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(Heft 4/2018)
Interview mit Tanja Nackmayr (unternehmer nrw)

„Die Digitalisierung bietet eine große Chance, die Attraktivität der dualen Ausbildung weiter zu steigern“

Tanja Nackmayr ist Geschäftsführerin Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik im Verband „unternehmer nrw“, der Landesvereinigung der Unternehmensverbände Nordrhein-Westfalen e. V. in Düsseldorf. Seit 2018 hat „unternehmer nrw“ die Federführung in der AG „Attraktivität der beruflichen Bildung“ des Ausbildungskonsenses NRW.

G.I.B.: Frau Nackmayr, in den kommenden zehn Jahren scheiden in Nordrhein-Westfalen rund 1,3 Millionen Menschen aus dem Erwerbsleben aus, unter ihnen knapp 700.000 Fachkräfte. Wie wollen die Unternehmen den Verlust kompensieren?

Tanja Nackmayr: Für die Unternehmen ist die Ausbildung junger Menschen die zentrale Quelle bei der Fachkräftesicherung. Die Unternehmen wissen, dass die Auszubildenden von heute die Fachkräfte von morgen sind. Deswegen haben sie in den vergangenen Jahren ihr Ausbildungsangebot deutlich erhöht. Im Jahr 2018 standen in Nordrhein-Westfalen rund 23 Prozent mehr betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung als noch 2008. Das ist ein beeindruckendes Engagement der Unternehmen und beweist, dass das Thema Fachkräfte ein wichtiges Zukunftsthema ist. Und das ist richtig, denn Fachkräfteengpässe zeigen sich zwar weiterhin auch im Bereich der akademischen Berufe, aber mittlerweile sogar mehrheitlich bei den beruflich Qualifizierten.

Der Blick der Unternehmen geht beim Thema Fachkräftesicherung aber auch über die Ausbildung hinaus. Sie wissen, dass eine Ausbildung allein nicht für das gesamte Berufsleben genügt, um dem Wandel in der Arbeitswelt gewachsen zu sein. Fachliches Wissen und überfachliche Kompetenzen müssen kontinuierlich etwa an technologische Veränderungen und die Digitalisierung, an die zunehmende Internationalisierung oder an eine verstärkte Dienstleistungsorientierung anpasst werden. Um ihre Belegschaft fit für die Zukunft zu machen, investieren die Unternehmen in Deutschland nach Berechnungen des IW Köln viel Geld und Ressourcen, rund 33,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Neben dem Engagement der Betriebe brauchen wir zur Fachkräftesicherung aber auch gute Rahmenbedingungen. Dazu gehört insbesondere ein Bildungssystem, das die Talente aller Menschen bestmöglich entfaltet. Das gelingt heute aus meiner Sicht noch nicht. Zusätzlich brauchen wir beispielsweise eine stärker arbeitsmarktorientierte Zuwanderung, um Fachkräfteengpässe gezielt mildern zu können, oder eine bessere frühkindliche Betreuung, damit Eltern Beruf und Familie verbinden können. Das alles zeigt: Beim Thema Fachkräftesicherung sind alle Seiten gefordert Politik, Unternehmen und Mitarbeitende.

G.I.B.: Dennoch: Mit etwas mehr als 20 Prozent ist die Ausbildungsbetriebsquote ziemlich gering. Wie lässt sich das ändern?

Tanja Nackmayr: Ausbildung ist in Deutschland mit dem dualen System so aufgestellt, dass die Betriebe entsprechend ihrem Bedarf ausbilden. Das ist schon deshalb gut, weil so im Anschluss an die Ausbildung realistische Beschäftigungschancen gegeben sind. Eine Ausbildung hingegen, die sich an abstrakten Quoten oder nur an den Berufswünschen der jungen Menschen orientiert, erzeugt Probleme an der zweiten Schwelle: Die Ausbildung ist abgeschlossen, aber es gibt keinen Arbeitsplatz.

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass nur gut die Hälfte aller Betriebe überhaupt ausbildungsberechtigt ist. Von diesen berechtigten Unternehmen bilden immerhin 80 Prozent kontinuierlich oder mit Unterbrechung aus. Gerade kleine Betriebe beispielsweise legen ganz nachvollziehbar auch mal eine „Ausbildungspause“ ein, weil sie nicht ständig Bedarf an neuen Fachkräften haben. Hier sollte man sich die Betriebsstruktur vor Augen halten: Wir haben in Nord­rhein-Westfalen rund 90 Prozent Kleinstbetriebe mit bis neun Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Auch müssen wir sehen, dass die Bedarfe in den einzelnen Branchen unterschiedlich sind. Das hängt zum einen mit der Qualifikationsstruktur zusammen. Es gibt Branchen und Unternehmen mit größerem Bedarf im akademischen Bereich, andere haben einen größeren Bedarf an beruflich qualifizierten Personen. Zum anderen kommt hinzu, dass Branchen unterschiedlich von wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betroffen sind. Manchen Branchen geht es auch mal nicht so gut, obwohl es in der Wirtschaft insgesamt relativ rund läuft. Das alles hat Auswirkungen auf die Ausbildung.

Wichtig für die Zukunft bleibt, Betriebe zu unterstützen, neu in Ausbildung einzusteigen, mehr auszubilden oder die passenden Auszubildenden für ihre angebotenen Stellen zu finden. Dazu zählt beispielsweise, neu gegründeten Betrieben zu verdeutlichen, welche Chancen Ausbildung eröffnet. Gleichzeitig gilt es, Betriebe zu beraten, wie sie beispielsweise auch schwächere Jugendliche ausbilden können. Die Bereitschaft dazu ist vorhanden. Unternehmen integrieren schon heute eine große Bandbreite an jungen Menschen – auch solche, die eigentlich noch nicht alle Kompetenzen für eine Ausbildung mitbringen. Ich kenne viele Fälle, in denen der Ausbilder Nachhilfe in einzelnen Fächern gibt, wo es in der Berufsschule nicht so gut klappt. Oder Vorgesetzte unterstützen Jugendliche ganz praktisch bei Alltagsproblemen, denn gar nicht so wenige Auszubildende haben nicht nur Probleme im kognitiven, sondern auch im sozialen Bereich.

Als konkrete Unterstützungsleistung für die Betriebe gibt es bereits Förderinstrumente wie die assistierte Ausbildung oder ausbildungsbegleitende Hilfen. Wir müssen an dieser Stelle aber sicherlich nochmal prüfen, ob die Instrumente zu den konkreten Bedarfen passen und für die Betriebe gut nutzbar sind. Hinzu kommt, dass manche Betriebe die genannten Instrumente der Bundesagentur für Arbeit gar nicht kennen. Wir müssen mehr darüber informieren und dabei die Botschaft aus der Perspektive der Unternehmen kommunizieren im Sinne von: „Sie suchen Auszubildende und haben dabei ein Problem? Wir helfen Ihnen!“

Ganz wesentlich für das Ausbildungsengagement der Betriebe ist, dass sie geeignete Bewerberinnen und Bewerber finden. Da spielt das Thema Ausbildungsreife sowie die Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler eine wesentliche Rolle: Denn für die Betriebe ist es wichtig, dass sie bei einem Bewerber erkennen können, ob er Interesse an dem Beruf mitbringt und weiß, was er will. Dann ist im Übrigen auch das Zeugnis manchmal nur zweitrangig.

G.I.B.: Im von Ihnen eingangs genannten Zehnjahreszeitraum zwischen 2008 und 2018 ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um einen Ausbildungsplatz um circa fünf Prozent gesunken. Ursachen dafür sind der demografische Wandel, aber auch die Präferenz vieler Jugendlicher für ein Studium statt für eine Ausbildung. Welche Konsequenzen hat das für die Wirtschaft und die Unternehmen?

Tanja Nackmayr: Allein in diesem Jahr sind in Nord­rhein-Westfalen 9.600 Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Das ist der Höchststand seit mehr als 20 Jahren. Und wo heute der Platz unbesetzt bleibt, fehlt morgen die Fachkraft, die die Unternehmen für ihre Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit auf den nationalen und internationalen Märkten brauchen. Das hat ganz konkrete Folgen: Weil Fachkräfte fehlen, können Aufträge nicht angenommen, Projekte nicht umgesetzt werden und Betriebe können nicht expandieren. Das führt zu Wertschöpfungsverlusten, und damit ist es ein Problem nicht nur für die Wirtschaft, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Zum Erhalt der sozialen Sicherungssysteme sind wir in Deutschland auf Wertschöpfung angewiesen.

G.I.B.: Sehen wir uns die andere Seite, die der Jugendlichen, an. Die Zahl derjenigen unter ihnen, die einen höheren Schulabschluss erwerben, steigt. Doch nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit genügt für rund 50 Prozent aller angebotenen Ausbildungsplätze ein Hauptschulabschluss. Wie soll das zusammenpassen? Vor dem Hintergrund ist doch gut nachvollziehbar, dass eine steigende Zahl von Jugendlichen ein Hochschulstudium einer dualen Berufsausbildung vorzieht.

Tanja Nackmayr: Zunächst ist festzuhalten, dass aus meiner Sicht Ausbildung und Studium zwei gleichwertige Wege sind, die beide tolle berufliche Perspektiven eröffnen. Es geht also nicht darum, pauschal zu sagen: Das eine ist besser als das andere. Jeder muss seinen passenden Weg finden. Problematisch ist es, wenn eine duale Ausbildung von vornherein links liegen gelassen wird, ohne dass Jugendliche sich intensiver damit auseinandergesetzt haben. Wichtig ist, dass sie am Ende ihrer Schulzeit eine fundierte Entscheidung treffen – für den einen oder den anderen Weg. Dabei müssen wir wieder stärker die duale Ausbildung in den Blick rücken, denn in der Realität wird sie von Schülern, Eltern oder Lehrkräften – fälschlicherweise – noch zu oft als weniger wertvoll als ein Studium eingeschätzt.

Den Betrieben geht es übrigens nicht darum, den beispielsweise gemessen am Schulabschluss besten Bewerber zu finden, sondern den passendsten. Das zeigen auch die von Ihnen zitierten Zahlen, wonach immerhin für jeden zweiten Ausbildungsplatz auch ein Hauptschulabsolvent infrage kommt. Denn die Betriebe wissen, dass es auf die konkrete Eignung und das konkrete Interesse am Beruf ankommt. Ein Abiturient passt nicht automatisch besser auf jeden Ausbildungsplatz als ein Jugendlicher ohne Hochschulreife. Insgesamt geht es bei der Bewerberauswahl um eine gute Mischung auch im Sinne einer langfristigen Fachkräftesicherung für das Unternehmen.

Ausbildungsreife und Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern sind zudem nicht per se an einen bestimmten Schulabschluss geknüpft. Ausbildungsreife ist ein vielschichtiges Thema. Da geht es erstens um die Grundkompetenzen beim Rechnen, Lesen und Schreiben – häufig schon im Bewerbungsanschreiben erkennbar. Da geht es zweitens aber auch um soziale Kompetenzen wie Zuverlässigkeit oder Teamfähigkeit. Das klingt banal, ist aber nicht immer gegeben und im Alltag im Betrieb, zum Beispiel bei der Zusammenarbeit mit den Kolleg­innen und Kollegen, von großer Bedeutung. Zur Ausbildungsreife gehört zudem berufliche Orientierung. Das heißt: Wer sich bewirbt, sollte begründen können, warum er den Beruf gewählt hat und inwiefern er zu seinen Interessen und Talenten passt. An diesen Stellen gibt es leider noch zu häufig Defizite – oft auch unabhängig von dem jeweiligen Schulabschluss.

Die Passungsprobleme gehen zudem darauf zurück, welche Berufsbereiche von den jungen Menschen angestrebt werden. Viele Jugendliche mit Hochschulreife, die eine duale Ausbildung absolvieren wollen, haben eher kaufmännische Berufe im Blick, während gleichzeitig viele Ausbildungsplätze im gewerblich-technischen und im Handwerksbereich unbesetzt bleiben. Viele Jugendliche assoziieren mit einem gewerblich-technischen Beruf vielleicht Schmutz, körperliche Anstrengung oder Lärm. Das wird es auch geben, aber in vielen Branchen sieht es längst anders aus, da überwiegen anspruchsvolle High-Tech-Berufe mit spannenden Tätigkeitsfeldern. Die im Übrigen beispielsweise auch Kreativität erfordern – eine Eigenschaft, die viele Jugendliche an dieser Stelle vielleicht gar nicht vermuten. Hinter vielen Ausbildungsberufen verbirgt sich also viel mehr, als der Name auf den ersten Blick verrät. Die guten Entwicklungsperspektiven nach der Ausbildung aufzuzeigen, ist ebenfalls wichtig, um dieses Matching hinzubekommen und auch um mehr Abiturientinnen und Abiturienten in Ausbildungsplätze zu vermitteln. Da ist wiederum die Berufsorientierung gefragt.

G.I.B.: Was meinen Sie: Kann eine duale Ausbildung hinsichtlich der Attraktivität überhaupt mit einem Studium konkurrieren, mit dem viele Jugendliche Bildung, Freiräume und Karriere verbinden?

Tanja Nackmayr: Auf jeden Fall! Das große Asset von Ausbildung ist die Praxisnähe. Ich glaube, das ist für viele junge Menschen eine tolle Erfahrung. In der Schule stellen sich viele die Fragen: Warum lerne ich das eigentlich, wofür kann ich das gebrauchen, wozu ist das nützlich? In der Ausbildung bekommen sie darauf sofort eine Antwort. Hier können sie „im echten Leben“ etwas machen, können Gelerntes schnell anwenden und können mit anderen im Team zusammenarbeiten. Das ist für viele junge Menschen eine Erfahrung, die sie nicht nur auf dem Bildungsweg voranbringt, sondern zugleich zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.

Hinzu kommt: Nicht jeder Schulabgänger ist für ein Studium geeignet. Viele beginnen ein Studium ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Zwar wissen viele Studierende, die Flexibilität und Freiheit im Studium zu schätzen, aber für andere ist das vielleicht eher eine Herausforderung, die sie auch überfordern kann. Nicht ohne Grund haben wir so viele Studienabbrecher. Man muss sich mit beidem, Ausbildung und Studium, intensiv auseinandersetzen und eine bewusste Wahl treffen. Heute wissen viele nicht konkret, was Studium heißt oder was Ausbildung bedeutet. Hier ist eine bessere Aufklärung notwendig.

G.I.B.: Wahrscheinlich zögern genau deshalb viele Jugendliche nach Abschluss ihrer allgemeinbildenden Schulzeit die Entscheidung, sich für eine Ausbildung zu entschließen, hinaus und besuchen eine weiterführende Schule. Sie wollen sich mit 16 Jahren noch nicht endgültig festlegen. Ist das aus deren Sicht nicht verständlich?

Tanja Nackmayr: Richtig ist, dass eine Ausbildung auf einen spezifischen Beruf hinführt. Das ist bei vielen Studiengängen nicht unmittelbar der Fall. Sie sind in dieser Hinsicht häufig offener. Jungen Menschen, die eine allzu frühe Festlegung scheuen, kann man aber die Angst nehmen: Heute muss niemand mehr einen einmal eingeschlagenen Berufsweg bis zur Rente weitergehen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Spur zu wechseln und neue Wege einzuschlagen. Insgesamt ist die Durchlässigkeit auch in unserem Bildungssystem durchaus gegeben. Es muss uns gelingen, diesen Vorteil noch deutlicher zu machen. Berufsorientierung spielt hier ganz grundsätzlich eine zentrale Rolle: Sie muss junge Menschen in die Lage versetzen, ihre Berufswahlentscheidung bewusst zu treffen – in Kenntnis der vielfältigen Optionen und der eigenen Interessen und Stärken. Denn das Problem ist heute doch vor allem auch, dass die Entscheidung über den Berufseinstieg relativ unbewusst getroffen oder aus Unsicherheit hinausgezögert wird.

G.I.B.: Die Verbesserung sowohl der beruflichen Orientierung als auch der Attraktivität des dualen Systems sind zentrale Handlungsfelder der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA), die seit 2011 umgesetzt wird. Lässt sich da schon eine Zwischenbilanz ziehen?

Tanja Nackmayr: Mit „Kein Abschluss ohne Anschluss“ wurde in NRW auf jeden Fall der richtige Weg eingeschlagen. Bei der Antwort auf die Frage, was es gebracht hat, muss man vorsichtig sein, denn KAoA gibt es zwar schon einige Jahre, aber es ist in Wellen eingeführt worden. Erst seit dem Schuljahr 2016/17 wird es an allen öffentlichen allgemeinbildenden Schulen umgesetzt. Und die flächendeckende Umsetzung in allen Regionen und an allen weiterführenden Schulen ist schon eine gewaltige Herausforderung. Bis wir nachweisen können, dass zum Beispiel Schulabgängerinnen und -abgänger besser orientiert sind als frührer, braucht es daher Zeit und Geduld. Denn es geht nicht um punktuelle Ansätze, sondern einen systematischen Berufsorientierungsprozess: Jugendliche entdecken über die Potentialanalyse ihre Kompetenzen und Neigungen, gleichen diese in der Berufsfelderkundung schon einmal mit beruflichen Realitäten ab und vertiefen dies im Praktikum. Das ist der Gedanke der sys­tematischen Berufsorientierung bei KAoA. In der Praxis muss dieser rote Faden bei den Standardelementen auch wirklich erkennbar sein, hier gilt es, die Schulen noch stärker zu unterstützen.

Wichtig sind vor allem die Lehrkräfte in den Schulen, die den Prozess gestalten und begleiten. Sie brauchen eine entsprechende Qualifizierung und ausreichend Zeit und Raum, denn das macht man nicht nebenbei. Das betrifft nicht nur die Koordinatorinnen und Koordinatoren für Berufs- und Studienorientierung, also die StuBOs, sondern alle Lehrerinnen und Lehrer, die ganz konkret im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern am Thema Berufsorientierung arbeiten. Sie brauchen Hilfestellung bei der Umsetzung, beispielsweise bei der Vor- und Nachbereitung der Berufsfelderkundung, um hier auch tatsächlich den roten Faden zu verfolgen.

Uns ist natürlich bewusst, dass Schule die Aufgabe der Berufsorientierung nicht alleine stemmen kann. Wenn es darum geht, konkret die berufliche Realität kennenzulernen, sind die Wirtschaft und alle anderen Arbeitgeber, also beispielsweise auch der öffentliche Dienst, gefragt.

G.I.B.: Wie groß ist die Bereitschaft der Unternehmen bei KAoA mitzuwirken?

Tanja Nackmayr: Viele Unternehmen bieten Berufsfelderkundungen (BFE) und Praktika an, weil sie wissen: Wenn wir frühzeitig auf die jungen Menschen zugehen, hilft uns das bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen und später bei der Fachkräftesicherung. Die Bereitschaft der Betriebe, BFE-Plätze oder Praktika anzubieten, steigt, wenn sie das Gefühl haben, dass die jungen Menschen gut vorbereitet sind und Interesse an dem gezeigten Beruf haben. Genauso sollten sich natürlich auch die Betriebe auf den Tag vorbereiten und überlegen, wie sie Achtklässlern das Berufsfeld und die dazugehörigen Tätigkeiten altersgerecht näherbringen können.

Und das ist manchmal gar nicht so einfach, wie auch unsere eigenen Erfahrungen mit Berufsfelderkundungen im Verband zeigen. Da geht es dann auch nicht um „Verbandsarbeit“, worunter sich wahrscheinlich viele Achtklässler gar nichts vorstellen können, sondern um Berufsfelder wie IT, Jura, Pressearbeit oder Büro. Bei uns hat sich beispielsweise auch bewährt, Zweier- oder Dreiergruppen zu bilden, denn wenn die Schülerinnen und Schüler beim Erkunden des Berufsfelds alleine unterwegs sind, ist die Hemmschwelle, Fragen zu stellen, oft größer als in einer kleinen Gruppe.

Insgesamt ist es sinnvoll zur Gewinnung weiterer Arbeitgeber für BFE und Praktika, Erfahrungen auszutauschen und konkrete Umsetzungsbeispiele sichtbar zu machen. Denn nicht jeder Arbeitgeber muss an dieser Stelle das Rad neu erfinden. So bewährt sich beispielsweise, die eigenen Auszubildenden einzubeziehen, weil sie hinsichtlich ihres Alters näher bei den Jugendlichen sind und ein Austausch oft leichter fällt. Außerdem sind kleine praktische Aufgaben und Ausprobieren sinnvoll, da sie eine Tätigkeit für die Jugendlichen besonders anschaulich machen. Grundsätzlich sollte es immer darum gehen, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihnen anschaulich zu erzählen, welche Kompetenzen man in dem Berufsfeld braucht, was daran interessant ist, und natürlich auch, was manchmal vielleicht nicht so viel Spaß macht.

Hinweise und konkrete Praxishilfen, wie sich BFE und Praktika gut gestalten lassen, gibt es bereits viele. Wir werden das im Rahmen des Ausbildungskonsenses nochmal bündeln und an geeigneter Stelle im Internet anbieten. Denn gerade die konkreten Beispiele sind wichtig, da Praxis am liebsten von der Praxis lernt. Beispielsweise wenn es darum geht, in Betrieben mit komplexen Anlagen eine Berufsfelderkundung durchzuführen. Das ist nicht immer einfach, aber auch dafür gibt es gute Beispiele.

G.I.B.: Das Bewusstsein von der Attraktivität einer dualen Ausbildung lässt sich nur steigern, wenn die Qualität der Ausbildung stimmt. Der aktuelle Ausbildungsreport der DGB-Jugend kritisiert zum Beispiel beim Thema Arbeitszeit, dass „bei jedem zweiten Auszubildenden in Schichtarbeit die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht eingehalten werden“ und „über die Hälfte aller Auszubildenden müssen in ihrer Freizeit mobil für den Ausbilder erreichbar sein.“

Tanja Nackmayr: Es ist selbstverständlich, dass gesetzliche Vorgaben einzuhalten sind. Und das ist auch ganz überwiegend der Fall; die große Mehrheit der Auszubildenden – auch das zeigt der DGB-Report – ist zufrieden mit der Ausbildung. Was auch zu berücksichtigen ist: Die Rahmenbedingungen in der Ausbildung ergeben sich auch aus betrieblichen Realitäten. Das betrifft zum Beispiel die Arbeitszeiten. Wichtig ist, dass die jungen Menschen von vornherein wissen, was in dieser Hinsicht auf sie zukommt. Unzufriedenheit kann ja beispielsweise auch daraus resultieren, dass manche Jugendlichen keine genauen Vorstellungen hatten, was die verschiedenen Berufe so mit sich bringen und was das für sie selber bedeutet. Auch daran ist zu erkennen, wie wichtig Berufsorientierung und Beratung sind.

Grundsätzlich liegt es im Interesse der Unternehmen, die Ausbildung attraktiv zu gestalten und die jungen Menschen an den Betrieb zu binden, denn Ausbildung ist ja auch mit erheblichen Investitionen verbunden. Insofern hat jeder Betrieb ein Eigeninteresse an einer guten Ausbildung – es geht um die Fachkräfte von morgen. Und das scheint, wie gesagt, sehr vielen Betrieben auch zu gelingen. Mehr als drei Viertel der Jugendlichen sind zufrieden mit ihrer Ausbildung. In den ganz überwiegenden Fällen bieten Unternehmen gute Ausbildungsplätze und machen sich auch regelmäßig Gedanken, wie man es noch besser machen kann.

G.I.B.: Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, Auslandsaufenthalte von Auszubildenden in der beruflichen Bildung auszubauen und besser zu fördern – das trägt sicherlich auch dazu bei, die Ausbildung für junge Menschen interessanter und attraktiver zu gestalten. Welche weiteren Möglichkeiten der Attraktivitätssteigerung der Ausbildung sehen Sie?

Tanja Nackmayr: Viele Firmen, insbesondere jene mit Standorten in anderen Ländern, bieten Auslands­aufenthalte für Auszubildende an. Das ist eine tolle Option und insbesondere eine Bereicherung gerade für die Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen. Außerdem gibt es in vielen Ausbildungsbetrieben Zusatzangebote wie Sprachkurse, soziale Projekte, Zusatzqualifikationen, Sportangebote, Mobilitätsunterstützung oder Azubifirmen, in denen Jugendliche eigenständig Projekte entwickeln und umsetzen können – all das kann die Qualität und Attraktivität der Ausbildung steigern.

Zudem bin ich davon überzeugt, dass die Digitalisierung eine große Chance bietet, die Attraktivität der dualen Ausbildung weiter zu steigern. Ausbildung wurde schon immer an neue Entwicklungen in der Berufswelt angepasst, Berufe sind dauernd im Wandel. So ist es auch im Moment. Da sorgt die Digitalisierung für einen neuen Schub. 2018 sind 25 modernisierte Berufe an den Start gegangen, darunter mit dem Kaufmann bzw. der Kauffrau im E-Commerce ein neuer Beruf, der auf den Online-Handel ausgerichtet ist und der auch bereits sehr gut angenommen wird. Seit 2008 wurden von 330 rund 140 Berufe modernisiert. Die Ausbildung bleibt also am Puls der Zeit. Wir müssen aber viel stärker als bisher kommunizieren, dass Ausbildung nicht altmodisch, sondern modern und auf Zukunft ausgerichtet ist.

Bei der Modernisierung im Zuge der Digitalisierung stehen wir vor zwei Herausforderungen. Zum einen wissen wir nicht ganz genau, wohin die Reise geht und zum anderen setzen die Betriebe die Digitalisierung inhaltlich unterschiedlich und mit verschiedenem Tempo um. Das heißt: Wir müssen Ausbildung so an die Veränderungen anpassen, dass wir möglichst viele Betriebe mitnehmen. Denn wenn Betriebe – beispielsweise durch Verankerung zu vieler Themen in einer Ausbildungsordnung – nicht mehr ausbilden können, verlieren wir dadurch Ausbildungsplätze. Zugleich müssen wir aufpassen, dass wir die Ausbildung nicht überfrachten, sonst haben wir dann auch das Problem, dass wir bestimmte Jugendliche nicht mehr erreichen. Genau vor diesem Hintergrund wurden aktuell bei der Novellierung der industriellen Metall- und Elektroberufe unter anderem Zusatzqualifikationen wie etwa zur additiven Fertigung geschaffen, die optional in der Ausbildung genutzt werden können.

G.I.B.: Duale Ausbildung impliziert zwei Lernorte: Betrieb und Berufsschule. Wie bewerten Sie die Attraktivität, genauer: die Qualität der Berufsschulen und wie funktioniert die Kooperation der beiden Lernorte?

Tanja Nackmayr: Das stimmt, wir haben in der Ausbildung zwei Lernorte und beide müssen attraktiv sein. Berufsschulen sind in mancher bildungspolitischen Diskussion kaum im Blick, obwohl auch sie vor enormen Herausforderungen stehen. Zum Beispiel gehört dazu, dass den Berufsschulen genügend und gut qualifizierte Lehrkräfte zur Verfügung stehen müssen. Aktuell fehlen gerade in gewerblich-technischen Fächern die Lehrkräfte mit der Konsequenz, dass Unterricht ausfällt. Attraktivität muss zudem über moderne Gebäude und Ausstattungen gewährleistet werden. Des Weiteren müssen die Lernangebote in der Berufsschule auch stärker differenziert werden – wenn beispielsweise in einem Beruf vom Schul- bis zum Studienabbrecher eine große Bandbreite an jungen Menschen zu beschulen ist. Und schließlich gehört zur Attraktivität der Ausbildung insgesamt eine gelungene Lernortkooperation – Ausbildungsbetrieb und Berufsschule sollten zwei verbundene Stränge sein, die sich eng abstimmen und ergänzen. Hier ergeben sich mit der Digitalisierung neue Chancen, etwa über gemeinsame Lernplattformen.

G.I.B.: Wir haben viel über Attraktivität der Berufsbildung gesprochen. Das ist auch ein großes Handlungsfeld im Ausbildungskonsens NRW. Welche Ansätze werden dort verfolgt?

Tanja Nackmayr: Grundsätzlich geht es bei dem Thema Attraktivität auch darum, gesellschaftliche Wahrnehmung von Berufsbildung zu ändern: Ausbildung ist keine Notlösung für die, die kein Studium schaffen. Ausbildung ist ein spannender Weg mit hervorragenden Perspektiven und vielfältigen Entwicklungsmöglichkeiten im weiteren Berufsleben. Das müssen wir über die bereits mehrfach angesprochene Berufsorientierung für die Schülerinnen und Schüler sichtbar machen. Wir müssen aber auch die Eltern ansprechen, denn wir wissen, dass Eltern die Berufswahl ihrer Kinder maßgeblich beeinflussen. Wichtig dabei ist die Wertschätzung, die bestimmten Bildungswegen in der Gesellschaft insgesamt zugemessen wird. An dieser Stelle spielen zum Beispiel auch die Medien eine Rolle. Hier müssen und wollen wir im Ausbildungskonsens anknüpfen.

Neben diesem grundsätzlichen Ansatz, die gesellschaftliche Wahrnehmung von Berufsbildung in den Blick zu nehmen, geht es auch ganz gezielt um spezielle Handlungsansätze und Zielgruppen. Insgesamt ist das Themenfeld Attraktivität eben sehr vielfältig. Beispielsweise wollen wir herausarbeiten, welchen Beitrag der parallele Erwerb der Fachhochschulreife leisten kann. Und wir wollen das Thema Teilzeitausbildung aufgreifen, die Personen mit familiärer Verantwortung den Weg in Ausbildung eröffnen kann. Insgesamt haben wir verschiedene Zielgruppen im Blick, zum Beispiel Studienabbrecher, Menschen mit Handicap, Geflüchtete oder „Spätentschlossene“, die auch mit etwas mehr Lebenserfahrung noch eine Ausbildung aufnehmen möchten.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de

Kontakt

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Landesvereinigung der Unternehmensverbände
Nordrhein-Westfalen e. V.
Uerdinger Straße 58 – 62
40474 Düsseldorf
Tanja Nackmayr
Tel.: 0211 4573-259
nackmayr@unternehmer.nrw
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