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(Heft 3/2018)
Interview mit Axelle van Harten, Integrationscentrum CRIPEL, Belgien

Regionale Integrationszentren in Wallonien

Wallonien verfügt über acht regionale Integrationszentren, die sich in Namur, Veréviers, Liège, Brabant, La Louvière, Moans, Charleroi und in der Provinz Luxemburg befinden. CRIPEL (Centre Régional d’Intégration pour les Personnes Etrangères ou d´origine étrangère de Liège) ist das größte dieser Integrationszentren – und mit einem Einzugsgebiet von 55 Gemeinden zuständig für 30 % der Klientinnen und Klienten in der Provinz Wallonien. Die G.I.B. sprach mit der Koordinatorin des Integrationszentrums CRIPEL, Axelle van Harten, über die Integration von Zugewanderten in Wallonien und die Arbeit der Integrationszentren.

G.I.B.: Welche Aufgaben und Funktionen haben die regionalen Integrationszentren in Wallonien?

Axelle van Harten: Bei den regionalen Integrationszentren in Wallonien handelt es sich um gemeinnützige Organisationen, die von einem Direktorium geleitet werden, das sich zu gleichen Teilen aus Vertretern der öffentlichen Hand und des Freiwilligensektors zusammensetzt. Eingeführt wurden die Integrationszentren erstmals 1996 im Rahmen eines Dekrets der Regionalregierung Walloniens. Ihr Aufgabenfeld wurde seit ihrer Etablierung aufgrund neuer Rechtsvorschriften am 27. März 2014 sowie am 27. April 2016 umstrukturiert, und Änderungen wurden in der Ausgestaltung der Aufnahme- und Integrationsprogramme der Integrationszentren vorgenommen.

Die regionalen Integrationszentren unterscheiden sich in ihrem geografischen Einzugsgebiet und Zuständigkeitsbereich. So bietet CRIPEL hier in Liège Integrationsdienstleistungen in einer vorwiegend städtischen Umgebung an, während andere Integrationszentren, wie etwa das Zentrum in der Provinz Luxemburg, Klienten vor allem im ländlichen Umfeld betreuen. Die Integrationszentren im ländlichen Raum müssen sich ganz anderen Herausforderungen stellen, da die Kommunen geografisch weiter auseinanderliegen und es weniger gemeinnützige Dienstleistungseinrichtungen gibt. Ein viel schlechter ausgebautes ÖPNV-System erschwert den Zugang zu Integrationsdienstleistungen.
 
Seit der Gesetzesänderung von 2014 sind die regionalen Integrationszentren dafür verantwortlich, für jeden Klienten individuelle Integrationspläne zu entwickeln und Unterstützung bei der Umsetzung dieser Integrationspläne zu leisten. Im Dialog mit den Klienten wird eine Bestandsaufnahme erstellt, in der der Bildungsstand, die Berufserfahrung, die beruflichen Ziele sowie die sozioökonomische Lage des Klienten festgehalten werden. Im Anschluss daran wird gemeinsam eine Vorgehensweise vereinbart, die die verschiedenen Schritte zur Integration des Klienten in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft skizziert. All dies geschieht in enger Absprache und Zusammenarbeit mit dem Klienten. Die regionalen Integrationszentren untersuchen auch, inwieweit die Entwicklung individualisierter Integrationspläne ein sinnvolles konzeptionelles Planungswerkzeug in der gemeinsamen Arbeit mit ihren Klienten darstellt und den Integrationsprozess vorantreibt.

Sie erfüllen zudem eine wichtige Koordinationsfunktion, indem sie stets versuchen, Integrationsdienstleis­tungen für Migrantinnen und Migranten zu optimieren. Darüber hinaus fördern sie die soziale, wirtschaftliche und politische Teilhabe von Migrantinnen und Migranten, indem sie kulturübergreifende Begegnungen und Gedankenaustausche organisieren und sich bemühen, Menschen mit Migrationsgeschichte und gebürtige Belgier zusammenzubringen. Die regionalen Integrationszentren in Wallonien arbeiten eng zusammen, um sicherzustellen, dass die Rechtsvorschriften einheitlich im französischsprachigen Teil Belgiens angewandt werden. Ein Wissenstransfer findet auch durch den Austausch von personellen Ressourcen statt. So kann zum Beispiel ein Rechtsexperte von CRIPEL Seminare zu einem bestimmten Thema auch in einem anderen regiona­len Integrationszentrum durchführen.

Außerdem haben wir aufgabenspezifische Arbeitsgruppen eingerichtet, die sich einmal im Monat treffen, um sich zu bestimmten Themen, etwa die Förderung von Vielfalt am Arbeitsplatz, Mentorenprogramme für Migrantinnen und Migranten, bessere Zugänge zum Arbeitsmarkt, etc. auszutauschen und auf dem Laufenden zu halten. In diesen Gruppen stellen wir Best Practices vor und lernen voneinander. Die Koordinierung der acht Integrationszentren ist Aufgabe unserer gemeinsamen Regionalorganisation – DISCRI (Dispositif de concertation et d’appui aux Centres Régionaux d’Intégration), in der die Leitungen der acht Integrationszentren vertreten sind.

G.I.B.: Sie werden von der Regionalregierung Walloniens eingesetzt. Welche Herausforderungen und Chancen sind Ihrer Meinung nach mit dieser Rolle verbunden?

Axelle van Harten: Die regionalen Integrationszentren sind natürlich eine „Kreation“ der Regionalregierung, und sind als solche an die Regeln und Vorschriften gebunden, die die Regionalregierung als unser Kontrollorgan festlegt. Des Weiteren werden unsere Leistungen größtenteils durch Einkünfte vonseiten der Regionalregierung finanziert und die finanziellen Mittel sind an spezifische Integrationsdienstleis­tungen zweckgebunden (ca. 80 % unserer finanziellen Mittel kommen aus Wallonien, die restlichen 20 % vom Europäischen Sozialfonds). CRIPEL beispielsweise betreute im letzten Jahr im Rahmen seines Integrationsprogramms insgesamt 600 Klienten, beziehungsweise 1000 Personen im Rahmen des sozialen und beruflichen Integrationsprogramms (vom Europäischen Sozialfonds finanziert).

Ebenso wie in anderen Ländern mit föderalen Staatsstrukturen müssen wir uns der Herausforderung stellen, effektiv mit mehreren Regierungsebenen zusammenzuarbeiten, einschließlich der belgischen Bundesregierung, der Regionalregierung Walloniens sowie verschiedenen kommunalen Regierungen. Dies erfordert Geduld und Durchhaltevermögen. Die Erstaufnahmepolitik von Migrantinnen und Migranten unterliegt beispielsweise der Gerichtsbarkeit der Bundesregierung Belgiens, die Integrationspolitik hingegen liegt in der Zuständigkeit der Regionalregierung Walloniens. Nicht selten gibt es hier Überschneidungspunkte zwischen den Grundsätzen und Maßnahmen der beiden Regierungspartner. Ähnlich gelagerte Problemstellungen erfahren wir bei CRIPEL in unserer kommunalen Zusammenarbeit: es ist beispielsweise wichtig, dass wir die 55 Kommunen in unserem Einzugsgebiet klar über unsere Ziele und Strategien in der Bereitstellung von Integrationsdienstleistungen informieren. Dabei müssen wir aber stets im Hinterkopf behalten, dass diese Kommunen ganz unterschiedliche Ausgangssituationen zur Thematik haben. Einige Kommunen haben eine große Anzahl an Migrantinnen und Migranten aufgenommen, während andere bisher nur am Rande mit der Erstaufnahme und der Integration von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft in Berührung gekommen sind.

Aber obwohl wir eine „Kreation“ der Regionalregierung Walloniens sind, können wir auch neue Ideen vorschlagen und auf den Weg bringen. Wir kennen unsere Klienten und die Arbeitsabläufe gut und sind deshalb in der Lage, konstruktive Verbesserungsvorschläge einzubringen. Unser Vorteil besteht zudem darin, dass wir als gemeinnützige Organisation auch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit besitzen. Dies ist vor allem für einige unserer Klienten wichtig, die in ihren Herkunftsländern vielleicht Probleme im Umgang mit Regierungsvertretern hatten. So ist es für Klienten weitaus angenehmer, ihre Probleme im Integrationsprozess mit uns zu besprechen als mit einer offiziellen staatlichen Behörde.

G.I.B.: Wer sind Ihre Klienten?

Axelle van Harten: Belgien ist ein ethnisch wie kulturell pluralistisches Land und die höchste Konzentration von Menschen mit Migrationsgeschichte finden wir in der Hauptstadtregion Brüssel. Daten von 2015 zufolge besitzen 33 % der Bevölkerung Brüssels eine ausländische Staatsbürgerschaft, im Vergleich dazu sind es in Wallonien 9,8 % und in Flandern 7,8 %. Die Hauptstadtregion Brüssel ist in vielen Fällen also die erste Anlaufstelle für internationale Migranten, etwa 11 % der Bevölkerung in dieser Region sind Neuzuwanderer, die seit weniger als fünf Jahren in Belgien leben.

Die Zielgruppe, die die Dienstleistungen der regionalen Integrationszentren in Anspruch nehmen können, sind gemäß Dekret vom 27. März 2014 Neuzuwanderer, die über 18 Jahre alt sind, seit weniger als drei Jahren in Belgien leben und eine Aufenthaltserlaubnis von mehr als drei Monaten besitzen. Für diese Zielgruppe ist unser Programm obligatorisch. Unsere Dienstleistungen stehen auf Wunsch auch Bürgern aus anderen EU-Mitgliedstaaten oder europäischer Staaten mit Assoziierungsstatus zur Verfügung. 2015 und 2016 wurden unsere Dienstleistungen aber hauptsächlich von Migranten aus kriegszerrütteten Ländern des Nahen Ostens wie Syrien oder dem Irak in Anspruch genommen. Im Jahr 2016 betreute CRIPEL insgesamt 1015 Klienten.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die meisten unserer Klienten mehrere und oft sehr komplexe Probleme haben, die während des Aufnahme- und Integrationsprozesses gelöst werden müssen. Diese reichen von der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen, mangelnden Sprachkenntnissen, der Notwendigkeit einer beruflichen Weiterbildung bis hin zu Sorgen um Familienmitglieder, die etwa noch im Heimatland sind oder in einer Flüchtlingsaufnahmestelle im Ausland leben. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte einer Frau. Nennen wir sie Aisha. Als der Krieg in Syrien ausbrach, absolvierte sie gerade ein Aufbaustudium in Medizin in Belgien und besaß ein internationales Studentenvisum. Nachdem sie ihr Studium beendet hatte, konnte sie wegen des Bürgerkriegs nicht nach Syrien zurückkehren und musste Asyl beantragen. Um sich selbst versorgen und ihren Studienkredit zurückbezahlen zu können, brauchte sie dringend Arbeit. Auf dem Arbeitsmarkt hatte sie jedoch Schwierigkeiten, da sie von ihren in Syrien abgeschlossenen Bachelor- und Masterabschlüssen keine offiziellen Abschriften bekommen konnte. Zudem erwarteten wir Probleme bei der Anerkennung dieser Qualifikationen, da die regulatorischen Bedingungen für Ärzte in Belgien im Vergleich zu Syrien sehr strikt sind. Auch die notwendige Sprachkompetenz fehlte ihr noch. An diesem Beispiel sehen Sie, dass wir mit unseren Klienten ganz individuell arbeiten und maßgeschneiderte Integrationspläne erstellen müssen, die ihrer spezifischen Lebenssituation gerecht werden.

G.I.B.: Welche Voraussetzungen müssen Klienten auf ihrem „Integrationsweg in Wallonien“ erfüllen? Welche Kurse müssen Zugewanderte besuchen und erfolgreich absolvieren?

Axelle van Harten: Der „Integrationsweg in Wallonien“ setzt sich aus drei Schlüsselmodulen zusammen: einem Aufnahmemodul, einem Trainings- und Beratungsmodul sowie einem Follow-up-Modul.

Klienten gelangen zu uns, durch Vermittlung vonseiten der kommunalen Regierung oder anderer sozialer Dienstleistungsorganisationen. Wir haben auch Klienten, die selbst die Initiative ergreifen und sich direkt an uns wenden.

Wir führen mit den Klienten zunächst ein Aufnahmegespräch durch, um uns einen Überblick über vorherrschende Probleme in verschiedenen Lebensbereichen zu verschaffen wie etwa Gesundheit, Familie und Kinder, Wohnen, Sprachkenntnisse, Berufserfahrung und -ausbildung, Verfügbarkeit von Abschlüssen und Zeugnissen etc. Im Anschluss daran besuchen die Klienten einen Kurs, der ihnen Informationen über die Rechte und Pflichten von in Belgien lebenden Bürgern vermittelt. Dabei handelt es sich um einen grundlegenden Orientierungskurs, in dem Klienten Wichtiges über verschiedene Bereiche des täglichen Lebens lernen, wie Arbeit, Ausbildung, Wohnen, Gesundheitswesen, Bildung und Mobilität. Gleichzeitig erhalten die Klienten ein personalisiertes Coaching, um herauszufinden, wie sie die ganz persönlichen Herausforderungen des Integrationsprozesses am besten bewältigen können. Danach unterzeichnen sie mit uns eine Aufnahmevereinbarung, in der ihre vorrangigen Ziele im Integrationsprozess sowie die Maßnahmen aufgeführt sind, die sie ergreifen werden, um diese Ziele zu erreichen. Seit 2014 waren diese verschiedenen Schritte für Klienten obligatorisch.

Im Jahr 2016 wurde dieser Ansatz durch eine Rechtsvorschrift um eine Schulung in aktiver Staatsbürgerschaft erweitert: Unsere Klienten müssen nun an einem Staatsbürger-Informationskurs teilnehmen, der aus mindes­tens 20 Stunden Unterricht innerhalb von acht Wochen besteht. In ihm wird ein breites Spektrum an Themen behandelt, einschließlich Wohnen, Gesundheitswesen, Bildung, Sozialsystem, belgische internationale Institutionen, Steuern und Versicherungen sowie Dinge des täglichen Lebens. Zusätzlich müssen unsere Klienten Kurse in Französisch als Fremdsprache belegen, die aus mindestens 120 Kursstunden innerhalb von maximal acht Monaten bestehen. Gegebenenfalls müssen Kurse in Alphabetisierung sowie Kurse zur Verbesserung des Ausbildungsstandes besucht werden. Unsere Klienten erhalten darüber hinaus auch eine vierstündige soziale und berufliche Integrationsschulung, in der sie bei der Entwicklung des Lebenslaufs, der Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche und der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützt werden. CRIPEL bietet diese Kurse nicht direkt an, sondern engagiert verschiedene gemeinnützige Organisation für diese Dienstleistungen.

Alle sechs Monate erfolgt ein Follow-up zur Bewertung, um zu schauen, welche Fortschritte Klienten auf ihrem Integrationsweg gemacht haben. Neuzugewanderte haben insgesamt 18 Monate Zeit, um das Programm erfolgreich zu absolvieren. Am Ende des Programms erhalten sie im Rahmen der letzten Bewertung ein Zertifikat, das ihre Teilnahme an den Integrationskursen bestätigt. Die Follow-up-Bewertung wird von den Gemeinden und lokalen Behörden der Kommunen durchgeführt, in denen die Person wohnhaft ist.

Wenn ein Klient den aus verschiedenen Integrationsschritten bestehenden Prozess nicht in der vorgegebenen Zeit durchläuft, müssen wir erklären, welche Hindernisse einem erfolgreichen Abschluss im Weg standen. Wird der Integrationsweg nicht wie geplant durchgeführt, drohen mögliche Strafen. Das Dekret legt fest, dass eine Person, die den Kurs nicht beendet, eine Strafe von 2.500 Euro auferlegt werden kann.

Wir verfügen derzeit noch nicht über ausreichende empirische Daten hinsichtlich der Kursabbrecherquote und möglicher Gründe für ein Scheitern, da das obligatorische Integrationsprogramm erst 2016 startete und ein Durchlauf 18 Monate dauert.

G.I.B.: Wie sprechen Sie in den Staatsbürger-Kursen sensible Themen wie Frauenrechte oder „belgische Normen und Werte“ an?

Axelle van Harten: Die Teilnehmenden unserer Staatsbürger-Kurse kommen aus vielen verschiedenen Ländern, in denen Auffassungen von Geschlechterrollen sehr unterschiedlich sein können. In diesen Kursen informieren wir die Teilnehmenden über Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensbereichen in Belgien.

Wir achten auch sehr genau auf die besonderen Bedürfnisse neu angekommener Migrantinnen in Bezug auf die Teilnahme an den Integrationskursen. Wir stellen zum Beispiel sicher, dass die Kurse auch von Frauen mit Kindern besucht werden können, indem wir eine Kinderbetreuung anbieten. In ihrer Arbeit mit weiblichen Klienten sind sich die Betreuenden der potenziellen doppelten Diskriminierung bewusst, die Frauen mit Migrationshintergrund erleiden können: Sie haben es nicht nur als Frauen, sondern auch als Ausländerinnen schwer. Wir ermutigen unsere weiblichen Klienten auch, Fahrstunden zu nehmen, da wir dies als wichtigen Faktor für Mobilität und Unabhängigkeit sehen. Daher sind zwei Drittel unserer Klienten, die Fahrschulunterricht nehmen, Frauen.

G.I.B.: Inwiefern kann die Entwicklung eines individualisierten Integrationsplans für neu angekommene Migranten die Kommunikation zwischen sozialen Dienstleistern erleichtern?

Axelle van Harten: Die Integrationspläne, die wir bei CRIPEL mit unseren Klienten ausarbeiten, verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz und decken die Ziele und Wünsche unserer Klienten in verschiedenen Lebensbereichen ab. Im Gegensatz dazu haben die staatlichen Arbeitsvermittlungsstellen in Belgien ihre eigenen Methoden, um festzustellen, wie eine erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt gelingen kann. Das Gleiche gilt für die Sozialämter, die auch ihre spezifischen Daten erheben. Momentan testen wir den individualisierten Integrationsplan als potenzielles Werkzeug, das sicherstellen soll, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Stellen und Ämtern besser funktioniert, und wir versuchen, auf dieser Grundlage auch mit anderen Dienstleistern zusammenzuarbeiten. Hier befinden wir uns jedoch noch im Aufbaustadium.

G.I.B.: Wie erfolgreich konnte CRIPEL durch Stellenempfehlungen, Weiterbildungen oder Existenzgründungen Migranten einen Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglichen?

Axelle van Harten: Bei CRIPEL erhalten unsere Klienten Hilfestellung beim Verfassen von Lebensläufen und Bewerbungsschreiben. Wir bereiten Klienten auch auf Vorstellungsgespräche vor und unterstützen sie bei der Stellensuche. Dennoch sind wir besonders auf eine enge Zusammenarbeit mit FOREM – der staatlichen belgischen Arbeitsvermittlung – angewiesen, die unsere Klienten bei der Suche nach Arbeit in einem größeren Ausmaß unterstützen kann.

Es hat sich darüber hinaus gezeigt, dass die Nachfrage nach Coaching für Unternehmensgründungen und -finanzierungen unter unseren Klienten relativ gering ist. Das kann der Tatsache geschuldet sein, dass CRIPEL für Migranten in gewisser Weise die erste Anlaufstelle ist und wir ihnen hier bereits kurz nach ihrer Ankunft in Belgien Unterstützung bei der sozialen und beruflichen Integration anbieten. Der Wunsch, sich beruflich selbstständig zu machen, taucht vielleicht erst zu einem viel späteren Zeitpunkt im Integrationsprozess auf, vielleicht dann, wenn alle Versuche, direkten Zugang zum Arbeitsmarkt zu bekommen, gescheitert sind. Es gilt auch zu bedenken, dass die Hürden bei der Gründung eines eigenen Unternehmens für Migranten ziemlich hoch sind. Begrenzte Sprachkenntnisse, das Fehlen eines Business-Netzwerks und Schwierigkeiten beim Aufbringen des Startkapitals sind nur einige der Hürden, die in diesem Zusammenhang gemeistert werden müssen. Wenn wir eine Anfrage für Unterstützung bei einer Unternehmensgründung erhalten, verweisen wir unsere Klienten an das Gründerzentrum Job´in.

G.I.B.: Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Wallonien und Flandern bei der Bereitstellung von Integrationsdienstleistungen?

Axelle van Harten: Die Konzipierung und Umsetzung unserer Aufnahme- und Integrationsprogramme in Wallonien und Flandern verläuft relativ unabhängig voneinander. Wir treffen unsere Kollegen bei nationalen Konferenzen und Veranstaltungen und tauschen unsere Ansichten und Ideen über Integrationsdienstleis­tungen aus. Unsere Teilnahme am EU-Thematischen Netzwerk für Migration hat beispielsweise dazu beigetragen, dass wir mehr über die Aufnahme- und Integrationsprogramme unserer Kolleginnen und Kollegen in Flandern gelernt haben.

Die Herangehensweisen bei den Themen Aufnahme- und Integrationsdienstleistungen unterscheiden sich erheblich in unseren beiden Provinzen in mehreren Bereichen unter anderem in Inhalt, Umsetzung und Zielpublikum.

Der Integrationsprozess in Flandern mit dem Namen Inburgeringstraject besteht aus vier Schlüsselbausteinen und mündet in einem Vertrag zur staatsbürgerlichen Eingliederung. Der erste Baustein in diesem Prozess ist der erfolgreiche Abschluss eines sozialen Orientierungskurses, der insgesamt 60 Stunden umfasst. Dieser Kurs vermittelt pragmatisches Wissen, das es Migrantinnen und Migranten erleichtert, sich im Alltag in Flandern zurechtzufinden. Sie erhalten darüber hinaus auch Einblicke in Normen und Werte der flämischen Gesellschaft. Der zweite Baustein ist der Abschluss eines Grundkurses in Niederländisch, der zwischen 90 und 600 Stunden dauert und mit dem Erwerb des Sprachniveaus A2 beendet werden muss. Zum Dritten erhalten die Teilnehmenden eine Berufsorientierung und Beratung, die sie bei der Planung ihrer beruflichen Laufbahn unterstützen soll. Der vierte Baustein besteht aus einem Coaching: während des gesamten Programms steht Migrantinnen und Migranten eine sozialpädagogische Begleitung zur Seite. Am Ende des Prozesses erhalten die Teilnehmenden ein Zertifikat über ihre staatsbürgerliche Eingliederung. Von den Teilnehmenden wird erwartet, dass sie aktiv am Programm teilnehmen, einen Aktionsplan für ihre Integration entwerfen und zwei der im Plan genannten Aktivitäten auch umsetzen. Das Zertifikat der staatsbürgerlichen Eingliederung wird ihnen nur verliehen, wenn sie diese Leistungskriterien erfüllen.

Die Integrationsprogramme Walloniens und Flanderns unterscheiden sich z. B. in der Zeit, die für das Sprachtraining vorgesehen ist: In Wallonien müssen die Teilnehmenden mindesten 120 Stunden Französischunterricht nehmen, es gibt aber keine Anforderungen an die zu erreichende Sprachkompetenz, da das wallonische Programm nicht unbedingt auf Leis­tungskriterien fokussiert ist. In Flandern müssen die Teilnehmer das Sprachniveau A2 erreichen, für das 90 bis 600 Stunden vorgesehen sind. In Wallonien wird den Migrantinnen und Migranten, die eine Integrationsvereinbarung geschlossen und das Sprachtraining, den Staatsbürger-Kurs und den Kurs zur sozialen und beruflichen Integration absolviert haben, ein Teilnahmezertifikat ausgestellt.

In Wallonien ist die Bereitstellung der Erstaufnahmedienste dezentralisiert und es gibt eine Reihe von verschiedenen gemeinnützigen Verbänden, die für die Erstaufnahmeprogramme und Integrationsdienstleis­tungen zuständig sind. In Flandern sind diese Dienste viel zentraler gesteuert und konzentrieren sich auf einige wenige Dienstleistungsagenturen.

Das Interview führten

Dr. Hildegard Logan
Tel.: 0211 8372752
Hildegard.Logan@mkffi.nrw.de
Timm Kroeger

Kontakt

Axelle van Harten
Koordinatorin ISP, CRIPEL
Place Xavier Neujean 19/B – 4000 Liège, Belgien
Tel.: +32 (0) 4 223 80 24
axelle.vanharten@cripel.be

 

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