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(Heft 3/2018)
Schmiedetechnik Bergfeld reduziert die Belastung für die wichtigen „Ü 50“-Fachkräfte

Produktiv, wertschöpfend und gesund bis zur Rente

„Arbeite langsamer, damit du mehr Geld verdienst.“ Überraschende Erkenntnisse sind nicht ausgeschlossen, wenn kleine und mittelständische Unternehmen versuchen, Mitarbeiter bis zum Renteneintrittsalter leistungsfähig zu halten. Die Dr. Bergfeld Schmiedetechnik GmbH aus Solingen investiert Energie und Geld in ihre älter werdenden Fachkräfte.

Dass Einzelteile einer Sojus-Rakete mitten in einem ruhigen Solinger Wohngebiet landen, ist kein Grund zur Beunruhigung. Eher zum Staunen, denn im Stadtteil Höhscheid entstehen hinter unscheinbaren Ziegelsteinmauern hin und wieder auch kuriose Designerstücke. Die Dr. Bergfeld Schmiedetechnik GmbH verwertete hier schon Stahl einer ausgedienten Weltraumrakete und verwandelte alte Schläger des spanischen Profigolfers Severiano Ballesteros in Designeruhren. So viel zu den Prunkstücken. Die meisten Teile allerdings, die am Firmensitz Lindenhof in Serie produziert werden, strahlen weniger hell, weil sie ihren Dienst versteckt unter Motorhauben oder an Gangschaltungen verrichten. Das Hauptgeschäft des Traditionsunternehmens sind Präzisionsschmiedestücke für die Automobilbranche und Zulieferindustrie sowie für Maschinen- und Anlagenbauer: Schrauben, Wellen oder Teile zum Beispiel für Achsen, Getriebe, Lenkung oder Bremsen. Für fast alle Bauteile ist die 1905 gegründete Firma Alleinlieferantin für ihre Kunden, auch für Design-Armaturen im Sanitärbereich schmieden die Solinger Teile mit hochwertigen Oberflächen.

Ähnlich dem Wandel in der Automobilindustrie durchlebt auch das Solinger Schmiedetechnik-Unternehmen einen Veränderungsprozess, wofür die jüngste Entwicklung von Bauteilen für die Elektromobilität beispielhaft steht. In diesem Jahrzehnt hat Geschäftsführer Dr. Hanjo Bergfeld die Produktpalette in großem Stil umgekrempelt und zugleich die Arbeitsbedingungen für und mit den über 20 Mitarbeitern neu gestaltet. Letzteres ist Ausdruck für das Bemühen, Fachkräfte so lange wie möglich ans Unternehmen zu binden. „Ich möchte Arbeitsplätze organisieren, die es allen ermöglichen, am Tag des regulären Renteneintrittsalters gesund aus dem Arbeitsleben auszuscheiden“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld, der sich mit diesen Worten auch regelmäßig an seine Mitarbeiter wendet. Das Ziel: Auch wer körperlich stark beansprucht wird wie etwa Werker an den Gesenkschmiedemaschinen, soll erstens in guter Gesundheit bis zum Alter von 67 Jahren an seinem angestammten Arbeitsplatz arbeiten können, nicht an extra eingerichteten Schonarbeitsplätzen wie früher. Und zweitens soll der Mitarbeiter dem Unternehmen als wichtiger Faktor für den Geschäftserfolg erhalten bleiben. Das Interesse von wirtschaftlichen und nachhaltig organisierten Arbeitsprozessen kommt bei Dr. Hanjo Bergfeld nicht von ungefähr. Er ist studierter Wirtschaftsingenieur und Arbeitswissenschaftler und stand bereits während der Studienzeit an einer Schmiedepresse. So hat der Geschäftsführer früh eigene Ideen entwickelt und an diversen Projekten und Förderprogrammen von Land und Bund teilgenommen. Zuletzt war dies das vom Landesarbeitsministerium (MAGS NRW) mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderte Projekt „Altersneutrale Beteiligungsorientierte Arbeitsgestaltung (ABA)“.

Mitarbeiter im Schnitt 18 Jahre im Betrieb
 

Die demografische Entwicklung äußert sich in vielen Bereichen des Arbeitsmarktes in einem Mangel an jungen Fachkräften und einem steigenden Durchschnittsalter des Personals. „An einer Erkenntnis kommen seriös geführte Unternehmen heute nicht vorbei“, sagt Kai Beutler, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens MA&T Sell und Partner GmbH, das ABA für fünf Unternehmen koordinierte: „Mit der vorhandenen Belegschaft muss produktiv und wertschöpfend gearbeitet werden.“ Als Dr. Hanjo Bergfeld vor über 20 Jahren die Nachfolge seines Vaters antrat, war die Situation im Betrieb noch eine andere. Die Mitarbeiter unterhalb der Führungskräfteebene blieben durchschnittlich nur rund acht Jahre im Betrieb, die Fluktuation gerade an den Maschinen mit starker körperlicher Beanspruchung war hoch. Den daraus resultierenden „großen Know-how-Verlust“ könne sich heute kein kleines, mittelständisches Unternehmen mehr leisten, wenn es im Wettbewerb bestehen wolle, so Dr. Hanjo Bergfeld. Der Nachwuchs ist nicht leicht zu finden und muss bei ständigem Personalwechsel mit erheblichen Kosten angelernt werden. In Solingen gelten die Anstrengungen daher der älter werdenden Belegschaft, die zu Beginn der 2020er-Jahre die Altersgrenze von 50 Jahren zu zwei Dritteln überschritten haben wird. Heute sind die Mitarbeiter durchschnittlich 18 Jahre im Betrieb. Mit den bisherigen Maßnahmen sparte das Unternehmen die Kosten von zwei neu einzustellenden Kräften ein, immerhin mehrere 10.000 Euro pro Stelle.

In einem ersten Schritt setzte die Schmiedetechnik GmbH ergonomische Verbesserungen für die Mitarbeiter um. Ausgangspunkt war die genaue Analyse des Arbeitsplatzes mit den schwersten zu bearbeitenden Schmiedeteilen. Dafür wurden die Energieumsätze gemessen. „Vor der Umgestaltung des Platzes hatte der Mitarbeiter in sechs Stunden 3.500 Kilokalorien verbraucht, das war für uns normal“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Als er jedoch die Rückmeldung erhielt, dass dies mit dem Kalorienverbrauch eines Marathonläufers gleichzusetzen sei, der bei 80 Kilogramm Körpergewicht gut vier Stunden unterwegs ist, „sind mir fast die Augen rausgefallen. Jeden Arbeitstag einen solchen Lauf zu absolvieren, das ist keine gute Tätigkeit.“ Als Reaktion darauf passte die Firma den betroffenen Arbeitsplatz durch Arbeitsgeräte (Balancierer) so an, dass weniger Körperkraft erforderlich wurde, was zum Beispiel den Rücken schonte. Mit dem Einsatz neuartiger, drehbarer Zangen nahm zudem die Belastung für die Arme ab. Und schließlich erlaubten neue Scherenhubtische das Ablegen der Schmiedestücke auf leicht anzupassendem Höhenniveau und ohne Bücken. Nebeneffekt der ergonomischen Verbesserungen: Die Mitarbeiter steigerten ihre Arbeitsleis­tung innerhalb eines mehrstufigen Arbeitsprozesses bei einem Stückgewicht von bis zu 16 Kilogramm von etwa 50 auf nunmehr 70 gefertigte Teile pro Stunde. Und dies bei geringerer körperlicher Belastung. Aktuell ist das Ziel, die Erkenntnisse aus dieser Entlastung auf andere Schwerarbeitsplätze zu übertragen.

Mischarbeit verändert den Alltag komplett
 

Investitionen in ergonomische Veränderungen zahlen sich dennoch nicht unbedingt in barer Münze aus, zumindest nicht auf kurze Sicht. Gleichwohl sind Verbesserungen des Arbeitsumfelds nicht losgelöst von betriebswirtschaftlichen Erfordernissen zu betrachten. Der Lohnkostendruck in der Branche sei immens, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Um die Produktivität zu steigern, suchte er unter Beteiligung der Belegschaft nach weiteren internen Lösungen. In einem zweiten Schritt löste die Firma die strenge Arbeitsteilung auf und führte die sogenannte Mischarbeit ein. Auslöser war laut Dr. Hanjo Bergfeld ein morgendlicher Rundgang durch die Hallen, bei dem ein scheinbar verwaister Arbeitsplatz mit brennendem Gasofen auffiel. Der dort tätige Schmied saß jedoch lediglich in einem schlecht einsehbaren Bereich und wartete auf die damals übliche Arbeitsanweisung des Vorarbeiters. „Unsere Idee war daraufhin, alle Mitarbeiter so zu qualifizieren, dass sie an verschiedenen Plätzen selbstständig arbeiten können“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Damit kehrte er gleichzeitig ein altes Prinzip im Betrieb um: Aus der Bringschuld der Vorgesetzten wurde die Holschuld der Werker. In der Praxis wartet heute bei der Schmiedetechnik GmbH kein Mitarbeiter mehr auf die Zuarbeit eines vorgesetzten Kollegen, sondern ist für verschiedene Arbeitsschritte nun selbst verantwortlich. Dazu zählt eine Maschine einzurüsten, sein eigenes Erstmuster zu erstellen, die Selbstkontrolle des Werkers, die Organisation des betreffenden Warenflusses oder passende Werkzeuge rechtzeitig für eine neue Teileproduktion aus dem Lager zu holen. „Der Werker muss seine eigene Arbeit gestalten, messen und beurteilen können, um Arbeitszufriedenheit und Motivation zu entwickeln“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld.

Eine interessante Entwicklung ergibt sich aus der Kombination von ergonomischen und arbeitsorganisatorischen Effekten. Die Mischarbeit erwies sich als effizient im Zusammenhang mit einer Neuinterpretation der obligatorischen Erholzeiten, die bei der Schmiedetechnik GmbH eine lange Tradition haben. Das Beispiel eines Schmieds sei typisch für die frühere Arbeitsweise in der Firma, sagt Kai Beutler von MA&T. Dieser Mitarbeiter habe in einer belastenden Arbeitsumgebung stets unter Hochdruck gearbeitet, mit einer anderthalb Meter langen Zange schwere Teile bewegt, die heißen Rohlinge in die Gesenke gehalten und in schwerer Schutzkleidung die Schmiedestücke abgelegt. Durch das ununterbrochene Arbeiten hatte er in der Frühschicht zwar schnell sein Schichtziel gesichert und konnte wegen der aufgesparten Erholzeiten sicher sein, den gewünschten Zeitgrad in der Schicht zu erreichen. „Er sagte aber, er sei immer völlig fertig nach Hause gekommen und habe mit seiner Freizeit nichts mehr anfangen können“, sagt Kai Beutler. Warum sich das heute zum Guten gewendet hat, erklärt Dr. Hanjo Bergfeld mit einer eher ungewöhnlich klingenden Idee aus dem ABA-Projekt. „Arbeite langsamer, damit du mehr Geld verdienst“, lautet die Erfolgsformel. Was wie die Aufforderung zum Müßiggang anmutet, sollte sich in Wahrheit als förderlich für Gesundheit, Arbeitsabläufe und Wertschöpfung herausstellen.

Pausen in kurzen Zyklen gut für die Gesundheit
 

Der Aspekt Gesundheit: Kurzzyklische Erholzeiten wurden verpflichtend nach jedem abgelegten Schmiedestück eingeführt. Der Ofen gibt neue heiße Rohlinge nur noch mit einer Verzögerung von zwei bis drei Sekunden frei. „Dieses Kurzpausen-Management ist aus ergonomischer Sicht hervorragend, weil die Muskeln nicht übersäuern“, erklärt Dr. Hanjo Bergfeld. Es entsteht ein Moment zur Entspannung, die Mitarbeiter kommen aus der permanenten Belastungssituation heraus. „Der Raubbau an der Gesundheit wird so gestoppt“, sagt Kai Beutler, „die Mitarbeiter können mit ihrer Freizeit wieder mehr anfangen, als sich auf dem Sofa zu erholen.“

Zum Aspekt Wertschöpfung: Wer durch kurze Erholzeiten entlastet wird, arbeitet langsamer und genauer. „Nachdem wir die Kurzpause eingeführt hatten, lagen am Schichtende zu unserem Erstaunen mehr Teile in der Kiste“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Die größere Sorgfalt bei langsamerer Arbeitstaktung produzierte weniger Ausschuss als früher und machte zudem weniger Nacharbeiten an geschmiedeten Teilen nötig. „Die Qualität bei Präzisionsschmiedestücken ist entscheidend“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. „Wir beliefern wichtige Kunden seit Jahren mit null Fehlern auch bei warm geschmiedeten Oberflächen mit einer Flächenformtoleranz von lediglich vier Hundertstel Millimetern. Der wesentliche Erfolgsfaktor ist, dass wir die Ausschüsse bei der Fertigung dauerhaft auf unter ein Prozent reduzieren konnten.“

Beim Abfüllen von Flüssigkeiten zum Beispiel benötigen Anlagenhersteller Verschlüsse, die hoher Fließgeschwindigkeit und enormem Druck ausgesetzt sind. Damit das Leitungssystem beim Schließen dicht bleibt, darf der polierte Verschlussdurchmesser eine Toleranz von zwei Hundertstel Millimetern nicht überschreiten. Die Verschleißteile müssen zusätzlich höchs­ten Ansprüchen genügen, weil beim Reinigungsvorgang an der Verschlussoberfläche keine Bakterien haften bleiben dürfen. „Das sind sehr hohe Anforderungen an unsere Technik und unsere Mitarbeiter“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Seit diesem Jahr bietet die Schmiedetechnik GmbH Schmiedeteile mit Rz-1-Oberflächen an, bei denen die Abweichungen im Tausendstel-Millimeterbereich liegen. „Wenn dabei in einem Arbeitsgang leichte Fehler gemacht werden, fliegt das Teil bei der Endkontrolle raus“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Eine sinkende Fehlerquote ist neben dem Qualitäts­aspekt natürlich auch betriebswirtschaftlich von Bedeutung, weil zugleich Materialkosten gespart und Maschinenzeiten effizient genutzt werden können.

Auch der Chef passt seinen Führungsstil an
 

Zum Aspekt Arbeitsabläufe: Die Länge der Erholzeiten hänge vom Gewicht der Bauteile ab, sagt Dr. Hanjo Bergfeld und nennt ein Beispiel. „Wenn ein Stück rund fünf Kilo wiegt und ich das mit einer zwei Kilo schweren Zange bewegen muss, ergibt sich daraus 33 Prozent Erholzeit, also rund 20 Minuten Pause pro Stunde.“ Es liege im Ermessen des Arbeitgebers, diese Erholzeit persönlich zuzuweisen, also über die drei Sekunden Kurzpause. Oder einen Teil davon auf „sachliche Verteilzeiten“ zu legen. Darunter fällt, in der Zeit Warennachschub zu organisieren, Werkzeuge zu holen, Transporte mit dem Gabelstapler zu erledigen oder einem Kollegen zu assis­tieren. „Alles führt dazu, dass der Werker sich von seiner eigentlichen Tätigkeit und Belastung erholen und wegbewegen kann und damit das Herz-Kreislauf-System entlastet“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Dies erhöhe auf Dauer die Chance, dass die Mitarbeiter bis zum Renteneintritt belastbar bleiben. Auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht lässt sich ein Nutzen ableiten, weil ein Teil der Erholzeit nicht ungenutzt verstreicht.

Sich für Mischarbeit zu öffnen, war bei Dr. Bergfeld Schmiedetechnik GmbH keine einseitige Vorgabe der Geschäftsführung für die Mitarbeiter. „Ohne kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Unternehmenskultur lassen sich grundlegende Änderungen im Betrieb nicht durchsetzen“, erklärt Dr. Hanjo Bergfeld. Seine klare, aber unter Umständen auch unbequeme Botschaft lautet: „Auch ich als Geschäftsleitung muss mich ändern und die Mitarbeiter umfassend beteiligen.“ Diese Beteiligung fand bei der Schmiedetechnik GmbH mit Unterstützung der Unternehmensberatung MA&T statt. Gemeinsam entwarfen Mitarbeiter und Geschäftsführung ein Idealbild für die Firma der Zukunft. Von den Mitarbeitern, die künftig auch an fast allen anderen Stellen im Betrieb eingesetzt werden sollten, kam der Wunsch nach umfangreicher Weiterbildung. Nach intensiven Gesprächen mit dem damaligen Betriebsrat wurde im Bereich der Schmiede bereits vor Jahren eine überproportionale Mengenprämie aufgeteilt. Sie ging zur einen Hälfte gemäß Stückleistung und zur anderen Hälfte über die prinzipielle persönliche Qualifikation an die Mitarbeiter. Dazu erstellte das Unternehmen einen Qualifikationskatalog.

Werker können ihre Produktion eigenständig leiten
 

Die Qualifizierung erbringt Vorteile für beide Seiten. Die Mitarbeiter erweitern ihre Fähigkeiten und steigern mit ihrer gewonnenen Flexibilität den Wert für das Unternehmen. Dr. Hanjo Bergfeld hat die Bezahlung entsprechend angepasst: Es gibt einen Einstiegslohn, der individuell nach dem Grad der Weiterbildung steigen kann. Die Schmiedetechnik GmbH selbst wiederum muss in Zeiten von Krankheit oder Urlaub kaum noch Personalreserven vorhalten, weil die Kollegen sich untereinander vertreten können. Die besondere Komponente für die Zukunftsfähigkeit des kleinen Unternehmens liegt dabei in dem neuen Handlungsspielraum, den die Führungskräfte bekommen. Zunächst erwerben die Werker neue Kompetenzen über den eigentlichen Schmiedevorgang an den Maschinen hinaus. „Wir befähigen sie auch dazu, alle Vorgänge selbst zu kontrollieren“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. „Sie sollen in der Lage sein, ihre eigene Produktion zu leiten.“ Entscheidender Effekt: Die Führungskräfte werden von dieser Arbeit entlastet, haben mehr Zeit für planerische Aufgaben und für die Entwicklung neuer Produkte.

Zugleich hat dies weitere Auswirkungen auf die Unternehmenskultur. Denn mit steigender Verantwortung der einzelnen Mitarbeiter lösen sich Hierarchien bis zu einem gewissen Grad auf. So hat die Schmiedetechnik GmbH im Arbeitsprozess einen Notfallplan eingeführt, der auf Vertrauen setzt. „Unsere Werker dürfen die Maschinen eine Viertelstunde lang anhalten, ohne um Erlaubnis bitten zu müssen“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. „Auch wenn dafür heiße Teile aus dem Ofen genommen werden müssen, sagt keiner was.“ Erhebungen hatten ergeben, dass Mitarbeiter bei hinreichender Qualifikation die meisten Störungen eigenständig binnen 15 Minuten lösen können, ohne dass ein qualifizierter Schlosser oder der Meister für eine Reparatur eingreifen müssen. Erst wenn die technischen Probleme an Maschinen und Geräten sich auch über den Arbeitstag hinaus als schwerwiegend erweisen, soll der Vorgang auf dem Tisch des Geschäftsführers landen.

Wunsch nach Touchscreens am Arbeitsplatz statt gelber Zettel
 

Wer durch die Schmiedehallen am Höhscheider Lindenhof läuft, kann den Eindruck gewinnen, dass bei aller Weiterbildung und Qualifizierung auch die Digitalisierung der Arbeitswelt mitunter eine Erholzeit einlegen darf. An diversen Maschinen kleben kleine gelbe Zettel. Darauf stehen handgeschriebene Hinweise wie „Oben rechts Blech hinterlegen, zwei Zehntel“. Das sind Informationen, die bei dem inzwischen üblichen Arbeitsplatzwechsel von Mitarbeitern wichtig sind. Informationen, die bei hochpräzisen Arbeitsprozessen „einem vielleicht die ganze Schicht retten“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Dieser Bereich des Wissensmanagements und -transfers steckt aber keineswegs in der analogen Welt fest. Die gelben Zettel oder Maschinenbücher sind nur noch so lange im Einsatz, wie im Hintergrund die digitale Umstellung läuft. Gebrauchsanweisungen wie das Einlegen eines Bleches oder ganze Arbeitsschritte sollen künftig sowohl in einer IT-gestützten Datenbank als auch in kurzen Erklärvideos verfügbar sein. Im Zuge der Einführung von Mischarbeit wurde Dr. Hanjo Bergfeld von entsprechenden Wünschen der Mitarbeiter „positiv überrascht“. Eine schriftliche Umfrage im Rahmen der psychischen Gefährdungsbeurteilung nach dem so genannten Start-Verfahren hatte ergeben, dass die Mitarbeiter direkt am jeweiligen Arbeitsplatz über Computer auf die Prüf-, Rüst- oder Arbeitsanweisungen zugreifen wollten. Entsprechend erfasst Dr. Hanjo Bergfeld aktuell die „verborgenen Wissensschätze“ der Mitarbeiter in einem firmeneigenen Wissensbuch (Wiki). Auf der diesjährigen Hannover Messe erwarb die Firma die entsprechende Software. Industrie-Computer mit Metallstaub abweisenden Touchscreens (Toughbooks) sollen in Kürze am Arbeitsplatz jede gewünschte Information abrufbar machen, etwa über neue Produkte, aber auch über Produktions-, Urlaubs- oder Versandpläne. Diese Erklärtexte, die per Kommentar in dem Wiki ergänzt werden können, sind nur ein Aspekt. Dazu äußerten die Mitarbeiter die „unbegreiflich tolle Idee“, so Dr. Hanjo Bergfeld, Arbeitsschritte mit Smartphones direkt zu filmen und ebenfalls über die Rechner abrufbar zu machen. Durch diese Ergänzung löse sich die Schwierigkeit, komplexe Tätigkeiten in verständliche Worte zu fassen, nahezu vollständig auf.

Diese neuen Kommunikationsformen im Unternehmen empfindet Dr. Hanjo Bergfeld als Schritt in Richtung Industriearbeit 4.0. Für Betriebe seiner Größenordnung sei die technische Entwicklung grundsätzlich von großer Bedeutung. Dass Maschinen künftig mit Maschinen ganze Prozesse steuern, sieht er für sich in Solingen und Unternehmen vergleichbarer Größenordnung allerdings noch nicht. Sofern die Technologie Fortschritte mache, werde kein Unternehmen sich diesen verschließen können. Nicht minder wichtig sei jedoch, mit über 50-jährigen Mitarbeitern dauerhaft und wertschöpfend zu produzieren. Zur Qualifizierungsinitiative bei der Dr. Bergfeld Schmiedetechnik GmbH gehörte auch die Ausbildung von zwei Meistern zu Prozessbegleitern und von zwei weiteren Führungskräften zu Lernpromotern, die insgesamt 17 Tage umfasste. Sie sollen als eine Art Servicedienstleister für die Mitarbeiter fungieren und diese befähigen, ihre Arbeit gut zu machen und sich in den neuen Rollen mit mehr Eigenverantwortung zurechtzufinden. „In vielen Unternehmen müssen dafür Führungskräfte zunächst von ihrem hohen Ross herunterkommen und mit den Mitarbeitern auf Augenhöhe sprechen“, sagt Kai Beutler von MA&T.

Auch die psychische Belastung nun verstärkt im Blick
 

Relevant sei auch ein anderer Aspekt, auf den die Geschäftsführung bei der internen Unternehmensanalyse während des ABA-Projekts aufmerksam wurde. Die Mischarbeit führte bei den durchweg motivierten Mitarbeitern einerseits zu mehr Flexibilität und einer höheren Qualifikation, inklusive einer körperlichen Entlastung durch weniger monotone Tätigkeiten. „Wir sind durch Mischarbeit andererseits an einem kritischen Punkt angekommen, weil die neue Arbeitsgestaltung auch zu einer psychischen Belastung für den Einzelnen werden kann“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. In dem von ABA benutzten Start-Fragebogen äußerten viele Mitarbeiter Sorgen und Ängste, ob sie den höheren Anforderungen durch Mischarbeit, neue Maschinen und neue Produkte auch gerecht werden könnten. Der Fragebogen erweist sich an diesem Punkt als probates Mittel, den Ist-Zustand in einer Firma abzubilden. „Unsere Werker haben genau richtig beurteilt, wie unsere Unternehmung im Detail dasteht“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld lobend. Als eine Konsequenz aus der psychischen Beanspruchung verzichtete die Geschäftsführung darauf, ohne hinreichende Qualifizierungs- und Optimierungsmaßnahmen die Mitarbeiter mit zusätzlichen Arbeitsaufgaben zu belasten. Begleitend entstand die Arbeitsgruppe Leistungsregulierung. Ferner ist ein neues Ausbildungsprogramm im Aufbau, das die Schwerpunkte der Arbeit im Betrieb benennt und transparenter macht.

Jetzt lassen sich ergonomische Maßnahmen gegenrechnen
 

Wenn Arbeitsprozesse und Arbeitsumfeld neu gestaltet werden, sind Nachjus­tierungen wie diese von unschätzbarem Wert. Wobei der Ausdruck „unschätzbar“ suggeriert, dass der Nutzen bestimmter Investitionen nur schwer in Zahlen abgebildet werden könne. Unternehmen sind häufig um Antworten verlegen, wie etwa ergonomische Veränderungen im Betrieb sich sinnvoll gegenrechnen lassen. „Einen Investitionsrechner für humane Maßnahmen gab es ja bisher nicht“, sagt Dr. Hanjo Bergfeld. Das speziell entwickelte Tool Langzeitwirkungen (ABA-LaWi) schafft hier Abhilfe. Es setzt Kosten in Beziehung zu gesteigerter Produktivität und zur Entwicklung von Fehlzeiten. Diese Parameter sind indes über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten. Der Schmiedetechnik GmbH verfügte über diesen zeitlichen Spielraum durch das ABA-Projekt, weil es über zwei Jahre lief (Ende im Februar 2018). Ergebnis: Ergonomische Maßnahmen und Arbeitserleichterung durch Mischarbeit sowie Kurzpausenmanagement führten zu höherer Produktivität und weniger Krankheitstagen. Nach diesem Rechenmodell amortisierten sich die Investitionskosten für Dr. Hanjo Bergfelds Unternehmen – ohne Berücksichtigung der Entwicklungs- und Anlaufzeiten – nach etwas mehr als einem halben Jahr (0,7 Jahre).

Für Betriebe wie die Solinger Schmiede, deren Belegschaft bis zum Eintritt ins Rentenalter gesund und leistungsfähig bleiben soll, sind solche Kennzahlen eine Bestätigung dafür, mit Augenmaß in die Arbeitsorganisation und die Arbeitsbedingungen zu investieren. Die Erkenntnisse aus dem ABA-Projekt bleiben dabei nicht auf den Teilnehmerkreis der fünf Firmen beschränkt. Die entwickelten Tools – darunter das ABA-Navi – stehen allen interessierten Unternehmen im Internet (www.projekt-aba.de) zur Verfügung und sind so konzipiert, dass sie ohne externe Anleitung funktionieren. In zehn verschiedenen Handlungsfeldern können Firmen sich überprüfen. Anhand von Checklisten wird der Stand etwa in Fragen der Ergonomie, Unternehmensführung, Mitarbeiterbeteiligung, Mitarbeiterbindung oder Arbeitsaufgaben abgefragt. Wer ältere Mitarbeiter wertschöpfend und gesund bis zum Alter von 67 Jahren beschäftigen will, so die Empfehlung von Kai Beutler und Dr. Hanjo Bergfeld, solle sich intensiv mit allen zehn Handlungsfeldern befassen.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Andreas Bendig
Tel.: 02041 767206
a.bendig@gib.nrw.de

Kontakte

Dr. Bergfeld Schmiedetechnik GmbH
Lindenhof 32
42657 Solingen
Dr. rer. pol. Dipl. Wirtschaftsing.
Hanjo Bergfeld (Geschäftsführer)
Tel.: 0212 248130
info@dr-bergfeld.de
www.dr-bergfeld.de

MA&T Sell & Partner GmbH
Karl-Carstens-Straße 1
52146 Würselen
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Tel.: 02405 45520
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Autor

Volker Stephan
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