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(Heft 4/2018)
Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen (TEP)

10 Jahre Teilzeitberufsausbildung

Minister Laumann hat vor 10 Jahren in Nordrhein-Westfalen das Programm „Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen“, kurz TEP, aufgelegt. Angetreten war das Programm 2009 mit dem Ziel, durch die Ausbildungsform der Teilzeitberufsausbildung die Potenziale Erwachsener mit Familienverantwortung und ohne Berufsabschluss, vor allem junger Mütter (und Väter), für die Berufsausbildung zu erschließen. TEP unterstützt bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz in Teilzeit und gibt Hilfestellung, um Familie und Ausbildung zu vereinbaren. Die Ausbildungsform eröffnet auch Unternehmen die Chance, dem wachsenden Fachkräftebedarf zu begegnen und Auszubildende zu gewinnen.

Seit einer Erprobungsphase in den ersten beiden Jahren fördert das Land jährlich 540 Plätze in allen 16 Arbeitsmarktregionen, mittlerweile in über 60 verschiedenen Städten in Nordrhein-Westfalen. TEP ist in der ESF-Förderrichtlinie verankert und wird mit Landesgeld sowie Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Jährlich werden 2,8 Millionen Euro aus Landes- und EU-Mitteln zur Verfügung gestellt.

Über 6.300 Ausbildungssuchende haben bis heute am Angebot TEP teilgenommen. Knapp 40 Prozent von ihnen haben eine Ausbildung aufgenommen; die Mehrheit mit rund 30 Stunden pro Woche.

Unterstützung für Teilzeitausbildungssuchende
 

Die Teilnehmenden werden gecoacht, qualifiziert und beruflich vorbereitet und während der ersten Ausbildungsmonate individuell begleitet. Die konkrete Arbeit leisten pädagogische Fachkräfte bei fast 50 Bildungsträgern landesweit. In sieben Regionen beziehungsweise Teilregionen arbeiten Träger in Kooperation, um ortsnah für die Zielgruppe erreichbar zu sein. Sie unterstützen die erziehenden oder pflegenden Frauen und Männer angepasst an ihre individuellen Erfordernisse bei der Ausbildungssuche über 12 Monate in einer Vorbereitungsphase und in einer Phase der ersten Ausbildungsmonate. Wichtige Themen sind Bewerbungstrainings, Betriebspraktika, die Organisation der Kinderbetreuung und Finanzierungsfragen beim Übergang in Ausbildung.

„Dass sich die Trainer mit den Ausbildungsberufen auskennen und viele Arbeitgeber kennen, bei denen man ein Praktikum machen kann, finde ich gut. Ich hatte schon befürchtet, dass ich überhaupt nicht die Möglichkeit bekommen würde, ein Praktikum zu machen. Wegen meines Kopftuchs, weil ich ein Kind habe und weil ich schon lange aus der Schule raus bin. Ich habe ja vorher schon eine ganze Reihe von Bewerbungen geschrieben und sogar dann, wenn ich wusste, dass der Betrieb noch Leute sucht, habe ich meistens eine Absage bekommen. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich durch TEP die Möglichkeit bekommen habe, in die Betriebe hineinzukommen“, so eine Teilnehmerin über die Unterstützungsarbeit in TEP.1

Öfter bedarf es auch der Unterstützung bei Absprachen mit den Berufsschulen, damit die Azubis keine Einträge in ihr Zeugnis für ein Zuspätkommen erhalten, wenn sie vor Schulbeginn ihre Kinder in Kita beziehungsweise Grundschule bringen müssen. Die beratenen Ausbildungssuchenden sind überwiegend Frauen (99 Prozent) mit kleinen Kindern (43 Prozent).

Wer sind die TEP-Teilnehmenden?
 

In den letzten drei Jahren des TEP-Programms gab es annähernd 3.000 (genau 2.987, Stand November 2018) Teilnehmende, bei jährlich 540 bewilligten Plätzen. Durch die Nachbesetzung freier Plätze nehmen jedoch zwischen 650 und 750 Mütter und Väter pro Jahr an TEP teil. Die meisten TEP-Projekte vor Ort haben 10 Plätze zur Verfügung. Sobald Teilnehmende einen Ausbildungsvertrag abschließen, beenden sie die Vorbereitungsphase und sind fördertechnisch erst wieder TEP-Teilnehmende, wenn sie in der Ausbildung begleitet werden. Das ist oft erst Monate später der Fall. Eine Zeit, die zur Vorbereitung neuer Ausbildungssuchender genutzt wird. Sind Teilnehmende nach sechs Monaten Vorbereitungsphase weiterhin ohne Ausbildungsplatz und arbeitslos, werden sie vom Jobcenter weiter beraten. Teilnehmende, die statt Ausbildung eine Arbeit, ein Studium oder andere Qualifizierungen aufnehmen oder ihre Familienphase fortsetzen, beenden ebenfalls die TEP-Teilnahme und machen Platz für neue Bewerber und Bewerberinnen. Die Programmevaluation der G.I.B. bis 2014 zeigte, dass 37 Prozent der Teilnehmenden weniger als vier Monate der individuellen Beratung in der Vorbereitungsphase benötigten, um eine Ausbildung aufzunehmen.2

Von den Teilnehmenden in der aktuellen ESF-Phase sind ein Prozent Männer mit Kind oder zu pflegenden Angehörigen. Über zwei Drittel (68 Prozent) der Teilnehmenden sind alleinerziehend. Insgesamt 51 Frauen und Männer, rund drei Prozent, betreuen pflegebedürftige Angehörige. Der Altersdurchschnitt liegt bei 27 Jahren. In den ersten Jahren des TEP-Programms überwogen noch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren. Doch seit Längerem steigt die Gruppe der über 25-Jährigen kontinuierlich an und beträgt aktuell 66 Prozent. 39 Prozent der Teilnehmenden haben einen Migrationshintergrund. Nahezu unverändert im Vergleich der ganzen Jahre des TEP-Monitorings (seit 2009) sind die schulischen Voraussetzungen der Teilnehmenden. Aktuelle Daten sagen: Die Mehrheit (77 Prozent) verfügt über einen Hauptschul- oder einen mittleren Abschluss. Knapp 20 Prozent bringen die Fachhochschulreife/Fach­abitur oder das Abitur mit. Und nur ca. vier Prozent haben (noch) keinen anerkannten Schulabschluss oder einen Förderschulabschluss. Die meisten Teilnehmenden fanden über die Jobcenter oder die Agentur für Arbeit Zugang zu TEP. 78 Prozent waren bei Eintritt arbeitslos gemeldet oder arbeitsuchend. Nach Austritt aus dem TEP-Projekt waren 23 Prozent arbeitslos.3

Übergang in Ausbildung
 

Eine Ausbildung konnten in den letzten drei Jahren rund 29 Prozent aufnehmen, 32 Prozent waren es im Jahr 2018 (Stand November 2018). Berücksichtigt man auch noch die Übergänge in ein Studium, in sozialversicherungspflichtige Arbeit und in andere berufsbildende Maßnahmen, so sind es rund 50 Prozent, die eine positive berufliche Entwicklung direkt über TEP erreichen. Nicht wenige haben später Erfolg beim Ausbildungseinstieg, steigen also erst Jahre nach der TEP-Maßnahme in den Arbeitsmarkt ein. So konnten rund 40 Prozent der befragten Teilnehmenden im Anschluss an ihre Teilnahme im TEP-Projekt noch ohne Unterstützung einen Berufsabschluss erwerben.4

Die meisten TEP-Teilnehmenden (70 Prozent) können ihren Ausbildungswunsch in Teilzeit umsetzen. In der Regel werden Ausbildungsverträge mit 30 Wochenstunden abgeschlossen, sodass man eher von vollzeitnaher Ausbildung sprechen kann. Eine Verlängerung der meist dreijährigen Regelausbildungszeit gibt es in Einzelfällen. Von einer Verkürzung und vorzeitigen Abschlussprüfung berichten die TEP-Begleiterinnen und Begleiter dagegen immer wieder. Das Ausbildungsspektrum umfasst, nach der letzten Auswertung, 62 verschiedene Berufe. Die zwölf häufigsten Berufe sind folgende:

  • Kaufmann/-frau für Büromanagement und für Einzelhandel
  • Medizinische und Zahnmedizinische Fachangestellte/r
  • Friseur/-in
  • Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk und Verkäufer/-in
  • Rechtsanwalts- und Steuerfachangestellte/-r
  • Altenpfleger/-in
  • Verwaltungsfachangestellte/-r
  • Hauswirtschafter/-in

Es gibt einen Schwerpunkt bei den kaufmännischen beziehungsweise IHK-Berufen. Technische, Industrie- und handwerkliche Berufe werden von den fast ausschließlich weiblichen TEP-Teilnehmenden, wie allgemein am Ausbildungsmarkt, in deutlich geringerem Ausmaß aufgenommen. Im Handwerk in Nord­rhein-Westfalen wird in 25 verschiedenen Berufen in Teilzeit ausgebildet. Obwohl es grundsätzlich eine Offenheit zur Ausbildungsvariante der Teilzeitberufsausbildung bei den Handwerkskammern gibt, bestehen Hemmnisse. Andreas Oehme, der Geschäftsführer des Westdeutschen Handwerkskammertages (WHKT) meint dazu: „Teilzeitberufsausbildung gibt es nach unseren Erfahrungen eher nicht in den Berufen, wo der Einsatz beim Kunden direkt vor Ort notwendig ist, etwa in den Bauberufen. (…) Meistens sind es Berufe, die in eigener Werkstatt oder im eigenen Geschäft stattfinden und mehr organisatorische Flexibilität ermöglichen.“5

Beratung von Unternehmen zur Teilzeitberufsausbildung
 

Die TEP-Projekte bei den Bildungsträgern beraten und begleiten nicht nur die Zielgruppe der Ausbildungssuchenden mit Kindern, sondern auch die Unternehmen. Sie kontaktieren ausbildungswillige Unternehmen, um sie über die Teilzeitberufsausbildung zu informieren und um Praktikums- und Ausbildungsplätze zu akquirieren.

Matthias Menn – Inhaber des Autohaus Menn in Siegen kam durch Zufall in Kontakt mit Frau Rauscher, der Projektleiterin von TEP in Siegen. Sie hat bei ihm ein Auto gekauft. Und so kamen sie miteinander ins Gespräch. „Als sie mir erklärt hat, wie alles läuft, habe ich mir gedacht, gut, warum nicht? Versuchen kann man es ja mal. Mit Auszubildenden kann man als Betrieb immer Glück oder Pech haben. Gerade wenn die jungen Menschen direkt von der Schule kommen, dann hat man als Ausbilder manchmal das Problem, dass viele von denen noch gar nicht wissen, was sie wirklich wollen. Bei Frau Semmert war das anders. Das hat mir gleich sehr gut gefallen. Bei ihr war ich mir sicher, dass sie die Ausbildung auch durchzieht, wenn ich ihr eine Chance geben würde. Und auf die Arbeitszeit haben wir uns schnell geeinigt“, so Menn. Jessica Sennert, ehemalige Teilnehmerin des TEP-Projektes in Siegen, ist mittlerweile ausgebildete Automobilkauffrau und vom Autohaus Menn nach der Ausbildung übernommen worden.

Claudia Höhn, die für das TEP-Programm bei der BBS in Ahaus und Bocholt arbeitet, sagt zur Arbeit mit den Unternehmen: „Jeder Fall ist anders. Viele Unternehmen denken, die Ausbildungswilligen können nur an Vormittagen arbeiten – das ist nicht unbedingt so. Am besten sei es, sich vorab mit den Unternehmen an einen Tisch zu setzen, und für jeden Einzelfall eine individuelle Lösung zu finden.“

Wie wichtig diese Beratungsfunktion der TEP-Träger ist, hat eine Befragung der an TEP beteiligten Unternehmen gezeigt. Rund 65 Prozent der befragten Betriebe haben nach eigener Aussage erstmals über den Träger von der grundsätzlichen Möglichkeit der Ausbildung in Teilzeit erfahren. 90 Prozent der Betriebe haben im Zusammenhang mit TEP erstmals in Teilzeit ausgebildet und rund 50 Prozent der befragten Betriebe gaben an, einen oder mehrere zusätzliche Ausbildungsplätze für TEP-Teilnehmende geschaffen zu haben.6

Die Teilzeitberufsausbildung als familienfreundliche Ausbildung hat sich oft als gut geeignet erwiesen für kleine Unternehmen und für diejenigen, die sowieso flexible Arbeitszeiten einsetzen; dann für Unternehmen, die gerne lebenserfahrene ältere Auszubildende einsetzen, die von der Erfahrung der Teilnehmenden mit familiärer Arbeit profitieren, da sie häufig eine hohe soziale Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Auch für junge Unternehmen ist die Teilzeitberufsausbildung eine Chance, wenn sie sich eher eine geringe Ausbildungsvergütung leisten können, da angepasst an die Teilzeit-Arbeitszeit gezahlt wird. In Zeiten eines hohen Fachkräftebedarfs ist es von Vorteil für Unternehmen, junge Eltern als Fachkräftepotenzial mitzudenken, da dann ein größerer Pool von potenziellen Auszubildenden zur Verfügung steht. Erfahrungen zeigen zudem, dass die Auszubildenden sich durch eine hohe Loyalität, Unternehmens- und Standorttreue auszeichnen. Investierte Ausbildungskosten bleiben so dem Unternehmen erhalten.

Altenpflegeausbildung in Teilzeit?
 

Das TEP-Programm, das sich zunächst auf den Übergang in die duale Ausbildung konzentrierte, wurde schon ein Jahr nach Programmstart – aus Gründen des Fachkräftebedarfs – erweitert um den Beruf der examinierten Altenpfleger/-in (und 2016 auf weitere Gesundheitsberufe und schulische Berufsausbildungen). Das bundesweite Altenpflegegesetz (§ 4, Absatz 5) und auch das zukünftig geltende Pflegeberufereformgesetz sehen die Ausbildung in Teilzeit vor: „Die Ausbildung kann auch in Teilzeitform durchgeführt werden und in diesem Fall bis zu fünf Jahre dauern.“

Eine Recherche der G.I.B. ergab, dass nur 10 von 188 Altenpflegeseminaren in NRW (2017) tatsächlich die Altenpflegeausbildung in Teilzeit anbieten: Arnsberg, Würselen, Köln, Gevelsberg, Düren, Wuppertal, Bielefeld, Düsseldorf, Xanten und Lüdenscheid/Iserlohn. Während die praktische Ausbildung von 2.500 Stunden in der Regel auf 70 oder 75 Prozent wöchentlich verkürzt in ambulanten oder stationären Altenpflegeeinrichtungen durchgeführt wird, sind die Seminare für das Angebot der 2.100 Theoriestunden verantwortlich. In neun Fällen wurde so die Altenpflegeausbildung mit vier Jahren und in einem Fall mit 3,5 Jahren Dauer angeboten.

In Interviews mit den Altenpflegeseminaren, die die fachliche Verantwortung für die Ausbildung haben, wurden sehr unterschiedliche Entwicklungen zur Nachfrage nach einer Teilzeitausbildung beobachtet: Einige berichteten von vereinzelten oder zurückgehenden Anfragen, andere meinten, die Anfragen seien stabil, aber die Zielgruppe habe zunehmend schwierigere Voraussetzungen (persönliche und Motivations- sowie Vereinbarkeitsprobleme).

Ein Seminar in Ostwestfalen beobachtet seit drei Jahren eine Trendwende hin zur Teilzeitausbildung, vor allem für die Qualifizierung von beschäftigten Hilfskräften. Den Erfolg für das Zustandekommen einer kompletten Klasse von Teilzeitauszubildenden sehen zwei Seminarleiterinnen in ausführlichen Beratungsgesprächen, die schon ein Jahr vor Kursbeginn mit den Altenpflegeeinrichtungen geführt werden müssten, zum Beispiel zu möglichen Arbeitszeiten, der Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen und zu Fragen der praktischen Anleitung. Eine weitere Interview­partnerin meinte, dass für ambulante Pflegedienste die Teilzeitausbildung interessant sei, weil vormittags in sechs Stunden ein großer Teil der Arbeit zu erledigen sei und die Bereitschaft zu einer Teilzeitarbeitsgestaltung bestehe. Eine andere hatte eher negative Erfahrungen mit der praktischen Ausbildung und Anleitung in den Einrichtungen und auch mit einer Stigmatisierung der Zielgruppe der Alleinerziehenden. Insgesamt gibt es sehr unterschiedliche Gründe, warum nur wenige Altenpflegeseminare die Teilzeitausbildung anbieten: „zu wenig interessierte Einrichtungen“, „zu geringe Nachfrage“, „Probleme, ganze Klassen zu bilden“, „ausgelastete Kapazitäten in Vollzeit“. Nicht zuletzt ist zu prüfen, wie weit verwaltungstechnische und prüfungsrelevante Vorgaben nicht flexibler handhabbar sind, um zum Beispiel Teilzeit-Azubis mit Vollzeit-Azubis gemeinsam theoretisch auszubilden, wie in anderen Berufen in der Berufsschule auch. Die Schulzeiten sind zumindest in der Regel passend zu Kita-Öffnungszeiten, sodass Altenpflegeschülerinnen und -schüler mit Kind teilnehmen können.

In der StädteRegion Aachen bilden zwei Pflegeeinrichtungen erstmals zwei alleinerziehende Mütter in Teilzeit zur Altenpflegerin aus. Dazu Kerstin Schliepen, Leiterin des Hauses Aurelius in Aachen: „Auf Anhieb hat hier alles gepasst und die Ausbildung funktioniert sehr gut. Nach dem Abschluss sind wir sehr interessiert die Auszubildende als Fachkraft einzustellen, die ersten Gespräche laufen schon“, und Schliepen weiter, „wir sind als familienfreundlicher Arbeitgeber zertifiziert und sehen uns in der Pflicht, Familienfreundlichkeit zu leben. Dazu gehört Familie und Beruf in Einklang bringen zu können, und damit auch das Angebot einer Teilzeitausbildung.“

Insgesamt ist der Fachkräftebedarf in der Gesundheitsbranche so groß, dass eine fast hundertprozentige Übernahmechance nach der Ausbildung besteht.

Was noch zu tun ist
 

Als das TEP-Programm 2009 startete, gab es in der Berufsbildungsstatistik in Nordrhein-Westfalen nur 0,07 Prozent aller neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in Teilzeit. Das waren damals 87 Azubis. Diese Zahl hat sich mehr als verfünffacht: Heute werden 483 Teilzeitauszubildende gezählt, was einem Anteil von 0,4 Prozent an neu abgeschlossenen Verträgen 2017 in Nordrhein-Westfalen entspricht. Im bundesweiten Vergleich steht Nordrhein-Westfalen zwar gut da, aber insgesamt ist noch Luft nach oben. Auch wenn zu beobachten ist, dass der öffentliche Dienst vermehrt Auszubildenden mit Kind eine Chance durch eine Teilzeitausbildung gibt: in Stadtverwaltungen, Agenturen für Arbeit oder bei Bildungsträgern.

Darum geht es: Die Fachkräftepotenziale nutzen und auch die berufliche Entwicklung für Eltern und Pflegende durch eine Ausbildung zu ermöglichen. (Kinder-)Armut vermeiden und nachhaltige berufliche Integration ist nur mit einer abgeschlossenen Ausbildung möglich. Aber sieht man sich die Zahlen der Alleinerziehenden im SGB II an, von denen in Nordrhein-Westfalen fast 68 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, wird der Handlungsbedarf deutlich. Die Teilzeitberufsausbildung ist ein Baustein, diese Situation zu ändern. In allen Förderansätzen und durch alle Akteure, die mit ausbildenden Unternehmen und potenziellen Auszubildenden zu tun haben, müsste zur Teilzeitberufsausbildung informiert, gute Praxis aufgezeigt und zum Nachmachen animiert werden. Damit kein Unternehmen mehr sagen kann: Teilzeitberufsausbildung kenne ich nicht.


Ausbildung in Teilzeit

Seit 2005 ist die Ausbildung in Teilzeit gesetzlich geregelt und ermöglicht einen anerkannten Berufsabschluss in grundsätzlich allen Berufen des dualen Ausbildungssystems. Es muss ein „berechtigtes Interesse“ vorliegen, – so die Regelung im Berufsbildungsgesetz, § 8 Absatz 1, Satz 2 BBiG/§ 27b Abs.1, Satz 2 HwO, das heißt, es muss Sorge für ein eigenes Kind oder für die Pflege Angehöriger getragen werden. Es können auch „vergleichbar schwere Gründe vorliegen“, zum Beispiel gesundheitliche Einschränkungen, die eine Teilzeitberufsausbildung erforderlich machen. Auf gemeinsamen Antrag der Auszubildenden und des ausbildenden Betriebs bei der zuständigen Stelle beziehungsweise Kammer muss die wöchentlich oder täglich verkürzte Ausbildung vereinbart werden. Die Berufsschule wird ungekürzt besucht. „Die Ausbildung in Teilzeit führt grundsätzlich nicht zu einer Verlängerung der kalendarischen Gesamtausbildungsdauer“, sofern glaubhaft gemacht wurde, dass das Ausbildungsziel in der gekürzten Zeit erreicht werden kann (vgl. Hauptausschuss des Bundesinistituts für Berufsbildung: Abkürzung, Verlängerung der Ausbildungszeit/zur Teilzeitberufsausbildung sowie zur vorzeitigen Zulassung zur Abschlussprüfung. Empfehlung Nr. 129 vom 27.06.2008.

url: www.bibb.de/dokumente/pdf/HA129.pdf, Stand 23.10.2018).

Auch schulische Berufsausbildungen, wie zum Beispiel die examinierte Altenpflege und die Gesundheits- und Krankenpflege, können in Teilzeit absolviert werden. Das entsprechende Bundesgesetz (auch die Neufassung des Pflegeberufe-Gesetzes) sehen dafür in der Regel eine verlängerte Ausbildung von bis zu fünf Jahren vor, damit alle vorgeschriebenen Theorie- und Praxisanteile vermittelt werden können. In der Regel klappt das auch schon in vier oder viereinhalb Jahren.


1 Christian Dohmen: Junge Mütter auf dem Weg in eine Teilzeitberufsausbildung, Bonn 2018, S. 188

2 Julia Mahler, Simone Adelt: Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen. Eine empirische Untersuchung der Programm­umsetzung. Arbeitspapiere 53, G.I.B. (Hrsg.), Bottrop, 2015, S. 13

3 Wegen Mehrfachnennungen ergibt die Summe mehr als 100 Prozent.

4 Julia Mahler, Simone Adelt: Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen. Eine empirische Untersuchung der Programm­umsetzung. Arbeitspapiere 53, G.I.B. (Hrsg.), Bottrop, 2015, S. 36

5 G.I.B.-Info 3/2018, S. 46

6 Julia Mahler, Simone Adelt: Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen. Eine empirische Untersuchung der Programm­umsetzung. Arbeitspapiere 53, G.I.B. (Hrsg.), Bottrop, 2015, S. 43

Autorin

Karin Linde
Tel. 02041 767257
k.linde@gib.nrw.de

 

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