ein Studium oder eine duale Ausbildung in Kombination mit der höheren Berufsbildung (Aufstiegsfortbildung) sinnvoll ist, um das Berufsziel zu verwirklichen.

Oehme empfiehlt den Jugendlichen, sich nicht an Trends zu orientieren und nicht nur deshalb zu studieren, weil die Freunde das auch so machen. Sonst entsteht die Gefahr, von einem Studienfach zum nächsten und von einer Hochschule zur anderen zu wechseln, bis nach einigen Jahren die Erkenntnis wächst: „Studieren wollte ich eigentlich nie.“

Drang zum Studium als gesellschaftliches Problem?
 

Seit Jahrzehnten werden die Vorzüge eines Studiums kommuniziert. Viele Eltern erwarten von ihren Kindern die Aufnahme eines Studiums, ohne dass sie sich gemeinsam ausreichend informieren und orientieren.
Diese verfestigte Tendenz hat einen einfachen Hintergrund: „Eltern möchten ihren Kindern oft eine Ausbildung ermöglichen, die ihnen selbst verwehrt blieb“, erklärt Andreas Oehme, „viele Erwachsene sind zudem der Meinung, dass ihr Nachwuchs einen besseren Abschluss benötigt, um das Gleiche zu erreichen wie sie selbst.“

Die Aufnahme eines Studiums wird den Jugendlichen auch organisatorisch leicht gemacht. Durch die deutlich gestiegene Nachfrage hat sich die Zahl der Hochschulen und Hochschulstandorte in Nord­rhein-Westfalen in den letzten Jahrzehnten vervielfacht, sodass heute viele junge Leute die Möglichkeit haben, in kurzer Distanz zu ihrem Wohnort zu studieren. „Vor allem bei den Fachhochschulen gibt es einen deutlichen Zuwachs“, sagt Oehme und ergänzt: „Studierende bevorzugen laut Untersuchungen zur Mobilität überwiegend Heimatnähe.“

Diese Feststellung wird durch die statistischen Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz zur Mobilität der Studienanfängerinnen und -anfänger und Studierenden in Deutschland von 1992 bis 2012 belegt. Fast zwei Drittel der Studierenden sind demnach im Bundesschnitt „territorial sesshaft“, d. h., sie studieren im Land des Erwerbs ihrer Hochschulzugangsberechtigung. Nach Untersuchungen der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) zu den Studienanfängern im Wintersemes­ter 2011/2012 war die Nähe der Hochschule zum Heimatort für 64 Prozent der Befragten nach dem Studienangebot (88 Prozent) und dem guten Ruf der Uni (65 Prozent) das wichtigste Kriterium für die Wahl der Hochschule. In Nordrhein-Westfalen ist die Tendenz zur Heimatnähe nach der Studie besonders stark ausgeprägt. Mit einer Sesshaftigkeitsquote von 80,1 Prozent belegt NRW in Deutschland den Spitzenplatz vor Bay­ern (74,8 Prozent) und Baden-Württemberg (68,2 Prozent).

Niedrige Arbeitslosenquote bei höherer Berufsbildung
 

Eine positive Haltung zum Studium hält Oehme vom Grundsatz her nicht für verwerflich. Der oft genannte Hinweis, dass die Arbeitslosenquote unter Akademikern besonders gering ist, sei jedoch zu pauschal. Nach Auswertungen durch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sei das durchschnittliche Risiko der Arbeitslosigkeit in der höheren Berufsbildung (Meister, Techniker, Fachwirte) sogar niedriger als bei Akademikern. In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass nicht alle Hochschulabsolventinnen und -absolventen in einem Beruf arbeiten, der ihrem Studienabschluss entspricht. „Die Bundesregierung hat vor einiger Zeit festgestellt, dass Akademiker zu 63 Prozent qualifikationsadäquat beschäftigt werden und diesen Wert gelobt“, sagt Oehme, um anzumerken: „Ist dieser Wert wirklich gut? In der beruflichen Bildung wäre er schlecht.“

Hohes Lebenseinkommen für qualifizierte Handwerker
 

Auch die Behauptung, dass Akademiker ein größeres Einkommen erzielen, hält Oehme für zu allgemein. Einige verdienen weniger als Facharbeiter, andere mehr. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt auch für die Bezahlung: „Es gab Zeiten, in denen selbst Ingenieure sehr niedrige Berufseinstiegsgehälter hatten“, sagt Oehme.

Untersuchungen über die Höhe des Lebenseinkommens haben ergeben, dass ein qualifizierter Handwerker über die berufliche Bildung oft mehr Gehalt generiert als ein Akademiker, der erst spät in den Beruf einsteigt. „Wer sich nach seiner Erstausbildung weiter qualifiziert, kann mit einem hohen Einkommen rechnen, gerade als Meister, Techniker oder Fachwirt“, sagt Oehme. Das Einkommen dieses Personenkreises könne sich oft mit dem Gehalt von Akademikern messen. Eine Begründung dafür liefert laut Oehme eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Dabei haben Wissenschaftler ermittelt, dass Teilnehmende von Fortbildungen häufig als direkte Vorgesetzte und auf gehobenen Positionen arbeiten, so Oehme.

Auszubildender wird vom ersten Tag an gebraucht
 

Was macht die duale Berufsausbildung für junge Menschen attraktiv? „Es ist wichtig, den gesamten Weg der beruflichen Bildung mit der Ausbildung und höheren Berufsbildung zu betrachten“, sagt Oehme. Ein großer Pluspunkt ist der konkrete praktische Nutzen. Fast alle Auszubildenden haben das Gefühl: „Wir werden vom ers­ten Tag an gebraucht.“ Sie stecken von Beginn an im betrieblichen Alltag, haben Kundenkontakte und agieren als Dienstleister. „Das Handwerk bietet im Gegensatz zur Universität keine Arbeit, bei der man nur für sich lernt und im Zweifel gar nicht weiß, wofür. Der Verdienst durch die Ausbildungsvergütung ist nach unserer Einschätzung für die Wahl des einzelnen Ausbildungsberufs nicht entscheidend“, sagt Oehme.

Junge Menschen für duale Ausbildung begeistern
 

Dennoch ist es nicht einfach, junge Menschen für eine duale Ausbildung zu gewinnen. Ein wichtiges Thema ist für das Handwerk die Frage: „Wie stellen wir die Berufsbildung dar?“ In den letzten Jahrzehnten wurden Berufe immer wieder mit dem Inhalt ihrer Erstausbildung beworben. „Das ist meines Erachtens der falsche Weg. Für junge Leute sind die mittel- bis langfristige Aussicht auf eine gute Karriere sowie herausfordernde und abwechslungsreiche Tätigkeiten die wichtigsten Kriterien für die Wahl eines Ausbildungsberufs oder einer Studienrichtung“, sagt Oehme.

Perspektiven wie die Qualifikation zum Meister und zum Fachwirt oder Spezialisierungen wie Restaurator, Energieberater und Sachverständiger machen einen Beruf laut Oehme attraktiv und nicht die Darstellung, was in den Ausbildungsjahren im Betrieb und in der Berufsschule gelehrt und unterrichtet wird. „Hier müssen das Handwerk und seine Verbände umsteuern“, fordert Oehme. Wichtige Schritte auf diesem Weg sind die Entwicklung von Berufswegeplanungen und Laufbahnkonzepten, die es für einzelne Berufsbilder inzwischen gibt.

Verstärkter Fokus auf Abiturientinnen und Abiturienten
 

Abiturientinnen und Abiturienten nehmen inzwischen deutlich häufiger als früher eine duale Ausbildung auf. Fast jeder zweite Azubi in Industrie und Handel besaß im vergangenen Jahr die Hochschul- oder Fachhochschulreife, im Handwerk lag die Quote bei rund 20 Prozent und hat sich damit in den letzten 20 Jahren fast verfünffacht. „Die meisten Schülerinnen und Schüler besuchen heute ein Gymnasium“, sagt Oehme, Tendenz weiter steigend. Das Gymnasium wird voraussichtlich bald mehr Schülerinnen und Schüler haben als alle anderen allgemeinbildenden Schulformen zusammen. „Nach einer Prognose des Schulministeriums werden in zehn Jahren 83,2 Prozent aller 17- bis 19-Jährigen Abitur oder Fachabitur haben. Deshalb müssen wir die Jugendlichen dieser Schulformen in Zukunft viel stärker erreichen“, so Oehme. Der Bildungsexperte weist darauf hin, dass an Gymnasien auf Berufsorientierung und Bewerbungstraining derzeit noch nicht so viel Wert gelegt wird wie an Haupt- oder Realschulen.

Viele Abiturientinnen und Abiturienten nicht mehr studierfähig
 

Die Denkweise, dass Gymnasiasten in erster Linie ein Studium anstreben, wird sich abschwächen. „Wir bekommen immer mehr Rückmeldungen von Hochschulen, dass viele Abiturientinnen und Abiturienten nicht studierfähig sind“, sagt Oehme. Eine Tendenz, die den Wert und die Aussagekraft des Abiturs infrage stelle. „Ein Schulabschluss bestätigt heute nur noch, dass ein Schüler in bestimmten Fächern bestimmte Noten erreicht und deshalb an dieser Schule diesen Abschluss geschafft hat. Das erfordert eine grundsätzliche bildungspolitische Diskussion“, so Oehme. Wenn fast alle Schulabgänger denselben Abschluss haben, stellt sich für die Universitäten und Fachhochschulen die Frage: Was ist mit dem Berechtigungssystem? Viele Hochschulen bereiten sich deshalb laut Oehme seit Jahren auf eigene Tests vor, um zu entscheiden, wer bei ihnen studieren darf und wer nicht.

Wertvolle Unterstützung durch Fachstelle für Studienaussteiger
 

Die mangelnde Studierfähigkeit ist einer der Gründe für die hohe Abbruchquote unter den Studentinnen und Studenten. An dieser Stelle leistet die Fachstelle für Studienaussteiger wertvolle Hilfe. Mit ihrem landesweiten Netzwerk an Ausbildungsberatern und Ansprechpartnern unterstützt sie Studienabbrecherinnen und -abbrecher bei der Neuorientierung, um sie in eine geeignete Ausbildung zu vermitteln. In sieben Handwerkskammern gibt es jeweils einen Mitarbeiter, der Studienzweifler berät.

In einem telefonischen Erstgespräch werden die Interessenten zu ihrem Profil, ihren Beweggründen, ihren Vorstellungen und ihren Stärken in Bezug auf eine Ausbildung im Handwerk befragt. Zum weiteren Portfolio der Fachstelle zählen Informationen über Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten während der Aus- und Weiterbildung (Berufsausbildungsbeihilfe, Meister-BAföG, Begabtenförderung) und die Prüfung, ob fachbezogene Leistungen aus dem Studium angerechnet werden können. Ziel ist es, die Bewerber passgenau in eine Ausbildungsstelle zu vermitteln und mit ihnen eine Karriere im Handwerk zu planen. Ein erster Schritt ist immer mindestens ein mehrtägiges oder mehrwöchiges Praktikum.

Wie nähern sich die Studentinnen und Studenten einer dualen Ausbildung an? „Viele, die sich bei uns melden, sind so auf ihr Studium fokussiert, dass sie gar keine Alternativvorstellungen haben“, sagt Oehme. Eine Einschätzung, die Carsten Haack, Abteilungsleiter Bildung und Recht der Handwerkskammer Müns­ter, bestätigt: „Wir beraten und vermitteln seit fünf Jahren in Kooperation mit der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster und der IHK Nord Westfalen Studienabbrecher im Großraum Münster und mittlerweile im gesamten Regierungsbezirk.“ Die parallelen Beratungsangebote der Agentur für Arbeit und der IHK helfen den Studienabbrechern dabei, eine fundierte Entscheidung zu treffen. „Viele Studierende, die eine Ausbildung anstreben, haben eine höhere Neigung zu einem kaufmännischen Beruf. Wenn sich abzeichnet, dass sie einen Handwerksberuf in Erwägung ziehen, schauen wir uns die Bewerbungsunterlagen an und stellen den Kontakt zu infrage kommenden Ausbildungsbetrieben her“, erklärt Haack das Verfahren.

Die Handwerkskammer Münster hat in den letzten Jahren mit ihren Partnern rund 800 Studienaussteigende beraten. Etwa 100 von ihnen haben eine Ausbildung im Handwerk begonnen. Die Fachhochschule Münster und die Westfälische Hochschule mit Standorten in Gelsenkirchen, Recklinghausen, Bocholt und Ahaus beteiligen sich mittlerweile an landesweiten Modellprogrammen. „Mit den Hochschulen arbeiten wir eng zusammen“, sagt Haack, der ein großes Problem darin sieht, die Zielgruppe zu erreichen. Viele Studierende sind schon längere Zeit vor ihrem Abbruch selten oder gar nicht mehr an ihrer Hochschule präsent. „Deshalb bewerben wir unsere Beratungsangebote über Printmedien, eine Homepage (www.und-morgen-meister.de) und Anzeigen in regionalen Printmedien. Interessant ist, dass sich oft zunächst Angehörige oder Freunde melden, die dann den Kontakt herstellen“, sagt Haack.

Hochschulen und Handwerk als Konkurrenten?
 

Die Hochschulen haben sich lange Zeit nicht mit Studienabbrechern auseinandergesetzt und sie nicht dabei unterstützt, den alternativen Weg der beruflichen Bildung einzuschlagen. Beratungsangebote zu Ausbildungsmöglichkeiten an den Universitäten wurden häufig als Konkurrenz wahrgenommen. „Diese Tendenz ist aber rückläufig“, sagt Andreas Oehme. Ein Grund dafür sei der 15-Punkte-Plan „Erfolgreich studieren“ des Wissenschaftsministeriums, der die Hochschulen unter anderem in die Pflicht nimmt und Anreize schafft, sich auch um die Studierenden zu kümmern, die ihr Studium nicht weiterführen möchten oder können. „Damit trägt man der Erkenntnis Rechnung, dass immer mehr junge Leute Abitur machen, zur Universität gehen, das Studium aber nicht zu Ende bringen“, ergänzt Oehme.

Neben einer effektiven Studierendenberatung kann der Aufbau eines Frühwarnsystems nützlich sein, das an einigen Hochschulen schon installiert wurde. Mit einer umfassenden Datensammlung in einem Datawarehouse werden personenbezogene Informationen über die Entwicklung abbruchrelevanter Indikatoren gesammelt und analysiert.
„Vor allem für Hochschulen mit gro­ßen Studierendenzahlen sind hochschulweite, datenbasierte Zugänge geeignet, da sie besonders objektiv und effizient gestaltbar sind“, sagt Oehme.

Ein Frühwarnsystem stellt anhand bestimmter Kriterien fest, wenn der Studienverlauf einer Person erfolgsgefährdet ist. „Wenn jemand zum Beispiel schon lange studiert und in dieser Zeit keine oder nur wenige Prüfungen abgelegt oder viele Fehlversuche in Klausuren hat, werden die Studierenden auf freiwilliger Basis zu einem Beratungsgespräch eingeladen“, erklärt Oehme das System.

Frühwarnsysteme sind laut Oehme deshalb besonders sinnvoll, da die gefährdeten Studierenden im Alltag großer Hochschulen kaum zu erkennen sind und aus Gründen wie Verdrängung, Resignation, Scham, fehlendem Problembewusstsein, aber auch wegen intransparenter Beratungsstrukturen und mangelnden Vertrauens in die Studien-Beratungsstellen aus eigenem Antrieb nur selten Beratungsangebote aufsuchen.

Eine wichtige Hürde, die ein Frühwarnsystem zu überwinden hat, ist der Datenschutz. „Hier müssen die Hochschulen Lösungen finden, um den Anforderungen gerecht zu werden“, sagt Oehme. Als erfolgreiche Beispiele für eingeführte Frühwarnsysteme nennt er die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen sowie die Hochschulen Bochum und Niederrhein. An einer kleineren Hochschule mit engem Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden sei dagegen unter Umständen die persönliche Identifizierung von Studierenden mit Schwierigkeiten, verbunden mit einer anschließenden persönlichen Beratungseinladung, möglich.

Studienabbrecherinnen und -abbrecher im Handwerk willkommen
 

Im Handwerk sind Studienabbrecherinnen und -abbrecher willkommen. Branchen wie das Elektro- und SHK-Handwerk würden händeringend technik­affine Studienabbrecherinnen und -abbrecher mit entsprechender Vorbildung einstellen. „Auffällig ist aber, dass Studienaussteiger oft einen kompletten Wechsel in eine Branche anstreben, die nichts mit ihrer Ausbildung an der Universität zu tun hat“, sagen Andreas Oehme und Carsten Haack übereinstimmend.

„Die Betriebe stehen diesem Personenkreis sehr offen gegenüber und sehen einen Studienabbruch nur selten als Makel“, bemerkt Carsten Haack. „Bei unserer Vermittlung stellen wir fest, dass in den Bewerbungsgesprächen der Studienabbruch nur kurz thematisiert wird“, sagt Haack und ergänzt: „Die Unternehmer interessieren sich viel mehr dafür, weshalb ein Bewerber oder eine Bewerberin einen bestimmten Beruf ergreifen möchte.“

Positives Beispiel: Alois Berger
 

Auch Michael Grabacz, geschäftsführender Gesellschafter der Grabacz GmbH & Co. KG, hatte keine Bedenken, mit Alois Berger einem 30 Jahre alten Studienabbrecher eine Chance zu geben. „Unsere Erfahrungen mit ihm sind sehr positiv“, sagt Grabacz, der das in Greven ansässige, sieben Mitarbeiter zählende Lohnzerspanungsunternehmen gemeinsam mit seinem Vater leitet. An Alois Berger schätzt Grabacz besonders dessen Lebenserfahrung, Engagement und strukturiertes Arbeiten.

Der ehemalige Maschinenbaustudent, der eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker (Fachrichtung Zerspanungstechnik) absolviert, hat sich vor dem Abbruch seines Studiums zunächst im Service Office der Fachhochschule Müns­ter beraten lassen. „Danach habe ich mehrere Anlaufstellen kontaktiert, unter anderem die Handwerkskammer in Müns­ter, die IHK und die Arbeitsagentur“, sagt Berger. Das  Beratungsgespräch in der Handwerkskammer Münster hat Berger in bester Erinnerung. „Dort habe ich verschiedene Unterlagen und Empfehlungen für eine Ausbildung erhalten. Nach gründlicher Überlegung ist meine Wahl auf den Beruf des Feinwerkmechanikers gefallen. Dann habe ich Bewerbungen verschickt. Die Mitarbeiter der Handwerkskammer haben mich weiterhin unterstützt“, sagt Berger.

Es dauerte nicht lange, bis er eine Einladung zum Vorstellungsgespräch in der Firma Grabacz erhielt. „Ich war sehr beeindruckt, wie man sich dort um mich bemüht hat. Besonders imponieren mir die präzise Arbeit mit den Werkstoffen und die Qualität der Produkte“, sagt Berger, „ich habe mich von Anfang an sehr wohl im Unternehmen gefühlt, die Zusage gern angenommen und meine Entscheidung bis heute nicht bereut.“

Die praxisbezogene Ausbildung ist für Alois Berger der größte Vorzug der dualen Ausbildung gegenüber dem Studium: „Die Praxis und die Theorie in den technischen Schulen in Steinfurt verlaufen parallel und ergänzen sich. Was ich in der Schule lerne, setze ich in der Firma um und umgekehrt, das finde ich sehr gut.“ Die Ausbildung, die in der Regel 3,5 Jahre dauert, wird Berger um ein halbes Jahr verkürzen. Entsprechend einer Richtlinie der Kammern kann die Ausbildungszeit für einen mindestens 21 Jahre alten Azubi um bis zu einem Jahr verkürzt werden, wenn der Betrieb zustimmt. Ein Antrag auf Verkürzung kann auch noch gestellt werden, wenn die Ausbildung schon läuft.

Michael Grabacz, der zugleich Vorsitzender der Junioren des Handwerks im Kammerbezirk Münster ist, kann seinen Kollegen die Einstellung von Studienabbrechern empfehlen. Fraglich ist für ihn nur, ob ein kleiner Familienbetrieb wie die Grabacz GmbH & Co. KG einen ambitionierten Mitarbeiter langfristig halten kann. „Bei uns gibt es nach der Ausbildung noch die Aufstiegsmöglichkeit zum Meister“, sagt Grabacz.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Dr. Friedhelm Keuken
Tel.: 02041 767272
f.keuken@gib.nrw.de

Kontakte

Westdeutscher Handwerkskammertag
Andreas Oehme, Geschäftsführer
Volmerswerther Straße 79
40221 Düsseldorf
Tel.: 0211 3007-735
andreas.oehme@whkt.de

Handwerkskammer Münster
Carsten Haack, Abteilungsleiter Bildung und Recht
Echelmeyerstr. 1 – 2
48163 Münster
Tel.: 0251 705-1754
carsten.haack@hwk-muenster.de

Grabacz GmbH & Co. KG
Michael Grabacz, Kaufmännischer Geschäftsführer
Mergenthalerstr. 61
48268 Greven
Tel.: 02571 879952-8
michael@grabacz.de

Autor

Andreas Düppe
Tel.: 0171 8309531
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