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(Heft 4/2018)
Attraktiv für alle!?

Duale Berufsausbildung

Das duale Ausbildungssystem hat national wie international einen guten Ruf. Dennoch entscheidet sich ein Großteil der Jugendlichen für ein Studium statt für eine Berufsausbildung. Die Zahl der Studierenden steigt seit Jahren, während die Zahl der Auszubildenden abnimmt. Politik und Wirtschaft sind gefragt. Sie wollen die Attraktivität und Qualität der dualen Ausbildung weiter steigern und zugleich das Bewusstsein von der Bandbreite und den Möglichkeiten einer dualen Ausbildung erhöhen.

Innovationsfaktor, Exportschlager, Säule des Bildungssystems – die Etikettierungen der dualen Berufsausbildung sind durchweg positiv konnotiert. Statt, wie im Studium oft, in lediglich hypothetischen Szenarien, entwickeln junge Menschen hier ihre Kompetenzen entlang realer beruflicher Arbeitsaufgaben. Theorie und Praxis sind miteinander verzahnt. Mit dem Abschluss ihrer Ausbildung erwerben junge Menschen überbetrieblich verwertbare Abschlüsse, gelten als bestens vorbereitet für den Arbeitsmarkt. Über Weiterbildungen oder ein anschließendes Studium können sie zu Fach- und Führungskräften avancieren. Kurzum: Die duale Berufsausbildung ist attraktiv. So attraktiv, dass Länder in der ganzen Welt, von den USA über Südafrika bis China, großes Interesse am deutschen Berufsbildungssystem und seinen Erfolgsfaktoren zeigen. In vielen europäischen Ländern, die kein duales Ausbildungssys­tem haben, liegt die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 25 Prozent und 50 Prozent, in Nordrhein-Westfalen – Stand: September 2018 – bei nur 5,7 Prozent.

Doch ist die duale Berufsausbildung wirklich so attraktiv, wie es scheint? Der DGB-Ausbildungsreport 2018 kommt zum Ergebnis, „dass in vielen Branchen gesetzliche Regelungen und Verordnungen nicht eingehalten werden, dass ein großer Teil der jungen Menschen bereits in ihrer Ausbildung von Flexibilisierungsdruck, Überstunden, ständiger Erreichbarkeit und regelmäßiger Schichtarbeit betroffen ist.“ Zudem ist in manchen Ausbildungsberufen die Bezahlung eher schlecht. So erhalten Friseurinnen und Friseure im ersten Ausbildungsjahr gerade mal 406 Euro.

Dass sich so viele Jugendliche gegen eine duale Berufsausbildung entscheiden, hat nach Ansicht des Bildungsforschers Professor Felix jedoch einen anderen Grund. In einem „Zeit“-Interview sagt er: „Bis vor Kurzem vertrat die OECD die ,College-for-all-Politik‘ – möglichst jeder sollte studieren.“ Dadurch habe der Anteil der Überqualifizierten stetig zugenommen. In Deutschland liege der Anteil „unterwertig beschäftigter Hochschulabsolventen“ bei über 30 Prozent: „Das Argument, ein Hochschulabschluss schütze vor der Arbeitslosigkeit, ist also nur vordergründig richtig.“ Seine Kritik: „Seit der Bologna-Reform sind hanebüchene Micky-Maus-Berufsbilder entstanden. Denken Sie an ,Business Administration für Apotheken‘ oder Ähnliches. Niemand blickt mehr durch, weder was die Inhalte angeht noch den Wert der Abschlüsse für den Arbeitsmarkt.“

Den hohen Wert von Abschlüssen einer dualen Ausbildung am Arbeitsmarkt unterstreicht Thomas Meyer, Präsident der Industrie- und Handelskammern in Nord­rhein-Westfalen (IHK NRW) und Mitglied im Ausbildungskonsens NRW: „Die Prognosen zeigen, dass in Zukunft vor allem Fachkräfte mit Aus- und Fortbildungsabschlüssen knapp werden.“ Mit Blick auf die Fachkräfteentwicklung im Land steht für die Konsenspartner deshalb die Stärkung der Attraktivität von beruflicher Bildung an erster Stelle: „Wir möchten zusammen dafür sorgen, dass auch jede Abiturientin und jeder Abiturient die berufliche Bildung als gleichwertige Alternative zum Studium wahrnimmt.“

Die Steigerung der Attraktivität der dualen Berufsausbildung ist deshalb seit dem Start der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss – Übergang Schule – Beruf in NRW“ im Jahr 2012 ein zentrales Handlungsfeld. Dazu zählen die verstärkte Einbindung von Eltern in Angebote zur beruflichen Orientierung, der Einsatz von Ausbildungsbotschafterinnen und -botschaftern in der Schule, Dialogveranstaltungen von Wirtschaft und Schule sowie Informationen zu Berufs- und Karriereperspektiven von Jugendlichen, die eine duale Ausbildung abgeschlossen haben. Das alles zeigt: Politik und Wirtschaft haben zwei Ziele – die Attraktivität und Qualität der dualen Ausbildung weiter zu steigern und zugleich das Bewusstsein zu der Bandbreite und den Möglichkeiten einer dualen Ausbildung zu erhöhen.

Neben dem „Ausbildungsprogramm NRW“, mit dem in den kommenden vier Jahren jährlich rund 1.000 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen gefördert werden sollen, sowie der Einführung eines „Azubitickets“ ist geplant, die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in Zukunft transparenter darzustellen, und NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer ergänzt: „Das Schulministerium wird sich hier mit weiteren attraktiven Bildungsangeboten einbringen, die zum Beispiel eine duale Ausbildung mit dem Erwerb des Abiturs verknüpfen.“ Und um die digitale Ausstattung an Berufskollegs zu verbessern, hat die Landesregierung den Aufruf „Fachkräfte.NRW“ geöffnet, für den sich öffentliche und freie Berufskollegs bewerben können. Für die Modernisierung der digitalen Infrastruktur stehen damit 10 Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung. Arbeitsminister Karl-Josef Laumann: „Wir müssen das Signal aussenden: Eine Ausbildung lohnt, sie ist anspruchsvoll und zukunftsfähig, sie legt den Grundstein für eine Karriere. Ohne eine moderne Ausstattung der Berufskollegs geht es nicht, wenn wir weiterhin auf unsere attraktive und wettbewerbsfähige duale Ausbildung vertrauen wollen.“

Vielfältige Aktivitäten
 

„Ausbildung und Studium“, stellt Tanja Nackmayr, Geschäftsführerin Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik im Verband „unternehmer nrw“, der Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen, im G.I.B.-Gespräch klar, sind „zwei gleichwertige Wege, die beide berufliche Perspektiven eröffnen. Man kann also nicht grundsätzlich sagen: Das eine ist besser als das andere. Jeder muss den zu ihm passenden Weg finden. Problematisch wird es, wenn eine duale Ausbildung von vornherein links liegen gelassen wird, ohne dass Jugendliche sich intensiver damit auseinandergesetzt haben. Wichtig ist, dass sie am Ende ihrer Schulzeit eine fundierte Entscheidung treffen.“

Für die Politologin Tanja Nackmayr ist „Praxisnähe das große Asset von Ausbildung“: „Ich glaube, das ist für viele junge Menschen eine tolle Erfahrung. In der Schule stellten sich viele die Frage: Warum lerne ich das eigentlich, wofür kann ich das gebrauchen, wozu ist das nützlich? In der Ausbildung bekommen sie darauf sofort eine Antwort. Hier können sie ,im echten Leben‘ etwas machen, können mit anderen im Team zusammenarbeiten, und das ist für viele junge Menschen eine Erfahrung, die sie nicht nur auf dem Bildungsweg voranbringt, sondern zugleich zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.“

Auch bei einer „genderbewussten Ausbildungsförderung“, für die Birgit Beier­ling, Referentin für Jugendsozialarbeit beim Paritätischen Gesamtverband, plädiert, geht es „nicht darum, allen das Gleiche anzubieten. Sondern es geht darum, Frauen Mut zu machen, in Berufe zu gehen, die sie für sich bisher nicht wahrgenommen haben. Genauso wie es hieße, Männern Mut zu machen, in andere Berufe zu gehen, weil sie dort vielleicht besser aufgehoben sind. Ungleiches gleich zu behandeln ist weder gerecht noch geschlechtergerecht.“ Als problematisch hat sie die schulische Ausbildung identifiziert. Oft sind es typische „Frauenberufe“ etwa im Gesundheits-, Erziehungs- und Sozial­wesen, für die vollzeitschulische Berufsausbildungen typisch sind. Einer der Nachteile ist, so Birgit Beierling, dass schulische Ausbildungen in der Regel in der Hoheit des jeweiligen Bundeslandes liegen, Berufsabschlüsse in diesem Bereich also nicht bundesweit gelten: „Ich glaube, dass viele das bei der Wahl ihrer Ausbildung gar nicht wissen.“

Das Nichtwissen über Handwerksberufe ist bei vielen Hochschulzugangsberechtigten verbreitet. Das ist keine Überraschung, denn während ihrer Zeit an den allgemeinbildenden Schulen haben sie kaum davon gehört. „Unsere Bildungsmodelle stimmen nicht, wenn die Entwicklung des manuellen Geschicks von der des Geistes getrennt wird“, kritisiert Dr. Joachim Gerd Ulrich, wissenschaftlicher Direktor im BIBB, im G.I.B.-Interview: „Was nehmen wir unseren Kindern an Chancen, wenn wir an den Schulen ein Fach ‚Manuelles/Handwerkliches Geschick’ weiter blockieren!“

Oft mit fatalen Folgen für die Berufswahlentscheidung, etwa dann, wenn sich junge Hochschulzugangsberechtigte nur deshalb für ein Studium entscheiden, weil sie die Welt der manuellen, handwerklichen Arbeit nie kennen gelernt haben und erst nach Studienbeginn erkennen, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Wenige sind das nicht. Um ihnen zu zeigen, dass auch ohne akademischen Abschluss eine erfolgreiche berufliche Karriere möglich ist, haben die Handwerkskammern in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit dem Westdeutschen Handwerkskammertag unter dem Motto „Vom Studienaussteiger zum Meisterschüler“ eine Fachstelle für Studienaussteiger gegründet. Ziel ist, Studienaussteigern und -aussteigerinnen den direkten beruflichen Anschluss zu ermöglichen, Karriere- und Aufstiegsmöglichkeiten im Handwerk aufzuzeigen und sie zu Fach- und Führungskräften auszubilden. Wichtig für sie zu wissen, dass der Meisterabschluss mit Stufe 6 des Deutschen und Europäischen Qualifikationsrahmens exakt dem Qualifikationsniveau des Bachelors entspricht.

Geradezu ausgeschlossen von einer dualen Berufsausbildung waren und sind viele Alleinerziehende. Für sie hatte Minister Karl-Josef Laumann vor zehn Jahren in Nordrhein-Westfalen das Programm „Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen“ (kurz TEP) aufgelegt. Über 6.300 Ausbildungssuchende haben bis heute an den TEP-Projekten teilgenommen, knapp 40 Prozent von ihnen haben eine Ausbildung aufgenommen.

Erfolgreich ist auch eine Ausbildungskampagne für Bottrop: „Ausbildung sichtbar machen“. Hier bieten KAoA-Netzwerkpartner Betrieben eine Plattform für ihre Angebote und bauen Jugendlichen eine Brücke in den Beruf. Sie ist Resultat einer von der G.I.B. fachlich begleiteten Workshop-Reihe, an der Vertreterinnen und Vertreter der IHK Nord Westfalen, der HWK Münster, der Agentur für Arbeit Gelsenkirchen, der Kreishandwerkerschaft Emscher-Lippe-West sowie für die Stadt Bottrop das Amt für Wirtschaftsförderung und die Kommunale Koordinierungsstelle Übergang Schule – Beruf (KoKo) teilgenommen hatten. Auf einer interaktiven Landkarte präsentieren sich heute die Ausbildungsbetriebe Bottrops – darunter die G.I.B., die schon seit vielen Jahren als Ausbilderin agiert.

Für freie Ausbildungsplätze in weniger beliebten Berufen zu werben, ist das Bestreben der Initiative „fanta 3“ im Kreis Lippe. Dazu zählen Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik sowie die Lagerlogistik. Relevante Akteure im Bildungs-, Ausbildungs- und Beschäftigungssystem, darunter die Agentur für Arbeit, Handwerkskammer OWL und die IHK Lippe haben unter anderem Berufsorientierungstouren für Lehrkräfte, Berufsberater und Fachkräfte der Berufsvorbereitung organisiert. Eine Tour umfasst einen Schultag und führt eine Gruppe mit bis zu 25 Personen in zwei bis drei Ausbildungsbetriebe. Der Erfolg war beeindruckend, sagt Dirk Menzel, Leiter der Kommunalen Koordinierungsstelle: „Innerhalb kürzester Zeit konnten wir zwei neue Berufsschulklassen füllen.“ Inzwischen wurde „fanta3“ von den ursprünglich drei Berufen auf die drei Branchen Elektro, Dienstleistung und Metall erweitert, womit deutlich mehr Berufe beworben werden – für die Jugendlichen eine größere Chance auf eine Weiterbeschäftigung in der heimischen Wirtschaft, für Unternehmen eine Möglichkeit, ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern.

Doch nicht nur Quantität, auch Qualität zählt. Dass die Digitalisierung „eine große Chance bietet, die Attraktivität der dualen Ausbildung zu erhöhen“, davon ist Tanja Nackmayr vom Verband „unternehmer nrw“ überzeugt. Ein spannendes Projekt ist in diesem Zusammenhang sicher die Lernfabrik Lippe 4.0 im „Zukunftskonzept 2025“ des Kreises Lippe.

Zur Attraktivitätssteigerung beitragen können darüber hinaus in die Ausbildung integrierte Auslandsaufenthalte. Was für viele Studierende selbstverständlich ist, ist für die meisten Auszubildenden noch Neuland. Angesichts der Internationalität der deutschen Wirtschaft und mit Blick auf die Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung gab der Deutsche Bundestag 2013 das Ziel aus, dass bis 2020 mindestens zehn Prozent der Auszubildenden Auslandserfahrungen gesammelt haben sollen. Im Jahr 2017 war der Anteil von ursprünglich drei auf immerhin 5,3 Prozent gestiegen. Das aber zeigt: Noch ist viel zu tun, damit die Attraktivität der dualen Berufsausbildung weiter steigt.

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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