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(Heft 2/2018)
Interview mit Gerhard Herrmann, MAGS NRW

Reform der Pflegeberufe: Stärkere Stellung durch Generalistik?

Mit dem Pflegeberufegesetz werden ab 2020 die Ausbildungen für die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu einem gemeinsamen Pflegeberuf zusammengeführt. Ist der generalistische Ansatz der richtige Weg, um die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu modernisieren und den Beruf aufzuwerten? Gerhard Herrmann, Leiter der Abteilung Pflege, Alter, demografische Entwicklung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen, spricht in unserem Interview über Chancen und Schwierigkeiten der Reform und die Rolle des Landes Nordrhein-Westfalen.

G.I.B.: Welche Aufgaben und Probleme gibt es derzeit im Pflegebereich in Nordrhein-Westfalen?

Gerhard Herrmann: Die grundlegende Aufgabe besteht darin, die Versorgung der Pflegebedürftigen durch ambulante, stationäre und teilstationäre Angebote zu sichern. Diese Angebote müssen in hohem Maße transparent sein, damit sie von den Pflegebedürftigen und den pflegenden Angehörigen im Bedarfsfall auch schnell gefunden werden. Die derzeit größte Schwierigkeit ist der akute Fachkräftemangel. Sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Pflege können Hilfebedürftige teilweise nicht mehr angenommen werden, weil nicht genügend Personal zur Verfügung steht. An der Lösung dieses Problems müssen wir intensiv arbeiten.

G.I.B.: Wie groß ist der Fachkräftemangel im Verhältnis zur Gesamtzahl der im Pflegedienst beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Gerhard Herrmann: Der Fachkräftemangel wird über die Studie der Landesberichterstattung für Gesundheitsfachberufe berechnet. Danach fehlten im Jahr 2015 rund 2.300 Pflegekräfte. Die aktuellen Daten werden gerade ermittelt und in der zweiten Jahreshälfte veröffentlicht. Die Gesamtzahl der Pflegefachkräfte in Nordrhein-Westfalen liegt bei rund 200.000.

Auch eine aktuelle Auswertung der Bundesagentur für Arbeit zu Vakanzen im Pflegebereich liefert bemerkenswerte Rückschlüsse zu dieser Problematik: In der Altenpflege dauert es bundesweit im Schnitt rund 170 Tage, bis eine frei werdende Stelle wieder besetzt werden kann. In der Krankenpflege sieht es kaum besser aus.

G.I.B.: Mit dem Pflegeberufegesetz werden im Jahr 2020 die Ausbildungen für die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zu einem gemeinsamen Pflegeberuf zusammengeführt. In Nordrhein-Westfalen sind rund 350 Krankenhäuser, 350 Krankenpflegeschulen/Fachseminare für Altenpflege, 5.000 Altenheime und ambulante Pflegedienste mit etwa 40.000 Auszubildenden davon betroffen. Wie weit sind Sie mit der Vorbereitung der Umsetzung der Reform auf Landesebene?

Gerhard Herrmann: Die Reform der Pflegeberufe ist derzeit das Hauptaufgabengebiet unserer Abteilung. Die Zeit bis 2020 ist knapp. Während die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung des Bundes zwischenzeitlich vom Kabinett verabschiedet wurde und damit nun dem Bundestag zugeleitet wird, fehlt die Finanzierungsverordnung als wichtige Grundlage für unsere Arbeit noch gänzlich. Außerdem ermächtigt das neue Gesetz das Land, Verordnungen zu erlassen. Deshalb sind zeitnah auch entsprechende landesrechtliche Regelungen wie Zuständigkeits- und Durchführungsverordnungen zu schaffen. Bis die Reform vollendet ist, haben wir noch viel zu tun. Wir müssen zum Beispiel eine Schiedsstelle einrichten und entscheiden, welche Behörde für die Anerkennung der neuen Pflegeschulen zuständig ist und wo Berufserlaubnisse geprüft werden. Wir müssen auch jemanden bestimmen, der die Budgetverhandlungen im Januar nächsten Jahres für das Land führt.

Durch die Reform werden die von den Kassen finanzierte Krankenpflegeausbildung und die über Landesmittel und Ausbildungsumlagen finanzierte Altenpflegeausbildung miteinander verschmelzen. Das neue System wird aus einem Fonds mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro finanziert, der entsprechend verwaltet werden muss. Auch hierfür ist die zuständige Stelle noch einzurichten.

In den Fonds werden alle Einrichtungen einzahlen und jeder Ausbildungsträger bekommt auch etwas zurück. Wer wie viel einzahlt, wird durch die Finanzierungsverordnung festgesetzt; die Höhe der Rückzahlung wird durch Budgetverhandlungen bestimmt. 

G.I.B.: Was wird sich für die ausbildenden Betriebe in der Praxis ändern?

Gerhard Herrmann: Nehmen wir das Beispiel ambulanter Pflegedienst: Heute bildet er weitgehend im eigenen Betrieb aus. Daneben besucht der Auszubildende das Fachseminar für Altenpflege. In der Generalistik erfolgt die Ausbildung dagegen in allen drei Arbeitsfeldern. Der Pflegedienst weiß den Auszubildenden dann nur noch zu einem relativ geringen Zeitraum im eigenen Haus, muss aber weiterhin die Praxisanleitung für die Ausbildung sicherstellen.

Das neue System erfordert erhebliche Kooperationsanstrengungen zwischen Pflegeschulen, Krankenhäusern, Einrichtungen der Altenpflege, stationären und ambulanten Pflegediensten. Kooperationen, insbesondere von großen Trägereinrichtungen gab es auch bisher. Auf der Basis dieser Erfahrungen müssen diese vertieft und ausgebaut werden, damit die neue Form der Ausbildung reibungslos organisiert werden kann. Hierzu gibt es eine Reihe offener Fragen seitens der ausbildenden Einrichtungen. Momentan sammeln wir alle Fragen, um sie in unserem Begleitgremium zur Pflegeberufereform zu diskutieren und Lösungsmöglichkeiten anbahnen zu können.

Damit die Kooperation gelingt, werden wir konkrete Angebote zur Unterstützung offerieren und möglicherweise auch entsprechende Aufträge extern vergeben. Der Markt darf auf keinen Fall so verunsichert sein, dass die Zahl der Auszubildenden darunter leidet.

G.I.B.: Das Pflegeberufegesetz hat das Ziel, die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu modernisieren und den Beruf aufzuwerten. Ist der generalistische Ansatz dafür der richtige Weg?

Gerhard Herrmann: Ja, die Pflege benötigt eine starke Stellung. Sie muss mit qualitativ hochwertigen Angeboten gut aufgestellt sein. Nur so ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Berufen der Gesundheitsbranche möglich. Die Komplexität des neuen Systems könnte allerdings zu schlechteren Startchancen für die Altenpflege bei der Akquise von Fachkräften führen, z. B. weil die Krankenhäuser im Schnitt deutlich höhere Löhne zahlen. Deshalb gilt es, dieses Ausbildungsfeld zu stützen.

G.I.B.: Wie kann die Generalistik die Attraktivität von Pflegeberufen steigern? Was kann das Land dafür tun?

Gerhard Herrmann: Eine deutliche Verbesserung wird das Pflegeberufegesetz bei den vorbehaltenen Tätigkeiten erzielen: Pflegefachkräfte werden wesentliche Teile ihrer Arbeit eigenverantwortlich ohne Anweisung oder Delegation ausüben dürfen. Auch durch die nun regelhaft geschaffene Möglichkeit einer hochschulischen Ausbildung gewinnt der Beruf an Attraktivität.

Für die Personalausstattung erwarten wir positive Impulse durch das Personalbemessungssystem, das bis 2020 auf wissenschaftlicher Basis bundesweit erarbeitet wird. Dieses System werden wir schnell in Landesrecht umsetzen. Die aktuell festgeschriebene Mindestquote von 50 Prozent Fachkräften in Pflegeeinrichtungen wurde aus dem Bundesheimgesetz 2008 in die Ländergesetze übernommen und ist so auch im Wohn- und Teilhabegesetz verortet. Diese Quote hat aber keinen wissenschaftlichen Hintergrund.

Entlastet werden die Pflegekräfte durch die Überarbeitung des Wohn- und Teilhabegesetzes und des zugehörigen Rahmenprüfkatalogs. Damit werden wir die Dokumentationspflichten der Beschäftigten vereinfachen.

Ob sich deren Einkommen durch die Reform verbessern wird, bleibt abzuwarten. Der Bundeskoalitionsvertrag sieht eine tarifliche Bezahlung für Pflegekräfte vor. Der Verdienst in der Pflege ist aber im Vergleich zu anderen Berufsgruppen nicht schlecht. Er liegt in Nordrhein-Westfalen in der Altenpflege bei rund 2.600 bis 2.700 Euro und in der Krankenpflege bei 3.200 bis 3.300 Euro im Monat.

Besonders wichtig ist ein anderer Aspekt: Die Pflegenden müssen selbst dazu beitragen, dass ihre Arbeit – trotz aller Probleme – als starker Beruf wahrgenommen wird. Der wiederum erfordert eine starke Interessenvertretung, die mit ihrer Verhandlungsmacht die Attraktivität der Profession erheblich steigert.

G.I.B.: Wer wird die Interessen der Pflegekräfte vertreten?

Gerhard Herrmann: Das ist noch nicht entschieden. Ein Meinungsforschungsinstitut soll die Pflegenden im Laufe des Jahres befragen, ob sie die Einrichtung einer Pflegekammer oder das Modell des Pflegerings nach bayerischem Vorbild bevorzugen. Die Befragung wird von einer Informationskampagne begleitet, damit die Beschäftigten vor der Abstimmung die Vor- und Nachteile der beiden Alternativen kennen.

Sollten sich die potenziellen Mitglieder für die Pflegekammer entscheiden, werden wir ein Kammergesetz vorbereiten, das die Aufgaben und Kompetenzen der Einrichtung präzise normiert.

Die Kammer könnte als offizieller Gesprächspartner in allen Fragen der Pflege agieren, da sie aufgrund der Pflichtmitgliedstruktur für alle Pflegefachkräfte in Nordrhein-Westfalen sprechen kann und den gesamten pflegerischen Sachverstand mit allen Facetten in sich vereint. Wenn heute über das Thema Pflege geredet wird, sitzen viele Verantwortliche gar nicht mit am Tisch. Die Kammer mit allen Pflegefachkräften hat als Sprachrohr ein hohes Gewicht und kann die Interessen der Berufsgruppe viel stärker artikulieren als es aktuell mit unterschiedlichen Verbänden, in denen die meisten Pflegekräfte gar nicht Mitglieder sind, möglich ist.

G.I.B.: Bietet die Pflegebranche gute Möglichkeiten zur Integration von Migranten und Migrantinnen in den Arbeitsmarkt?

Gerhard Herrmann: Die Ausgangslage in der Pflege ist mit den meisten anderen Branchen nicht vergleichbar. Wir haben Vollbeschäftigung. Jeder, der die Ausbildung schafft, bekommt eine Stelle. Wir müssen vordringlich die Ausbildungszahlen erhöhen und versuchen, auch interessierte und motivierte arbeitslose Menschen für eine Ausbildung im Pflegesektor zu gewinnen, wenn diese die notwendigen Voraussetzungen mitbringen. Um mehr ausbilden zu können, benötigen wir mehr Lehrkräfte. Da stehen wir vor dem nächsten Problem. Denn es gibt nur sehr wenige Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, die Pflegepädagogen ausbilden. Wir stehen derzeit in Gesprächen mit den Hochschulen, um die Zahl der Studienplätze zu erhöhen.

Die Migration kann ihren Teil zur Bewältigung des Fachkräftemangels beitragen. Sie kann das Problem aber nicht lösen. Wenn Personalverantwortliche großer Krankenhäuser ins Ausland reisen, um Mitarbeiter anzuwerben, frage ich mich, weshalb diese Arbeitgeber in den letzten Jahren nicht mehr Pflegekräfte ausgebildet haben.

Mit dem Projekt „Care for integration“ haben wir untersucht, wie geflüchtete Menschen über ein gestuftes Verfahren in den Altenpflegeberuf integriert werden können. Die Koordinierungsstelle „welcome@healthcare“, die Ende 2016 für Geflüchtete in Pflege- und Gesundheitsfachberufen ins Leben gerufen wurde, verfolgt das Ziel, Akteurinnen und Akteure aus dem Gesundheitswesen dabei zu unterstützen, geflüchtete Menschen für die Pflege- und Gesundheitsfachberufe zu gewinnen und zu qualifizieren. Damit trägt die Koordinierungsstelle zur Bewältigung zweier gesellschaftlich relevanter Herausforderungen bei: der beruflichen Integration von geflüchteten Menschen und zur Fachkräftesicherung im Arbeitsfeld Pflege und Gesundheit.

Große Sorgen bereitet uns die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen. Ein solches Verfahren kann im Fall von nicht europäischen Abschlüssen ein Jahr und länger dauern. Das ist sehr unbefriedigend. Wir befinden uns in intensiven Gesprächen mit dem Landesprüfungsamt, um Verbesserungen zu erzielen. Natürlich darf aber auch die Sicherheit der Patientinnen und Patienten nicht leiden. Pflegekräfte schultern viel Verantwortung und müssen in der Lage sein, auch im Ernstfall adäquat zu handeln.

Das Interview führte

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Gerhard Herrmann
Ministerium für Arbeit, Gesundheit und
Soziales des Landes NRW
Roßstraße 120
40476 Düsseldorf
gerhard.herrmann@mags.nrw.de
 
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