Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2018 Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung Handlungsspielräume innovativ nutzen
(Heft 4/2018)
Neue Ansätze im Jobcenter Rhein-Berg

Handlungsspielräume innovativ nutzen

Innovative Formen der Ansprache von Leistungsberechtigten, präventive Gesundheitsförderung, Kooperation mit Partnern in den Sozialräumen und nicht zuletzt auch Einbindung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Projektentwicklung – das Jobcenter Rhein-Berg, das als gemeinsame Einrichtung der Agentur für Arbeit Bergisch Gladbach und des Rheinisch-Bergischen Kreises im Jahr 2005 seine Arbeit aufnahm, geht auf vielen Ebenen neue Wege.

„Das SGB II ist nach wie vor eines der zentralsten Sozialleistungselemente, die wir in der Bundesrepublik haben“, sagt Michael Schulte, der Geschäftsführer des Jobcenters Rhein-Berg und ehemaliger Leiter des Jugend- und Sozialamtes im Rheinisch-Bergischen Kreis. „Die Frage, ob es uns gelingt, im SGB II Entwicklungen zu fördern und selber anzuschieben, ist eine hoch bedeutsame Aufgabe für ein Gemeinwesen, besonders wenn man sich der Schnittstellen mit Arbeitsfeldern wie der Jugendhilfe, Schule, der Perspektiventwicklung für Kinder aus Familien im Leistungsbezug, der Bildung insgesamt und vielem mehr bewusst ist. Für ein Jobcenter gilt es in diesem Zusammenhang herauszuarbeiten, wo es nutzbare Handlungsoptionen hat.“

Aber wo liegen überhaupt die Aufgaben eines Jobcenters in Zeiten einer boomenden Wirtschaft und stetig zurückgehender Arbeitslosenzahlen? Man sehe die Veränderung natürlich, sagt Michael Schulte, registriere einen verringerten Zugang von Leistungsberechtigten ins SGB II, habe auf der anderen Seite, besonders seit 2016/17, aber einen Zuwachs durch Menschen mit Fluchthintergrund, sodass die Kundenzahl insgesamt steige.

Und auch die Menschen ohne Fluchthintergrund, die neu in den SGB II-Leis­tungsbezug kommen, bräuchten öfter eine besondere Unterstützung, als das früher der Fall gewesen sei, stellt Michael Schulte fest. Die Menschen, die schon länger zum „Bestand“ gehörten, hätten ebenfalls Probleme bei der Integration in Arbeit. „Je länger Personen vom Arbeitsmarkt entfernt sind, desto schwieriger wird für sie die Situation.“ Es stelle sich also für das Jobcenter vor allem die Frage, wie man diese Menschen besser unterstützen kann.

Perspektive 50plus gab Richtung vor
 

Generell hat sich die Strategie der Jobcenter in den letzten Jahren dahingehend entwickelt, dass für bestimmte Gruppen von Langzeitarbeitslosen individuelle Konzepte entwickelt wurden, um ihre Situation gezielt zu verbessern. Den Anfang machte dabei das Bundesprogramm Perspektive 50plus. Mit ihm wurde ab 2005 erstmals der Versuch unternommen, eine bestimmte Zielgruppe ganzheitlich orientiert ins Visier zu nehmen. Als Kernziele des Programms wurden definiert: Verbesserung der Beschäftigungschancen älterer Langzeitarbeitsloser, Schaffung von regionalen Netzwerken, Einbindung aller relevanten Arbeitsmarktakteure, Ansprache von Unternehmen, um für das Thema Demografie zu sensibilisieren. Die Jobcenter (bzw. ihre Vorgängerorganisationen) mussten für diesen neuen Ansatz umdenken.

Das war auch im Jobcenter Rhein-Berg ab 2011 der Fall. „Mit Perspektive 50plus begann der Prozess, die Beratung noch einmal zu reflektieren. Wir haben erstmalig mit relativ niedrigen Betreuungsschlüsseln gearbeitet, es wurden neue Formate eingeführt wie zum Beispiel Gruppenberatungen zu verschiedensten Themen, um eine andere Art und Weise der Ansprache zu generieren: Weg von dem Eins-zu-Eins und dem ‚du kommst in mein Büro und ich weiß, was für dich gut ist‘“, erinnert sich Michael Schmitz, Teamleiter der Team Projekte und ehemaliger Bänker, der 2009 als Quereinsteiger zum Jobcenter kam.

Mit dem Programm Perspektive 50plus war man im Rheinisch-Bergischen Kreis recht erfolgreich, sowohl was die Integration in Arbeit der Zielgruppe 50plus anging, als auch bezüglich der Verbleibquote in den vermittelten Beschäftigungsverhältnissen.

Deshalb sei zunächst ein Stöhnen durch die Reihen des Jobcenters gegangen, als das Programm 2015 auslief und durch „Netzwerke für Aktivierung, Beratung und Chancen“, kurz ABC, ersetzt wurde, berichtet Michael Schmitz. „Es gab keine Vorgaben, keine Mittel, viele offene Fragen.“

Für das Jobcenter Rhein-Berg war klar: man wollte das bestehende, funktionierende 50plus-Team erhalten und in die Regelstruktur des Jobcenters integrieren. „Wir kamen zu dem Schluss, dass wir das Netzwerk ABC nutzen wollten, um darin die guten Erfahrungen aus dem Programm 50plus fortzuführen und bestimmte Dinge weiterzuentwickeln.“

Mitarbeitende entwickeln Beratungswegweiser
 

Dass es keine Vorgaben für Netzwerk ABC gab, habe aber auch für neue Handlungsspielräume gesorgt, sagt Michael Schmitz. So geriet das Thema Gesundheit im Jobcenter Rhein-Berg relativ früh in den Fokus. Denn die Erfahrung aus dem Programm Perspektive 50plus war, dass die Zielgruppe oft größere gesundheitliche Probleme hatte. Das Jobcenter setzte also einen Gesundheitscoach und – ebenfalls aus der gemachten Erfahrung heraus – eine Netzwerkmanagerin ein, die sich mit dem Thema beschäftigten. Sie starteten damit zu ermitteln, wer bei dem Thema Gesundheit im Rheinisch-Bergischen Kreis zu den relevanten Playern gehört. Aus den zusammengetragenen Informationen entwickelten sie eine Gesundheitsdatenbank und einen Beratungswegweiser: den „Wegweiser für Ihre Gesundheit“ (www.gesund-im-rbk.de) und den „Beratungswegweiser des Jobcenters Rhein-Berg“ (www.gut-beraten-im-rbk.de), der mit zwei, drei Klicks unter den Stichworten Arbeitssuche, Familie und Erziehung, Soziales und Selbsthilfe, Wohnen und Leben sowie Zuwanderung zu Informationen über Beratungsangebote im Kreis verlinkt.

„Für den Gesundheitswegweiser haben wir fast 450 Kooperationspartner angeschrieben. Die Bereitschaft, dabei mitzumachen, lag bei fast 100 Prozent“, berichtet Michael Schmitz. Von kirchlichen Einrichtungen über Einrichtungen der Städte und des Kreises bis zu freien Trägern und Vereinen – es gibt kaum ein Gesundheitsangebot, das sich über den Wegweiser nicht finden ließe. In der Praxis bestätige sich, dass die Idee, das komplette Angebot des Kreises über eine Datenbank verfügbar zu machen, sehr hilfreich sei, so Michael Schmitz. Und das nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Träger. „Wir haben zum Beispiel von der Sozialberatung des Evangelischen Krankenhauses das Feedback bekommen, dass sie die Datenbank in ihrer täglichen Beratungspraxis nutzen, etwa im Entlass-Management“, sagt Michael Schmitz.

Bei der Entwicklung hatten die beiden Jobcenter-Mitarbeiterinnen weitgehend freie Hand. Es seien viele eigene Ideen entsprechend dem unterschiedlichen beruflichen Background der beiden eingeflossen, sagt Michael Schmitz. „Bei uns führte das zu der Erkenntnis: Gib den Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich zu entwickeln und zu verwirklichen, gib ihnen Handlungsspielräume, und es passieren großartige Dinge.“

Das ist mittlerweile im Jobcenter Rhein-Berg zur Leitidee geworden. Es wird nicht von „oben“ delegiert, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie zu tun haben, sondern sie sind die Experten, die an Themen arbeiten, Probleme benennen und Lösungsvorschläge erarbeiten.

Ein zweites Beispiel: Eine aus Mitgliedern verschiedener Teams gebildete Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit dem Thema Alleinerziehende. „Es geht dabei zum Beispiel auch um Maßnahmenentwicklung, also um die Frage: Was ist hilfreich an dieser oder jener Stelle“, erklärt Michael Schulte. „Die Kolleginnen und Kollegen werden also zu Gestaltern.“ Es gebe Leitplanken, aber wie die Mitarbeitenden sich dazwischen bewegen, sei ihre Sache, so Michael Schmitz. „Ich sehe mich weniger als Teamleiter, sondern mehr als Teammanager und die Mitarbeitenden sind meine Experten, die mich sprachfähig machen – und das funktioniert.“ Genauso seien auch neue Beratungsansätze wie etwa Gruppenberatungen entstanden, die zwei oder drei Mitarbeitende gemeinsam durchführen.

Kontaktcafé statt Behördengang
 

Informationen über den Gesundheitswegweiser werden nicht nur in den üblichen Beratungsgesprächen unter die Kunden gebracht, sondern auch über sogenannte „Kontaktcafés“, ebenfalls ein neues Format. Auch dahinter steht die Idee, den Menschen einen neuen Zugang zum Jobcenter zu ermöglichen. „Dazu haben die Kollegen eine nette Einladung formuliert, im Stil weit weg vom Behördendeutsch, und damit zu einer Informationsveranstaltung eingeladen mit der Möglichkeit, vorab telefonisch Rückfragen zu stellen“, so Michael Schmitz. Auch durch die Bewirtung mit Getränken und den Service einer Kinderbetreuung sei bei den Kontaktcafés eine entspannte Atmosphäre geschaffen worden.

Das zahlte sich aus: Im Normalfall gilt bei Einladungen durch das Jobcenter eine Teilnahmequote von 30 Prozent schon als gut. Bei den Kontaktcafés waren es auf einmal 60 bis 70 Prozent. „Dass man das Jobcenter im Rahmen der Kontaktcafés anders erleben kann als bisher, hat sich schnell herumgesprochen“, stellt Michael Schmitz fest. Mittlerweile wird das neue Format zu allen möglichen Themen angeboten. Es geht zum Beispiel um Erziehungsberatung, es gibt spezielle Kontaktcafés für Frauen mit Migrationshintergrund. Weitere Themen sind Mobilität und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen.

Das Prinzip des Jobcenters Rhein-Berg dabei: Für Förderangebote sind die Bildungsträger die Spezialisten, sie führt das Jobcenter daher nicht selber durch. Flächendeckende Angebote in diesem Bereich können Träger in dem Kreis mit acht Städten besser sicherstellen. Bei Info-Veranstaltungen, zum Beispiel Gruppenveranstaltungen, für die Kundinnen und Kunden, die neu in den Leistungsbezug kommen, gilt das aber nicht. Da möchte das Jobcenter selbst Präsenz zeigen, um so von der Ansprache ausgehend einen besseren Kontakt zu den Leistungsberechtigten aufzubauen.

Zentrales Thema – Gesundheit
 

Das Thema Gesundheit ist durch den ers­ten Aufschlag des Gesundheitswegweisers in den Beratungen des Jobcenters sehr präsent. Integration in Arbeit und Gesundheit werden bei den Beratungsgesprächen nicht getrennt betrachtet. Das zu einem gesundheitlichen Problem passende Angebot lässt sich direkt im Beratungsgespräch über den Wegweiser ermitteln. Die Infos können sofort ausgedruckt und dem Kunden mitgegeben werden.

„Es geht immer um – so haben wir das für uns definiert –‚ beschäftigungsorientierte Gesundheitsförderung‘“, sagt Michael Schmitz. Man sei bisher zu defizit­orientiert gewesen, habe gefragt: was kannst du aufgrund deiner gesundheitlichen Einschränkung nicht? Durch die Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit habe man versucht, das umzudrehen: „Egal, wie krank jemand ist, – irgendetwas kann er ja meistens trotzdem noch“, so Michael Schmitz. Wenn es um solche oder auch andere Fragestellungen zu Leistungsberechtigten geht, steht der Gesundheitscoach den Beraterinnen und Beratern des Jobcenters zur Seite. Die veränderte Herangehensweise brauche ihre Zeit, stellt Michael Schmitz fest. Die Kollegen der verschiedenen Teams nähmen die Arbeit des Gesundheitscoachs aber zunehmend als Unterstützung wahr.

Gesundheitscheck als Jobcenter-Maßnahme
 

Als weiteres Format hat das Jobcenter Rhein-Berg einen Gesundheits-Check für Leistungsberechtigte eingeführt. Dabei handelt es sich um einwöchige Gruppenveranstaltungen, in die stets ein Arzt (Sozialmediziner), ein Psychologe, ein Ernährungsberater und der Jobcoach eingebunden sind, und an deren Ende eine persönliche ärztliche Empfehlung steht. In dieser Woche werden die Potenziale und Chancen der Teilnehmenden ermittelt. Die daraus resultierende Perspektive orientiert sich an den individuellen Möglichkeiten. Dieses Format hatte sich schon zu Zeiten von Perspektive 50plus bewährt. Eine wichtige Erkenntnis für das Jobcenter aus dieser Zeit war, dass sich viele Leis­tungsberechtigte nicht in dem gebotenen Maße ärztlich versorgen lassen. Nach dem Gesundheitscheck werden die Teilnehmenden im Bewerbungsprozess unter Einbeziehung weiterer Leistungsträger (z. B. Ärzte, Therapeuten) im Gesundheitsprozess unterstützt. Das Feedback der Teilnehmenden auf die Maßnahme sei aufgrund der eigenen Einschätzung und subjektiven Wahrnehmung der Teilnehmenden zum eigenen Gesundheitszustand, Wohlbefinden und Stresspegel „richtig gut“, so Michael Schmitz. Bei einer Auswertung im Jahr 2017 von 148 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, die am einwöchigen Gesundheitscheck teilgenommen hatten, zeigte sich, dass ca. 20 Prozent in den Arbeitsmarkt integriert und für etwa ein Drittel weitergehende Maßnahmen (z. B. Förderung der beruflichen Weiterbildung, Praktika, Teilnahme an Maßnahmeangeboten des Jobcenters) umgesetzt werden konnten. Darüber hinaus begannen Leistungsberechtigte eine Therapie oder es wurden Übergänge in Rente oder der Rechtskreiswechsel ins SGB XII eingeleitet. Insgesamt zeigt sich, dass trotz gesundheitlicher Einschränkungen Erfolge möglich sind.

Und auch der entwickelte Gesundheitswegweiser hilft vielen weiter. In ihm sind die Angebote, die es im weitesten Sinne im Bereich Gesundheitsfürsorge im Rheinisch-Bergischen Kreis gibt, geordnet nach den Themenkreisen Bewegung, Entspannung, Ernährung, Gesundheitsberatung und Umgang mit Sucht abrufbar. Die kommunalen Eingliederungsleistungen wie Sucht- und Schuldnerberatung oder psychosoziale Betreuung werden beim Beratungsprozess des Jobcenters zunehmend einbezogen. Es zahlt sich dabei immer mehr aus, dass mit dem Aufbau der Onlinewegweiser des Jobcenters zahlreiche Kontakte geknüpft wurden.

Mitarbeit beim Sozialbericht des Kreises
 

Eine weitere Vernetzung fand im Rahmen der Sozialraumplanung statt, die der Rheinisch-Bergische Kreis parallel zur Entwicklung der Wegweiser startete. Gemeinsam mit seinen Städten und Gemeinden begann er 2016, sich ein Bild von der sozialen Infrastruktur im Kreis zu machen. Im Jahr 2017 wurde, gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen und mit Unterstützung der Fachstelle für sozialraumorientierte Armutsbekämpfung (FSA), der erste Sozialbericht für den Rheinisch-Bergischen Kreis vorgelegt.

Die einzelnen Kommunen führten zu der Erhebung des Kreises Fachkonferenzen durch. Das Jobcenter war daran stets mit seiner Netzwerkmanagerin und dem jeweiligen Standortleiter beteiligt. „Unser Ziel in diesem Zusammenhang war es, relevante Wohnquartiere ausfindig zu machen, in denen es viele SGB II-Bezieher gibt, und zu schauen, was können wir mit anderen Akteuren in diesen Sozialräumen präventiv leisten und entwickeln. Und auch zu schauen, wie wir in diesen Sozialräumen lebende Menschen auf neue Weise ansprechen und auch die Grundstimmung in diesen Quartieren modifizieren können“, so Michael Schulte.

Im Rheinisch-Bergischen Kreis wurden in diesem Rahmen nicht nur Gebiete identifiziert, in denen die Lebensbedingungen verbessert werden müssen, es wurden auch die besonders betroffenen Personengruppen und Wohnplätze identifiziert und Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Sozialraum im Blick
 

Die Stadt Burscheid entschied sich zum Beispiel, einen Schwerpunkt der Sozialraumarbeit in einem Wohngebiet mit einem hohen Anteil an SGB II-Empfängern mit Familien zu setzen. Der „Wohnplatz Zentrum Nord“ hat rund 6.000 Einwohner, davon etwa ein Drittel jünger als 30 Jahre. Das bedeutet, dass das Quartier im Bereich des Arbeitsmarkts ein großes Potenzial für zukünftige Entwicklungen hat. Ein weiteres Merkmal des Wohnplatzes ist seine kulturelle Vielfalt. Rund 20 Prozent der Menschen haben nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Dabei hat sich ein großer Teil dieser Personengruppe gut in die Gesellschaft integriert. Aktuell befindet sich jedoch ein relativ hoher Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung (15 bis unter 65 Jahre) im SGB-II-Leistungsbezug. Etwa ein Viertel der deutschen und ein Drittel der nicht deutschen Kinder leben in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft. Aus den Beratungsgesprächen im Jobcenter ging hervor, dass bei den 15- bis unter 30-Jährigen in der Regel ein hoher Förderbedarf bei den Alltagskompetenzen und der Beschäftigungsfähigkeit besteht.

Auf Grundlage dieser Fakten gibt der Sozialbericht folgende Handlungsempfehlungen: Steigerung der Erziehungskompetenz von Eltern, frühzeitige Förderung von Kindern sowie Steigerung der Beschäftigungsfähigkeit von jungen Menschen bis 25 Jahren.

Der besondere Fokus im Burscheider Wohnplatz Zentrum Nord liegt auf jungen Familien und auf schwer erreichbaren Jugendlichen, „einem Bereich also, in dem wir durch den Paragrafen 16 h auch einen gesetzlichen Auftrag haben“, verdeutlicht Michael Schulte.

Nachdem das Ergebnis der Sozialraumerhebung 2017 feststand, sei man nun dabei, gemeinsam mit den anderen Akteuren in dem Sozialraum Handlungsoptionen für die Unterstützung dieser Zielgruppen zu entwickeln, zum Beispiel eine „Unterstützungslandkarte“. Die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und auch mit freien Trägern der Jugendhilfe wie den katholischen Jugendwerken sei in diesem Zusammenhang sehr eng. In Burscheid sitzt die Außenstelle des Kreisjugendamtes im gleichen Gebäude wie das Jobcenter. Die katholischen Jugendwerke betreiben an dem Standort ein Jugendzentrum.

Zum Austausch und auch zur weiteren Vernetzung nutzen die beteiligten Akteure Sozialraumkonferenzen. „Das benötigt Zeit, da die verschiedenen Akteure alle einbezogen werden“, erklärt Michael Schulte. „Wir sehen das aber als Eintrittskarte, aus der Einzelfallorientierung in einer anderen Offenheit nach außen zu gehen und z. B. neue Handlungsansätze zur Arbeitsmarktorientierung und -integration mit unseren Leis­tungsberechtigten zu entwickeln.

Querschnittsprojekt „Jobfinder“
 

Seit einem Jahr gibt es im Jobcenter Rhein-Berg mit dem „Jobfinder“ außerdem ein Querschnittsprojekt, in dem die Erfahrungen, die das Jobcenter in verschiedenen Projekten wie Perspektive 50plus oder dem ESF-Bundesprogramm zur Eingliederung langzeitarbeitsloser Leistungsberechtigter nach dem SGB II auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (ESF LZA) gesammelt hat, in eine neue Struktur überführt wurden. Neue Beratungsformate, Ideen wie Betriebsakquisiteure und Coachs für die Betreuung flossen in das Projektdesign des Jobfinders ein. Bestimmte Angebote wurden auch ausgeweitet. Zum Beispiel richtete das Jobcenter im Zuge des Jobfinder-Projekts ein eigenes Bewerberbüro ein. In diesem Büro können Leistungsberechtigte Bewerbungsunterlagen erstellen. Eine Jobcenter-Mitarbeiterin bzw. ein Jobcenter-Mitarbeiter hilft ihnen dabei – auch kurzfristig. Diese Mitarbeitenden stehen außerdem den Kollegen zur Verfügung, wenn sie Bewerbungsunterlagen für Kunden benötigen, entlasten sie also. Außerdem gibt es im Bewerberbüro Gruppenveranstaltungen, in denen es um die aktuellen Standards der Bewerbungsunterlagen geht.

Es ist geplant, das Bewerberbüro zu vergrößern und das Angebot gemeinsam mit der Agentur für Arbeit als „Jobpoint“ noch zu erweitern. Dieser soll dann sowohl als Stelle dienen, die Arbeitsuchende ohne Termin ansteuern können („offener Zugang“), als auch als Stelle, die Leistungsberechtigte einlädt und ihnen Angebote macht.

Im Jobfinder-Projekt arbeiten insgesamt sechs Mitarbeitende, zwei davon in der Arbeitgeberberatung. Die Arbeit findet in enger Kooperation mit dem gemeinsamen Arbeitgeberservice statt. Die beiden Jobcenter-Kräfte im Arbeitsmarktservice des Jobcenters pflegen die Kontakte zu Unternehmen, nehmen Personalsuchanfragen auf und formulieren daraus Stellenangebote. Das Jobcenter kann Arbeitgebern im Rahmen des Projekts Jobfinder so an allen acht Standorten, also auch in den kleinen Kommunen, einen spezialisierten Ansprechpartner anbieten.

Als besonders wichtig im Bereich Jobfinder sieht Michael Schmitz das Coaching, für das zwei bis drei Jobcenter-Kräfte zuständig sind. Im ESF-LZA-Projekt habe man mit dem Coaching durch eigene Mitarbeiter gute Erfahrungen gemacht. „Im Programm war es jedoch so, dass der Coach erst nach Arbeitsaufnahme aktiv werden konnte. Wir haben aber gesagt: Ein Coaching ist auch schon vor der Arbeitsaufnahme essentiell wichtig und haben es von Anfang an in das Projekt Jobfinder implementiert.“ Die geänderten Lebensbedingungen bei einer Arbeitsaufnahme stellten viele Menschen vor große Herausforderungen. Die Alltagstauglichkeit herzustellen, sei daher ein ganz wesentlicher Aspekt, der bei dem Coaching eine Rolle spielt. Darüber hinaus steht der Coach auch dem Arbeitgeber zur Verfügung.

Die direkte Form der Betreuung hat das Jobcenter Rhein-Berg mittlerweile auch auf alle neuen Leistungsberechtigten übertragen. Sie gehen im Rheinisch-Bergischen Kreis zunächst in ein einwöchiges Profiling. „Der Austausch über einen längeren Zeitraum hat eine andere Dimension als die übliche Eins-zu-eins-Beratung“, erklärt Michael Schulte.

Mit Abschluss der Profiling-Woche wird gemeinsam mit dem Teilnehmenden, einem Mitarbeiter aus dem Fördermanagement des Jobcenters und einem Vertreter des Trägers über den Status des jeweiligen Menschen gesprochen. „Auch Anschlussmaßnahmen werden direkt dort definiert“, verdeutlicht Michael Schulte. „Für die Teilnehmenden bedeutet das: nicht zwei Wochen später ein Gespräch mit der zuständigen Integrationsfachkraft führen und fünf Wochen auf die nächste Maßnahme warten. Es geht keiner aus diesem Profiling ohne eine Anschlussperspektive.“ Das Jobcenter zeigt also schon in der Maßnahme Präsenz, klärt direkt den Status und die nächsten Schritte. Dieses Prinzip gilt zum Beispiel auch bei Sprachkursen, an denen Leistungsberechtigte teilnehmen. Dadurch, dass das Jobcenter auch solche Kurse begleitet, habe sich die Präsenz der Teilnehmenden erhöht und ihre Disziplin verbessert und damit letztendlich auch das Ergebnis.

Insgesamt betrachtet erziele man die Erfolge, die das Jobcenter im Bereich Integration in Arbeit vorweisen könne, durch den verstärkten Einsatz an gezielten Maßnahmen und das gute personelle Angebot, so Michael Schulte. Damit ist zum einen eine vergleichsweise gute personelle Ausstattung im Integrationsbereich gemeint, aber auch die Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Fachforen für Jobcenter-Kräfte
 

Einen Schlüssel für diese Kompetenz sieht Michael Schmitz in Fachforen, die den Jobcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern regelmäßig angeboten werden. Die Teilnahme an den Fachforen ist freiwillig. Es werden renommierte Referenten eingeladen, die Impulsvorträge, zum Beispiel zum Thema Gesundheit, halten und dann in die Diskussion mit den Teilnehmenden einsteigen.
 
Dass das für jeden Teilnehmenden etwas bringt, musste sich jedoch erst einmal herumsprechen. „Das erste Fachforum zum Thema Gesundheit war eine zähe Geschichte“, erinnert sich Michael Schmitz. „Es hat niemanden interessiert. Wir haben über vier Wochen E-Mails an die Mitarbeitenden geschrieben und sind dann mit 25 Teilnehmenden gestartet, von denen zehn noch aus der Agentur für Arbeit stammten. Die Veranstaltung war aber so gut, dass am Ende die einhellige Meinung aus dem Teilnehmerkreis war: Das müssen wir wiederholen.“ Das zweite Fachforum im gleichen Jahr sei dann mit 38 Teilnehmenden innerhalb von drei Tagen ausgebucht gewesen. Das trug ganz wesentlich dazu bei, das Thema Gesundheit als Jobcenter-Thema im Rheinisch-Bergischen Kreis zu etablieren.

Auch das Thema Netzwerkarbeit ging das Jobcenter auf dieser Basis an. „Fachforen sind eine Möglichkeit, Themen, die auf der Tagesordnung vielleicht nicht ganz oben stehen, durch ein neues Setting in die Arbeit einzubringen“, sagt Michael Schmitz.

Ein kleines Fazit: Auch wenn die Umsetzung von neuen Ideen wie zum Beispiel die der Fachforen, der Beratungswegweiser oder der Kontaktcafés durchaus bemerkenswert ist – das eigentlich Innovative in der Arbeit des Jobcenters Rhein-Berg liegt in einem neuen Umgang. Zum einen im Umgang des Jobcenters mit seinen Kundinnen und Kunden, die es zum Beispiel in Form von Gruppenberatungen und Kontaktcafés auf neue Weise anspricht, durch eine präventive Gesundheitsförderung und Coaching stärkt und somit besser auf eine Integration in Arbeit vorbereitet. Des Weiteren in einem neuen Umgang mit zahlreichen Partnern auf kommunaler und Kreisebene, mit denen man sich über ein durch einen Netzwerkmanager gepflegtes Netzwerk eng verbunden hat und sich im Sozialraum zum Beispiel durch die Teilnahme an Sozialraumkonferenzen zum Wohle des Gemeinwesens gemeinsam engagiert. Und nicht zuletzt auch durch einen neuen Umgang mit seinen eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen bei ihrer Arbeit Handlungs- und Gestaltungsspielräume gewährt werden, die sie kreativ zu nutzen wissen und denen die Gelegenheit geboten wird, ihre Kompetenzen im Rahmen von Fachforen – freiwillig – weiter auszubauen. Es sieht ganz so aus, als ob das Jobcenter Rhein-Berg die Frage, wo es für die eigene Arbeit nutzbare Handlungsoptionen gibt, eindrucksvoll beantwortet hat.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakte

Michael Schulte, Geschäftsführung
Jobcenter Rhein-Berg
Bensberger Str. 85
51465 Bergisch Gladbach
Tel.: 02202 9333788
Michael.Schulte2@jobcenter-ge.de

Michael Schmitz, Teamleiter Team Projekte
Jobcenter Rhein-Berg
Michael.Schmitz@jobcenter-ge.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
Artikelaktionen