Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2018 Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung Auslandsaufenthalte machen die Ausbildung attraktiver
(Heft 4/2018)
Für Studierende selbstverständlich – für Auszubildende noch Neuland

Auslandsaufenthalte machen die Ausbildung attraktiver

Was spätestens seit der Finanzkrise 2008 und der damit einhergehenden hohen Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen für viele europäische Länder als Vorbild gilt, scheint hierzulande an Attraktivität einzubüßen – die duale Berufsausbildung. Immer mehr junge Menschen verbinden Karriere, Aufstiegschancen und berufliches Prestige mit einem Studium und entscheiden sich gegen eine Ausbildung. Mittlerweile klagt nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages jedes zweite Unternehmen darüber, offene Stellen nicht längerfristig besetzen zu können. Höchste Zeit also der dualen Berufsausbildung neuen Glanz zu verleihen – das Angebot von Auslandsaufenthalten in der Ausbildung kann dazu beitragen.

Über den Tellerrand hinausblicken, in ein fremdes Land eintauchen und dessen Sprache und Kultur kennenlernen – eine Erfahrung, die sich unter Studierenden höchster Beliebtheit erfreut. Etwa 38 Prozent der Studierenden absolvieren im Laufe ihres Studiums einen Auslandsaufenthalt. Würden nur knapp halb so viele Auszubildende ins Ausland gehen, wäre für die duale Berufsausbildung schon viel erreicht, denn: Angesichts der Internationalität der deutschen Wirtschaft und im Hinblick auf die Attraktivitätssteigerung der dualen Berufsausbildung gab der Deutsche Bundestag 2013 das Ziel aus, dass bis 2020 mindestens 10 Prozent der Auszubildenden Auslandserfahrungen gesammelt haben sollen.

Laut der Mobilitätsstudie der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB) absolvierten vom Abschlussjahrgang 2017 circa 31.000 Auszubildende im Laufe ihrer Ausbildung einen Lernaufenthalt im Ausland. Das entspricht 5,3 Prozent. Ein deutlicher Anstieg im Vergleich zur Mobilitätsquote von 2007 bis 2009 (3 Prozent), aber immer noch weit entfernt von der 10-Prozent-Marke. Dennoch spricht Berthold Hübers, Teamleiter für Mobilität und Internationalisierung der Berufsbildung der NA beim BIBB, schon heute von einem Erfolg: „Natürlich definiert man einen Benchmark, um diesen auch zu erreichen. Entscheidend aber ist die symbolische Wirkung, die dahinter steckt: Es geht um die Gleichwertigkeit akademischer und beruflicher Bildung. Die Wichtigkeit der Mobilität für die Entwicklung der Berufsbildung wurde erkannt. Sollten wir bis 2020 statt der 10 Prozent nur 8 erreichen, wäre das immer noch sehr erfolgreich.“ Die aktuelle Entwicklung zeigt, dass Auslandsaufenthalte auch für Auszubildende eine reizvolle und beruflich relevante Erfahrung darstellen. Nur: Warum finden sie vergleichsweise immer noch selten statt?

Hauptsächlich weil das Angebot noch zu unbekannt ist. Hübers: „Spricht man an den Küchentischen hierzulande über die Zukunft in der beruflichen Bildung, wird wohl kaum jemand sagen: „Ich habe als Azubi die Möglichkeit ins Ausland zu gehen“. Das ist bedauerlich. Es ist die Aufgabe der beruflichen Bildung, das eigene Profil zu schärfen und seine Stärken darzustellen. Die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts ist in diesem Kontext jedoch weitestgehend unbekannt.“ Das bestätigt die aktuelle Mobilitätsstudie. Darin begründen die meisten Betriebe die Entscheidung, ihre Auszubildenden nicht ins Ausland geschickt zu haben, am häufigsten damit, dass sie über die Möglichkeit nicht informiert wurden. „Das Angebot braucht eine größere Reichweite. Dazu bedarf es jedoch eines gemeinsamen Vorgehens aller Bildungsakteure. Das betrifft uns als Nationale Agentur, aber auch Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Kultusministerien: alle können und müssen einen Beitrag dazu leis­ten“, fordert Hübers.

Seit 2015 fördert der Bund verschiedene Programme zur Mobilitätsberatung, um das Thema Auslandsaufenthalte stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Das Programm „Berufsbildung ohne Grenzen“ der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) konnte seit 2016 mehr als 14.500 Beratungen durchführen und 2.700 Auszubildende ins Ausland vermitteln. Entscheidend ist aber auch, dass die Betriebe einen klaren Nutzen in Auslandsaufenthalten erkennen und bei der Umsetzung stärker unterstützt werden.

Betriebe fordern
 

Grundsätzliche Zweifel am Nutzen von Auslandsaufenthalten für die Betriebe konnte man laut der Mobilitätsstudie abbauen. Hübers: „Die Wahrnehmung, dass nur die Auszubildenden davon profitieren, ist heute nicht mehr existent. Die Antwortmöglichkeit, dass es Betrieben und Auszubildenden nicht viel bringe, wurde von den inaktiven Betrieben nicht verwendet. Wir bezeichnen diese Betriebe daher als ‚überzeugte Zögerer‘. Sie erkennen zwar den Nutzen und sind grundsätzlich dazu bereit, ihre Auszubildenden ins Ausland zu schicken, fordern aber konkrete Unterstützungsangebote.“

Beispielsweise eine stärkere finanzielle Förderung: Damit wäre insbesondere Kleinbetrieben geholfen. Denn das Gehalt des Auszubildenden müssen die Betriebe während seines Auslandsaufenthalts weiter zahlen. Nicht nur das: Auch die fehlende Arbeitskraft muss kompensiert werden. Hübers: „Ein Handwerkslehrling zum Beispiel verfügt bereits im zweiten Lehrjahr über fundierte Kenntnisse von Maschinen, ist in betriebliche Abläufe eingebunden und kann einen Gesellen so tatkräftig unterstützen. Einem Betrieb mit zehn Mitarbeitern fällt dann eine mehrwöchige Abstinenz seines Auszubildenden stark zulasten.“ Eine Erstattung der Ausbildungsvergütung für diesen Zeitraum lehne der Bund, so Hübers, jedoch ab. Schließlich sei ein Auslandsaufenthalt eine Qualifizierungsmaßnahme und somit eine lohnende Investition der Betriebe im Rahmen der Berufsausbildung. Immerhin soll aber die individuelle Höhe und die Anzahl der Stipendien 2019 noch einmal angehoben werden. Schon heute fördert das EU-Bildungsprogramm Erasmus+ beinahe jeden zweiten Auslandsaufenthalt (48,6 Prozent).

Verbesserungsbedarf besteht zudem in der Sichtbarkeit und Zertifizierung der Lernprozesse durch einen Auslandsaufenthalt. Zwar gibt es den Europass Mobilität, der die Lernerfahrung eines bis zu vierwöchigen Auslandspraktikums in Europa dokumentiert, für mehrmonatige Aufenthalte hingegen fehlt etwas Vergleichbares. Hübers: „Bei längeren Auslandspraktika reichen den Betrieben selbst definierte Zertifikate nicht. Sie fordern eine höhere Wertigkeit.“ Beispielsweise durch den Erwerb von Zusatzqualifikationen: Einzelne Kammern bieten dies in ihrer jeweiligen Region in Kooperation mit Berufsschulen bereits an. Angehende Kaufleute können mit einem Auslands­praktikum, entsprechenden Sprachnachweisen und einer zusätzlich abgelegten Prüfung zum Beispiel die Zusatzqualifikation Asienkauffrau/-mann erwerben. Allerdings sind solche Qualifikationen nicht staatlich anerkannt. Zum Vergleich: Die akademische Bildung in Deutschland bietet 576 akkreditierte Studiengänge an, die neben einem deutschen Abschluss einen internationalen Doppelabschluss vermitteln. „Die berufliche Bildung hingegen verfügt über keine einzige bundesweit einheitliche Qualifikation, die internationale Berufskompetenz vermittelt“, sagt Hübers. Daher müsse man Zusatzqualifikationen auf systemischer Ebene einführen: Auslandsaufenthalte würden als staatlich anerkannte Zusatzqualifikation einen größeren Anreiz bei Betrieben und Auszubildenden schaffen und so die duale Berufsausbildung insgesamt attraktiver machen, so Hübers.

Mehr Hilfe wünschen sich Unternehmen auch bei der Planung und Durchführung von Auslandsaufenthalten: „Insbesondere Kleinbetrieben fehlt es an personellen und zeitlichen Ressourcen, um den bürokratischen und pädagogischen Aufwand, der beispielsweise hinter der Antragsstellung eines Auslandspraktikums steckt, zu bewältigen“, sagt Stefan Metzdorf, Projektleiter der Informations- und Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der beruflichen Bildung (IBS). Daher sorgt die IBS für die Aufbereitung des nötigen Überblickswissens und zeigt auch Zugänge zu internationalen Programmen auf, die für Kleinbetriebe realisierbar sind.

Die NA beim BIBB startete zudem 2017 das Pilotprojekt „AusbildungWeltweit“. Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt es Unternehmen und Ausbildungsverantwortliche vor allem bei der Durchführung von Auslandsaufenthalten außerhalb Europas: „Wir möchten mehr Dynamik im außereuropäischen Austausch erzeugen, da noch zu wenige Auszubildende den Schritt in die Ferne zu wichtigen wirtschaftlichen Handelspartnern wie den USA oder China wagen“, so Metzdorf. Durch persönliche Beratung unterstützt das neue Bundesprogramm ausbildende Betriebe bei der Antragstellung und beim Projektmanagement. Im Idealfall sollen die Auszubildenden nach dem Auslands­aufenthalt in den Betrieben und Berufsschulen von ihren Erfahrungen berichten und neu Erlerntes präsentieren. Metzdorf: „Zum einen erfahren so junge Leute vom Angebot eines Auslandspraktikums und zum anderen macht es den Nutzen einer solchen Erfahrung auch für die Geschäftsführung greifbar.“

Denn in der Regel haben die Auszubildenden von ihren Auslandserfahrungen viel Positives zu berichten – und die Betriebe freuen sich über gereifte Heimkehrerinnen und Heimkehrer. Dies belegt das Beispiel von Laura Inhoffen.

„Das Auslandspraktikum hat mir gezeigt, dass ich vor nichts Angst haben muss.“
 

Die 26-jährige Laura Inhoffen zog es schon nach ihrem Abitur in die Ferne. Ein Jahr lang bereiste sie verschiedene Länder und fand Freude daran, die Welt zu entdecken. Danach studierte sie zunächst Jura, entschied sich aber bald für eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement: „Ich hatte das Gefühl, mit der Ausbildung eine breitere Auswahl an Berufsmöglichkeiten zu haben“, begründet Laura ihre Entscheidung. Als sie in der Berufsschule von der Möglichkeit eines Auslandspraktikums erfuhr, fühlte sie sich in ihrer Wahl eine Ausbildung aufgenommen zu haben bestätigt. Ihre Berufsschule, das Berufskolleg an der Lindenstraße in Köln, bietet bereits seit 2006 Praktika in England und Finnland an. Jutta Nording, Projektleiterin „German Apprentices´ Training in Europe“ (GATE) und EU-Koordinatorin der Schule, stellt das Angebot den Schülerinnen und Schülern vor, beantragt über das Erasmus+-Programm GATE Fördermittel und organisiert mithilfe einer Kontaktperson vor Ort den Praktikumsplatz und eine Gastfamilie. Denn auf eigene Faust ist es schwierig, ein Praktikum im Ausland zu finden: „Der Andrang auf Praktikumsplätze in England ist groß und es gibt viele Vermittler-Organisationen vor Ort, die einen Großteil der von uns beantragten Erasmusmittel für die Vermittlung eines Praktikumsplatzes beanspruchen, sodass den Auszubildenden kaum etwas für den Aufenthalt übrig bleibt“, sagt Nording.

Lauras Ausbildungsbetrieb – der mittelständische Finanzdienstleister abcfinance – stand sofort hinter ihrem Wunsch. „Es hat immer einen positiven Effekt, wenn junge Auszubildende Auslandserfahrungen sammeln. Sie verbessern ihre Fremdsprachenkenntnisse, lernen neue Situationen mit sich ändernden Anforderungen kennen und wachsen in ihrer Persönlichkeit. Deshalb unterstützen wir unsere Azubis seit drei Jahren darin und ermöglichen pro Jahr ein bis zwei von ihnen ein Auslandspraktikum“, so die Ausbildungsleiterin Kristin Kirschbaum. Einzige Bedingung: „Wir erwarten, dass sie vor Ort erkennbare Fortschritte in der Fremdsprache machen. Daher möchten wir nicht, dass sie mit anderen Azubis aus Deutschland ein Wohnheim beziehen.“

Dies stellte sich für Laura als Bereicherung heraus. Mit ihrer englischen Gastfamilie, die sie herzlich aufnahm, steht sie noch heute in Kontakt. Das Praktikum absolvierte sie bei der Hertfordshire Chamber of Commerce im Bereich Eventmanagement. Das entspricht zwar nicht dem Schwerpunkt ihrer Ausbildung, erwies sich jedoch als „interessante Erfahrung“. Denn vom ersten Tag an wurde sie voll in die Arbeit eingebunden. In einem kleinen Team organisierte sie mit ihren englischen Kollegen eine Preisverleihung für Start-Up-Unternehmen. Laura: „Es war zwar ein Sprung ins kalte Wasser, aber das Team hat mich gut aufgenommen. Es war interessant, Gründer aus der Start-Up-Szene kennenzulernen und ich habe viel gelernt“, sagt Laura. Diese hat zwar schon in der Berufsschule Business-Englisch gelernt, es sei aber ein großer Unterschied, wenn man mit Muttersprachlern sprechen müsse. „Heute könnte ich problemlos ein Gespräch mit ausländischen Geschäftskunden führen, da ich weiß, ich kriege das hin“, freut sich Laura über ihr gewonnenes Selbstvertrauen. Und auch in ihrem Ausbildungsbetrieb bitten sie nun häufig Kollegen um Übersetzungshilfe.

Für Laura war der Auslandsaufenthalt eine hilfreiche Erfahrung: „Das Auslands­praktikum hat mir gezeigt, dass ich vor nichts Angst haben muss.“

Der positive Effekt eines Auslandsaufenthalts überwiegt auch bei Betrieben und Berufsschulen. Für beide ist es ein Imagegewinn: Betriebe macht es attraktiver für junge Menschen, die vor der Entscheidung zwischen Studium und dualer Ausbildung stehen, und es stärkt die interkulturellen, sprachlichen und persönlichen Kompetenzen ihrer Mitarbeitenden. Berufsschulen steigern ihre Attraktivität für Ausbildungsbetriebe. „Wir werben aktiv mit unserem Auslandsangebot und stoßen auf große Resonanz bei Betrieben“, bestätigt Nording, mahnt aber auch an, dass der Erwerb von fachlichen Qualifikationen durch ein Auslandspraktikum noch ausbaufähig sei. Hierzu müssten die Angebote besser auf Schulen und Betriebe zugeschnitten sein. Oder Betriebe entwickeln gleich eigene Qualifizierungsmaßnahmen. Metzdorf: „Betriebe könnten in Kooperation mit Mobilitätsberatern ein Auslandspraktikum als spezifische Qualifizierungsmaßnahme ausgestalten. Dabei wäre die Selbstorganisation des Aufenthalts schon ein Aspekt. Eine detaillierte Beschreibung der Arbeits- und Lernprozesse und eine abschließende Evaluation der Qualifizierungswirkungen würden die Qualifizierungsmaßnahme abschließen.“

Für die Zukunft besteht also noch viel Gestaltungsspielraum. Fest steht aber schon heute, dass in einer globalisierten Arbeitswelt Arbeitsplätze internationale Kompetenzen erfordern. Das trifft insbesondere für die Exportnation Deutschland zu, in der jeder vierte Arbeitsplatz vom Export abhängt und bei über 50 Prozent der Arbeitsplätze mit Berufsausbildung Fremdsprachenkenntnisse vorausgesetzt werden. „Internationale Mobilität ist die Voraussetzung für den Arbeitsmarkt von morgen. Es muss eine Mobilitätskultur entstehen, in der für Studium und duale Berufsausbildung gleiches gilt“, sagt Hübers. Schließlich sollen an deutschen Küchentischen zukünftig Auslandsaufenthalte in der Berufsausbildung nichts Exotisches mehr sein, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Kontakte

Nationale Agentur beim
Bundesinstitut für Berufsbildung
Berthold Hübers
Tel.: 0228 1071657
huebers@bibb.de
www.na-bibb.de
www.machmehrausdeinerausbildung.de

Informations- und Beratungsstelle
für Auslandsaufenthalte in der
beruflichen Bildung
Stefan Metzdorf
Tel.: 0228 1071062
metzdorf@bibb.de
www.go-ibs.de

Berufskolleg an der Lindenstraße
Jutta Nording
Tel.: 0221 921689-0
nording@bkal.de

Abcfinance
Kristin Kirschbaum
Tel.: 0221 57908-9668
Kristin.kirschbaum@abcfinance.de

Laura Inhoffen
laurainhoffen@aol.com

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
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