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(Heft 2/2018)
Interview mit Graham Griffiths, Head of Partnerships and Operations der Living Wage Foundation

Die Living Wage Foundation – eine der etabliertesten Kampagnen im Vereinigten Königreich

In vielen Ländern reicht der Mindestlohn kaum aus, um ohne staatliche Leistungen seinen Lebensunterhalt zu sichern. Sogenannte Living-Wage-Initiativen haben deshalb weltweit Konjunktur. Sie machen darauf aufmerksam, dass viele Mindestlöhne nicht zu einem Existenz sichernden Leben ausreichen, und fordern eine faire Bezahlung auf Grundlage der tatsächlichen Lebenshaltungskosten. Sie kritisieren, dass der Mindestlohn nicht danach berechnet wird, was Arbeitnehmer und ihre Familien zum Leben benötigen.

Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist die Living Wage Foundation in Großbritannien. Eine Bürgerorganisation in Ost-London (Citizens UK), die aufgrund der Festlegung eines Mindestlohns von 3,60 £ pro Stunde im Jahr 1999 für eine bessere Bezahlung von Arbeitnehmern eintrat, legte 2001 den Grundstein für die inzwischen national agierende Living Wage Foundation. Ziel der Initiative ist nicht etwa die Skandalisierung der Arbeitgeber, die keinen Existenz sichernden Lohn zahlen, sondern immer mehr Arbeitgeber dafür zu gewinnen,, ihren Arbeitnehmern eine Existenz sichernde Vergütung zahlen. Bis zum heutigen Tage sind der Stiftung mehr als 4.200 Arbeitgeber beigetreten. Unter ihren Mitgliedern finden sich bekannte Namen wie IKEA, HSBC, Oxfam und der Chelsea Football Club.

Graham.jpgMit Graham Griffiths (Head of Partnerships and Operations) der Living Wage Foundation haben wir über das Thema Existenz sichernde Löhne (Living Wages) und die Living Wage Foundation gesprochen.

G.I.B.: Was ist ein Living Wage?

Graham Griffiths: Der Living Wage ist eine Berechnung des Stundenlohns auf Grundlage der Lebenshaltungskosten. Im April 2016 führte die britische Regierung einen höheren Mindestlohn für über 25-Jährige ein, der sich an dem Living Wage der Living Wage Foundation orientiert und sogar als „Staatlicher Living Wage“ bezeichnet wird. Der staatliche „National Living Wage“ der Regierung wird jedoch nicht danach berechnet, was die Arbeitnehmer und ihre Familien zum Leben brauchen. Vielmehr basiert er auf dem Ziel, bis 2020 die Höhe von 60 % des durchschnittlichen Lohneinkommens zu erreichen. Nach den aktuellen Vorhersagen bedeutet dies einen Anstieg bis 2020 auf weniger als 9 Pfund pro Stunde. In Großbritannien gibt es zudem einen Mindestlohn für unter 25-Jährige. Bei den unter 25-Jährigen, wird bei der Berechnung des Mindestlohns auch die Wirtschaftslage der Arbeitgeber berücksichtigt. Die realen Living-Wage-Raten sind höher, weil sie ausschließlich auf der Grundlage dessen berechnet werden, was die Menschen zum Leben benötigen.

G.I.B.: Was sind die Ziele der Living Wage Foundation und wann begann die Kampagne?

Graham Griffiths: Unser Ziel ist es, Arbeitgeber zu unterstützen und wertzuschätzen, die über die Bezahlung des staatlichen Minimums hinausgehen (wollen) und einen realen, an den Lebenshaltungskosten orientierten Lohn zahlen. Im Vergleich zum derzeitigen staatlichen Mindestlohn werden bei unserer Berechnung ausschließlich die Lebenshaltungskosten berücksichtigt. So können wir sicherstellen, dass alle Living-Wage-Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genug zahlen, damit sie davon leben können.

Wir setzen uns nicht für einen höheren gesetzlichen Mindestlohn ein. Es ist weitgehend eine freiwillige Bewegung von Unternehmen, die es sich leisten, einen Existenz sichernden Lohn zu zahlen, und wir wertschätzen deren Engagement. Wir beraten und unterstützen Arbeitgeber auch bei der Einführung eines Existenz sichernden Lohnes. Darüber hinaus gestalten wir die öffentliche Diskussion mit und initiieren nationale Debatten über faire Bezahlung.

Die Living Wage Foundation wurde 2011 als Akkreditierungsstelle gegründet, für Arbeitgeber, die einen Existenz sichernden Lohn zahlen. Aber die Kampagne begann bereits 2001 als Reaktion auf den 1999 im Vereinigten Königreich festgelegten Mindestlohn, der damals bei 3,60 £ pro Stunde lag. Viele Familien in Ost-London konnten die Lebenshaltungskosten mit einem Einkommen auf Mindestlohnniveau nicht decken. Viele hatten mehrere Jobs und mussten viele Stunden arbeiten, um durchzukommen. Zu dem Zeitpunkt haben wir eng mit den Familien in Ost-London zusammengearbeitet, um einen Weg zu finden, wie sie ihre Arbeitgeber ansprechen können, um einen fairen Lohn zu erhalten. Zu Beginn war die Kampagne also auf London fokussiert und daher erfolgte die Berechnung eines Existenzlohns, also des Living Wages, auf Grundlage der dortigen Lebenshaltungskosten.

Die an der Kampagne beteiligten Familien waren Arbeitskräfte aus der Reinigungs-, Sicherheits- und Gastronomiebranche. Viele von ihnen arbeiteten für große Unternehmen, aber häufig nur als externe Mitarbeitende. Unser Ziel war es daher auch, dass Unternehmen, die ihren direkten Mitarbeitenden einen fairen Lohn zahlen, diesen auch auf ihre Subunternehmer ausdehnen.

Die Akkreditierung der HSBC Bank und ihr Engagement, ihre Subunternehmen in die Bezahlung des Living Wage einzubinden, haben unsere Kampagne wirklich in Schwung gebracht. In Zusammenarbeit mit Share Action, einer Wohltätigkeitsorganisation, die Hauptversammlungen von Unternehmen besucht und sich mit Fragen zu Nachhaltigkeit und fairer Arbeit auseinandersetzt, unterstützten wir eine Reinigungskraft bei der Hauptversammlung der HSBC. Bei diesem Treffen fragte die Reinigungskraft, wie es möglich sein könne, in einem Büro zu arbeiten, aber in völlig unterschiedlichen Welten zu leben. Das hinterließ Eindruck und HSBC wurde eines der ersten Unternehmen, die sich als Living-Wage-Arbeitgeber bei uns akkreditieren ließen. Der Erfolg unserer Kampagne begann, als wir uns auf Unternehmen im Finanzsektor wie beispielsweise HSBC oder KPMG konzentrierten, weil sie ihren direkten Mitarbeitenden hohe Gehälter zahlten, aber ihre Angestellten von Subunternehmen davon ausschlossen.

G.I.B.: Wie wird der Living Wage berechnet?

Graham Griffiths: Die Berechnung erfolgt jährlich von der Resolution Foundation und wird von der Living-Wage-Kommission überwacht. Die Resolution Foundation ist ein überparteiliches Thinktank, welches sich für die Verbesserung des Lebensstandards von Briten mit niedrigen bis mittleren Einkommen einsetzt.

Für die Berechnung wird ein Warenkorb herangezogen, der auf einem gesellschaftlichen Konsens darüber beruht, was die Menschen für einen angemessenen Lebensstandard benötigen. Die Berechnung wird wissenschaftlich von einer Universität überwacht, die mit der Joseph Rowntree Foundation zusammenarbeitet, einer unabhängigen Organisation zur Bekämpfung von Armut in Großbritannien. Es ist also eine Art Koalitionsansatz. In die Berechnung einbezogen werden Wohn-, Beförderungs- und Verpflegungskosten. Aber auch Kosten zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, also ein Budget für Vereins- und Kulturangebote sowie Geburtstagsgeschenke oder besondere Notfälle. Es handelt sich also um eine umfassende Herangehensweise.

G.I.B.: Wie finanziert sich die Living Wage Foundation?

Graham Griffiths: Wir finanzieren uns größtenteils aus Akkreditierungsgebühren, also durch die Beiträge der Arbeitgeber und über Spenden. Im Jahr 2011 erhielten wir eine bedeutende Wachstumsinvestition von der Organisation zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit Trust for London, um in unsere Fähigkeit zur Akkreditierung von Arbeitgebern zu investieren. Es wurde uns für einen Zeitraum von drei Jahren ein Zuschuss in Höhe von einer Million Pfund gewährt. Der Zuschuss hat uns finanziell sehr gestärkt. Mittlerweile übersteigen unsere Einnahmen durch Akkreditierungsgebühren die Mittel, die wir von Trusts und Stiftungen erhalten.

G.I.B.: Wie hoch ist der Living Wage in Großbritannien und wie unterscheidet er sich vom staatlichen Mindestlohn?

Graham Griffiths: Im Moment beträgt der Living Wage in Großbritannien 8,75 £ und 10,20 £ in London. Im Vergleich dazu liegt der staatliche Living Wage für über 25-Jährige bei 7,83 £ und der Mindestlohn für unter 25-Jährige bei 7,38 £. Erwähnenswert ist, dass der staatliche Mindestlohn keine regionalen Aspekte berücksichtigt. Die Lebenshaltungskosten, die sich regional stark unterscheiden, werden also nicht berücksichtigt, das ist beim Living Wage anders.

Der staatliche Living Wage wurde definitiv als Sieg über niedrige Löhne in Großbritannien angesehen. Er wurde 2015 verkündet und 2016 umgesetzt und führte jedes Jahr zu einer deutlichen Erhöhung des Mindestlohns über der Inflationsrate. Also hat er mehr Geld in die Taschen der schlecht bezahlten Arbeitnehmer gebracht. Das ist gut. Das Vereinigte Königreich strebt an, den staatlichen Living Wage bis 2020 auf 60 % des Durchschnittseinkommens zu heben. Ursprünglich hat man mit ungefähr 9 £ pro Stunde gerechnet, eine Zahl in den Schlagzeilen, die man anstrebte. Aber aufgrund der Lohnstagnation wird erwartet, dass man bis 2020 weniger als 8,50 £ pro Stunde erreichen wird. Unser wesentlicher Kritikpunkt ist, dass man sich bei der Berechnung nicht an den Lebenshaltungskosten orientiert. Der staatliche Living Wage ist an das Durchschnittseinkommen gekoppelt und basiert daher auf der Entwicklung des Marktes und nicht auf dem, was die Menschen benötigen. Der staatliche Living Wage ist ebenfalls nur für Personen über 25 Jahre erhältlich und berücksichtigt nicht die höheren Lebenshaltungskosten wie zum Beispiel in einer Stadt wie London.

G.I.B.: Wie viele Menschen in Großbritannien beziehen ein Einkommen unterhalb des Living Wage?

Graham Griffiths: Die Menschen, denen weniger bezahlt wird, als sie zum Leben brauchen, machen immer noch einen großen Anteil in Großbritannien aus. Derzeit erhalten 5,5 Millionen Menschen weniger als den Existenzlohn, das ist jeder fünfte Arbeitnehmer, das sind 21 % aller Arbeitnehmer. Frauen sind stärker betroffen als Männer. Das hängt damit zusammen, dass viele Frauen in Teilzeit arbeiten und für Teilzeitarbeit deutlich weniger bezahlt wird als der Existenz sichernde Lohn.

21 % der arbeitenden Bevölkerung verdient 7,83 £ pro Stunde, sie erhalten also den staatlichen Living Wage. Der Einkommensunterschied zwischen ihnen und den Menschen mit dem realen Living Wage ist groß. Wir reden hier von einer Differenz von 2.000 £ pro Jahr und für Arbeitnehmer in London beträgt die Differenz sogar 5.000 £.

Wir haben im Vereinigten Königreich also nicht nur ein Problem mit der Arbeitslosigkeit, sondern auch mit Armut am Arbeitsplatz. Die Arbeitslosenquoten sind zwar niedriger als vor zehn Jahren, aber es gibt mehr Menschen, die trotz Arbeit in Armut leben.

G.I.B.: Wie werde ich ein Living-Wage-Arbeitgeber?

Graham Griffiths: Die wichtigste Voraussetzung, um sich als Arbeitgeber akkreditieren zu lassen, ist: ab dem Zeitpunkt der Akkreditierung müssen alle direkt angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Living Wage erhalten. Sie müssen auch einen Plan haben, damit alle Angestellten von Auftragnehmern und externe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Living Wage erhalten. Das sind die Grundsätze. Ohne die Einbeziehung der ausgelagerten Mitarbeitenden hätte der Living Wage eine deutlich geringere Wirkung. Es könnte außerdem dazu führen, dass Unternehmen Arbeit auslagern, um den Living Wage zu umgehen.

Bei der Definition von Unterauftragnehmern mussten wir irgendwo eine Grenze ziehen. Wir haben uns dafür entschieden, dass für uns ein Unterauftragnehmer, der ebenfalls den Living Wage erhalten muss, jemand ist, der mindestens acht Wochen in Folge zwei Stunden pro Woche im Unternehmen arbeitet. Wir sprechen hier also nicht von Dienstleistern wie einem Kurier, der ab und zu das Gebäude betritt. Es gibt auch Sonderregelungen, so bei der Akkreditierung von Fußballvereinen. Die Premiere League Vereine Chelsea, Everton und West Ham sind alle akkreditierte Living-Wage-Arbeitgeber. Liverpool hat sich auch dazu verpflichtet, kurz vor der Saison 2017/18 einen Living Wage zu zahlen. Aber Unterauftragnehmer eines Fußballvereins, passen nicht immer in unsere Definition, denn viele arbeiten nicht acht Wochen lang zwei Stunden in der Woche beim Verein, da ein Fußballverein zweiwöchentlich ein Heimspiel hat und ansonsten auswärts antritt. Wir machen also auch Ausnahmen von der Regel, ansonsten könnten wir zum Beispiel keine Fußballvereine akkreditieren.

G.I.B.: Wie haben Sie den Flughafen London Heathrow davon überzeugt, ein Living-Wage-Arbeitgeber zu werden?

Graham Griffiths: Die Akkreditierung des Flughafens Heathrow war das Ergebnis einer langfristigen Strategie von Citizens UK, mit der wir, wie ich eingangs erwähnte, zusammenarbeiten. Sie erkannten, dass unter den Mitgliedern der Kirchen in West-London viele für Subunternehmen am Flughafen Heathrow arbeiteten, zum Beispiel als Reinigungskräfte. Citizens UK arbeitete daraufhin eng mit den Reinigungskräften zusammen, um mehr über ihre Probleme in Bezug auf niedrige Löhne zu erfahren. Sie beschloss, einen Brief an den Flughafen Heathrow zu schicken, der von Hunderten von Reinigungskräften unterzeichnet wurde, in dem sie den Flughafen aufforderten, ein Arbeitgeber für Existenz sichernde Löhne zu werden. Um den Fall an die breite Öffentlichkeit zu bringen, brachte Citizens UK alle Reinigungskräfte und die Gemeinde zusammen. Dann kam auch die Living Wage Foundation ins Spiel. Wir sprachen über die Möglichkeiten der praktischen Umsetzung und gemeinsam bauten wir genug Druck auf, damit der Flughafen Heathrow die Zahlung des Living Wage in eine geschäftliche Entscheidung umsetzte.

Es war ein langfristiger Prozess, aber am Ende hat die Reinigungskampagne den Living Wage wirklich auf die Agenda der Arbeitgeber gesetzt, und hat damit gezeigt, dass sie gute Arbeitgeber in London sind. So wurde Heathrow der erste Living-Wage-Flughafen, was zu einer Gehaltserhöhung für 3.200 Arbeitnehmer führte. Natürlich war die Akkreditierung für unsere Kampagne ein großer Erfolg.

G.I.B.: Welche Vorteile bringt die Akkreditierung als Living-Wage-Arbeitgeber mit sich?

Graham Griffiths: Wir haben in den letzten drei Jahren viel recherchiert, um herauszufinden, welche Vorteile es hat, ein Living-Wage-Arbeitgeber zu sein. Im Jahr 2017 befragten wir über 800 unserer akkreditierten Arbeitgeber nach ihrer Motivation, ein Living-Wage-Arbeitgeber zu werden und wie sie davon profitierten. Der Bericht zeigt, dass 93 % der Arbeitgeber von der Akkreditierung profitiert haben. Die Hauptvorteile liegen in der Rekrutierung von Personal, Mitarbeiterbindung und Produktivität. Über 80 % der Arbeitgeber verzeichneten eine Verbesserung der Reputation ihres Unternehmens und eine positive Differenzierung von ihren Mitbewerbern in ihrem Markt. Als beispielsweise der Flughafen Heathrow für den Living Wage akkreditiert wurde, führte dies nicht nur zu Gehaltserhöhungen für über 3.200 Mitarbeitende. Der Flughafen gewann auch den Pitch der Regierung zum Bau einer zusätzlichen Start- und Landebahn, um die er sehr eng mit dem Flughafen Gatwick konkurrierte. Dieser Fall zeigt, dass wirtschaftliche Motivationen mit sozialen Fragen verbunden werden können. Die Reputationsvorteile sind heutzutage für Unternehmen sehr wichtig, denke ich. Denn es gibt immer mehr „ethische Konsumenten“, die soziale Verantwortung in ihre Kaufentscheidungen einbringen.

Mehr als zwei Drittel der Arbeitgeber gaben an, sich in diesem Punkt verbessert zu haben. Die Arbeitgeber in London gaben an, dass die Fluktuation um 25 % zurückgegangen sei. Wir haben eine Fallstudie auf unserer Website von BrewDog veröffentlicht. BrewDog braut Bier, hat seinen Sitz in Großbritannien und die Marke expandiert rasant. Als sie zu einem Living-Wage-Arbeitgeber wurden, sank ihre Mitarbeiterfluk­tuation um 40 % durch die Zahlung des Existenz sichernden Lohns. Reduzierte Personalfluktuation hat Auswirkungen auf Einarbeitungs- und Schulungsko­s­ten, die in dem Fall deutlich sanken. Allein bei den Rekrutierungskosten hat BrewDog im ersten Jahr über 100.000 £ eingespart.

Ein weiterer wichtiger Vorteil liegt auch in der Produktivität: 80 % der Arbeitgeber berichten von einer Steigerung der Arbeitsqualität ihrer Mitarbeitenden. 58 % erkannten eine Verbesserung der Motivation.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass 86 % der Organisationen im Vereinigten Königreich, die Living-Wage-Arbeitgeber sind, kleine oder mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitenden sind. Aber mediale Aufmerksamkeit erreichen wir durch große und bekannte Namen wie Heathrow, HSBC und die Fußballvereine, dort ist natürlich auch die Anzahl der Lohnerhöhungen groß. Als IKEA im Jahr 2017 zum Living-Wage-Arbeitgeber wurde, gab es eine Gehaltserhöhung für 11.000 Mitarbeitende.

G.I.B.: Wie viele Arbeitgeber sind an Ihrer Kampagne beteiligt?

Graham Griffiths: Mittlerweile haben wir 4.200 Living-Wage-Arbeitgeber, darunter bekannte Namen wie Aviva, HSBC, Barclays, IKEA und die Fußballvereine aus der Premiere League. Wir hatten im vergangenen Jahr über 1.200 Akkreditierungen und haben jetzt 35 Akkreditierungen innerhalb des FTSE100 (wichtigster britischer Aktienindex). Wir hoffen, bis 2020 den Knackpunkt von 50 % der 100 börsennotierten Unternehmen zu erreichen, 50 Akkreditierungen ist also unser Ziel. Wir wollen zukünftig sagen können: Wenn Sie keinen Living Wage zahlen und im FTSE 100 notiert sind, sind Sie in der Minderheit. Wir sind bereits eine wachsende Bewegung. Viele Leute dachten, dass der eingeführte National Living Wage unsere Kampagne schwächen würde. Aber man kann sich nicht selbst als Living-Wage-Arbeitgeber bezeichnen, wenn man nur den staatlichen Living Wage bezahlt. Die Umsetzung des National Living Wage hat sich auf die Zahl der akkreditierten Arbeitgeber ausgewirkt, aber sicherlich nicht in negativer Weise. Wir haben die Bewegung sogar verdoppelt, seit der National Living Wage vor zwei Jahren eingeführt wurde.

G.I.B.: Wie ist Ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften?

Graham Griffiths: Wir unterhalten gute Beziehungen zum Trades Union Congress (TUC), einem gewerkschaftlichen Dachverband in Großbritannien. Der TUC ist zum Beispiel in unserem Beirat und auch in der Living Wage Commission vertreten. Wir arbeiten oft gemeinsam mit den Gewerkschaften an spezifischen Kampagnen. Vor Kurzem gab es eine Vereinbarung zwischen dem National Health Service (NHS) – dem nationalen Gesundheitsdienst in Großbritannien – und mehreren Gewerkschaften über eine Gehaltsüberprüfung beim NHS. Seit der Finanzkrise 2008 sind die Lohnsteigerungen im Gesundheitswesen auf ein Prozent pro Jahr begrenzt gewesen. Die Gewerkschaften haben für dieses Jahr mit Bezugnahme auf den Living Wage eine Steigerung von 6,5 % ausgehandelt. Durch die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften liegt die untere Lohnskala für die direkt beschäftigten Mitarbeitenden des NHS nun sogar über dem Living-Wage-Satz. Wir stellen also ein Instrument zur Verfügung, mit dem die Gewerkschaften den unteren Lohnbereich aushandeln können.

G.I.B.: Welche Ziele will die Living Wage Foundation in Zukunft erreichen?

Graham Griffiths: Dank der momentan guten finanziellen Situation können wir mehrere neue Projekte entwickeln. Wir denken gerade an Living Wage Places und was es bedeuten könnte, in einem Living Wage Place zu leben. Selbst manche Politiker halten diese Idee für einen vielversprechenden Ansatz. Zum Beispiel will der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, dass die Hauptstadt zu einer Living Wage City wird. Die schottische Regierung unterstützt die Bewegung und will, dass Schottland die erste Living Wage Nation wird. Wir denken auch an Living Wage Zones und Living Wage Buildings, wie Canary Wharf. Canary Wharf ist ein Bürogebäudekomplex auf der Isle of Dogs im Londoner Stadtbezirk Tower Hamlets. Zu den Unternehmen, die sich in Canary Wharf niedergelassen haben, gehören Finanzinstitute wie Credit Suisse, HSBC, Morgan Stanley, Bank of America und Barclays. Auch bedeutende Medienunternehmen haben hier ihre Hauptsitze, darunter The Daily Telegraph oder The Independent. Darüber hinaus konzentrieren wir uns darauf, wie wir regionale Faktoren für Akkreditierungen nutzen können. Es wird eine Reihe von Arbeitgebern in bestimmten Regionen geben, die akkreditiert sind, und sie könnten ihre Nachbarn beeinflussen nach dem Motto: Wenn wir das können, könnt ihr das auch. Wir befassen uns auch mit weiteren Bereichen guter Arbeit wie Beschäftigungspraktiken jenseits des Arbeitsentgelts. Es gibt eine Reihe von Arbeitgebern, die sich als verantwortungsbewusste Arbeitgeber bezeichnen und daher keine Null-Stunden-Verträge für ihre Mitarbeitenden haben, aber was ist mit ihren Unterverträgen? Wie können wir die Einbeziehung der Subunternehmer bei der Zahlung des Living Wage nutzen, um auch die weiteren Lieferketten zu beeinflussen und bestimmte Beschäftigungspraktiken zu vermeiden?

Auf internationaler Ebene überlegen wir, wie wir unsere Erfahrungen, eine erfolgreiche Kampagne zu werden, weitergeben können, um weltweit zum Aufbau von Living-Wage-Initiativen beizutragen.

G.I.B.: Gibt es vergleichbare Kampagnen in anderen Ländern?

Graham Griffiths: Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Living Wage Foundation im Vereinig­ten Königreich die etablierteste Kampagne ist. Aber es gibt noch ein paar andere Living Wage Bodies auf der ganzen Welt. Zum Beispiel eine Akkreditierungsstelle für Existenz sichernde Löhne in Neuseeland und Kanada. Auch in Hongkong können wir eine sich entwickelnde Living-Wage-Dynamik erkennen. Die Bewegung ist also ein weltweit wachsender Prozess.

Das Interview führten

Carsten Duif
Tel.: 02041 767178
c.duif@gib.nrw.de

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767152
m.keuler@gib.nrw.de

Arnold Kratz
Tel.: 02041 767209
a.kratz@gib.nrw.de

Kontakt

Graham Griffiths
Leiter Partnerships and Operations
Living Wage Foundation
Mobile: 07498 523636
Zentrale: 0207 0439882
graham.griffiths@livingwage.org.uk
www.livingwage.org.uk
Twitter: @LivingWageUK

 

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