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(Heft 4/2018)
Premiere für das Berufsorientierungsformat „Zukunft sichtbar machen“ im U25-Bereich des Kölner Jobcenters

Auf der Drehleiter in die Zukunft geschaut

700 Kölner Jugendliche und junge Erwachsene hatten Ende September in Köln die Chance, sich einen Einblick in verschiedene Berufsfelder und die Arbeitswelt 4.0 zu verschaffen. „Zukunft sichtbar machen“ hieß die Veranstaltung, die das Jobcenter in Partnerschaft mit dem Jugendamt der Stadt Köln und der Agentur für Arbeit Köln auf die Beine gestellt hatte. 35 Betriebe, Innungen, Vereine und Kammern präsentierten sich bei dem Event.

Die Feuerwehr war am 26. September 2018 auf dem Wiener Platz in Köln-Mülheim unmittelbar vor dem Standort des Geschäftsbereichs U25 des Jobcenters im Einsatz. Ein Leiterwagen und mehrere andere Rettungs-Fahrzeuge traten in Aktion. Ausnahmsweise waren Schaulustige ausdrücklich erwünscht, denn es galt nicht, einen Brand zu bekämpfen oder Personen in Not zu retten, es galt, jungen Menschen im Rahmen der Berufsorientierungsveranstaltung „Zukunft sichtbar machen“ einen Blick in eine mögliche berufliche Zukunft bei der Feuerwehr zu ermöglichen. Und das ganz praktisch. Denn die Jugendlichen konnten – natürlich gut gesichert – auf der voll ausgefahrenen Drehleiter in schwindelnde Höhe steigen, Rettungswagen inspizieren oder auch die Einsatzkräfte zu ihrem Beruf befragen.

Ein Eindruck vom Feuerwehrdienst aus erster Hand also und gleichzeitig auch ein Hingucker für die Veranstaltung, die an diesem Tag auf dem Wiener Platz und im benachbarten U25-Bereich des Jobcenters stattfand und noch zahlreiche andere Einblicke und Ausprobiermöglichkeiten in verschiedensten Berufsfeldern bot.

So waren etwa verschiedene Handwerke durch ihre Innungen vertreten, die Kölner Jugendwerkstatt mit den Bereichen Metall, Tischler, Maler, Friseur, Visagist und Gastronomie, ein Sanitätshaus, die Genossenschaft der Kölner Friedhofsgärtner und auch Ford, um nur einige zu nennen. Ein wichtiger Aspekt dabei: die Digitalisierung, die das Bild vieler Berufe hin zu Arbeit 4.0 verändert. Dazu gab es Serviceangebote für die Jugendlichen wie einen Bewerbungscheck inklusive Bewerbungsfotos und die Berufsberatung der Agentur für Arbeit. Außerdem hatten sie die Gelegenheit sich Vorträge der IHK zu den Themen „Start in die duale Ausbildung 4.0“, „Berufswelt 4.0“ und „Karriere mit Lehre“ oder des Berufsförderungswerks der Bauindustrie NRW zum Thema „Wege in Ausbildung in der Bauindustrie – Veränderungen im Berufsbild Bau und Einfluss der Digitalisierung auf die Branche“ anzuhören.

„Das Interesse junger Menschen für eine Ausbildung wecken, Berufsbilder erlebbar machen – der Ansatz von ‚Zukunft sichtbar machen‘ war, dass wir den Jugendlichen nicht nur etwas erzählen, sondern dass wir ihnen die Möglichkeit geben wollten, sich verschiedene Berufe anzugucken und sich selbst auszuprobieren“, sagt Birgit Jung, Mitglied der Geschäftsführung Jobcenter Köln.

Gemeinsam hatten die Agentur für Arbeit, das Amt für Kinder, Jugend, Familie und das Jobcenter Köln den Aktionstag initiiert und ein knappes Jahr Vorbereitungszeit investiert. Zwar gibt es seit längerer Zeit einen Kooperationsvertrag und auch eine enge Zusammenarbeit zwischen den drei Institutionen, es war aber das erste Mal, dass sie sich für ein solch öffentliches Event zusammengetan hatten. Die Kooperation mache Sinn und habe Perspektive findet Stephan Glaremin, der Leiter des Jugendamtes: „Neben dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit macht das Jugendamt im Rechtskreis SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) viele Angebote an die Jugendlichen. Wir haben unterschiedliche Aufträge, aber auch gemeinsame Problemlagen und Angebote – und vor allem eine gemeinsame Zielgruppe. Dem Jugendlichen ist es vollkommen egal, wer für ihn zuständig ist. Indem wir hier deren Anliegen noch vor die Frage der Zuständigkeit setzen, sind wir als Teamplayer effizienter. Wir müssen den Jugendlichen klarmachen: egal wo du hinkommst, wir helfen dir und nennen dir bei Bedarf den richtigen Ansprechpartner. Davon sollen die Jugendlichen auch bei ‚Zukunft sichtbar machen‘ profitieren.“

Gute Berufsorientierung wirkt nachhaltig positiv
 

Das tun sie vor allem dann, wenn ihnen der direkte Übergang in eine Ausbildung oder ein Studium gelingt. Der Schlüssel dazu ist eine möglichst frühe und praxisnahe berufliche Orientierung, wie sie in NRW mit der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ ab der Klasse 8 landesweit für alle Schülerinnen und Schüler umgesetzt wird. „Die zentrale Fragestellung lautet: Wie können wir junge Menschen vermehrt für eine Ausbildung interessieren? Das Angebot ,Zukunft sichtbar machen‘ soll den Schülern Möglichkeiten bieten, sich ungezwungen vor Ort auszuprobieren und sich nicht erst nach dem Abschluss zu orientieren“, erklärt Mitinitiatorin Birgit Jung.

Daher schrieb das beim Jobcenter für die Veranstaltung eingerichtete Projektbüro im Vorfeld der Veranstaltung in Zusammenarbeit mit der Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit allgemeinbildende Kölner Schulen aller Schulformen an. Und zwar so frühzeitig, dass der Besuch im Unterricht vorbereitet werden konnte. „Es stellte sich heraus, dass das Interesse groß war“, berichtet Melanie Werner von der Projektleitung beim Jobcenter. „Wir mussten die Teilnehmerzahl bei diesem Pilot-Event aus Platz- und Sicherheitsgründen am Vor- und Nachmittag auf je 350 Personen begrenzen.“

Der Kontakt zu den Ausstellern wurde über den gemeinsamen Arbeitgeber-Service von Jobcenter und Agentur für Arbeit hergestellt. „Wir haben dann 35 Unternehmen und Institutionen ausgewählt, die für uns am überzeugendsten Zukunft sichtbar und Berufe haptisch erlebbar machen konnten“, erklärt Sarah Fuhrmann von der Projektleitung.

Berufsorientierung mit Spaßfaktor, ungezwungene Begegnungen mit Auszubildenden und Profis, die über ihre Berufe nicht nur sprechen, sondern sie auch zeigen, Schwellenangst vor dem Besuch des Jobcenters abbauen – das sind die Stichworte, die den Ansatz der Kölner Veranstaltung beschreiben, dazu noch Beraterinnen und Berater verschiedener Institutionen, die den Schreibtisch verlassen und in einem lockereren Umfeld auf die Jugendlichen zugehen. „Was in welchem Beruf steckt, kann am Schreibtisch nicht immer transportiert werden“, sagt Johannes Klapper, Vorsitzender der Geschäftsführung der Kölner Agentur für Arbeit. „Die Vorstellungen, die Jugendliche von manchen Berufen haben, stammen oft aus dem Bekanntenkreis. Aber die Berufe – gerade auch im Handwerk – verändern sich vor allem durch die Digitalisierung im Moment sehr schnell. Das heißt die Informationen zu den Berufsfeldern, die die Jugendlichen aus dem Bekanntenkreis oder über die Eltern bekommen, sind oft überholt.“

„Zukunft sichtbar machen“ ist also durchaus doppeldeutig zu verstehen: zum einen den Teilnehmenden eine mögliche persönliche berufliche Zukunft im Rahmen einer Ausbildung aufzeigen, zum anderen aber auch, die Berufsbilder, die sich besonders durch die Digitalisierung rasant entwickeln, aktualisieren und erlebbar machen.

Eine frühe berufliche Orientierung trage dazu bei, Fehlentscheidungen zu vermeiden, sagt Johannes Klapper. Sie wirke sich nachhaltig positiv auf die Berufslaufbahn und somit auch auf den Arbeitsmarkt aus. „Wir erreichen, dass Jugendliche nicht nur vagen Berufsideen und Wünschen nachhängen, sondern sie auch prüfen können: auf Eignung und Realisierbarkeit. Die Jugendlichen können bei der Veranstaltung mit Auszubildenden dieser Berufe sozusagen auf Augenhöhe Gespräche führen. Das ist eine gute Grundlage, um Berührungsängste abzubauen.“

Neuer Anstoß für arbeitslose Jugendliche
 

Die Veranstaltung war zweigeteilt. Am Vormittag hatte das Jobcenter rund 350 Schülerinnen und Schüler aller allgemeinbildenden Kölner Schulen eingeladen. Der Nachmittag gehörte dann 350 Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Integrationsfachkräfte und Berufsberater des Jobcenters, der Agentur für Arbeit und des Jugendamtes gezielt aus der Zielgruppe U25 ausgewählt hatten, sprich: Jugendliche, die im Moment noch ohne Ausbildung sind und Leistungen aus dem SGB II beziehen1, genau die Zielgruppe also, bei denen sich zwischen Schule und beruflichem Weg eine Lücke aufgetan hat. „Das ist eine Gruppe, von der wir sagen: es ist gut, hier nochmal einen Anstoß zu geben“, sagt Stephan Glaremin. „Diese Jugendlichen gehen in der Regel nicht von allein zu einer Jobmesse, weil für sie auch da die Schwellenangst zu hoch ist. Wir können sie in dem System nicht allein lassen. Gerade für diese jungen Menschen müssen wir Begleiter sein, die sie an die Hand nehmen und einen niedrigschwelligen Zugang in lockerer Atmosphäre schaffen – ich denke, das ist uns hier ganz gut gelungen.“

Das lag auch an den 15 Event-Guides, die den Jugendlichen als Ansprechpartner zur Verfügung standen und die auch von sich aus auf Jugendliche zugingen, wenn sie eine gewisse Ratlosigkeit bei ihnen bemerkten. Die leicht an ihrem grünen, mit dem „Zukunft-sichtbar-machen-Logo“ versehenen T-Shirt erkennbaren Event-Guides rekrutierten sich aus – zumeist jungen – Jobcenter-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern. Sie erhielten auf den Feedback-Postkarten, die die Besucherinnen und Besucher des Events ausfüllen konnten, gute Noten. Und das nicht nur von den Jugendlichen, sondern auch von den Lehrerinnen und Lehrern, die sie zu der Veranstaltung begleiteten.

Auch der Erlebnis-Charakter von „Zukunft sichtbar machen“ wurde lobend erwähnt. Denn beim Bummel zwischen den zahlreichen Ständen gab es einiges zu entdecken und auszuprobieren: sägen, malen, schrauben, löten, mit Friseurbürste und Fön hantieren oder mit einer VR-Brille virtuell Berufe wie zum Beispiel den des Friedhofgärtners erkunden.

Oder eine App aufs eigene Handy runterladen, mit der die Ausbildungssuche erleichtert wird: „Ausbildungssuche, die Spaß macht!“, wirbt das Unternehmen TalentHero, das ebenfalls mit einem Stand vertreten war. Die App ermögliche es Jugendlichen, sich in 10 Minuten zu bewerben – umfassend, intuitiv und mobil. Jeder Jugendliche finde damit seinen Ausbildungsplatz und jedes Unternehmen die passenden Talente, verspricht das Unternehmen. Eine Ausbildungsplatzsuche und Bewerbung per App – sicher eine gute Idee für die Zielgruppe der „digital natives“, der Generation also, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist. Zumal zu dem Angebot auch ein Orientierungscheck gehört: Anhand ihrer Interessen sollen die Jugendlichen damit herausfinden können, welcher Beruf zu ihnen passt. Mit nur wenigen Klicks führt die App dann weiter zu verfügbaren passenden Ausbildungsplätzen in der Nähe, und auch eine vollständige professionell gestaltete Bewerbungsmappe lässt sich damit anlegen, inklusive Lebenslauf, gescannten Zeugnissen usw. Der Stand konnte über mangelnden Zuspruch nicht klagen und repräsentierte einen weiteren Aspekt des Themas „Digitalisierung“.

Unbekannte Berufe entdecken
 

Ein Ziel der Veranstaltung war es auch, Berufe, die bisher nicht unbedingt oben auf der Beliebtheitsskala der Jugendlichen zu finden sind, mehr ins Bewusstsein zu rücken. Darunter zum Beispiel die Berufe in der Bauwirtschaft. Auch in dieser Branche ist die Zeit nicht stehen geblieben. Wer hätte etwa gedacht, dass schon erste Häuser komplett im 3D-Druckverfahren hergestellt werden? Genau ein solcher Drucker – natürlich im Kleinformat – machte denn auch am Stand des Berufsförderungswerks der Bauindustrie NRW auf die Bauwirtschaft aufmerksam. Stefan Roeder, Mitarbeiter des Berufsförderungswerks, wurde in zahlreichen Gesprächen mit Jugendlichen nicht müde, das Image der Bauwirtschaft zu entstauben. „Es werden heute nicht nur die Bauelemente für komplette Häuser im 3D-Drucker hergestellt und dann vor Ort passgenau zusammengesetzt, es gibt zum Beispiel auch GPS-gesteuerte Bagger, die zentimetergenau Bordsteine setzen – der Baugeräteführer fungiert als Steuerer und Kontrolleur. Oder es werden Vermessungsdaten an Baugeräte übertragen, die mit diesen dann weiterarbeiten. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die man, wenn man an die Bauberufe denkt, vielleicht erstmal nicht auf dem Schirm hat.“ Heute seien Bauleiter häufig schon mit dem Tablet unterwegs, in Zukunft könnte das auch auf den Facharbeiter zutreffen, glaubt Stefan Roeder. Wobei der Beruf des Bauleiters gleichzeitig auch eine berufliche Aufstiegsmöglichkeit für einen Facharbeiter im Bauwesen darstelle. Auch über andere mögliche Karriereschritte nach der Ausbildung wie etwa ein anschließendes Bauingenieur- oder Energie- und Gebäudetechnik-Studium informierte Stefan Roeder an dem Stand. Darüber hinaus war der Einstieg in die Bauwirtschaft über ein duales Studium ein Thema.

Er glaubt, dass die Bauberufe durch die fortschrittlichen Technologien in Zukunft wieder attraktiver für Nachwuchskräfte werden könnten. Und auch die Bezahlung sei ein gutes Argument, eine Ausbildung in der Branche in Erwägung zu ziehen. „Die Ausbildungsvergütungen in der Baubranche gehören zu den höchsten in Deutschland. 850 Euro im ersten Ausbildungsjahr, 1.200 im zweiten und 1.475 im dritten, ca. 2.800 Euro Einstiegsgehalt (gem. aktuellem Tarif von 17,87 €/Stunde) nach der Ausbildung – das macht die Berufe für die Jugendlichen zusätzlich interessant. Und das alles kann ich mit dem Hauptschulabschluss erreichen.“ Dass das Argument gute Ausbildungsvergütung durchaus zieht, bestätigten zum Beispiel Sezgin und Salem, zwei Realschüler, die sich am Stand bei Stefan Roeder über die Bauberufe informierten. „Ein Bauberuf kommt für mich schon in Betracht“, sagt Sezgin. „Von der guten Bezahlung wusste ich vorher nichts.“

Bestimmte Bauberufe wie etwa der des Rohrleitungsbauers, ein anspruchsvoller Beruf, für den ein großer Bedarf bestehe und den bisher in NRW nur rund 50 junge Menschen pro Jahr erlernen, seien bisher fast vollkommen unbekannt, machte Stefan Roeder deutlich. Voraussetzung für eine verbesserte Nachwuchssituation sei aber, dass die Digitalisierung auch in die Darstellung der Berufsbilder Einzug halte, und die neuen Möglichkeiten für die Jugendlichen sichtbar werden.

So wie bei der Kölner Veranstaltung. Dort war das Interesse der Jugendlichen an dem Stand der Bauwirtschaft gut. „Ich muss sagen: der 3D-Drucker hat sich bezahlt gemacht“, stellte Stefan Roeder fest. „Er gibt Anlass für Gespräche. Die Augen der Jugendlichen werden groß, wenn man klar macht, dass man mit dem Verfahren heute schon ganze Häuser bauen kann.“ Die gesamte Veranstaltung bewertet Stefan Roe­der sehr positiv. Nicht nur die Gespräche mit den Jugendlichen, auch Kontakte zu Mitarbeitenden der Arbeitsagentur und des Jobcenters sowie mit Lehrkräften, die als Multiplikatoren zur Attraktivitätssteigerung der Bauberufe dienen könnten, seien für ihn sehr wertvoll gewesen.

Ein anderer eher unbekannter Beruf ist der des Orthopädietechnik-Mechanikers. Am Stand der Malzkorn Orthopädietechnik, eines Kölner Traditionsunternehmens, war Vincent Phillipek der Ansprechpartner für die Besucherinnen und Besucher. Er hat selbst erst im Sommer seine Ausbildung als Orthopädietechnik-Mechaniker abgeschlossen und konnte den Jugendlichen so aus allererster Hand berichten, was sie erwartet, wenn sie sich für den Beruf entscheiden. Hingucker am Stand waren Hightech-Knieprothesen, die so manche Blicke der Jugendlichen auf sich zogen. „Was ist das hier?“, fragten zum Beispiel zwei Schüler der 10. Klasse einer Realschule, die sich keinen rechten Reim auf die Ausstellungsstücke machen konnten. Vincent Phillipek, selbst ehemaliger Realschüler, erläuterte dann die Palette an Produkten, die in der Orthopädie-Technik hergestellt werden, von der Schuh-Einlage bis zum kompletten Beinersatz, und machte deutlich, dass es nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch menschliches Einfühlungsvermögen braucht, wenn man die Kunden zufriedenstellen möchte. „Die kleine Prothese gehörte einem Kind, das jetzt zu groß dafür geworden ist. Die große ist schon ein High-Tech-Produkt, mit Bewegungssensor“, erklärte er den beiden Schülern weiter, die dann auch erstaunt waren, dass das ausgestellte Stück mit etwa 25.000 Euro zu Buche schlägt. Gerade der Aspekt Digitalisierung schien den Schülern wichtig. Auf ihre Frage „Habt ihr auch etwas mit Computern zu tun?“, konnte Vincent Phillipek mit einem glatten Ja antworten. Abdrücke von Füßen würden zum Beispiel entweder eingescannt oder direkt mit einem Laser-Scanner hergestellt und anschließend als 3D-Modell am PC weiter bearbeitet, erläuterte er. Und auch in der Orthopädietechnik kämen schon 3D-Drucker zum Einsatz. Die Begründung für die Frage lieferte einer der Realschüler gleich mit: „Ich finde schon, dass es ein moderner Job sein sollte“, sagte er. „Man hat immer mehr mit Computern zu tun und ein Beruf mit Computerarbeit ist ein sicherer Arbeitsplatz.“

Das sei die Orthopädietechnik aber sowieso, Orthopädietechnik-Mechaniker seien gesucht, gab Vincent Phillipek den Interessenten mit auf den Weg.

Das trifft auch auf Feuerwehrleute zu, wie Jens Müller, Wachabteilungsführer der Feuer­wache Köln-Mülheim, unten auf dem Wiener Platz bestätigen konnte. Nicht umsonst war seine Wache mit ihren Fahrzeugen zu diesem besonderen Einsatz ausgerückt. Die Feuerwehr müsse schon Anstrengungen unternehmen, um genügend Bewerberinnen und Bewerber zu rekrutieren. Rund 100 Männer und Frauen fangen pro Jahr in Köln mit der Ausbildung zum Brandmeister/zur Brandmeisterin an, die anderthalb Jahre dauert. Es handelt sich allerdings um eine Zusatz-Ausbildung, die auf einen zuvor erlernten handwerklichen oder medizinischen Beruf aufsattelt. „Das kann der Tischler sein, der Schlosser, die Krankenpflegerin oder auch die Notfallsanitäterin“, erklärte Jens Müller. „Aber nicht jeder, der sich bewirbt, ist letztendlich auch geeignet. Körperliche Fitness spielt zum Beispiel ein große Rolle.“

Der Vorteil der Veranstaltung sei der direkte Kontakt zu potenziellen Bewerbern, auch wenn das für die Schülerinnen und Schüler nach einer anderen Ausbildung dann erst der nächste berufliche Schritt sein könne. „Aber wir wollen bei den jungen Menschen, die eventuell in drei Jahren für eine Ausbildung bei der Feuerwehr infrage kommen, schon einen Grundstein legen und ihnen perspektivisch vermitteln: Feuerwehrmann ist ein guter Beruf“, so Jens Müller.

Ein direkter Einstieg bei der Feuerwehr ist aber ebenfalls möglich und zwar in eine dreijährige Notfallsanitäter-Ausbildung. Rund 20 junge Menschen münden pro Jahr in diese Ausbildung bei der Kölner Feuerwehr ein. Voraussetzung ist ein Realschulabschluss und ein Mindestalter von 18 Jahren. Die Ausbildungsvergütung und das Einstiegsgehalt sind ebenfalls attraktiv. Im ersten Ausbildungsjahr werden 1.040 Euro brutto gezahlt, im dritten 1.200 Euro und das anschließende Gehalt liegt bei 2.800 Euro.

Auch wenn die Jugendlichen also auf der Drehleiter der Feuerwehr schon mal tes­ten konnten, ob sie denn schwindelfrei sind, der Beruf Brandmeister kommt für die meisten wohl erst in fernerer Zukunft, nämlich nach einer abgeschlossenen anderen Ausbildung, infrage. Allerdings seien Jugendliche, die schon konkret einen Beruf ins Auge gefasst hätten, eher selten unter den Besucherinnen und Besuchern der Messe, stellte Vincent Phillipek fest. Er schätzte, dass rund 90 Prozent seiner Gesprächspartnerinnen und -partner bei der Veranstaltung noch nicht wussten, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen.

Das war nicht unbedingt zu erwarten, handelt es sich doch größtenteils um Jugendliche, die sich kurz vor Abschluss ihrer Schulkarriere befinden und schon verschiedene Berufsorientierungsschritte durchlaufen haben sollten. Das macht deutlich: Veranstaltungen wie „Zukunft sichtbar machen“ sind wichtig. Und so ist es eine gute Nachricht, dass das Format „Zukunft sichtbar machen“, nachdem sich das Pilot-Projekt als erfolgreich herausgestellt hat, fortgeführt wird. Die Planungen für die Nachfolgeveranstaltung, die 2019 wahrscheinlich wieder nach den großen Ferien am gleichen Standort stattfinden wird, laufen Ende des Jahres an.


1 Aktuell sind knapp unter 3.300 Kölner Jugendliche unter 25 Jahre arbeitslos gemeldet.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

Kontakte

Melanie Werner/Sarah Fuhrmann
Jobcenter Köln, Projektleitung
„Zukunft sichtbar machen“
Tel.: 0221 6900-9250/-9349
Jobcenter-Koeln.Zukunft-sichtbar-machen@jobcenter-ge.de

 

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