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(Heft 4/2018)
Interview mit Dr. Joachim Gerd Ulrich und Dr. Mona Granato (BIBB)

Passungsprobleme als aktuelle Herausforderung auf dem Ausbildungsmarkt

Das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) hat die Passungsprobleme auf dem nord­rhein-westfälischen Ausbildungsmarkt analysiert. Wir sprachen mit Dr. Mona Granato, Sprecherin des BIBB-Forschungsprojektes „Bildungsorientierungen“, und Dr. Joachim Gerd Ulrich, Wissenschaftlicher Direktor im BIBB, über die zentralen Ergebnisse und Handlungsempfehlungen der Studie. Das FGW wurde mit Unterstützung des für Wissenschaft zuständigen Ministeriums des Landes Nord­rhein-Westfalen im September 2014 als eigenständiger, gemeinnütziger Verein gegründet. Aufgabe und Ziel des Instituts ist es, in Zeiten unübersichtlicher sozialer und ökonomischer Veränderungen neue Impulse zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu geben und politische Gestaltungsoptionen zu entwickeln.

G.I.B.: Der Arbeitsmarkt und der Ausbildungsmarkt in Deutschland entwickeln sich auseinander: Obwohl die Zahl der Beschäftigten steigt, sinkt die Zahl der Auszubildenden. Interessieren sich Jugendliche nicht mehr für eine Ausbildung?

Joachim-Gerd-Ulrich.jpgDr. Joachim Gerd Ulrich: Es war damit zu rechnen, dass die Zahl der Jugendlichen auf Ausbildungsplatzsuche in der letzten Dekade sank. Die zentrale Ursache ist die demografische Entwicklung. Ungeachtet der leichten Steigerung in den letzten Jahren ist die Geburtenzahl in Deutschland seit Jahrzehnten sehr niedrig. Entsprechend verlassen heute deutlich weniger Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen als noch vor 15 Jahren. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen kann davon nicht unbeeinflusst bleiben. Hinzu kommt, dass sich die Schulabschlüsse der Jugendlichen stark nach oben verschoben haben. Viel mehr Jugendliche als noch vor wenigen Jahren machen das Abitur. Dagegen gibt es einen drastischen Einbruch bei den Abgängern mit Hauptschulabschluss. Und von den Absolventen mit mittleren Schulabschlüssen streben viele über den Weg der beruflichen Schulen noch die Fachhochschulreife an.

G.I.B.: Der Trend geht also hin zu einer höheren schulischen Qualifikation, möglichst dem Abitur. Obwohl Ihre Studie „Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt“ besagt, dass seitens der Betriebe nur für 13 Prozent der ausgeschriebenen Ausbildungsstellen eine Studienberechtigung Voraussetzung ist. Wie ist das zu bewerten?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: In Nordrhein-Westfalen ist diese Entwicklung besonders auffällig. Die Nachfrage der Jugendlichen nach Ausbildungsplätzen ist insgesamt gesunken, und gleichzeitig hat sich die Nachfrage in ihrer Merkmalsstruktur stark verändert. Die größte Gruppe, die Ausbildungsplätze nachfragt, sind heutzutage Studienberechtigte. Auf der Angebotsseite haben wir jedoch weiterhin einen starken Überhang an Ausbildungsplätzen, für die aus Sicht der Betriebe ein Hauptschulabschluss reichen würde. Dem gegenüber gibt es eine starke Nachfrage von Jugendlichen mit Studienberechtigung nach solchen Ausbildungsplätzen, für die eine Studienberechtigung oder mindes­tens ein mittlerer Schulabschluss Voraussetzung wäre.

G.I.B.: Woher kommt diese Entwicklung, weg vom Hauptschulabschluss und hin zu Abitur oder Studium?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Nach unseren Untersuchungsergebnissen ist den jungen Menschen und ihren Eltern die Reputation des Studien- oder Berufsabschlusses ganz besonders wichtig. Die Journalistin Barbara Gillmann hat das einmal so ausgedrückt: Im Zweifel lieber arbeitsloser Architekt als gut bezahlter Heizungstechniker. Und offenbar herrscht in unserer Gesellschaft die Überzeugung vor, dass ein Studium deutlich mehr einbringt als eine Berufsausbildung. Konkret ist die allgemeine Vorstellung: Wer eine Hochschule absolviert hat, verdient mehr Geld, ist weniger von Arbeitslosigkeit betroffen und erlangt insgesamt eine höhere Reputation.

G.I.B.: Und stimmt diese Vorstellung?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Ein simpler Vergleich des mittleren Einkommens oder der mittleren Arbeitslosenquote von Studienabsolventen und Absolventen dualer Ausbildung greift zu kurz. Er lässt außer Acht, dass den Hochschulen eben nicht die Aufgabe zukommt, auch jungen Menschen, die in der Schule nicht zu den Leistungsstärkeren zählen, zu einem beruflichen Abschluss und einer beruflichen Perspektive zu verhelfen. Diese Integrationsaufgabe übernimmt die duale Berufsausbildung. Neben Studienberechtigten werden hier auch Jugendliche ausgebildet, die über einen Hauptschulabschluss oder sogar über überhaupt keinen Schulabschluss verfügen.

G.I.B.: Wie sähe dann ein fairer Vergleich von Studium und dualer Ausbildung aus?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Zu vergleichen wären Menschen mit derselben Eintrittsqualifikation, denselben Schulabschlüssen, denselben Noten, vielleicht auch denselben Intelligenzquotienten und auf jeden Fall auch denselben Persönlichkeitsmerkmalen. Denn all dies entscheidet mit über den Karriereerfolg. Und dann müsste auch berücksichtigt werden, dass der berufliche Bildungsweg mit dem Ausbildungsabschluss keineswegs zu Ende ist. Wie der Bachelor eben auch nur eine erste Etappe auf dem Weg zum Masterabschluss ist. Wir müssen also den Blick auf die längerfristigen Berufswege und Erträge richten, d. h., die weiter qualifizierenden beruflichen Bildungsgänge und Fortbildungen im Vergleich zu einem Masterabschluss. Wenn wir die Meister, Techniker oder Fachwirte ins Visier nehmen, fallen die Vorteile von Akademikern viel geringer aus. Zum Teil sind die Verdienstaussichten von Absolventen einer beruflichen Fortbildung sogar deutlich besser als die von Akademikern, etwa von Absolventen geisteswissenschaftlicher Studiengänge. Und die Arbeitslosenquote ist auch niedriger.

G.I.B.: Passungsprobleme sind ein Problem neben der Entwicklung „Immer weniger Lehrlinge, immer mehr Studierende“. Was ist darunter zu verstehen?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Der Begriff „Passungsproblem“ beschreibt das Phänomen, dass die Teilnehmer auf beiden Seiten des Ausbildungsmarktes, also Betriebe und Jugendliche, nicht genügend zusammenfinden, obwohl beide Seiten ernsthaft an einer Ausbildung interessiert sind. Dies ist mit einem Markt vergleichbar, auf dem Frauen und Männer nach einem Partner suchen. Es gibt zwar auf beiden Seiten genügend beziehungsinteressierte Frauen und Männer. Aber dennoch kann es sein, dass es nicht zur Pärchenbildung kommt: entweder weil die beiden Seiten nicht ausreichend über die Wünsche der jeweils anderen Seite informiert sind oder aber weil ihre Vorstellungen vom idealen Partner nicht mit den realen Gegebenheiten übereinstimmen.

Auf dem Ausbildungsmarkt haben es vor allem typische „Hauptschülerberufe“ schwer. Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass immer mehr ausbildungsinteressierte Schulabgänger über eine Studienberechtigung verfügen und sich nun einen Ausbildungsberuf wünschen, der für ihren Schulabschluss typisch ist. In diesen vermeintlich anspruchsvolleren Berufen ist aber das Angebot an Ausbildungsplätzen viel niedriger und vor allem viel niedriger als die Nachfrage. Somit bleiben studienberechtigte Bewerber bei ihrer Ausbildungsplatzsuche häufiger erfolglos. Da sie nicht bereit sind, auf „Hauptschülerberufe“ zuzugehen, gibt es am Jahresende in jenen Berufen auch eine immer größere Zahl an ungenutzten Ausbildungsplätzen.

G.I.B.: Warum sind sogenannte „Hauptschülerberufe“ für Studienberechtigte denn so wenig attraktiv?

Dr. Mona Granato: Dies hat viel mit den sozialen Identitätsbedürfnissen der Jugendlichen zu tun. Jugendliche möchten mit ihrer Berufswahl ihren Platz in ihrem privaten Umfeld und in der Gesellschaft gestärkt sehen. Mit welchen Berufen ihnen dies gelingen kann, schätzen sie u. a. an den tatsächlichen oder bloß vorgestellten Reaktionen ihres sozialen Umfelds ab, würden sie solche Berufe erlernen. Die Nachteile der sogenannten „Hauptschülerberufe“ sehen Jugendliche vor allem darin, dass sie mit ihnen im eigenen Umfeld gar nicht oder nur selten punkten können. Gleichzeitig ist es so, dass es in einigen dieser Berufe an der Ausbildungsqualität mangelt bzw. die Ausbildungsbedingungen nicht besonders gut ausfallen. Mit anderen Worten: Die Nachteile der Hauptschülerberufe werden, wie wir glauben, zu nicht unwesentlichen Teilen als Berufe mit schlechteren Perspektiven und höheren sozialen Identitätskosten wahrgenommen. Stefan Wellgrafs Buchveröffentlichung „Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung“ deutet ja darauf hin, was es für Jugendliche bedeuten kann, in die Nähe dieser Gruppe gerückt zu werden – sei es allein dadurch, dass man einen typischen „Hauptschülerberuf“ erlernt.

Auch die BIBB-Schülerbefragung 2015 liefert dazu einige interessante Hinweise. Bei Jugendlichen stehen typische Hauptschülerberufe wie Friseur/-in oder Bäcker/-in nicht sehr hoch im Kurs, akademische Berufe wie Lehrer/-in und Arzt/Ärztin oder andere duale Ausbildungsberufe wie z. B. Gestalter/-in für visuelles Marketing dagegen schon. Tatsächlich meinen Jugendliche zum Beispiel, dass die Wahl des Bäckerberufs mit einigen „Identitätszumutungen“, wie Regina Gildemeister das einmal ausgedrückt hat, verbunden ist. Sie glauben, dass der oder diejenige, die Bäcker wird, von den anderen als wenig gebildet und intelligent, als eher einkommensschwach und ohne großen Ehrgeiz wahrgenommen wird. Bei einer Ausbildung zum Gestalter für visuelles Marketing zum Beispiel ist es dagegen ganz anders. Denn dieser Beruf stärkt aus Sicht der Jugendlichen ihren Platz in der Gesellschaft.

G.I.B: Was passiert mit der großen Gruppe Jugendlicher, die über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügt, aber nicht an die gewünschte Ausbildung gelangt?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Zunächst einmal haben Sie Recht, diese Gruppe ist tatsächlich groß; 2018 umfasste sie allein in Nordrhein-Westfalen 8.900 Personen. Die Zahl der erfolglosen Bewerberinnen und Bewerber mit Hauptschulabschuss lag in Nord­rhein-Westfalen dagegen „nur“ bei 4.300. Aber natürlich verfügt die Gruppe der Studienberechtigten über mehr Alternativen als Jugendliche mit Hauptschulabschluss. Die Ironie dabei ist: Bisweilen gehen diese jungen Leute dann doch noch studieren, einfach nur, weil sie keine Lehrstelle gefunden haben. Das lesen wir an unseren regelmäßigen Befragungen von registrierten Ausbildungsstellenbewerbern ab. Zudem haben sie natürlich auch gute Chancen in den sogenannten Schulberufen außerhalb des dualen Berufsbildungssystems. Sie werden dann z. B. Physiotherapeut/-in, Ergotherapeut/-in, Fremdsprachenkorrespondent/-in oder Chemisch-technische/r Assistent/-in.

Vonseiten der dualen Berufsausbildung löst das aber nicht die Frage der wachsenden Zahl von Betrieben mit unbesetzten Ausbildungsplatzangeboten. Natürlich müssen wir uns Gedanken machen, wie wir dies auch in jenen Zeiten ändern können, in denen immer mehr ausbildungsinteressierte Jugendliche einen höheren Schulabschluss mitbringen. Die Herausforderung besteht darin herauszufinden, wie studienberechtigte Jugendliche mit Interesse an einer dualen Berufsausbildung Ausbildungsberufe wahrnehmen, die sie heute noch zu großen Teilen verschmähen, ob diese Wahrnehmung berechtigt ist und wie wir auf ihre Wahrnehmung Einfluss nehmen können, falls sie verzerrt ist.

G.I.B.: Rührt die Wahrnehmung vieler Berufe möglicherweise von mangelnder Information her? Oder sind die Ausbildungsbedingungen in bestimmten Berufen tatsächlich wenig ansprechend und die beruflichen Entwicklungschancen begrenzt?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Es hat wohl etwas von beidem. Z. B. klagt das Hotel- und Gaststättengewerbe über großen Nachwuchsmangel; es gibt hier sehr viele Ausbildungsplätze, die nicht besetzt werden können. Allerdings sind diese Berufe auch mit spezifischen Nachteilen verbunden. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche die Ausbildung in diesen Berufen zu Ende bringen, deutlich niedriger. Dies lesen wir an den hohen Vertragslösungsquoten ab. Zudem wissen die Jugendlichen um die besonderen Arbeitsbedingungen in diesen Berufen. Sie wissen, dass Berufe wie Koch oder Restaurantfachmann allein schon aufgrund der häufig in den Abend reichenden Arbeitszeiten die bislang gewohnte Form der Freizeitgestaltung erschweren. Arbeitet man dann noch, wenn die Freunde schon Feierabend haben, ist es auch schwieriger, die sozialen Bedürfnisse zu befriedigen und Beziehungen zu pflegen.
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Daneben gibt es aber auch Wahrnehmungsverzerrungen der Berufe, die nicht gerechtfertigt sind. Wir haben das vor Kurzem einmal für die Handwerksberufe untersucht. Gerade von denjenigen Jugendlichen, die aus einem eher akademischen Umfeld stammen, in dem das Abitur oder ein Studium erwartet wird, werden die Aufgabenprofile und Möglichkeiten der Handwerksberufe unterschätzt. Wenn Jugendliche dagegen über die Eltern, Familienmitglieder oder den Bekanntenkreis im Kontakt zu Handwerksberufen stehen, sind sie besser informiert. Sie wissen dann, dass die technische Innovation auch vor den Handwerksberufen nicht Halt gemacht hat und die Tätigkeiten anspruchsvoll, abwechslungsreich und interessant sein können. Dann fällt eine Entscheidung beispielsweise für den Beruf des Anlagenmechanikers für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik deutlich leichter.

G.I.B.: In Nordrhein-Westfalen dreht sich die politische Diskussion stark darum, gerade die Eltern als wichtigste Berater ihrer Kinder zu stärken und einzubinden. Halten Sie das für den richtigen Weg?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Ja. Wir kommen an den Eltern bei der Berufswahl der Jugendlichen nicht vorbei. Ihre Reaktionen auf die beruflichen Überlegungen der Jugendlichen entscheiden in besonderem Maße mit darüber, ob die Jugendlichen sich mit einem bestimmten Beruf gedanklich weiter beschäftigen oder nicht. Das Problem ist dabei sicherlich, dass das Wissen der Eltern über die Berufe natürlich auch beschränkt ist. In der Regel wissen sie noch recht viel über den Berufsweg, den sie selbst eingeschlagen haben, aber deutlich weniger über andere Berufe. So herrscht zum Beispiel bei Eltern, die selbst studiert haben, eine deutliche Präferenz vor, dass ihre Kinder denselben Weg einschlagen. Zum Teil aufgrund der Tatsache, dass sie in Hinblick auf ein Studium ihrer Kinder kompetente Berater und Unterstützer sein können, während sie die Ausbildungslogiken der dualen Ausbildungsberufe nicht richtig einschätzen können. Und zum anderen auch deshalb, weil sie ihre Kinder als Bildungsabsteiger verstehen würden, würden diese auf ein Studium verzichten und sich dem Handwerk oder anderen dualen Ausbildungsberufen zuwenden.
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Ich habe von Professoren gehört, die mit Dritten nicht mehr so gerne über ihre Kinder reden, weil ihre Kinder nicht das Abitur geschafft haben und nun „nur“ eine Berufsausbildung machen. Sie reagieren damit auf die aus ihrer Sicht vermeintlichen negativen Reaktionen, würden Dritte davon erfahren. Wenn dem so ist, müssen wir uns doch die Frage stellen, warum in unserer Gesellschaft solche Deutungsmuster und Handlungslogiken zulasten der dualen Berufsausbildung bestehen. Offenbar gibt es gravierende Hinderungsgründe, an die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung, die wir allesamt predigen, auch wirklich zu glauben. Diese gilt es abzubauen.

G.I.B.: Welche Hinderungsgründe sehen Sie denn?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Wir vermuten, es gibt in unserer Gesellschaft und besonders in unseren Bildungsinstitutionen immer noch eine Reihe von Signalen, die eine Ungleichwertigkeit signalisieren. Hierzu zählt z. B., welche Bildungsinhalte wir für jene Schulen zentral halten, die wir die „höheren Schulen“ nennen. Warum z. B. fehlt im Fächerkanon dieser Schulen ein Fach, in dem es um die Förderung von gestalterischen Fähigkeiten und manuellem Geschick geht? Offenbar scheint es so zu sein, dass wir meinen, dies zähle nicht zur Allgemeinbildung. Ich halte dies aber für einen großen Fehler, resultierend aus einem veralteten Menschenverständnis, das sich einen vom körperlichen Vermögen unabhängigen Geist vorstellt und den Geist als dem Körper überlegen betrachtet. Wir geben also Julian Nida-Rümelin Recht, wenn er die kognitive Schlagseite in Gymnasien überwinden möchte. Ich würde ein solches Fach, das sich der Förderung von gestalterischen Fähigkeiten und manuellem Geschick verschreibt, sogar versetzungsrelevant machen.

Und es gibt weitere Dinge, die wir konsequent ändern sollten. Es ist doch absurd, wenn Schulfreunde, die gemeinsam das Abitur gemacht haben, nicht im selben öffentlich geförderten Wohnheim leben dürfen, nur, weil der eine studiert und der andere eine Ausbildung beginnt. Aus allen Studentenwohnheimen müssen Bildungswohnheime werden, die Studierenden und Auszubildenden gleichermaßen offenstehen. Dies wäre ein glaubwürdiges Symbol von Gleichwertigkeit und würde auch der Zersplitterung der Gesellschaft in akademische und nichtakademische Schichten entgegenwirken. Zu solchen wichtigen Symbolen zählen wir auch eine Ausbildungsstiftung analog zur Studienstiftung sowie ein Azubi-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr. Die Überlegungen der Landesregierung Nordrhein-Westfalen zur Förderung eines landesweit einheitlichen Tickets für Auszubildende nach dem Vorbild des Semestertickets für Studierende begrüßen wir ausdrücklich. Ich würde sogar so weit gehen, das Privileg „Bundesweites Azubiticket“ zur freien Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln einzuführen. Dazu sollten Auszubildende durchaus einen symbolischen finanziellen Teil beitragen. Aber damit wäre zumindest zum Teil das Problem gelöst, wie ein Jugendlicher von Rostock zum Ausbildungsplatz nach Hamburg oder von der Eifel nach Düsseldorf kommt.

Von unseren Untersuchungen zum Einfluss von Berufsbezeichnungen auf die Berufswahl wissen wir, dass bisweilen bereits die Umbenennung von Bildungsgängen bzw. Berufen weiterhelfen kann. Denn sie verändern auch die Vorstellungen, was sich hinter bestimmten Berufen oder Abschlüssen verbirgt. Dass Bundesbildungsministerin Anja Karliczek darüber nachdenkt, anstelle der bisherigen Bezeichnungen wie Fachkraft, Facharbeiter, Fachwirt oder Meister in Zukunft von Berufsspezialist, Berufsbachelor und Berufsmaster zu sprechen, hat also einen guten Grund und könnte sich für das Image der dualen Ausbildung positiv auswirken.

G.I.B.: Wenn die Gymnasien mehr Weichen in Richtung duale Ausbildung stellten, würde das nicht der Idee des dreigliedrigen Schulsystems entgegenstehen?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Mir geht es bei den Gymnasien weniger darum, über die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems nachzudenken, als um die Frage, ob die bisherige Zuschneidung des Fächerkanons in den Gymnasien nicht auch zulasten der Kinder geht. Die Frage ist also, was wir unseren Kindern womöglich an Chancen nehmen, wenn wir an den Schulen ein Fach Manuelles/Handwerkliches Geschick blockieren. Ich bin aber skeptisch, ob das Interesse an einer Reform zugunsten solcher Bildungsinhalte in ausreichendem Maße vorhanden ist. Denn mit einer einseitigen Konzentration auf die „geistige“ Bildung als das, was höhere Bildung angeblich ausmacht, geht es meines Erachtens auch um das Verteidigen von Privilegien und um die dazu erforderliche Abgrenzung von Akademikern. Lohnabstände oder Eintrittsqualifikationen in höhere Gehaltsniveaus benötigen eben auch eine ideologische Begründung. Die aus meiner Sicht einseitige Vorstellung von höherwertigen Berufen und Bildungsabschlüssen gehört dann leider dazu.

G.I.B.: Wie kann die Attraktivität der dualen Ausbildung gesteigert werden?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Zunächst gilt es, in überzeugender Form die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Ausbildung deutlich zu machen. Innerhalb der dualen Ausbildungsberufe geht es dann darum, die angesprochenen Identitätszumutungen zu senken, Berufe besser anzuerkennen und sozial angesehener zu machen. Dazu zählt auch, in allen Berufen auf akzeptable Ausbildungsbedingungen zu achten. Keineswegs zu vergessen ist dabei die monetäre Anerkennung des Berufs während und nach der Ausbildung – eine alte Forderung des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Denn Gleichwertigkeit hat auch damit zu tun, dass die Einkommensunterschiede zwischen den Berufen nicht zu groß sind und Menschen in allen Berufen von dem leben können, was sie durch ihre Arbeit verdienen.

Dr. Mona Granato: Im Übrigen kommt, was die Attraktivität der Ausbildung betrifft, nicht nur dem Beruf, sondern auch dem Betrieb eine wesentliche Rolle zu. Ein Betrieb, der eine langfristige berufliche Perspektive bietet, schneidet im Urteil der Jugendlichen deutlich besser ab. Es ist möglich, nachhaltige Wege aufzuzeigen, zum Beispiel im Anschluss an die Ausbildung zur Hotelkauffrau einen Zwei-Jahres-Vertrag anzubieten, ergänzt durch ein angeschlossenes Studium. Wenn ein Betrieb von vornherein solche Karriereplanungen, d.h. Bildungs- und Berufswege mitdenkt, lassen Jugendliche sich begeistern. Weil sie sich dann nicht für 30 Jahre als Hotelfachkraft sehen, sondern sich beruflich weiter entwickeln können. Solche Wege zu öffnen und zu schaffen, muss auch Thema der betrieblichen Ausbildungskonzeption und der Berufsbildung sein.

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Der interessante Aspekt daran ist: Es geht nicht nur um Berufswahl, sondern auch um Betriebswahl. Für Betriebe ist dies ein ganz guter Ansatzpunkt, sofern die Berufe selbst nicht so gut angesehen sind. Unternehmen können über ihren Namen bzw. ihr eigenes Image Vorteile erzielen und Vorbehalte stärker abbauen. Wenn sie deutlich machen können: „Bei uns läuft das anders, wir zählen nicht zu den schwarzen Schafen, bei uns gibt es gute Ausbildungsbedingungen, Entwicklungs- und Aufstiegsmöglichkeiten.“ Unter den Jugendlichen spricht sich dies herum.

G.I.B.: Ein Handlungsfeld der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) ist die Attraktivitätssteigerung der dualen Ausbildung. Was bleibt vor dem Hintergrund der Landesinitiative für Politik, Schulen und Unternehmen noch zu tun?

Dr. Joachim Gerd Ulrich: In den letzten Jahren ist bereits viel passiert, um die Berufsorientierung zu stärken. Uns erscheinen Maßnahmen und Initiativen besonders vielversprechend, die neben der Information zugleich Identifikationspotenziale für die Jugendlichen ermöglichen. Dazu zählt zum Beispiel, Auszubildende als Ausbildungsbotschafter in die Schulen zu schicken. Eine Abiturientin, die über ihre Ausbildung zur Industriemechanikerin berichtet, offen und authentisch ihre Berufswahlmotive und Erfahrungen benennt, hinterlässt mit Sicherheit nachhaltigen Eindruck bei den Schülerinnen und Schülern.

Eine besondere Herausforderung sehen wir zudem darin, die Jugendlichen bei der Wahl ihres Ausbildungsberufs für die Lage auf dem Ausbildungsmarkt zu sensibilisieren. Nach unseren Untersuchungen machen dies die wenigsten. Nachrichten über eine zunehmend entspannte Ausbildungsmarktlage werden ohne weitere Prüfung auf die Wunschberufe übertragen. Die Nachrichten zur zunehmenden Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt liegen aber vor allem an den vielen unbesetzten Lehrstellen im Handwerk und dem Hotel- und Gaststättengewerbe. In vielen kaufmännischen Berufen ist die Marktlage dagegen gar nicht so günstig für Jugendliche.

Wird Jugendlichen nicht beigebracht, die Marktlagen in verschiedenen Berufen zu unterscheiden und Ausbildungsmarktkompetenz aufzubauen, kann dies gerade für das Handwerk und Hotel- und Gaststättengewerbe fatale Konsequenzen haben. Zwar sind es diese Branchen, die Nachrichten über die guten Zugangschancen ermöglichen. Doch nützt dies ihnen nichts, wenn die Jugendlichen mit dieser Nachricht im Hinterkopf dann ihre Zugangschancen in den bevorzugten kaufmännischen Berufen überschätzen, sich auch deshalb dort bewerben und dann am Ende des Jahres doch ohne Ausbildungsplatz dastehen. Auch auf diese Weise entstehen Passungsprobleme.

Dr. Mona Granato: Bei der Berufsorientierung sehen wir insgesamt vier Ansätze. Zunächst sind ehrliche Informationen über die Berufe und die Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt erforderlich. Zweitens fehlt es an den Rahmenbedingungen, um die Jugendlichen flankierend zu Praktika und Unternehmensbesuchen mit einem differenzierten Reflexionsprozess zu unterstützen. Neben der Frage, welchen Berufsweg Schülerinnen und Schüler am liebsten einschlagen würden, muss ihnen in Beratungen aufgezeigt werden, was realistisch ist und welche Schritte sie gehen können, um den von ihnen gewünschten Beruf zu erreichen oder welche Alternativen es hierzu gibt.

Drittens gilt es bei der Berufsorientierung an Schulen Ausbildung und Beruf zusammen zu denken, also Karriere mehr als Weg zu begreifen. Es gibt nicht mehr den einen Beruf fürs Leben. Wenn wir das verstanden haben, können Möglichkeiten für den Fall der Umorientierung aufgezeigt werden. Eine Berufslenkung verbietet sich natürlich. Es entstehen gleichwohl bessere Chancen, Jugendliche für Berufe mit Besetzungsproblemen zu gewinnen, wenn dies zu ihren beruflichen Interessen passt und sie selbst wie ihr persönliches Umfeld, hier v. a. die Eltern, vom Wert und Ansehen dieses Berufs bzw. Berufsweges überzeugt werden können. Dorthin zu gelangen, das ist ein komplexer Prozess ohne einfache Antworten, der an der Realität oder der tatsächlichen Attraktivität eines Berufs ansetzen muss. Und dort sind die Betriebe mit im Spiel, die an der Qualität der angebotenen Ausbildung arbeiten müssen. Und der vierte Punkt sind die angesprochenen Praktika, die zwar nur einen ersten Eindruck vermitteln können, aber eine hohe Qualität besitzen müssen, verknüpft – wie gesagt – mit Reflexionsprozessen im Verlauf, aber insbesondere nach Abschluss des Praktikums.

Dr. Joachim Gerd Ulrich: Grundsätzlich glaube ich im Zusammenhang mit den Passungsproblemen, dass Jugendliche Entscheidungen eher emotional aus dem Bauch als kognitiv treffen und dass wir das Identifikationspotenzial der dualen Ausbildungsberufe deutlich steigern müssen. Alle noch so gut aufbereiteten Informationen nutzen erst dann, wenn die Jugendlichen mit der Wahl des betreffenden Berufs auch in ihrem sozialen Umfeld zu punkten vermögen.

Dr. Mona Granato: Daher sind Reflexionsprozesse während der Berufsorientierung und der soziale Wert eines Berufs so wichtig. Wenn diese Aspekte nicht gestärkt werden, können wir nur einen kleinen Teil der Jugendlichen erreichen. Und auch die Eltern als zweiten Resonanzkreis nicht. Praktika als Instrument der Berufsorientierung sind auch keine Selbstläufer. Sie stehen am Anfang eines Karrierewegs, den Kammern und Unternehmen frühzeitig aufzeigen können, sofern Letztere Jugendliche während des Praktikums in den Betriebsablauf integrieren können. Wir haben aus unseren Untersuchungen abgeleitet, die Rolle von Lehrkräften im Kontext der Berufsorientierung zu stärken, speziell am Gymnasium. Dafür sind Strukturen zu schaffen. Lehrkräfte vormittags im Unterricht und abends in Betrieben zu haben, wie dies im Kreis Lippe aktuell versucht wird, ist sehr zu begrüßen. Aber nur, wenn es institutionell gut vorbereitet und begründet ist.

Literatur

• Granato, Mona/Milde, Bettina/Ulrich, Joachim Gerd (2018): Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt – eine vertiefende Analyse für Nordrhein-Westfalen (FGW-Studie Vorbeugende Sozialpolitik 08). Düsseldorf: Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW)
• Dionisius, Regina/Kroll, Stephan/Ulrich, Joachim Gerd (2018): Wo bleiben die jungen Frauen? Ursachen für ihre sinkende Beteiligung an der dualen Berufsausbildung. In: Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 47 6, S. 46 – 50
• Eberhard, Verena u. a. (2018): Betriebe ohne Azubis, Jugendliche ohne Ausbildungsstellen: Ausbildungsmarkt in der Krise? Ergebnisse des BIBB-Expertenmonitors 2018 zu den Passungsproblemen auf dem Ausbildungsmarkt Bonn: BIBB
• Mischler, Till/Ulrich, Joachim Gerd (2018): Was eine Berufsausbildung im Handwerk attraktiv macht.
Ergebnisse einer Befragung von Jugendlichen.
BIBB REPORT, 5/2018

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Christiane Siegel
Tel.: 02041 767205
c.siegel@gib.nrw.de

Kontakte

Bundesinstitut für Berufsbildung
Arbeitsbereich 1.4 Kompetenzentwicklung
Robert-Schuman-Platz 3
53175 Bonn
Dr. Mona Granato
granato@bibb.de
Dr. Joachim Gerd Ulrich
Ulrich@bibb.de

 

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