Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2018 Fachkräftesituation im Handwerk Angle Dikhas
(Heft 3/2018)
Perspektiven schaffen für Kölner Kinder und Jugendliche aus rumänischen und bulgarischen Zuwandererfamilien

Angle Dikhas

Flucht assoziieren viele mit Menschen, die vor Krieg und Armut aus Syrien, Afghanistan, Somalia und weiteren Staaten in Nahost und Afrika fliehen. Dass auch innerhalb der EU Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat getrieben werden, wird dabei allzu schnell übersehen. Für viele Roma-Familien aus Rumänien und Bulgarien trifft jedoch genau dies zu. Immer wieder berichtet Amnesty International von rechtswidrigen Zwangsräumungen in einigen bulgarischen Städten und Dörfern – veranlasst durch die Behörden.

Alternative Unterkünfte bieten sie den betroffenen Familien nicht an, viele werden obdachlos. Als letzter Ausweg wird nicht selten eine Flucht nach Deutschland gesehen, wo sich häufig ihr Leben am Rande der Gesellschaft fortsetzt. Ein Blick nach Köln zeigt aber, dass durch gutes Zusammenwirken von städtischen Behörden und einem engagierten Verein eine Marginalisierung vermieden werden kann.

„Angle Dikhas“ ist Romanes und bedeutet sinngemäß: Nach vorne schauen – Perspektiven aufbauen. Genau dieses Motto hat sich der Rom e. V. Köln mit seinem gleichnamigen Projekt auf die Fahne geschrieben. Gefördert durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen und den Europäischen Sozialfonds möchte es Kinder und Jugendliche beim Übergang in das Regelschulsystem sowie beim regelmäßigen Schulbesuch unterstützen und ihnen den Zugang zu Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten eröffnen. So können die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Familien Perspektiven für sich erkennen und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe erfahren.

In Köln angekommen – am Rande der Gesellschaft
 

Wie viele rumänische und bulgarische Zuwandererfamilien mit Roma-Hintergrund tatsächlich in Köln leben, lässt sich nur schwer beziffern, da Rumänien und Bulgarien zur EU gehören und die Roma-Migranten somit bei ihrer Einwanderung nicht ausländerrechtlich erfasst werden. Aufgrund der Arbeitnehmer-Freizügigkeit, die ihnen seit dem 01. Januar 2014 eine freie Wahl des Aufenthaltsorts und Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt, nahm die Zuwanderung in den letzten Jahren zu: Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der Personen aus Rumänien und Bulgarien, die in Köln Leistungen nach dem SGB II beziehen, insgesamt von 680 im Januar 2012 auf 4.293 im Dezember 2017 gestiegen. Der Anstieg stelle die Stadt vor große Herausforderungen, sagt Ursula Brockmann, Leiterin der Geschäftsstelle des Regionalen Bildungsnetzwerks Köln: „Zugang zur Zielgruppe herzustellen, fällt uns schwer, es bestehen sprachliche Barrieren, aber auch eine grundsätzliche Skepsis der Roma-Familien gegenüber Behörden jeglicher Art“. Das Bildungsnetzwerk sorgt in Köln in verschiedenen Gremien für eine planvolle und koordinierte Abstimmung zwischen Schulen, der Schulaufsicht, den Bereichen Jugendhilfe, Schulpsychologie und Soziales – und ist damit wichtiger Kooperationspartner im Projekt.

Die Zurückhaltung der Roma-Familien gegenüber Behörden begründet der Mediator und Übersetzer des Rom e. V. Köln, Ruždija Sejdović, mit den traumatischen Erfahrungen in ihrer Heimat: „Wenn sie hier Politessen sehen, fürchten sie gleich verhaftet zu werden.“ Hinzu komme, dass viele der Familien – insbesondere aus den ländlicheren Regionen – noch nie eine Schule von innen gesehen hätten, so Sejdović. Eltern, die selbst nie eine Schule besucht haben, sehen oft nicht die Wichtigkeit einer Schulbildung. Viele Roma-Mädchen und -Jungen übernehmen stattdessen schon früh Verantwortung für die Geschwister oder unterstützen den Vater bei der Arbeit. Da bleibt für Bildung keine Zeit. „Doch ohne Bildung keine Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Ohne Ausbildungsplatz keine Chancen auf Integration in den Arbeitsmarkt – und letztendlich in die Gesellschaft“, sagt Sejdović.

Die Entstehung einer Idee
 

Seit nunmehr 30 Jahren setzt sich der Rom e. V. Köln für die Menschen- und Bürgerrechte von Sinti und Roma ein und fördert insbesondere die Bildung von nicht beschulten Roma-Flüchtlingskindern. Zum Beispiel durch Projekte wie „Amaro Kher“, das den oftmals durch die Flucht traumatisierten und pädagogisch benachteiligten Kindern eine Chance auf Bildung geben möchte. Die 6- bis 13-jährigen Kinder lernen in einer Klasse Deutsch als Zweitsprache. Mit der muttersprachlichen Förderung in Romanes werden auch ihre sprachlichen Wurzeln nicht außer Acht gelassen. Der gemeinsame Unterricht und kooperative Projekte mit anderen Schulen ermöglichen den Schülerinnen und Schülern neue soziale Erfahrungen. Dieses Projekt bereitete den Weg für „Angle Dikhas“, denn es legte ein Problemfeld offen: Schulabsentismus unter Roma-Jugendlichen.

Einige Schülerinnen und Schüler, die eigentlich schon ins Schulsystem integriert waren, wiesen im Alter von 12 bis 14 Jahren bis zu 300 Fehlstunden in einem Halbjahr auf. Die Ursache hierfür sieht Ruždija Sejdović unter anderem bei den Eltern: „Meist sind sie in der Heimat einfachen handwerklichen Berufen wie Kesselflicker nachgegangen oder haben mit dem Verkauf von Pferden notdürftig Handel betrieben. Schulen haben sie nie besucht und ein Bildungssystem wie hier in Deutschland, in dem Schulpflicht für alle Kinder herrscht, kennen sie nicht, beziehungsweise war ihnen nicht zugänglich.“ Damit Roma-Jugendliche nachhaltig ins Schulsystem integriert werden können, sei es wichtig, die Eltern einzubeziehen, sie über die Bedeutung von Bildung aufzuklären und in den gesamten Prozess der Integration ihrer Kinder in das Bildungssystem einzubinden, berichtet die Geschäftsführerin des Rom e. V. Köln, Ingrid Welke, – so sei die Idee für das Projekt „Angle Dikhas“ entstanden. Der Verein Rom e. V. hat seine Arbeit im Herbst 2016 in enger Abstimmung mit den städtischen Partnern aufgenommen.

Fehlzeiten reduzieren durch Elternbildung
 

In einem ersten Schritt stellte man fest, an welchen Schulen die Zielgruppe am häufigsten im Unterricht fehlte. In Abstimmung mit dem Schulamt bezog man fünf der Schulen mit den häufigsten Fehlzeiten von Roma-Schülerinnen und Schülern mit in das Projekt ein. Diese teilten anhand von Namenslisten dem Projekt-Team, das aus zwei muttersprachlichen Mediatoren und einer Sozialpädagogin besteht, mit, wer wie häufig fehlte, und suchten dann den Kontakt zu den Familien. Teilweise machte auch das Jugendamt den Verein auf Familien aufmerksam, bei denen es, mit seinen bisherigen Versuchen zu helfen, an Grenzen gestoßen war. Sejdović: „Die Kommunikation zwischen dem Jugendamt und den Familien ist alleine schon sprachbedingt sehr schwierig. Da wir deren Sprache und Kultur sprechen und kennen, bauen sie schneller Vertrauen zu uns auf. Wir nehmen uns Zeit sie kennenzulernen, besuchen sie und unterhalten uns bei einem Kaffee über Alltägliches, bevor wir auf das Thema Schule zu sprechen kommen.“ Das so gewonnene Vertrauen nutzte das Projekt-Team in der Startphase des Projektes.

Zunächst musste den Eltern die Scheu vor der Institution Schule genommen und der Stellenwert von Bildung nahe gebracht werden. Ein direktes Gespräch beider Parteien sollte helfen: Eine Elternsprechstunde in der Schule, zu der die Mediatoren die Eltern als Übersetzer und Vertrauensperson begleiten, ermöglicht ein erstes Kennenlernen und kann Missverständnisse ausräumen, denn: „Teilweise erschrecken die Eltern schon beim bloßen Anblick eines offiziellen Briefes der Schule. Wir übersetzen dann den Inhalt und erklären, was zum Beispiel ein Blauer Brief bedeutet.“ In Informationsveranstaltungen für die Eltern – der sogenannten Elternschule – erklären die Mediatoren ihnen im Verein in deren Muttersprache das deutsche Schulsystem und dessen Regeln. Die wohl Wichtigste: Die Schulpflicht. Unentschuldigtes Fehlen ist ein Verstoß, der bis zum Schulverweis führen kann. Doch es sollen nicht nur Konsequenzen der Fehlzeiten aufgezeigt werden, sondern vor allem, welche Möglichkeiten sich durch eine regelmäßige Teilnahme am Unterricht und dadurch erworbene Bildung ergeben können. Daher begleiten die Mediatoren Eltern und Kinder auch bei der Potenzialanalyse in den Schulen. Hier lernen die Jugendlichen durch Selbst- und Fremdeinschätzung sowie durch handlungsorientierte Verfahren ihre Stärken und Talente kennen. Das Ergebnis der Potenzialanalyse liefert Erkenntnisse, die für die weitere Berufs- und Studienorientierung genutzt werden können. „Zum einen motiviert sie, die Schülerinnen und Schüler zur Schule zu gehen und zum anderen erkennen die Eltern, dass ein Schulabschluss die Chancen auf bessere Lebensverhältnisse erhöht. Folglich achten sie stärker darauf, dass ihre Kinder regelmäßig die Schule besuchen“, bringt Ingrid Jung, Leiterin der Kommunalen Koordinierungsstelle Übergang Schule – Beruf, den Sinn der Potenzialanalyse auf den Punkt.

Doch nicht bei allen Eltern fand die Maßnahme Elternschule Resonanz: „Das liegt vor allem an dem Begriff. Für die Eltern klingt es, als würden wir sie erziehen oder bevormunden wollen“, sagt Ingrid Welke. Daher veranstaltet der Rom e. V. nun alle zwei Wochen ein Elterncafé. Welke: „Die Ansprache funktioniert in diesem Rahmen deutlich besser. Es entsteht eine lockere Gesprächsatmosphäre bei der sich die Eltern schneller öffnen und auch von sich aus Fragen stellen. Das ist produktiver, als wenn wir sie zu einem Infoabend einladen und ihnen etwas erklären wollen.“ Und es ist ein Ort, an dem sie soziale Kontakte knüpfen und Menschen aus ihrem Kulturraum kennenlernen können, die Ähnliches erfahren haben. Sejdović: „Die Eltern profitieren von diesen Treffen, da sie gegenseitig von ihren Erfahrungen berichten können und so voneinander lernen. Und es schafft ein Netzwerk, auf das sie sich stützen können.“

Die mangelnde Bildung der Eltern ist jedoch nicht der einzige Grund des Schulabsentismus: Viele Jugendliche meiden den Unterricht, weil sie sich aufgrund ihrer fehlenden Grundlagen in Mathe, Deutsch oder anderen Fächern schämen. Deshalb bietet der Verein Lerngruppen an, „in denen wir Wissenslücken schließen möchten, damit sie dem Unterricht folgen können und Spaß daran haben“, so Sejdović.

Nach vorne schauen – Perspektiven aufbauen
 

Die gute Arbeit des Vereins hat sich mittlerweile herumgesprochen, sodass zunehmend Jugendliche über Mundpropaganda auf das Projekt aufmerksam werden. So auch im Falle des zwölfjährigen Bonjo aus Bulgarien: Bis vor zwölf Monaten lebte er mit seinen Eltern und Geschwistern in einer Roma-Siedlung in Sofia. Eine Privatperson, die das Grundstück der Siedlung erworben hatte, ließ die Häuser über Nacht räumen. Um einem Leben auf der Straße zu entrinnen, suchte die Familie ihr Heil in der Flucht nach Deutschland. Doch auch hier verbesserte sich ihre Situation zunächst nicht: Acht Monate lebte Bonjo mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester in einem Zelt in Köln. Immer da, wo die Polizei gerade nicht war. An Schule war nicht zu denken, denn das Leben auf der Straße setzte der Mutter schwer zu. Wegen ihrer häufigen Erkrankungen musste er sich um Mutter und Schwester kümmern, während sein Vater Arbeit suchte. Hin und wieder blieb jedoch auch Zeit zum Spielen – Zeit, die sich für ihn und seine Familie als wertvoll erweisen sollte. Denn ein Mädchen in seinem Alter kannte den Verein Rom e. V. und so fand Bonjo in das Projekt. Mithilfe des Wohnungsamts fand der Verein eine Unterkunft für die Familie. Für Bonjo bedeutete dies: Endlich Zugang zu Bildung, denn nur mit festem Wohnsitz konnte er einen Schulplatz in einer Vorbereitungsklasse erhalten. Nun galt es Wissen aufzuholen, um in der Schule den Anschluss zu finden. Mit großem Ehrgeiz lernte er Deutsch in der Vorbereitungsklasse einer Realschule, in der Kinder mit Migrationshintergrund eine intensive Sprachförderung erfahren und auf den Wechsel in eine reguläre Klasse vorbereitet werden. Voraussichtlich wird Bonjo dort im nächs­ten Schuljahr ins Regelsystem übergehen und in die fünfte Klasse kommen.

Das Beispiel von Bonjo ist nur eines unter vielen; die gute Zusammenarbeit zwischen Verein und Schule zahlt sich aus: So auch bei einem Jungen, der in der Schule durch außergewöhnlich hohe Fehlzeiten auffiel. Die Schule wies den Verein auf die Fehlzeiten des Jungen hin. Nach Kontaktaufnahme zu ihm stellte sich heraus, dass die Mutter durch die Flucht stark traumatisiert war. Der Verein organisierte Hilfe für die Mutter, um den Jungen zu entlasten, damit sich dieser wieder auf die Schule konzentrieren konnte. Er schaffte seinen Schulabschluss und geht nächstes Jahr auf das Berufskolleg. Das wiederum erfuhr ein Freund des Jungen, der ebenfalls schulische Probleme hatte – auch er schaffte mithilfe des Projekts seinen Abschluss.

Das Projekt hat in mehrfacher Hinsicht Positives bewirkt, was sich am deutlichsten an der Reduzierung der Fehlzeiten zeigt: Von 175 Kindern und Jugendlichen, die am Projekt teilnahmen, konnten 93 Prozent ins Regelschulsystem integriert werden. Dies wäre ohne den engen Austausch zwischen Verein und Schulen sowie dem Jugendamt, Kommunalem Integrationszentrum und dem Regionalen Bildungsbüro nicht möglich gewesen. Der Verein erfährt heute umgehend, sobald eine Schülerin oder ein Schüler durch Fehlzeiten auffällig wird und kann so direkt eingreifen. Und auch bei den Eltern fand im Zuge des Projekts ein Umdenken statt: Sie verloren nicht nur ihre Scheu vor der Institution Schule, sondern wissen nun um den Stellenwert von Bildung und den damit verbundenen Chancen und Möglichkeiten für ihre Kinder in der Zukunft.

Das Projekt hat in Köln die Integration von Roma-Familien aus Rumänien und Bulgarien vorangetrieben, dessen ist sich auch die Stadt bewusst. Brockmann: „Den Zugang zu den Familien, den der Verein mit dem Projekt herstellt, kann eine städtische Verwaltung nicht leisten. Wir sind auf den Verein als Vermittler angewiesen.“ Bei einem Treffen zwischen Vertretern des Jugendamts, der Schulaufsicht, der Regionalagentur Köln, des Landesministeriums, des Kommunalen Integrationszentrums, der Kommunalen Koordinierungsstelle Übergang Schule – Beruf und der Vereinsleitung analysierte man daher bereits, wie eine nachhaltige Arbeit fortgeführt werden kann. Ergebnis: Die Stadt möchte, dass das Projekt weiter geführt wird und stellt eine Finanzierung ab 2020 in Aussicht. Bis dahin soll es nach Möglichkeit noch durch Förder- und Spendengelder verlängert und weiterentwickelt werden. Auch mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales steht man bezüglich finanzieller Überbrückungsmöglichkeiten im Austausch. „Neben der Aufklärung von Roma-Familien über das Leben und die Regeln in unserer Gesellschaft sollten auch wir Offenheit und Interesse gegenüber deren Kultur zeigen. Vielen Lehrkräften und Sozialarbeiterinnen und Sozial­arbeitern fehlt schlicht das Wissen über die Roma-Kultur.“, ist der Geschäftsführerin des Vereins Rom e. V. noch wichtig zu erwähnen. Und gegenseitiges Interesse – das wird an dem Projekt „Angle Dikhas“ deutlich – nimmt Ängste, öffnet Türen und schafft Vertrauen.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Thomas Lindner
Tel. 02041 767276
t.lindner@gib.nrw.de

Kontakte

Rom e. V. Köln
Ingrid Welke
Tel.: 0221 2786075
Ingrid.welke@romev.de
Ruždija Sejdović
Tel.: 0221 2786036
Ruzdija.sejdovic@romev.de

Regionales Bildungsbüro Köln
Ursula Brockmann
Tel.: 0221 22129295
Ursula.brockmann@stadt-koeln.de

Kommunale Koordinierungsstelle
Übergang Schule – Beruf
Ingrid Jung
Tel.: 0221 22129211
Ingrid.jung@stadt-koeln.de

Kommunales Integrationszentrum Köln
Susanne Kremer-Buttkereit
Tel.: 0221 22129190
Susanne.kremer-buttkereit@stadt-koeln.de

Autor

Nils Strodtkötter
nils.strodtkoetter@web.de
Artikelaktionen