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(Heft 4/2018)
Interview mit Birgit Beierling (Der Paritätische Gesamtverband)

„Ungleiches gleich zu behandeln ist nicht gerecht“

Als Birgit Beierling im September 2017 zur Bundestagswahl ihr „Plädoyer für eine genderbewusste Ausbildungsförderung“ veröffentlichte, hatte das einigen Nachhall. Das Plädoyer der Referentin für Jugendsozialarbeit bei dem Paritätischen Gesamtverband und zurzeit auch Sprecherin des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit spricht eine Reihe von ungelösten Problemen an. Zum Beispiel geht es um die Frage, warum Menschen, die sich für eine schulische Ausbildung entscheiden, nach wie vor gegenüber denen, die eine duale Ausbildung wählen, benachteiligt werden. – Wir haben mit Birgit Beierling gesprochen.

G.I.B.: Sie haben ein Plädoyer für eine genderbewusstere Ausbildungsförderung verfasst. Was meinen Sie genau mit „genderbewusst“?

Birgit Beierling: Mir geht es darum, dass wir auch bei der Diskussion um Ausbildungsförderung zur Kenntnis nehmen, dass die Berufswahl geschlechtsspezifisch eingeschränkt wird. Das fängt schon bei der Berufsorientierung an. Man muss eine individuelle Berufsorientierung so gestalten, dass man auf die Ressourcen und Wünsche der einzelnen Jugendlichen schaut. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen anhand ihrer Kompetenzen einen Beruf auswählen können. Sonst besteht die Gefahr, sich in typischen gesellschaftlichen Vorstellungen und den Erwartungshaltungen der Jugendlichen wiederzufinden. Junge Frauen scheinen bei der Berufswahl immer vorauszudenken, dass irgendwann Familie und Beruf vereinbart werden müssen. Das wirkt sich zum einen auf die Berufsbereiche aus, in denen sie ihren Beruf wählen: es sind oft solche, die man möglichst auch in der Familie anwenden kann. Zum anderen wirkt es sich finanziell aus: Junge Frauen scheinen eher bereit zu sein, auf finanzielle Perspektiven zu verzichten – möglicherweise, weil ihre Idee nicht darin besteht, mit dem gewählten Beruf ihr Leben alleine zu finanzieren.

Es geht mir mit dem Begriff „genderbewusst“ also um das Wissen um die geschlechtsspezifische Berufswahl und ihre Folgen und damit um eine Berufswahlunterstützung, die die geschlechtsspezifische Lebenswelt der Jugendlichen wahrnimmt. Es geht nicht darum, allen das Gleiche anzubieten. Sondern es geht tatsächlich darum, Frauen Mut zu machen, in Berufe zu gehen, die sie für sich bisher nicht wahrgenommen haben. Genauso wie es hieße, Männern Mut zu machen, in andere Berufe zu gehen, weil sie dort vielleicht besser aufgehoben sind. Ungleiches gleich zu behandeln ist weder gerecht noch geschlechtergerecht.

G.I.B.: Jetzt gibt es in Nordrhein-Westfalen die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Im Rahmen dieser Landesinitiative setzt in den Schulen ab der 8. Klasse die Berufsorientierung ein. Die geschlechtersensible Umsetzung der beruflichen Orientierung ist ein Querschnittsziel, das verfolgt wird. Wird KAoA ausreichend genderbewusst umgesetzt?

Birgit Beierling: Die Bemühungen in der Vergangenheit – und das zeigt auch das Beispiel NRW –, bestanden im Grunde darin, den Übergang Schule – Beruf zu ermöglichen, also die Abläufe aufeinander abzustimmen und möglichst jedem einzelnen Jugendlichen das Gleiche in der Berufsorientierung zuteilwerden zu lassen. Damit hat das Auseinandersetzen mit der Berufswahl einen hohen Stellenwert erhalten. Ich glaube aber, dass wir umschwenken müssen in eine stärker individualisierte Berufsorientierung. Wir stellen ja auch fest, dass trotz aller Systematisierung viele junge Leute nach der Schule nicht wirklich wissen, was sie werden wollen.

Ich denke also, dass wir in Zukunft wesentlich stärker auf die Einzelne oder den Einzelnen schauen müssen. Wenn wir jetzt bei der genderbewussten Berufsorientierung bleiben, würde das bedeuten, dass man einer jungen Frau, die sich für die „typisch weiblichen“ Berufe interessiert und diese Orientierung selber mitbringt, dies nicht als gesetzten Rahmen stehen lässt. Sondern man müsste als ersten Schritt in der Berufsorientierung viel mehr Mut machen, auf die eigenen Ressourcen und Kompetenzen genauso wie die eigenen Interessen zu schauen und damit die Berufswahlmöglichkeiten zu erweitern. Ich glaube nicht, dass man das durch eine systematische Vorgehensweise abfedern kann oder dass ein Girl´s day oder Boy’s day das Problem auflöst, nur weil es dadurch einen Blick in eine andere Branche gibt, die vielleicht nicht so üblich für das jeweilige Geschlecht ist. Wir haben beispielsweise in den Kitas und Grundschulen kaum Männer. Umgekehrt trifft das auch bei jungen Frauen in Bezug auf die typischen Männerberufe in der Industrie zu. Die Jugendlichen kommen einfach nicht auf die Idee, dass sie auch einen ganz anderen Beruf ergreifen können. Die Realitäten sind einfach nicht so.

G.I.B.: Ist es immer noch die „Schere im Kopf“, die die Jugendlichen hindert, sich anders als in tradierten Mustern zu orientieren?

Birgit Beierling: Unsere Wünsche und Vorstellungen entwickeln sich ja auch an dem, was wir um uns herum erleben. In typischen Männerberufen erlebe ich im Wesentlichen männliche Arbeitnehmer. Dann kommt man eventuell zu dem Schluss, dass körperliche Stärke vorhanden sein muss, da beispielsweise schwere Dinge getragen werden müssen. Man kommt gar nicht auf die Idee zu prüfen, ob das wirklich notwendig ist oder es vielleicht längst Hilfsmittel gibt, die es weitgehend unnötig machen, diese Dinge selber zu tragen. In der Kranken- und Altenpflege haben wir doch überwiegend Frauen, die eine schwere körperliche Arbeit leisten. Das Gleiche gilt für Erzieherinnen, die oft Kinder tragen müssen. Kein Mensch kommt auf die Idee, dass eine Frau sowas nicht könnte.

Ich versuche es einmal so auszudrücken: Wir haben Bilder im Kopf, die nicht mehr hinterfragt werden und die dann Einstellungen prägen. Ich bin davon überzeugt, dass vieles einfach nur aus der Geschichte begründet ist. Es hat eine Tradition, dass alles, was mit Personenfürsorge zu tun hat – vom Erzieherinnenberuf bis hin zu allen Gesundheitsberufen –, Frauenberufe sind, auch wenn damit schwere körperliche Anstrengungen verbunden sind.

Was die Frauen für meine Begriffe in diesen „typisch weiblichen“ Berufen immer einholt, ist, dass diese Berufe schlecht bezahlt werden, dass die Rahmenbedingungen nicht vergleichbar sind mit männertypischen Berufen und dass sie deshalb auch Frauenberufe bleiben.

G.I.B.: Wie könnte man die von Ihnen angemahnte individuellere Berufsorientierung umsetzen?

Birgit Beierling: Die Jugendlichen müssten ein interessiertes Gegenüber haben, das mit ihnen gemeinsam überlegt, was sie gut können, wo ihre Interessen, ihre Fähigkeiten liegen. Ich stelle schon fest, dass viele junge Leute dort ein Praktikum machen, wo es am einfachsten ist, eines zu bekommen. Das hat oft wenig mit den eigenen Interessen zu tun. Grundsätzlich, finde ich, muss man sich darüber klarwerden: was kann ich gut, was mach ich gerne und in welchen Berufen kann ich das anwenden? Eine individualisierte Berufsorientierung funktioniert also nicht so, dass man jemandem zehn Berufe vorstellt, sondern indem man sich den einzelnen Menschen anschaut. Es gibt vieles, was man im schulischen Zusammenhang oder im familiären Kontext an Kindern und Jugendlichen beobachten kann und Hinweise auf Kompetenzen und Fähigkeiten gibt, die beruflich anwendbar wären.

G.I.B.: Es bräuchte also zum Beispiel ein sehr intensives Beratungsgespräch mit jemandem, der in der Lage ist, die Schülerin oder den Schüler anzuregen, sich selbst zu reflektieren. Kann eine Lehrkraft das leisten?

Birgit Beierling: Er bräuchte dafür auf jeden Fall ausreichend Zeit und berufspädagogische Vorbildung, um das dann auch mit den Schülerinnen und Schülern tun zu können. Die Lehrkraft ist manchmal nicht die schlechteste Person dafür. Oft findet die Reflexion über Interessen und Möglichkeiten der Jugendlichen im Übergang in den Beruf auch in der Familie statt, aber es gibt zunehmend Jugendliche, die diese Art der Unterstützung in der Familie nicht haben, weil die Eltern es nicht können, es nicht wissen und sich auch nicht gut genug im Bildungssystem auskennen. Spätestens in diesen Fällen brauchen wir Menschen, die das ersatzweise tun. Wir brauchen „Kümmerer“. Ob das ein Lehrer oder eine Lehrerin sein kann, hängt davon ab, wie vertrauensvoll die Beziehung zu dem oder der Jugendlichen ist und ob sich die Lehrkraft mit Berufen auskennt.

G.I.B.: Sie sagen, vielen Frauen bleibe der Zugang zu einer betrieblichen Ausbildung verschlossen. Wenn wir es noch einmal von der anderen Seite aus betrachten: Heißt das auch, dass – obwohl es ja das Gleichstellungsgesetz gibt, das auch etwa bei Stellenausschreibungen greift, – Unternehmen das auf dem Papier zwar beachten, eigentlich aber immer noch in den sogenannten Männerberufen Männer bevorzugen und in Frauenberufen Frauen?

Birgit Beierling: Wahrscheinlich kommt immer beides zusammen. Ich glaube, dass die Initiative der Jugendlichen in geschlechteruntypischen Berufen zu landen, schon eher gering ist. Ich glaube aber auch, dass es nicht so ganz einfach ist, in diesen untypischen Berufsbereichen zu bestehen. Das stellt eine hohe Anforderung an die einzelne Person, die dann die Ausnahme ist. Denn die muss sich zurechtfinden und durchsetzen. Es geht darum: Was hält man von einem jungen Mann, der eine Erzieher-Ausbildung macht oder von einer jungen Frau, die in den Garten- und Landschaftsbau geht? Das muss man nicht nur im Betrieb, sondern auch in seinem persönlichen Umfeld rechtfertigen.

Noch einmal zur Haltung der Betriebe: Man muss immer sehen, dass die Menschen, die dort entscheiden, auch nur Menschen sind. Sie haben eine klassische Erwartungshaltung und natürlich geht ihnen zum Beispiel durch den Kopf, dass eine Frau diese schwere Arbeit nicht leisten kann. Aber es gibt viele Betriebe, die sich im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren verändert und auch geöffnet haben.

G.I.B.: Die typischen Frauenberufe sind oft Berufe, die über vollzeitschulische Berufsausbildungen vermittelt werden, etwa im Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen. Gibt es Nachteile, die Frauen dabei in Kauf nehmen, besonders wenn man schulische mit dualen Ausbildungen vergleicht?

Birgit Beierling: Schulische Ausbildungen liegen in der Regel in der Hoheit des jeweiligen Bundeslandes. Was bedeutet, dass die Berufsabschlüsse in diesem Bereich nicht unbedingt bundesweit gelten. Ich glaube, dass viele das bei der Wahl ihrer Ausbildung gar nicht wissen. Wenn es sich nicht um eine staatliche Schule handelt, sondern um die Schule eines freien Trägers, kann es sein, dass Schulgeld gezahlt werden muss. Das gilt zum Beispiel für viele Schulen, die Physio- und Ergotherapeuten ausbilden. Die jungen Menschen bekommen also keine Ausbildungsvergütung, was im dualen System verpflichtend ist, sondern sie müssen zahlen. Die Schulen verteilen den Eigenanteil, den der Träger zu zahlen hat, auf die Schülerinnen und Schüler. Und – das ist nicht ganz unwichtig – die Ausbildungszeit wird bei der Rentenberechnung nicht berücksichtigt. Das macht irgendwann tatsächlich etwas aus.

Dazu kommt, dass in diesen Schulen auch die SGB III-geförderten Instrumente zur Begleitung der Ausbildung nicht greifen, zum Beispiel die ausbildungsbegleitenden Hilfen oder die assistierte Ausbildung. Es gibt auch nicht die Möglichkeit eines vorgeschalteten Langzeitpraktikums, die sogenannte Einstiegsqualifizierung. Auch die Berufsausbildungsbeihilfe wird bei schulischen Ausbildungen im Gegensatz zu dualen Ausbildungen nicht gezahlt. Es gibt allerdings Schüler-BAföG. Das SGB II bietet inzwischen für Menschen, die sich in einem dualen Ausbildungsverhältnis befinden, ergänzende SGB II-Leistungen. Für schulische Ausbildungsverhältnisse trifft das nur in ein paar ganz wenigen Ausnahmefällen zu.

G.I.B.: Mit anderen Worten: Junge Menschen, die sich für schulische Ausbildungen entscheiden – und das sind ganz überwiegend Frauen –, sind benachteiligt.

Birgit Beierling: Ja, das ist eine massive Benachteiligung.

G.I.B.: Was muss Ihrer Meinung nach also passieren? Änderungen auf gesetzlicher Ebene? NRW will zum Beispiel Berufe im Gesundheitsbereich attraktiver machen. Die NRW-Landesregierung plant daher, 70 Prozent der Ausbildungskosten für Gesundheitsberufe zu übernehmen – rückwirkend zum 1. September 2018.

Birgit Beierling: Wenn NRW die Ausbildungskosten für Gesundheitsberufe durch Zuschüsse entlasten will, dann wird das das Schulgeld von Schülerinnen und Schülern an diesen Schulen hoffentlich verringern. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht ja sogar vor, die Schulgelder in den schulischen Ausbildungen bundesweit abzuschaffen. Wie die Koalition das machen will, steht noch nicht fest. So weit ist es in der praktischen Umsetzung noch nicht gediehen.
Aber ich glaube, es geht um ein grundsätzlicheres Problem: Bund und Länder müssen die Einordnung der schulischen Ausbildung noch einmal neu denken. Die Struktur ist kompliziert, weil schulische Ausbildungen zur Bildung gehören, die sich in der Länderzuständigkeit befinden.

Aktuell sind Berufe im Bereich der Pflege, die sich in der Länderzuständigkeit befanden, bundesweit geregelt worden. Das war ein großer Kraftakt, ist aber natürlich ein guter Anfang, die Situation zu verbessern. Und es wird auch spannend, ob und wie eine Mindestausbildungsvergütung umgesetzt wird. Ob sie sich ausschließlich auf betriebliche Ausbildungen beziehen soll – im Berufsbildungsgesetz ist geregelt, dass eine betriebliche Ausbildung angemessen vergütet werden muss – oder auch auf schulische Ausbildungen, für die es diese Regelung bisher nicht gibt.

Meine Vermutung ist aber, dass das Thema in der Politik angekommen ist. Das liegt sicher an dem großen Fachkräftemangel im Pflege- und Gesundheitsbereich. Auch im Erziehungs- und Sozialpädagogikbereich haben wir einen riesigen Fachkräftemangel, zum Beispiel durch den Kita-Ausbau.

Dazu kommt, dass wir in typischen Frauenberufen keine durchgängige Beschäftigung haben. Es gibt häufig Unterbrechungen in der Arbeits-Biografie. Die ausgebildeten Kräfte gehen während ihrer Berufszeit also (phasenweise) verloren. Insofern ist es wahrscheinlich notwendig, wesentlich mehr Kräfte auszubilden, als man unter dem Strich braucht. Und man muss attraktive Bedingungen schaffen, die es nicht nur möglich machen, diesen Beruf lange, sondern ihn auch mit Familie auszuüben. Es gilt, Regelungen für die Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf zu schaffen. Das ist zum Beispiel in den Pflegeberufen mit seinen Schichtdiensten nicht so einfach.

Das Thema hat viele Facetten. Wir brauchen angesichts des Fachkräftemangels auch eine Möglichkeit, Quereinsteigende umzuschulen. Dazu sind immer Schulungsmöglichkeiten nötig, die die Bundesagentur für Arbeit unterstützen kann. Das konnte sie bei Umschulungen immer nur dann, wenn es sich um verkürzte Ausbildungen handelt. Die gibt es in den schulischen Ausbildungen aber nicht. Bei der Förderung fehlt also immer das dritte Jahr. Bisher orientiert sich das SGB III (mit Ausnahme der Altenpflege) eigentlich nur an der dualen Ausbildung. Die schulische Ausbildung ist bisher generell ein Nebenschauplatz. Bei der Berufsvorbereitung hat man sie noch manchmal im Blick, danach ist aber nur noch die betriebliche Ausbildung im Fokus.

Das ist nicht in Ordnung. Der Fachkräftebedarf ist auf beiden Seiten gegeben. Hilfestellungen wie die assistierte Ausbildung werden nur denen zur Verfügung gestellt, die eine betriebliche Ausbildung machen. Und das vor dem Hintergrund, dass heute rund ein Viertel aller Ausbildungen schulische Ausbildungen sind, Tendenz steigend.

Das ist nicht zu ignorieren. Argumente, dass schulische Ausbildungen in Gruppen stattfinden, treffen nur begrenzt zu. Besonders im Gesundheitsbereich gibt es ja viele Ausbildungen, bei denen man häufig im Betrieb sein muss. Man nennt das dann betriebliche Praxiszeiten oder betriebliches Praktikum. Der Vertragspartner für den Auszubildenden ist zwar die Schule, aber die Dualisierung der Ausbildungsorte, den theoretischen Lernort in der Schule und den praktischen Lernort in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und anderen Gesundheitseinrichtungen, gibt es in diesen Ausbildungen ja auch. Ich weiß nicht, ob es immer dasselbe Verhältnis wie in einer dualen Ausbildung ist, aber im Prinzip findet ein wesentlicher Teil der Ausbildung durchaus in der Arbeitswelt statt.

G.I.B.: Und auf der anderen Seite gibt es ja auch duale Ausbildungen, die zu einem großen Teil an überbetrieblichen Bildungsstätten stattfinden, zum Beispiel im Baugewerbe.

Birgit Beierling: In einigen Bundesländern ist es in bestimmten Branchen üblich, dass die Betriebe die Grundqualifizierung der Auszubildenden des ersten Ausbildungsjahres den Berufsschulen überlassen. Die Jugendlichen gehen dann erst im zweiten Ausbildungsjahr in den Betrieb und erhalten dann auch erst die Ausbildungsvergütung. Aber einige Berufsausbildungen finden über längere Ausbildungsphasen in überbetrieblichen Ausbildungsstätten statt. Das ist so geregelt, weil die einzelnen Ausbildungsbetriebe Teile der Berufsausbildung z. B. aufgrund von Spezialisierungen in ihren Betrieben nicht vermitteln können. Diese überbetrieblichen Bildungseinrichtungen werden in der Regel von den Kammern getragen.

Was die Formalien, die im SGB III für die Unterstützungsleistungen während der Ausbildung gelten, angeht, muss ein Umdenken stattfinden. Noch tut man sich da schwer. Das gilt auch für andere Bereiche. Ziel des Ausbildungskonsenses in NRW ist es ja, möglichst alle Jugendlichen in Ausbildung zu bringen. Aber dann müssen Sie feststellen, dass, anders als die Kammern und Unternehmensverbände, die Wohlfahrtsverbände dort nicht vertreten sind. Obwohl die ja im Wesentlichen das Angebot zu Ausbildungen im gesamten Gesundheits- und Erziehungsbereich bereitstellen und dort große Arbeitgeber sind, die heute genauso wirtschaftlich handeln müssen wie andere Unternehmen.

G.I.B.: Sie sagen also, es gibt ein Ungleichgewicht zwischen dualer und schulischer Ausbildung, das sich durch verschiedene Ebenen zieht, sei es auf der Ebene der Unterstützungsleistungen in der Ausbildung, sei es auf der Ebene der Bezahlung oder sei es auf der Ebene der Vertretung der Arbeitgeber in Gremien.

Birgit Beierling: Ja, und mein Eindruck ist: es wird auch gar nicht mehr darüber nachgedacht. Oft sind alle überrascht, wenn ich frage, ob auch an die schulische Ausbildung gedacht wurde.

Aber ich will auch mal auf positive Entwicklungen hinweisen: Ich registriere seit geraumer Zeit, dass die Beachtung der schulischen Ausbildung zunimmt. Der Vorschlag der Mindestausbildungsvergütung kommt ja vonseiten der Gewerkschaft. In seiner Positionierung weist der DGB deutlich darauf hin, dass es auch Ausbildungsvergütungen für vollzeitschulische Ausbildungen geben muss. Dass sie das nicht genau auf die gleiche Ebene wie die duale Ausbildung setzen können, verstehe ich, da die Vergütung der schulischen Ausbildung nicht allein auf der Bundesebene entschieden werden kann. Aber sie sehen, dass auch in den schulischen Ausbildungen vergleichbare Leistungen erbracht werden und dass es keinen Grund gibt, warum es nicht auch da Ausbildungsvergütungen geben sollte. Das ist ein Gewinn.

G.I.B.: Was sind zusammengefasst aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte, die sich ändern müssten?

Birgit Beierling: Ich glaube grundsätzlich muss in einer Absprache zwischen den Bundesländern und der Bundesebene eine neue systematische Einordnung der schulischen Ausbildung in die gesamten Berufsausbildungen erfolgen. Schafft man, wie in der Pflege, für jede dieser landesspezifischen Schulbildungen eine bundesweite Regelung? Soll und kann ein bundesweites Berufsbildungsgesetz zukünftig alle Berufsausbildungen regeln? Gibt es da im Föderalismus eine gute Lösung?

Um weitere Benachteiligungen zu verhindern, muss auch etwas am Rentenrecht geändert werden: Egal ob jemand eine betriebliche oder eine schulische Ausbildung macht, auch unabhängig davon, ob jetzt schon eine Vergütung dafür gezahlt wird, muss es eine gleiche Anerkennung der Berufsbildungszeit in der Rentenversicherungszeit als Rentenjahre geben.

Die Möglichkeiten von SGB III-finanzierten Instrumenten wie den ausbildungsbegleitenden Hilfen, der assistierten Ausbildung oder der Einstiegsqualifizierung (EQ) müssen darauf geprüft werden, ob sie auch für die schulischen Ausbildungen hilfreich sein können und dann natürlich geöffnet werden. Und – das ist eine große Forderung an die Tarifpartner – es muss eine bessere Vergütung der Personendienstleistungen im Erziehungs- und Gesundheitsbereich geben. Dann werden diese Arbeitsplätze, die man auch auf ihre Familientauglichkeit weiterentwickeln muss, attraktiver werden und auch Männer werden dann in diese Arbeitsbereiche gehen.

Bei der Berufsorientierung sollte man eine Kehrtwende machen von der Systematisierung, die dem Thema der Berufsorientierung einen hohen Stellenwert verliehen hat, hin zu einer individuellen und intensiven Einzelberatung im Berufswahlprozess der jungen Menschen.

Und nicht zuletzt sollten zukünftig in allen Gremien, die sich mit der Entwicklung und Sicherstellung der Berufsausbildung von jungen Menschen beschäftigen, auch die Arbeitgeber und Schulen, die die schulischen Ausbildungen verantworten und die Auszubildenden zukünftig beschäftigen, einbezogen werden.

G.I.B.: Wie ist Ihre Strategie, um diese Ziele zu erreichen?

Birgit Beierling: Ich bin zurzeit nicht nur Mitarbeiterin beim Paritätischen Gesamtverband, sondern auch Sprecherin des Kooperationsverbundes Jugendsozialarbeit auf Bundesebene. Wir versuchen durch eine zielgerichtete Lobby-Arbeit konstruktive Vorschläge zu machen und Veränderungen aufzuzeigen, und damit entsprechende Vorschläge in die Politik und Fachöffentlichkeit einzubringen.

G.I.B.: Haben Sie den Eindruck, dass das Gehör findet?

Birgit Beierling: Dagegen steht immer, dass Strukturen ein gewisses Beharrungsvermögen haben. Aber es ist auch kompliziert, weil die Strukturen ihre eigene Logik haben. So leitet sich aus der föderalistischen Aufgabenverteilung eine Zuständigkeit der Länder für Bildung und damit auch für die vollzeitschulischen Berufsausbildungen (nach Landesrecht) ab. Dementsprechend werden die schulischen Berufsausbildungen vom SGB III zurzeit nicht erfasst. Dennoch finden wir bei den Politikerinnen und Politikern und auch in der Fachwelt durchaus Gehör. Die Frage ist, wie es uns gelingt, mit fachlich fundierten Argumenten Lösungen zu finden und aufzuzeigen, die man auch gut „technisch“ umsetzen kann. Solche Lösungen sind sehr komplex und müssen rechtssicher sein – und da liegt dann oft der Teufel im Detail.

Für mich ist immer die Frage: Gibt es einen politischen Willen? Dann gibt es da auch einen Weg. Wir versuchen um dieses politische Interesse zu werben. Sie brauchen immer Fürsprecher. Diese zu finden, ist eine mühsame Arbeit. Was die schulischen Ausbildungen angeht, versuche ich, die Probleme an jeder Stelle, wo es Bedeutung hat, zu benennen. Und manchmal höhlt steter Tropfen den Stein. Das kann man beobachten, wenn beispielsweise die Bundesagentur für Arbeit die schulischen Berufsausbildungen bei der Diskussion um die Weiterentwicklung der assistierten Ausbildung erwähnt. Oder aber bei den Vorschlägen des DGB zur Mindestausbildungsvergütung. Und wenn die Koalition auf Bundesebene – und nun auch in NRW – bei der Frage des Schulgeldes die Ungleichheit als Herausforderung sehen, dann sind das bereits erste Schritte in die richtige Richtung. Die Unterschiede zwischen schulischer und dualer Berufsausbildung sind als zu lösendes Problem in der Politik angekommen.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de

Kontakt

Birgit Beierling
Referentin für Jugendsozialarbeit
Der Paritätische Gesamtverband
Tel.: 03024 636408
jsa@paritaet.org
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