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(Heft 2/2018)
Ein Blick auf Flüchtlings-Projekte im Pflegebereich in NRW

Geflüchtete für Pflegeberufe qualifizieren

Das hört sich erst einmal gut an: Zwei gesellschaftlich relevante Herausforderungen mit einem Streich bewältigen; etwas gegen den Fachkräftemangel in der Pflege tun und dabei gleichzeitig geflüchtete Menschen nachhaltig beruflich und damit auch gesellschaftlich integrieren. – Doch ganz so einfach ist das nicht. Es gibt viele Hürden für alle Beteiligten und es dauert, bis ein Geflüchteter ohne Vorbildung in einem Pflegeberuf angekommen ist. Dennoch stellt sich in NRW eine ganze Reihe von Projekten dieser Herausforderung. Zwei vom Land NRW geförderte Projekte haben wir uns näher angesehen: „Care for integration“ und „welcome@healthcare“.

Eigentlich ist „welcome@healthcare“ kein Flüchtlings-Projekt im eigentlichen Sinn. Es handelt sich um eine Koordinierungsstelle, deren wesentliches Ziel darin besteht, die verschiedenen Akteure in der Gesundheits- und Pflegebranche in NRW dabei zu unterstützen, geflüchtete Menschen für die Pflege- und Gesundheitsfachberufe zu gewinnen und zu qualifizieren. welcome@healthcare ist ein Projekt der Freien Wohlfahrtspflege getragen vom Paritätischen NRW, umgesetzt von der Paritätischen Akademie. Die Idee entstand schon Ende des Jahres 2015, als besonders viele Geflüchtete in NRW ankamen. Die Freie Wohlfahrtspflege habe vorgeschlagen, nicht aktionistisch mit kleinen Projekten für Geflüchtete zu starten, sondern das Thema systematischer anzugehen und eine Koordinierungsstelle zu schaffen, sagt Oliver Baiocco vom Paritätischen NRW, zuständig für die Gesamtsteuerung des Projekts. „Uns war klar, dass die beste Integration von Geflüchteten die durch Arbeit ist, wir wussten aber auch, dass zur Verbindung von Ausbildung, Integration und Arbeit in der Pflege nicht viele Erfahrungen vorlagen, auch dass im Pflegebereich viele Akteure agieren und es dadurch in dem Berufsfeld recht kompliziert zugeht.“

Information, Beratung, Netzwerkarbeit
 

Im November 2016 nahm die Koordinierungsstelle „welcome@healthcare“ in Wuppertal ihre Arbeit auf. Sie ist mit einem Fachreferenten für Gesundheit und Pflege, einem Fachreferenten für den Arbeitsmarkt und einer Fachreferentin für Migration und Geflüchtete besetzt. „Nach der Recherche und Analyse der Situation stellt die Koordinierungsstelle nun alle wichtigen Informationen und Materialien bereit, berät Akteurinnen und Akteure aus den relevanten Arbeitsfeldern, entwickelt Konzepte und unterstützt bei der Netzwerkarbeit“, erläutert Fachreferentin Anja Stahl.

„Als Hauptthemen in der Beratung haben sich die Themen fehlender Schulabschluss – der Hauptschulabschluss ist für einen Beruf in der Pflege zwingende Voraussetzung –, aufenthaltsrechtliche Fragen, Unsicherheiten bei Arbeitgebern bezüglich einzuholender Genehmigungen bei der Beschäftigung von Geflüchteten und finanzielle Fördermöglichkeiten herausgestellt“, verdeutlicht Anja Stahl. Gerade den Schulabschluss bezeichnet sie als einen der Hauptknackpunkte. Den Hauptschulabschluss nachzuholen sei ein zäher langer Prozess; Geflüchtete, die möglichst schnell Geld verdienen wollen, um auf eigenen Beinen stehen zu können, dazu zu motivieren, sei schwierig.

Oliver Baiocco berichtet, dass es im Moment Expertengespräche darüber gebe, wie der gesamte Prozess verkürzt werden könne, zum Beispiel, indem man Sprachunterricht, Hauptschulabschluss und evtl. auch schon fachliche Qualifizierungen zusammenführt. „Dabei gibt es rechtliche, aber auch strukturelle Probleme, weil bisher schlicht die Erfahrung mit solchen kombinierten Modellen fehlt.“ (Beziehungsweise solche Erfahrungen werden gerade erst gemacht, wie man später bei „Care for integration“ noch sehen wird.)

Mittlerweile erreichen die Koordinierungsstelle oft Anfragen zu geplanten Projekten. Sie gibt dann oft den Impuls, alle lokal relevanten Akteure an einen Tisch zu holen, um dann gemeinsam ein realisierbares Modell zu entwickeln. „Denn es hat sich gezeigt, dass die vielen Akteure in dem Themenfeld oft nebeneinander agieren und nicht wissen, wie sie zusammen kommen können. Oft braucht es dann einen Anstoß von außen“, so Anja Stahl.

An vier Standorten berät die Koordinierungsstelle derzeit lokale Netzwerke. Zum Beispiel organisierte sie im September 2017 nach einer Anfrage des Wittener Instituts für Interkulturelle Kompetenz e. V., einer Migrantenselbsthilfeorganisation, eine Infoveranstaltung für Geflüchtete in Witten. 20 Interessierte, die nach Wegen und Möglichkeiten suchten, um im Pflege- und Gesundheitsbereich tätig werden zu können, nahmen teil. Die Grundzüge des deutschen Pflege- und Gesundheitssystems stellte die Koordinierungsstelle selbst vor. Sie hatte aber auch den Kontakt zu der Fachseminarleiterin am Fachseminar für Altenpflege der Diakonie Ruhr und dem Schulleiter der Krankenpflegeschule am Bergmannsheil in Bochum hergestellt und sie als Referenten eingeladen, sodass die Geflüchteten quasi aus erster Hand alles über Berufsbilder und Zugangswege in der Kranken- und Altenpflege erfahren konnten. Dieser direkte Austausch zwischen Geflüchteten und Bildungseinrichtungen bedeute einen Mehrwert für alle Akteure, sagt Anja Stahl.

Informative Internetseite
 

Seit Ende August 2017 findet man die gebündelten und strukturierten Informationen, die die Koordinierungsstelle erarbeitet und gesammelt hat, auf der Webseite www.healthcare-nrw.de. Dazu gehören Infos zum Aufenthaltsrecht und zum Arbeitsmarktzugang in Deutschland ebenso wie zu Instrumenten der Arbeits- und Ausbildungsmarktförderung. Auch Erläuterungen zu den verschiedenen möglichen Berufsbildern in dem Berufsfeld, von der Altenpflege über die Krankenpflege bis zur Ergo- oder Physiotherapie bietet die Seite. Außerdem wird über aktuelle Themen und Ereignisse, die im Zusammenhang mit den Pflege- und Gesundheitsberufen stehen, berichtet sowie über Projekte, Maßnahmen und Initiativen, die sich mit der Arbeitsmarktintegration und Qualifikation von Geflüchteten in den Pflege- und Gesundheitsfachberufen beschäftigen.

15 Flüchtlingsprojekte im Bereich Pflege in NRW listet die Internetseite derzeit auf. Insgesamt sind welcome@healthcare rund 30 derartige Projekte in NRW bekannt, die meisten davon sind vorbereitende Qualifizierungsmaßnahmen, die von Akteuren der Weiterbildung und Beschäftigungsförderung durchgeführt werden. „Der anschließende nahtlose Übergang in die Fachkraftausbildung fehlt häufig noch“, so die Erfahrung von Anja Stahl. „Auch deshalb setzen wir darauf, dass sich in den Kommunen der Netzwerkgedanke mehr durchsetzt. Es muss ganzheitlicher gedacht werden, damit am Ende auch tatsächlich eine Fachkraftausbildung steht.“

Wie viele Geflüchtete sich insgesamt in NRW auf dem Weg zu oder schon in einer Ausbildung zu einem Pflege- und Gesundheitsberuf befinden, kann auch die Koordinierungsstelle nicht sagen. Es gebe dazu bisher keine Statistiken. Erfolgsfaktoren, die man bisher ausmachen kann, sind Angebote zum Erwerb des Hauptschulabschlusses, eine sozialpädagogische Begleitung, die Abbrüchen vorbeugt, und eine durchgängige Sprachförderung – auch während der Ausbildung. Gerade der letzte Punkt sei in einem Berufsfeld, das sehr viel mit Kommunikation zu tun habe, unumgänglich.

Als neues Format veranstaltete welcome@healthcare im Januar 2018 das erste Fachforum „Gewinnung, Qualifizierung und Integration von geflüchteten Menschen in Pflege- und Gesundheitsfachberufe“. In Düsseldorf diskutierten rund 120 Gäs­te darüber, wie geflüchtete Menschen für diese Berufe gewonnen und für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche qualifiziert werden können.

Das nächste Fachforum ist für Dezember 2018 in Wuppertal geplant. Hauptthema dann: interkulturelle Öffnung von Facheinrichtungen. Darüber hinaus veranstaltet die Koordinierungsstelle seit Mai 2018 regelmäßig vierteljährlich praxisorientierte Projektdialoge, bei denen sich Akteure, die bereits in einem Flüchtlingsprojekt aktiv sind, im Detail austauschen können. Außerdem gibt es in diesem Rahmen auch Input-Referate zu interessanten Themen.

Größtes Projekt an sieben Standorten
 

Das größte Flüchtlingsprojekt, das welcome@healthcare auf seiner Internetseite führt, ist „Care for integration“. Das aus dem ESF, von der Bundesagentur für Arbeit und vom Land NRW finanzierte und vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa), dem größten Verband privater Pflegeanbieter, und der Akademie für Pflegeberufe und Management gGmbH (apm) initiierte und getragene Modellprojekt startete im Dezember 2016.

In dem Projekt geht es ganz konkret darum, geflüchtete Menschen zu Fachkräften in der Altenpflege zu qualifizieren. Das auf zweieinhalb Jahre angelegte Vorhaben richtet sich an interessierte Geflüchtete, Frauen und Männer, die eine fundierte Ausbildung und eine sichere berufliche Perspektive suchen, berücksichtigt aber auch deren Lebensumstände, Bedürfnisse sowie die körperliche und psychische Eignung für den Beruf. Dahinter steht die Erkenntnis „Pflege kann nicht jeder.“ Deshalb wurden die Teilnehmenden in Zusammenarbeit mit den Jobcentern und den Agenturen für Arbeit im Rahmen eines einwöchigen Screenings der Akademie Überlingen ausgewählt.

Ein Problem ist, dass professionelle Altenpflege, wie sie in Deutschland praktiziert wird, in den Herkunftsländern der Geflüchteten unbekannt ist. „Menschen mit Krankenpflege-Vorerfahrung wollen aus diesem Grund oft nur in die Krankenpflege. Unsere Aufgabe ist es dann, zu vermitteln, dass in Deutschland beide Bereiche professionell organisiert sind“, erläutert Projektleiterin Sina Yumi Wagner.

Das Projekt wird gleich an sieben Standorten in NRW umgesetzt (Düsseldorf, Münster, Duisburg, Lippstadt, Heinsberg, Köln-Mülheim, Bielefeld). Während über den ESF die 3,5 Personal-Stellen finanziert werden, übernehmen das Minis­terium für Arbeit, Gesundheit und Soziales und die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit über zweieinhalb Jahre die Förderung der Unterrichtsinhalte. Für die Teilnahme benötigen die Teilnehmenden Bildungsgutscheine. Das Projekt dient auch dazu, detailliertere Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie geflüchtete Menschen bei der Ausbildung gezielter zu unterstützen sind, damit sie die hohen Ausbildungsstandards in Theorie und Praxis der Altenpflege erfüllen können.

Das Projekt ist modular aufgebaut. Im Rahmen des zwölfmonatigen Moduls 1 findet vormittags ein externer BAMF-Integrationskurs, beziehungsweise ein berufsspezifischer Sprachkurs mit 20 Wochenstunden statt. Ziel ist das Sprachniveau B1. Nachmittags werden den Teilnehmenden praktische Grundkenntnisse vermittelt. Teilnehmende, die den Integrationskurs schon absolviert hatten, haben die Möglichkeit dieses Modul in Teilzeit, also nur am Nachmittag, zu absolvieren. Außerdem besteht für die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich auf die Prüfung zum Hauptschulabschluss (Klasse 9) vorzubereiten. Damit auch Mütter oder Väter an der Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen können, unterstützen die Projektkoordinatorinnen die Teilnehmenden bei der Suche und Vermittlung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Früher Praxis-Einsatz
 

Nachmittags erwerben die Teilnehmenden in den „Kompetenzzentren Altenpflege“ erste theoretische und praktische Grundkenntnisse in der Altenpflege im Umfang von ebenfalls 20 Wochenstunden. Gleichzeitig erlernen sie die berufliche Fachsprache. Außerdem sind erste Praktika in einer Pflegeeinrichtung vorgesehen. Praktikums­plätze stellen die Mitgliedseinrichtungen des bpa zur Verfügung.

„Uns war wichtig, dass die Teilnehmenden direkt am Anfang einen authentischen Blick in die reale Pflege bekommen“, sagt Sina Yumi Wagner. „Wir können in der Schulsituation viel über die Altenpflege erklären, es ist aber trotzdem etwas anderes, wenn man es mit eigenen Augen sieht und mit allen Sinnen erfährt. Außerdem hatten wir die Sorge, dass, wenn wir die Teilnehmenden erst später in die Praxis schicken, viele nicht weitermachen wollen.“

Tatsächlich habe man dann im Schnitt nur etwa eine Person von 20 nach einem ersten praktischen Einsatz „verloren“, größtenteils, weil sie nicht damit zurechtkamen, dass in Deutschland nicht nach Geschlechtern getrennt gepflegt wird. Diese geringe Quote habe man so nicht erwartet. Aus den Praktika ergibt sich häufig auch ein Ausbildungsangebot des jeweiligen Einrichtungsträgers.

Im über 18 Monate laufenden Modul 2 werden die Teilnehmenden dann zur Altenpflegehelferin bzw. zum Altenpflegehelfer qualifiziert. Die normalerweise 12-monatige Ausbildung ist in dem Projekt also um sechs Monate verlängert, weil sie zusätzlich Sprachunterricht (täglich zwei Stunden) und Hauptschulinhalte einschließt. Dieser Ausbildungsabschnitt umfasst 750 Stunden theoretischen Unterricht sowie die praktische Ausbildung in einer Altenpflegeeinrichtung, ergänzt um eine Woche mit zusätzlichem Intensiv-Sprachtraining pro Monat während der Praxiseinsätze. Ziel ist es, die Teilnehmenden zum Sprachniveau B2 zu führen.

Die apm-Fachseminare für Altenpflege bemühen sich an den verschiedenen Standorten, Verbindungen zwischen ihren „normalen“ Schülerinnen und Schülern und den Projektteilnehmenden herzustellen. Die regulären Klassen wurden über das neue Projekt informiert, die Geflüchteten haben freitagnachmittags die Gelegenheit, an der Lernwerkstatt teilzunehmen, ein Angebot zum gemeinsamen Lernen, es wurde ein Mentorensystem entwickelt, es gibt Patenklassen und auch Gruppenarbeiten, an denen Projekt-Klassen und normale Klassen teilnehmen. Auch gemeinsam gestaltete Projektwochen hat man organisiert.

Für die praktische Ausbildung der Teilnehmenden wird eine Einrichtung gesucht, die sich in der Nähe des Wohnorts des Geflüchteten befindet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine private oder um eine Einrichtung der Freien Wohlfahrtspflege handelt. „Wichtig ist uns, dass die Einrichtung versteht, was wir machen, und dass die Teilnehmenden einen guten Einstieg in die Praxis bekommen. Gerade für die erste Zeit wünschen wir uns, dass die Teilnehmenden eher hospitieren, also mitlaufen, beobachten, fragen dürfen“, sagt Sina Yumi Wagner. Das Praktikum organisieren die Kursleitungen in Absprache mit den Teilnehmenden. Die Kursleitung besucht auch regelmäßig die Praxisstelle und führt mit der dortigen Leitung und dem Geflüchteten Gespräche zum Status. Die Qualifizierung schließt mit einer staatlichen Abschlussprüfung ab.

Das Projekt ist aber durchlässig gestaltet. Sina Yumi Wagner berichtet von rund zehn Teilnehmenden, die in ihrem Heimatland Abitur gemacht oder sogar ein Studium absolviert hatten und auch sprachlich weit fortgeschritten waren. Im Rahmen der Kompetenzzentren halfen die Projektkoordinatorinnen diesen Teilnehmenden dann bei dem Verfahren zur Anerkennung dieser Qualifikationen. Das ermöglichte den Teilnehmenden, nach dem Modul 1 gleich in die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft einzumünden, also praktisch 18 Monate zu überspringen. Einige Interessenten, die ebenfalls die Voraussetzungen erfüllten, wurden darüber hinaus auch direkt in die Fachseminare vermittelt.

Zeitersparnis durch paralleles Lernen
 

„Pflege, Sprache, Hauptschule – das sind unsere drei parallelen Hauptsäulen“, sagt Sina Yumi Wagner. Schul- und Pflegeunterricht würden sich zum Teil auch gut ergänzen, zum Beispiel, wenn es um Biologie geht.

Auch bei Care for integration ist der Schulabschluss ein bestimmendes Thema. Ursprünglich war der Hauptschulabschluss beim Layout des Projekts nicht vorgesehen. „Wir hatten aber sehr viele Interessierte, die keine formalen Schulabschlüsse vorweisen konnten“, erläutert Sina Yumi Wagner. „Deshalb haben wir relativ schnell diese 500 Stunden Vorbereitungsunterricht nachgearbeitet.“ Wobei die festgesetzten Inhalte der Abschlussprüfungen von Bezirksregierung zu Bezirksregierung variieren. Das bedeutete eine weitere unvorhergesehene Aufgabe für die Projektverantwortlichen: die Curricula an den verschiedenen Standorten mussten entsprechend angepasst werden.

Aber auch Sprache sei ein schwieriger Baustein. „Wir waren anfangs optimistischer, was die Sprachentwicklung der Teilnehmenden angeht“, sagt Sina Yumi Wagner. Viele Teilnehmende hätten zu Beginn des Projekts nur das Sprachniveau A1 mitgebracht und es habe sich gezeigt, dass sie länger als ein Jahr brauchten, um das Niveau B1 zu erreichen. Allerdings sei das Niveau in den Klassen sehr unterschiedlich. Die Kursleitungen seien teilweise dazu übergegangen, die Tische mit besser und weniger gut deutsch sprechenden Teilnehmenden gemischt zu besetzen, sodass sie sich gegenseitig unterstützen könnten. Allerdings wird das Sprachniveau am Ende der Module nicht geprüft. Die entsprechende Berechtigung hat das Fachseminar nicht.

An jedem der sieben Standorte des Projekts bieten zwei Projektkoordinatorinnen einmal pro Woche eine Sprechstunde an. Sie kümmern sich um eventuelle Probleme der Teilnehmenden, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung oder bei der Anerkennung von Zeugnissen.

„Eine unserer wichtigsten Erfahrungen ist, dass so ein Projekt nicht ohne sozialpädagogische Betreuung funktioniert“, sagt Sina Yumi Wagner und bestätigt damit die Einschätzung der Koordinierungsstelle welcome@healthcare. „Denn die Geflüchteten haben selten nur ein Problem, meistens sind es gleich mehrere, ob es die Kommunikation mit dem Jobcenter ist, Briefe, die sie nicht verstehen usw., und es ist eine wertvolle Hilfe, wenn die Projektkoordinatorinnen dann schnell helfen können.“

Aktuell nehmen über die sieben Standorte verteilt insgesamt 105 geflüchtete Menschen an Care for integration teil. Damit ist es nach Auskunft von Sina Yumi Wagner deutschlandweit, eventuell sogar europaweit, das größte Flüchtlingsprojekt im Pflegebereich. 60 Prozent der Teilnehmenden sind Männer, die im deutschen Pflegesystem bisher unterrepräsentiert sind. Die Altersspanne der Teilnehmenden reicht von 18 bis 52 Jahren, bei einem Altersdurchschnitt von 32 Jahren. Eine professionelle Vorerfahrung im Pflegebereich, zum Beispiel in der Krankenpflege, haben nur 15 bis 20 Prozent. Die Abbrecherquote im Modul 1 war geringer als anfangs erwartet.

Gutes Feedback der zu Pflegenden
 

Seit März 2018 ist für die Teilnehmenden an allen sieben Standorten die Pflegehilfe-Ausbildung gestartet, in der sie in der realen Praxis ankommen. „Es gibt generell ein gutes Feedback“, sagt Sina Yumi Wagner. „Geschätzt zu 95 Prozent sind die alten Menschen mit den Pflegehelferschülern sehr zufrieden. Wir waren die Ersten mit diesem neuen Ansatz und auch viele gestandene Fachkräfte waren zunächst skeptisch, aber auch die sind jetzt sehr begeistert.“

Ab Juni 2019 sollen die ersten Absolventinnen und Absolventen als staatlich anerkannte Altenpflegehelfer/-innen in der Altenpflege arbeiten. Alternativ können sie in einem dritten Modul auch direkt mit der 24-monatigen Ausbildung zur Altenpflegefachkraft fortfahren. Voraussetzung für die verkürzte Fachkraftausbildung ist, dass sie die Abschlussprüfung zum Altenpflegehelfer/zur Altenpflegehelferin mindestens mit der Gesamtnote 2 bestehen. Das, so Sina Yumi Wagner, sei ein schöner Anreiz für die Teilnehmenden von Care for integration: „Wir können ihnen sagen: Wenn ihr euch hier zweieinhalb Jahre an­strengt, könnt ihr direkt im Anschluss die verkürzte Fachkraftausbildung machen und habt dann im Idealfall in viereinhalb Jahren die Helferausbildung und den Hauptschulabschluss gemacht, die Sprache gelernt und auch noch eine Pflegefachkraftausbildung geschafft.“

Die Berufsaussichten seien aber sowohl für die Pflegefachkräfte als auch für die Pflegehelfer/-innen sehr gut. „Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass jeder der aus dem Projekt rausgeht, entweder die Fachkraftausbildung anschließt oder als Altenpflegehelfer oder -helferin einen Job finden wird“, sagt Sina Yumi Wagner. „Unsere Teilnehmenden haben schon jetzt, obwohl sie noch nicht ausgelernt haben, Job-Angebote.“

Aufgrund dieses Erfolges soll im Sommer dieses Jahres eine Neuauflage von Care for integration starten. Dann sollen in die Curricula auch die bisherigen Erfahrungen einfließen. Zum Beispiel will man besonders am Anfang mehr Wert auf das Lernenlernen und die Vermittlung persönlicher Grundkompetenzen wie Pünktlichkeit legen. Im Moment läuft die Zertifizierung des kombinierten Bildungs- und Betreuungsangebotes und auch die Suche nach einer Regelfinanzierung, weil die ESF-Förderung ausläuft.

Fazit
 

Die Fachkräftelücke in der Pflege schließen und geflüchtete Menschen nachhaltig integrieren – das sind aktuell ohne Zweifel zwei der vordringlichen gesellschaftlichen Aufgaben. Projekte wie Care for integration beweisen, dass man diese Aufgaben verbinden kann. Dass es in NRW eine größere Anzahl solcher Projekte gibt, die das Ziel haben, Geflüchtete so aufzubauen und zu qualifizieren, dass sie in einen Pflegeberuf einmünden können, macht Mut, ebenso dass es mit welcome@healthcare eine Koordinierungsstelle gibt, die Akteure, die solche Projekte planen und umsetzen, unterstützt, indem sie alle notwendigen Informationen bereitstellt, berät und für einen Erfahrungsaustausch sorgt. Die ersten Erfahrungen mit den Teilnehmenden in den Projekten sind vielversprechend. Eines wird aber auch deutlich: Geflüchtete in Pflegeberufe bringen – das geht nicht von heute auf morgen. Modelle, bei denen Sprach-, Schul- und Pflegeausbildung parallel laufen wie bei Care for integration, können diesen Weg etwas beschleunigen, dennoch bleibt eine leider nicht sehr verbreitete Tugend gefordert: Geduld.

Kontakte

Sina Yumi Wagner (Projektleitung)
Akademie für Pflegeberufe und
Management gGmbH (apm)
Alte Straße 65
44143 Dortmund
sinayumi.wagner@apm-nrw.de
www.apm-nrw.de
www.akademie-ueberlingen.de

Oliver Baiocco
Der Paritätische NRW
Geschäftsbereichsleiter Mitgliedschaften und Bildung
und Vorsitzender des Arbeitsausschusses Bildung
der Freien Wohlfahrtspflege NRW
Tel.: 0202 2822210
baiocco@paritaet-nrw.org

Anja Stahl
welcome@healthcare –
Koordinierungsstelle für Geflüchtete in
Pflege- und Gesundheitsfachberufe NRW
Paritätische Akademie LV NRW e. V.
Loher Str. 7
42283 Wuppertal
Tel.: 0202 2822-218/ -223/ -224/ -228
stahl@paritaet-nrw.org
welcome@healthcare-nrw.de
www.healthcare-nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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