Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2018 Fachkräftesituation im Handwerk „Das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters liegt im Schnitt heute schon mit dem eines Akademikers gleichauf”
(Heft 3/2018)
Interview mit Reiner Nolten, Westdeutscher Handwerkskammertag (WHKT)

„Das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters liegt im Schnitt heute schon mit dem eines Akademikers gleichauf”

G.I.B.: Herr Nolten, wie geht es dem Handwerk in Nordrhein-Westfalen aktuell?

Reiner Nolten: Ausgesprochen gut! Das Handwerk hat gegenwärtig ein absolutes Konjunkturhoch, und zwar so lange am Stück wie nie zuvor. Die Auftragsbücher bei den guten Handwerkern sind insbesondere im Bau- und Ausbaugewerbe voll, vor allem in Nord­rhein-Westfalen. Im Landtagswahlkampf 2015 hat es über das Programm „Schule 2020“ plötzlich zwei Milliarden Euro von der NRW Bank für die Kommunen gegeben, die jetzt verbaut werden. Das kommt als „add on“ auf die gute Konjunktur hinzu. Außerdem bekommen die Menschen auf der Bank für ihr Erspartes keine Zinsen mehr und investieren ihr Geld vermehrt in ihr Häuschen, und diejenigen wie etwa Versicherungen, die ihr Geld anlegen müssen, bekommen ebenfalls keine Zinsen mehr und investieren in den Immobiliensektor.

Aber über die gute Konjunktur dürfen wir den Strukturwandel nicht vergessen, in dem sich das Handwerk gleich in mehrerer Hinsicht befindet. Beispiel Nahrungsmittelhandwerk: In Deutschland ist eine „Geiz ist geil“-Haltung entstanden. In keinem anderen entwickelten Land der Welt wird so wenig Geld für Lebensmittel ausgegeben wie hier, doch handwerklich erzeugte Lebensmittel sind aufgrund ihrer besonderen Qualität nun mal teurer und deswegen gehen viele lieber zum Discounter. Hinzu kommt, dass angesichts der modernen Technik immer größere Investitionssummen aufgewendet werden müssen, um eine Bäckerei oder Fleischerei zu gründen. Deshalb gibt es immer mehr Filialläden, während Bäckereien mit einem Ladengeschäft und einer Backstube verschwinden.

Ein zweiter Strukturwandel ist sehr geprägt von der Automobilindustrie, gerade von deutschen Premiumherstellern. Viele Zuliefererbetriebe sind heute völlig abhängig von den Markenherstellern. Deren Marktmacht ist in den letzten Jahren enorm gewachsen, sodass sich von einer „Vermachtung der Märkte“ sprechen lässt.

Ein dritter Strukturwandel ergibt sich daraus, dass auf der einen Seite die Berufe immer anspruchsvoller werden und auf der anderen Seite immer mehr Menschen gewisse Tätigkeiten nicht mehr ausüben wollen. Auf fast allen größeren Baustellen ist die Leitung in deutscher Hand, während gut geschulte polnische Handwerker – ich spreche nicht von subprekärer Beschäftigung – die Fläche machen. Über Jahrzehnte hatten die Kommunen aufgrund ihrer Finanzschwäche Planungskapazitäten abgebaut, deshalb hängen sie heute an Generalunternehmern, statt Aufträge kleinteilig zu vergeben.

Hinzu kommen die zunehmend angespannte Lage auf dem Fachkräftemarkt im Zuge des demografischen Wandels und die Folgen der letzten großen Handwerksreform mit der die Meisterpflicht in Dutzenden Gewerken abgeschafft worden ist. Vernünftigerweise will die jetzige Große Koalition die Meisterpflicht in einigen Handwerksberufen wieder einführen, etwa bei den Fliesenlegern.

G.I.B.: Und was ist mit der Digitalisierung?

Reiner Nolten: Die Digitalisierung hat das Handwerk längst erreicht. Wir sind schon lange mitten in einem Prozess, den wir anfangs nicht so bezeichnet und wahrgenommen haben. Die additive Fertigung, also der 3-D-Druck, als Gegensatz zur bisherigen subtraktiven Fertigung wie im Bereich CNC, ist – Beispiel Zahntechniker, wo beispielsweise der Intraoralscan innerhalb kürzester Zeit eine digitale Abformung von Oberkiefer, Unterkiefer und Biss erstellt – genauso weit verbreitet wie der Einsatz von Drohnen bei der Vermessung oder das Building Integration Modeling (BIM).

Anders als in der klassischen Bauplanung, bei der ein Architekt einen Entwurf zeichnet, wird heute beim BIM das Gebäude mithilfe von CAD-Systemen vorab digital abgebildet, sodass später ein Maurer, der vor einer Wand steht, auf seinem Tablet den exakten Verlauf der Leitungen sehen kann. Anschließend werden die Pläne Fachingenieuren, Brandschutzgutachtern und Behörden vorgelegt. Dabei geht es also nicht nur um die Wände, sondern vor allem auch um die Leitungen, was wiederum bedeutet, dass alles gut aufeinander abgestimmt sein muss. Hier hinken die Ingenieurbüros ein bisschen hinterher, nicht das Handwerk.

Bemerkenswert ist eine Aussage im Koalitionsvertrag der neuen NRW-Landesregierung. Da heißt es: Für Vergaben von öffentlichen Baumaßnahmen wird ab 2020 das ,Building Information Modeling‘ (BIM) verpflichtend festgelegt. Die Chancen der Digitalisierung sollen zudem in der nordrhein-westfälischen Baupolitik genutzt werden. Die Kommunen werden deshalb bei der Implementierung eines einheitlichen und zeitgemäßen Systems zur Einreichung von Bauanträgen in digitaler Form unterstützt. Also: BIM wird kommen! Für große Verwaltungsgebäude, Industrie und öffentliche Verwaltung ist Smart-Home bereits Standard. Für Privathäuser könnte schon bald das Gleiche gelten, schon heute kann man alles zu Hause mit dem Smartphone steuern.

Die Frage ist, ob der Kunde das will. Ich glaube, das wird so kommen. Menschen lassen sich heute schon wie selbstverständlich Herzschrittmacher einsetzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass es Messgeräte im Körper geben wird, die rechtzeitig vor Herzinfarkt oder Schlaganfall warnen. Es könnte sogar sein, dass in gar nicht so ferner Zukunft eine entsprechende gesetzliche Verpflichtung geschaffen wird, vielleicht auf Druck der gesetzlichen Krankenversicherung, die das als Prävention fordert, da sie ansons­ten für die Heilung zahlen muss. Solche Sensoren brauchen dann vielleicht auch eine smarte Umgebung, denn ohne sie können Mess-Sensoren, egal ob unter oder auf der Haut, nicht kommunizieren.

Eine andere Überlegung im Kontext der Digitalisierung betrifft die Energiewende. Wir haben ein Leitungsproblem- und ein Speicherproblem. Wenn wir privat bei Heizungserneuerungen nicht mehr von Kohle, Öl und Gas, sondern von Kraft-Wärme-Koppelung, Erdwärme oder Brennstoffzelle sprechen, dann brauchen wir alle einen Speicher. Millionen miteinander vernetzter Speicher in privaten Haushalten könnten das Speicherproblem lösen. Warum also keine Verpflichtung zu Smart-Home? Zumal durch die zentrale Steuerung gewährleistet wäre, dass die Heizungen immer richtig eingestellt sind, was dem privaten Verbraucher heute nicht immer gelingt.

Klar ist: Der Digitalisierung wird sich niemand verschließen können, und wenn der Kunde Digitalisierung bekommt, muss das Handwerk mitgehen und damit wird es sich verändern. Spannende Themen sind hier die Überschreitung von Gewerke-Grenzen und die Verantwortung. Bei Verantwortung steht immer der Mensch im Mittelpunkt – und das ist die Stärke des Handwerks. Obwohl manche Länder Asiens und das Silicon Valley viel weiter sind, kann Deutschland Gewinner der Digitalisierung werden, weil immer dann, wenn es um neue Technologien geht, die Frage im Raum steht, wie sie in die Praxis, wie sie an den Kunden gebracht werden können. Genau das aber kann Deutschland dank des dualen Bildungssystems, dank des Handwerks, dank des Meisters sehr gut!

Wenn es also dem Handwerk gelingt, die Digitalisierung in die Berufsbildung zu integrieren, werden Deutschland und das Handwerk zu den Gewinnern der Digitalisierung gehören. Das allerdings erfordert große Anstrengungen bei unseren Ausbildern in unseren Bildungsstätten und noch größere bei den Berufskolleglehrern und bei der Ausstattung in den jeweiligen Gebäuden, in denen sie arbeiten.

G.I.B.: Sie sprechen zu Recht die duale Berufsbildung an, doch genau hier gibt es ein Problem: Nur ein immer kleiner werdender Teil der Schulabgängerinnen und -abgänger entscheidet sich heute für eine duale Berufsausbildung. Vor allem Handwerksbetriebe haben Schwierigkeiten, ausreichend Nachwuchs zu finden.

Reiner Nolten: In der Tat, in den letzten Jahren hatten wir einen starken Trend hin zur Akademisierung. Es ist heute eine allgemeine gesellschaftliche Tendenz, dass jemand ohne Abitur scheinbar nichts wert ist. Zudem herrscht eine gewisse Orientierungslosigkeit. Früher waren die Handwerksbetriebe rund um die Schule angesiedelt, doch heute haben sie ihren Standort auf der grünen Wiese vor der Stadt und niemand der Jugendlichen kennt mehr die Berufe. Außerdem gibt es die Lehrer, die über den zweiten Bildungsweg ins Lehramt gekommen sind und zuvor eine Ausbildung absolviert hatten, kaum mehr. Sie kennen nur Schule, Uni, Schule, was Nachteile hinsichtlich der Berufsorientierung ihrer Schülerinnen und Schüler haben kann.

Der gute Hauptschüler von 1960, der mit 14 in die Lehre wechselte, sitzt heute auf dem Gymnasium und macht Abitur. Grund dafür ist das häufig verschulte Denken aufseiten der Schule, der Schüler und der Eltern. Für Schüler ist der schulische Weg unkomplizierter: Sie müssen sich nicht großartig informieren oder initiativ werden und das Kindergeld fließt weiter. Problem sind aber nicht nur die Warteschleifen an den Berufskollegs, sondern auch das vermehrte Angebot an vollzeitschulischen Ausbildungen.

Hinzu kommt: Jede Berufskollegleitung möchte ihr Berufskolleg erhalten und bietet „irgendetwas“ an. Außerdem kann sie schon früh sagen, wie viele Jugendliche sie im nächsten Jahr aufnehmen kann. Das können konjunktursensible Handwerksbetriebe nicht. Sie können erst im Frühjahr sagen, wie viele Jugendliche sie im Herbst aufnehmen können. Das heißt: Wenn die Betriebe ihre Stellen ausschreiben, haben die Berufskollegs ihren Teil bereits abgeschöpft. Das ist eine Fehlallokation, die in Nordrhein-Westfalen in den letzten 20 Jahren entstanden und verstärkt worden ist. Solange es nicht genug Lehrstellen gab, hatte das eine gewisse Berechtigung, aber nicht mehr heute.

Leider haben die Betriebe diese Fehlentwicklung teilweise mitgetragen, weil für Handwerksbetriebe, die vor Ort beim Kunden arbeiten, ein älterer Jugendlicher mit Führerschein attraktiver ist. Zudem machte die Jugendarbeitsschutzgesetzgebung die Ausbildung von Jugendlichen unter 18 Jahren nicht immer leicht.

Dennoch bin ich zuversichtlich. Warum? Viele der gegenwärtig von den Jugendlichen bevorzugten Berufe, vor allem die kaufmännischen, werden wegfallen, weil die hier anfallenden Arbeiten im Vergleich zu Handwerksberufen, bei denen repariert und Individuelles geschaffen wird, leichter zu digitalisieren sind. Das Handwerk hat also zukünftig bei der Nachwuchsgewinnung durchaus eine reelle Chance. Außerdem zeigt unsere Imagekampagne „Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht von nebenan“ zunehmend Wirkung, erst recht, seit wir statt auf Plakatwänden vermehrt in den sozialen Medien aktiv sind. Eins der meistgeklickten Youtube-Videos im letzten Jahr stammt aus unserer Kampagne.

G.I.B.: Jugendliche für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen, ist das eine. Gleichzeitig aber kommt es darauf an, dass sie ihre Ausbildung auch beenden. Doch die Abbruchquote ist im Handwerk mit 25 Prozent außergewöhnlich hoch – warum?

Reiner Nolten: Zunächst möchte ich zur Relativierung darauf hinweisen, dass die Studienabbrecher-Quote deutlich höher ist. Zudem ist nicht jeder Abbruch ein endgültiger Abbruch, sondern häufig ein Wechsel, sowohl bei Studierenden wie bei Auszubildenden. Die Quote endgültiger Abbrüche ist deutlich geringer.

Wir haben in umfangreichen Studien und Projekten festgestellt, dass bei Abbrüchen das Thema Konfliktfähigkeit eine wichtige Rolle spielt – auf beiden Seiten. Dazu haben wir eine große Gruppe von Auszubildenden und Meistern über mehrere Jahre repräsentativ begleitet. 80 Prozent von ihnen haben gesagt: Es hätte nicht sein müssen.

Die Kammern bieten deshalb spezielle Schulungsangebote zu dem Thema für Ausbilder und Meister an. Darüber hinaus gibt es die klassischen Ausbildungsberatungen im Handwerk. Sie gehen Beschwerden nach, informieren und beraten vertrauensvoll und individuell. Ausbildungsberater besuchen regelmäßig die Betriebe, sprechen mit allen Beteiligten und versuchen, Konflikte zwischen Lehrling und Meister zu schlichten.

Viele Konflikte fangen mit Kleinigkeiten an und steigern sich dann. Aber es gibt auch grundlegende Konflikte, etwa dann, wenn ältere muslimische Jugendliche in der Lehre meinen, dass Frauen ihnen nichts zu sagen hätten. Das und grundsätzlich der Umgang mit Autoritäten macht die Ausbildung mitunter schwierig. Wir haben es in einem aufwändigen Projekt namens „14 plus“ an einer Hauptschule mit 96 Prozent Migrationsanteil geschafft, 75 Prozent der Projektteilnehmenden in Ausbildung zu bringen. Die Jugendlichen waren in einem Alter, in dem man noch über Autoritäten und gewisse Regeln, die in Deutschland gelten, reden konnte. Bestandteil des Projekts war auch Demokratieunterricht, später Berufswahlunterricht. Nicht der Meister kam in den Unterricht, sondern ein Polizist, jemand vom Staat, eine Person mit staatlicher Autorität. Später haben wir das über Migranten hinaus auf soziale Brennpunkte ausgeweitet, ebenfalls mit Erfolg. Der meistbesuchte Bildungskurs im Handwerk ist übrigens ein Bildungskurs für Auszubildende. Er heißt „Botschafter im Blaumann“. Eigentlich ist das ein Benimm-Kurs, aber so kann man ihn nicht etikettieren, denn dann kämen die Jugendlichen nicht.

G.I.B.: Eine Hürde bei der Entscheidung für eine Ausbildung im Handwerk könnte auch die vergleichsweise geringe Ausbildungsvergütung und später die vergleichsweise geringe Bezahlung und damit auch das Image sein, oder nicht?

Reiner Nolten: Grundsätzlich kann man das gewiss nicht sagen, denn die höchsten Ausbildungsvergütungen in Deutschland zahlt der Bau und hat trotzdem Probleme, genug Nachwuchskräfte zu finden. Ein Gerüstbauer bekommt im dritten Lehrjahr 1.600 Euro. Das bekommt er in keinem Industriebetrieb. Alle anderen Bauberufe liegen ähnlich hoch.

Richtig ist, dass die großen Probleme, die das Handwerk lange Zeit, bis zur Finanzkrise, hatte, dazu geführt haben, dass es bei den Tariflöhnen hinterherhinkte. Vorher hatten wir durchaus Bereiche, wo wir in der Bezahlung über der Industrie lagen. Meine persönliche Meinung ist, da war ein Nachholen nötig, was jetzt auch geschieht. So ist im Friseurhandwerk der Tarifvertrag, der eine vernünftige Bezahlung vorsieht, als allgemeinverbindlich erklärt worden. Was viele Jugendliche jedoch nicht wissen und deshalb bei ihrer Berufswahl unberücksichtigt lassen ist: Das Lebensarbeitseinkommen eines Handwerksmeisters liegt im Schnitt heute schon mit dem eines Akademikers gleichauf.

Aber Geld ist nicht alles und die Auffassung vom schlechten Image des Handwerks teile ich nicht. Sicher, für manche ist es immer noch in Teilen mit Lärm und Dreck verbunden, mit Arbeit draußen bei Wind und Wetter. Meines Erachtens muss das Handwerk offensiver auftreten mit seinen Leistungen, muss zeigen, was es an Interessantem gibt, muss aber zugleich ehrlich und authentisch sein, damit es später keine Enttäuschungen gibt.

Die Attraktivität des Handwerksberufs besteht vor allem darin, dass die Arbeit nicht gleichförmig ist wie am Fließband, sondern sehr individuell. Interessant am Handwerk ist zudem der hohe Stellenwert der Fehlerdiagnose, die vor dem Reparieren steht – eine anspruchsvolle Tätigkeit, die hohe Anforderungen stellt. Außerdem gibt es viele kreative Handwerksberufe, nicht nur der Tischler, sondern auch der Uhrmacher, der Optiker, der Gestelle selbst herstellt und nicht nur Gläser einsetzt, die Musikinstrumentenbauer, die Schilder- und Lichtreklamehersteller, und auch am Bau gibt es viele und immer mehr kreative Tätigkeiten.

Hinzu kommt das direkte Zusammenarbeiten mit Menschen, was für viele anziehend ist, und das Zusammenwirken zwischen den Gewerken macht vielen Spaß, weil es über die eigenen Horizonte regelmäßig hinausgeht. Die meisten Handwerker, die ich kenne, sind jedenfalls zufrieden und sagen: Wenn ich abends nach Hause gehe, dann weiß ich, was ich gemacht habe. Bei meiner Arbeit geht mir das leider nicht jeden Tag so – zumindest weiß ich nicht immer, was am Ende daraus wird.

G.I.B.: Neben der Bezahlung spielen Fragen der Arbeitsorganisation, der Arbeitszeitregelungen und Arbeitsbelastungen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für oder gegen einen Job im Handwerk. Immerhin 65 Prozent der Gerüstbauerinnen und -bauer sowie 55 Prozent Dachdeckerinnen und Dachdecker gehen frühzeitig in Rente – viele davon aufgrund gesundheitlicher Probleme.

Reiner Nolten: Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels sehe auch ich die Notwendigkeit, den Verbleib im Handwerk für ältere Beschäftigte zu verbessern. Wir haben da bereits gute Erfolge vorzuweisen. Betriebliche Gesundheitsvorsorge ist dank unserer Innungskrankenkasse stark ausgeprägt und auch die Beratungsangebote bei allen Kammern tragen dazu bei, dass Menschen mit Behinderung oder mit körperlichen Einschränkungen weiter beschäftigt werden können.

Hilfreich kann die Einrichtung von Tandems sein, in der Praxis noch wichtiger aber sind Hilfestellungen technischer Art, die oft förderfähig sind, oder eine Umstrukturierung im Betrieb.

Ein Beispiel: In Betrieben aus dem Bereich Kälteanlagen, Sanitär, Heizung, Elektro liegen oft die unterschiedlichsten Bauteile auf Lager, die vor einer Fahrt zum Kunden manuell zusammengestellt werden müssen – eine vergleichsweise wenig anstrengende Arbeit, die gut ein älterer, erfahrener Mitarbeiter, der bis vor Kurzem selbst mit den Bauteilen gearbeitet hat, erledigen kann. Solche Tätigkeiten gibt es in vielen Betrieben. Zum Beispiel im Kfz-Gewerbe. Die große Kunst ist auch hier die Fehlerdiagnose. Sie ist längst nicht so körperlich anstrengend wie der Wechsel von Motor oder Reifen, erst recht nicht, wenn sie elektronisch erfolgt. Das ist eine Aufgabe, die gute ältere, erfahrene Mitarbeitende übernehmen können.

Oft lassen sich mit einfachen Maßnahmen Arbeitsabläufe zum Wohl der Mitarbeitenden optimieren. In einer Tischlerei haben wir mal im Rahmen eines Projekts Mitarbeitende mit Schrittzählern versehen und festgestellt, dass in einer optimal aufgestellten Werkstatt-Halle die Leute am Tag nur ein Fünftel so viel laufen mussten wie die in einem Betrieb, der über Generationen gewachsen ist und neue Maschinen immer so aufgestellt wurden, wie es gerade passte.

Hilfreich kann, wie erwähnt, auch der Einsatz technischer Mittel sein. Ich kenne einen älteren Dachdecker, der nach langem Arbeitsleben aufgrund Muskelschwunds im Rollstuhl sitzt und selbstverständlich nicht mehr für Vermessungen aufs Dach klettern kann. Mit dem Einsatz einer gar nicht so teuren Drohne aber, die jetzt über das Dach fliegt und digitale Fotos erstellt, bei deren Auswertung sich die Fläche berechnen lässt, kann er seinen Beruf bis heute ausüben. Auf die Idee war ein Inklusionsberater gekommen, damit hat der Landschaftsverband eine Menge Geld gespart. Daraus kann man zugleich lernen, dass man die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung auch mal anders denken muss.

Letztes Beispiel: Ältere mitarbeitende Meister können sich mit Unterstützung der Kammern und Verbände für das Management qualifizieren. Ihnen bieten wir Zusatzqualifikationen im Bereich Steuerrecht und Managementverfahren an. Heißt: Ein Wechsel der Tätigkeiten ist auch mit Qualifizierung verknüpft.

Schwieriger sind Änderungen bei den Arbeitszeiten, vor allem bei Gewerken, die bei den Kunden arbeiten. Hier haben flexible Arbeitszeiten im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Grenzen. Es ist ja so: In immer mehr Kundenhaushalten arbeiten beide Ehepartner. Sie wünschen sich deshalb die Handwerksarbeiten nach Feierabend oder am Samstag. Grenzen gibt es auch beim Home-Office und bei Handwerksleistungen, die ineinander greifen oder wenn mit Werkstoffen wie etwa Farben gearbeitet wird, die in einer bestimmten Zeit verarbeitet sein müssen. Handwerksbetriebe müssen auch nicht zwangsläufig feste Arbeitszeitmodelle installieren: Betriebe im Handwerk sind meist Familienbetriebe, der Inhaber oder die Inhaberin kennen die privaten Probleme der Beschäftigten, wissen, wenn ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Angehörige pflegen oder ihre kleinen Kinder betreuen müssen und berücksichtigen das im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

G.I.B.: Nicht zuletzt infolge der Digitalisierung wird Weiterbildung immer wichtiger. Wie schätzen Sie die Weiterbildungskultur im Handwerk ein: Besteht da Entwicklungsbedarf?

Reiner Nolten: So wie in allen Bereichen, in denen es keine gesetzlichen Vorgaben zur Weiterbildung gibt: von null bis total affin. Die Frage der verpflichtenden Weiterbildung wird sich vermehrt stellen. Für die Mitarbeitenden wird das eine Frage der Beschäftigungsfähigkeit sein, denn wir werden nicht mehr erleben, dass sich eine Tätigkeit über ein ganzes Berufsleben nicht verändert. Das erfordert eine andere Weiterbildungskultur.

Da, wo es um die Verarbeitung industrieller Produkte geht, bieten die Hersteller, seien es Heizungs- oder Farbenhersteller, spezielle Schulungen an, weil sie wollen, dass der Handwerker sie verkaufen, aber auch bedienen und warten kann.

Überall, wo sich mit den Produkten Arbeitsprozesse ändern, ist Weiterbildung erforderlich, wie etwa in den Bereichen 3 D-Druck oder BIM – muss aber richtig durchdacht werden. Manche Betriebe, die ihre Meister entsprechende Programmierungslehrgänge haben absolvieren lassen, mussten feststellen, dass die Meister für das, was sie dann können, eigentlich viel zu teuer sind, denn BIM ist faktisch nichts anderes als das, was ein Bauzeichner – ein lange totgesagter Beruf – macht, nur digital. Also hat einer dieser Betriebe zwei vorher langzeitarbeitslose Bauzeichner eingestellt und mithilfe der Arbeitsagentur qualifizieren lassen.

Schwieriger ist es bei der Weiterbildung manchmal bei alten Gesellen, die nicht gewohnt sind, lebenslang zu lernen. Bei manchen muss das auch nicht sein, weil sie technisch affin und kreativ sind und sich das Neue selbst im Job aneignen können. Manche lehnen aufgrund früher negativer Erfahrungen mit Lehrkräften, Schule und Prüfung Weiterbildung kategorisch ab und sind aus besagten Gründen dennoch innovativ.

Was Weiterbildung angeht ist der Fachverband Sanitär Heizung Klima Vorreiter. Hier haben SHK-Innungsfachbetriebe, die die Kriterien der Qualitätsgemeinschaft nachweislich erfüllen, die Möglichkeit, sich in besonderer Form dem Kunden als „SHK-Expert“ zu präsentieren. Qualifikation ist ein zentrales Kriterium des SHK-Expert-Konzepts. Aus diesem Grund wurde auch das deutschlandweit erste Bildungsportal der SHK-Branche unter www.shk-bildung.de freigeschaltet. Das Bildungsportal orientiert sich an modernsten Standards und lis­tet unterschiedlichste Weiterbildungsangebote nach vorgegebenen Kriterien. Die Suche nach einem geeigneten Bildungsangebot wird damit so einfach und komfortabel wie die Suche nach einem Hotel.

Ich bin der Meinung, dass eine Finanzierung der Weiterbildung zur rechtzeitigen Vermeidung von Arbeitslosigkeit über die Bundesagentur für Arbeit nötig wird. Ob die Weiterbildung aber über die Bundesagentur organisiert wird, ob die am Schreibtisch erkennen kann, was genau an Qualifikationen für die Zukunft wichtig ist, möchte ich infrage stellen. Da ist der Bildungsscheck NRW, wo man selbst vergleichen kann, weitaus besser geeignet. Erst recht, weil er von der jetzigen Landesregierung finanziell aufgestockt und zugleich breiter aufgestellt ist, sodass ihn ein größerer Personenkreis in Anspruch nehmen kann.

G.I.B.: Welche Zielgruppen – zum Beispiel Frauen – müsste das Handwerk verstärkt ansprechen, um seinen Fachkräftebedarf auch zukünftig zu sichern?

Reiner Nolten: Tatsächlich sind Frauen im Handwerk deutlich unterrepräsentiert, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass bis in die 1990er Jahre hinein in Deutschland für Frauen Beschäftigungsverbote in Bauhauptberufen und für Nachtarbeit galten. Einige Gewerke des Handwerks gelten zudem nach wie vor als Männerdomäne. Das ist neben den körperlichen Anforderungen in manchen Gewerken das größte Hindernis bei der Rekrutierung von Frauen. Jedoch wären mit der Schaffung bestimmter arbeitsrechtlicher und organisatorischer Voraussetzungen auch gewerblich-technische Ausbildungsberufe für junge Frauen zunehmend attraktiv. So steigt der Anteil der weiblichen Auszubildenden in den verschiedenen technischen, bislang eher männerdominierten Fachbereichen kontinuierlich an. Dies gilt insbesondere für die Fachbereiche Holztechnik, Elektro-, IT-Technik und Medientechnik. Das Potenzial der Zielgruppe Frauen gezielter anzusprechen, ist auch eine Frage der frühzeitigen und systematischen Berufsorientierung.

Eine andere Zielgruppe strategischer Fachkräftesicherung sind Menschen mit Migrationshintergrund. Das wissen die Betriebe. Das Deutsche Handwerksins­titut hat im vergangenen Jahr nachgewiesen, dass mit bis zu 17 Prozent der eingewanderten erwerbsfähigen Bevölkerung, die im Handwerk tätig sind, der Handwerkeranteil unter Migranten über dem Handwerkeranteil bei Nicht-Migranten (12,5 Prozent) liegt. Andere Untersuchungen zeigen, dass Migranten eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, im Handwerk zu arbeiten (circa 8 Prozent) als in allen anderen Wirtschaftsbereichen (circa 7 Prozent). Handwerksberufe übernehmen also schon lange eine wichtige integrative Rolle. Gleiches gilt für Flüchtlinge. Da – auch das ein Ergebnis von Studien des Handwerksinstituts – das Bildungs- und Ausbildungsniveau von Migranten und Flüchtlingen im Schnitt eher niedrig ist, werden die praktischen, anwendungsnahen Tätigkeiten im Handwerk bevorzugt aufgenommen.

Eine weitere Zielgruppe sind Menschen mit Behinderung. Auch sie tragen zur Fachkräftesicherung im Handwerk bei, wobei hier die Behinderungen stets individuell zu berücksichtigen sind. Bei Menschen mit körperlichen Behinderungen steht oft die besondere Unterstützung bei der Arbeitsplatzgestaltung im Vordergrund, bei Menschen mit psychischen Behinderungen die Arbeitsorganisation und die Arbeitsbedingungen, und Jugendliche mit Lernbehinderung wiederum benötigen eine ihren Fähigkeiten angepasste Ansprache und Begleitung während der Berufsausbildung.

Die Tatsache, dass drei Viertel aller Handwerksbetriebe mit mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zumindest eine oder mehrere Personen mit Schwerbehinderung beschäftigen, dokumentiert die Bereitschaft des Handwerks zur Inklusion von Menschen mit Behinderung. Betriebe, die noch nie Menschen mit Behinderung ausgebildet oder beschäftigt haben, müssen zunächst für das Thema sensibilisiert werden. Außerdem brauchen sie Informationen hinsichtlich der arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen und Unterstützungsinstrumente, die ihnen zur Verfügung stehen. Nützlich wäre es, die Beratungsleistungen aller beteiligten Akteure zu zentralisieren, also die der Agentur für Arbeit, der Integrationsämter oder auch Inklusions- bzw. Integrationsberaterinnen und -berater der Kammern, um bürokratische Hürden durch die verschiedenen Institutionen für insbesondere kleine und mittlere Betriebe zu beseitigen.

G.I.B.: Immer mehr Handwerksbetriebe finden keine Nachfolger. Das gefährdet ihre Existenz. Wie lässt sich das Problem lösen?

Reiner Nolten: Richtig ist, dass es für Betriebe immer schwieriger wird, eine Nachfolge zu finden. Ob das immer eine Problematik, ist wage ich zu bezweifeln. Solange in allen Gewerken und Regionen die Nahversorgung gewährleistet ist und die Anfahrtszeiten nicht zu groß sind, sehe ich keinen Mangel an Handwerksbetrieben, erst recht nicht nach dem Zuwachs der letzten Jahre. Heute haben wir knapp 190.000 Handwerksbetriebe. Als ich im Jahr 1996 beim Westdeutschen Handwerkskammertag angefangen habe waren es 50.000 weniger. Ganz viele Betriebe wurden von Nicht-Meistern gegründet und verschwinden auch wieder schneller als die Meisterbetriebe. Die Notwendigkeit, dass jeder dieser Betriebe fortbestehen muss, sehe ich nicht. Bei Kfz-Werkstätten und Friseuren wird niemand das Gefühl haben, dass wir einen Mangel haben, und warum sollte ein Gründungswilliger gerade in den Gewerken, die nicht viel Investition bedürfen, wie Maler oder Sanitär, Heizung, Klima Strukturen übernehmen, in denen vielleicht der alte Inhaber einen Wert sieht, weil er sie selbst aufgebaut hat, aber für einen SHK-Betrieb brauche ich keine Werkstatt. Da passt das Material in einen Bus.

Die Neigung, einen Betrieb zu übernehmen, ist im Konjunkturhoch immer geringer, da die meisten einen sicheren Job haben, der ordentlich bezahlt wird. Nicht jeder will selbstständig, nicht jeder will Häuptling sein. Außerdem muss der Ehepartner, die Familie die Entscheidung mittragen. Zudem fürchten viele die mit einer Selbstständigkeit verbundene Investition. Ich kenne selbst einen Automobilzulieferer aus dem Sauerland, der einen Betrieb übernommen hat und dafür einen Kredit in Höhe von 18 Millionen Euro aufgenommen hat. Dass der Automobilmarkt sehr volatil ist, war bekannt, aber die Finanzkrise konnte niemand vorhersehen. In der Folge haben die Betriebe bei ihm abbestellt und jetzt sitzt er auf einem Millionenkredit. Das Investitionsvolumen und damit das Risiko ist vielen einfach zu groß.

Wir müssen die Wirklichkeit richtig sehen. Der frühere Ministerpräsident Clement hatte damals gesagt: „Bay­ern hat mehr Handwerksbetriebe als NRW. Wir brauchen eine Gründungsoffensive!“ Ich habe geantwortet: In Bayern hat ein Handwerksbetrieb durchschnittlich sechs Beschäftigte, in Nordrhein-Westfalen zehn. Was ist mehr wert: Die Zahl der Arbeitsplätze oder die Zahl der Betriebe?

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de
Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de

Kontakt

Westdeutscher Handwerkskammertag (WHKT)
Volmerswerther Straße 79
40221 Düsseldorf
Reiner Nolten (Hauptgeschäftsführer)
Tel.: 0211 3007710
reiner.nolten@whkt.de
Artikelaktionen