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(Heft 2/2018)
Interview mit Prof. Dr. Stefan Sell, Hochschule Koblenz

Den katastrophischen Diskurs in den Medien drehen, ohne die Missstände in der Pflege zu verschweigen

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Sell, Direktor des Instituts für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung an der Hochschule Koblenz, zur Arbeitssituation und zum Fachkräftemangel in der Pflegebranche

G.I.B.: Herr Professor Sell, in der Gesundheits- und Krankenpflege wie auch in der Altenpflege herrscht spürbarer Fachkräftemangel. Reicht das gegenwärtige Personal überhaupt, um eine menschenwürdige Pflege zu gewährleisten?

Prof. Dr. Stefan Sell: Generell muss man hier antworten: Nein! Bei einer differenzierten Beantwortung der Frage müssen wir zwischen den beiden von Ihnen genannten Bereichen unterscheiden. Die 13.600 Altenheime in Deutschland, also der stationäre Pflegebereich, sind in der Regel kleine Häuser, im Schnitt mit 50, 60 Bewohnerinnen und Bewohnern. Hier sind Personalprobleme weitaus schwieriger aufzufangen als in Krankenhäusern, also dort, wo die Gesundheits- und Krankenpflege erfolgt. Das sind oft sehr große Einrichtungen mit teils mehreren hundert Betten und entsprechend mehr Personal, das flexibler hin- und hergeschoben werden kann.

Hinzu kommt, dass Personalausfälle wegen Urlaub, Weiterbildung oder Erkrankung – die Krankheitsquote im Pflegebereich ist deutlich überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Branchen – sofort größere Lücken in die Personaldecken der kleinen Häuser reißen. Das führt zu einer faktischen Unterversorgung im Pflege-Alltag und wird beispielsweise im Bereich der Nachtwachen schnell zu einem Problem. In manchen Heimen ist eine Pflegekraft nachts für 50 bis 60 Bewohner allein zuständig. Das sind unhaltbare Zustände, zumal in den Heimen heute sehr viele ältere und demenziell erkrankte Menschen leben, die nachts oft unruhig sind. Wer sich vor Augen führt, dass eine einzige Nachtwache für eine so hohe Zahl an teils extrem pflegebedürftigen Menschen allein verantwortlich ist, muss berechtigte Zweifel an einer jederzeit gewährleisteten menschenwürdigen Pflege haben.

G.I.B.: Laut vorgegebenem Fachkraftschlüssel für Altenheime müssen 50 Prozent examinierte Kräfte sein. Private Heimbetreiber wollen seit Jahren diesen Fachkraftschlüssel absenken und die fehlenden Fachkräfte über den Einsatz an- und ungelernter Kräfte kompensieren. Wäre das eine Lösung zur Behebung des Personalmangels?

Prof. Dr. Stefan Sell: Nein, und dagegen wird zu Recht Widerstand geleistet, denn eigentlich müsste die Fachkraftquote heute sogar höher sein, weil sich aufseiten der Pflegebedürftigen etwas Entscheidendes geändert hat: vor 20 Jahren war in deutschen Pflegeheimen ein Drittel der Älteren so fit, dass sie im Prinzip nur Hotellerie-Leistungen in Anspruch genommen haben, ein Drittel war „normal“ pflegebedürftig und ein Drittel schwer pflegebedürftig.

Der zunehmende Wunsch der Menschen, einen Übertritt ins Heim möglichst hinauszuzögern, hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen so lange wie es irgendwie geht in ihren eigenen vier Wänden bleiben. Über 70 Prozent der mehr als 2,9 Millionen nach SGB XI Pflegebedürftigen im Altenpflegebereich werden zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt, teilweise mithilfe von ambulanten Pflegediensten oder osteuropäischen Pflegehelfern, „nur“ knapp 30 Prozent stationär in den Heimen.

Die Präferenz der Menschen, so lange wie möglich zu Hause zu bleiben, führt zu einer veränderten Bewohnerstruktur in den Heimen. Das durchschnittliche Eintrittsalter liegt hier bei über 80 Jahren. Das heißt, die Menschen kommen erst dann ins Heim, wenn die Pflegeintensität, heute gemessen an den Pflegegraden, sehr hoch ist oder eine demenzielle Erkrankung vorliegt, bei der sie sich dauernd selbst in Gefahr bringen. Folglich hat die Pflegeintensität in den Heimen enorm zugenommen. Hinzu kommt, dass die Pflegebedürftigen, weil sie erst später ins Heim kommen, nicht mehr mehrere Jahre dort bleiben, sondern im Schnitt nur noch zwei Jahre. Gleichzeitig sind die Heime aufgrund des ökonomischen Drucks gezwungen, jedes frei werdende Bett sofort wieder zu belegen, um betriebswirtschaftlich zwingende Auslastungsquoten von über 90 Prozent zu realisieren.

Weil es das untere pflegeleichte Drittel der Bewohnerstruktur, was ein gewisser Puffer in der alltäglichen Arbeit war, aus vergangenen Zeiten kaum oder gar nicht mehr gibt, empfinden viele Pflegekräfte in den Altenheimen heute die Situation als extreme Belastung und haben das Gefühl, Pflegearbeit nur noch im Laufschritt leisten zu können und zu müssen.

Das hat eine wichtige arbeitsmarktpolitische Konsequenz: Viele Pflegekräfte könnten unter diesen Bedingungen ihren Beruf gar nicht in Vollzeit ausüben. Vor allem deshalb, und nicht nur, weil überwiegend Frauen in der Pflege arbeiten, ist der Teilzeitanteil hier so hoch. Manche Politiker wollen diese Arbeitszeitressourcen ausgebildeter Teilzeitkräfte erschließen, um den Fachkräftemangel zu beheben. Dazu setzen sie sich vor eine Excel-Tabelle und stocken die Stundenzahl der wöchentlichen Arbeitszeit auf. Doch so einfach geht das nicht. Richtig ist: Man muss an der Art und Weise, wie im Pflegebereich gearbeitet wird, subs­tanzielle Veränderungen vornehmen.

G.I.B.: Aufgrund der demografischen Entwicklung gilt Altenpflege als Wachstumsmarkt. Mehr als 40 Prozent der Heime sind heute in privater Hand. Die Zahl gewinnorientierter Pflegemarktketten wächst. Zudem steigen bei den Pflegeheimbetreibern ausländische Fonds ein mit teils hohen Renditevorstellungen. Welche Gefahr liegt in der „Ökonomisierung der Pflege“ und dem damit einhergehenden Kostendruck?

Prof. Dr. Stefan Sell: Heute zahlen wir den Preis für eine historische Entscheidung im Jahr 1995, als die Pflegeversicherung als letzte Säule der Sozialversicherung in Kraft getreten ist. Bis dahin war die Altenpflege unterentwickelt, weil sie im Wesentlichen selbst finanziert werden musste von den Leuten oder als Hauptfinanzier von öffentlicher Seite durch die Sozialämter. Impuls für die Einführung einer Pflegeversicherung war, die Kommunen von den stetig steigenden Lasten der Ausgaben für die Pflege in der Sozialhilfe zu entlasten – im Vorfeld hatte es eine jahrelange Debatte gegeben: sollen wir das als Sozialversicherung gestalten oder als steuerfinanziertes Leistungsgesetz? Die Entlastung der Kommunen in der Sozialhilfe ist in der ersten Phase nach der Einführung der Pflegeversicherung auch gelungen.

Bis dahin gab es nur zwei große Anbietergruppen: die kommunal betriebenen Altenheime und die frei-gemeinnützigen Anbieter, darunter vor allem die Kirchen und wohlfahrtsverbandliche Anbieter. Der Paradigmenwechsel, dessen Auswirkungen wir heute in aller Wucht spüren und der mit dem Begriff „Ökonomisierung“ etikettiert wird, war die Grundsatzentscheidung im Pflegeversicherungsgesetz, privat-gewerbliche Anbieter mit den kommunalen und frei-gemeinnützigen Anbietern gleichzustellen. Damit wurde auf gesetzgeberischen Knopfdruck ein Markt geschaffen, wie wir ihn heute erleben. Im Bereich der ambulanten Pflegedienste der Altenpflege liegt der Anteil der privat-gewerblichen Träger, also der gewinnorientierten Anbieter, heute bei über 60 Prozent. Im stationären Bereich sind knapp 50 Prozent der Heime in privatgewerblicher Trägerschaft.

Bei den privat-gewerblichen Trägern gibt es wiederum eine Polarisierung. Wir haben zum einen sehr viele kleine privat-gewerbliche Betreiber mit nur einem oder maximal zwei Heimen. Aber in den letzten 15 Jahren hat es eine massive Zunahme konzernbetriebener Pflegeheime gegeben. Das bereitet uns große Probleme. Vor dem Hintergrund der überall gehandelten Prognosen zur demografischen Entwicklung ist Altenpflege ein Wachstumsmarkt. Kaum eine Überraschung vor diesem Hintergrund ist, dass im Jahr 2016 über drei Milliarden Euro – eine gewaltige Summe – von ausländischen Kapitalgesellschaften in den deutschen Pflegemarkt investiert wurde – und zwar von Kapitalgesellschaften mit einem Geschäftsmodell, das unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Menschen wie auch auf die Versorgung der alten Menschen in den Heimen hat.

Die Kapitalgesellschaften kaufen international Heime oder auch ganze Heimketten. Wir haben in Deutschland auch börsennotierte Aktiengesellschaften wie die Curanum AG. Altenheime werden gekauft und eine Zeitlang betrieben, um sie nach wenigen Jahren wieder gewinnbringend an ein anderes Unternehmen zu verkaufen. Im Bereich der Pflege hat diese Art der Übernahme schwerwiegende Konsequenzen. Die investierenden Kapitalgesellschaften sind gewinn­orientiert und erwarten eine Mindestrendite – und das im Regelfall im zweistelligen Bereich, also über zehn Prozent.

Was in der Industrie in Teilen durchaus seine ökonomische Legitimation haben kann, wenn etwa durch Produktivitätssteigerungen und ein professionelles Management das Überleben eines „normalen“ Unternehmens durch das Investment einer oft als „Heuschrecke“ titulierten Kapitalgesellschaft gesichert und eine Insolvenz verhindert werden kann, ist im Pflegebereich besonders problematisch, und zwar aus folgendem Grund: Im Pflegebereich lagern die Kapitalgesellschaften oftmals die Sozialimmobilien in eine eigene Tochtergesellschaft aus. Die Betreibergesellschaft muss das „eigene“ Altenheim mieten und dafür hohe Mieten bezahlen. Damit realisieren die Kapitalgesellschaften einen Teil der Rendite. Das Altenheim aber muss das Geld erst einmal erwirtschaften, um die hohen, teilweise überhöhten Mieten bezahlen zu können. Das bedeutet, dass sie an anderer Stelle sparen müssen. Wenn sie aber sparen müssen, dann haben sie bei der gegebenen Kostenstruktur – in einem normalen Pflegeheim entfallen im Regelfall, anders als etwa in der Metallindustrie, zwischen 70 und 80 Prozent der Gesamtkosten auf Personalkosten – nur die Möglichkeit, bei den Personalkosten zu sparen. Das führt zwangsläufig zu einer strukturellen personellen Unterbesetzung, wie sie heute in den meisten Heimen zu beobachten ist, und das oft in Verbindung mit einer schlechten Bezahlung der Arbeitskräfte.

Der massive Personalmangel im Krankenhausbereich hingegen resultiert aus ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Nach der Umstellung der Finanzierung auf Fallpauschalen wurde auch dort versucht, die Kosten zu drücken. Bei den Ärzten konnte bzw. durfte man nicht sparen, weil zum einen die Ärzte lukrative Operationen und Diagnosen induzieren, auf die Krankenhäuser angewiesen sind, um Einnahmen zu generieren, zum anderen gab es eine arbeitszeitgesetzliche Veränderung, nach der die langen Dienste der Krankenhaus­ärzte nicht mehr zulässig waren. Also musste man zusätzliche Krankenhausärzte einstellen. Somit gab es nur noch einen Kostenblock, das Pflegepersonal. Und da hat man sich dumm und dämlich gespart mit den entsprechenden Konsequenzen für die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte – denn gleichzeitig hat aufgrund der ökonomisch gewollten Wirkungen des fallpauschalierenden Finanzierungssystems die Pflegeintensität der Patienten erheblich zugenommen aufgrund der Verkürzung der Verweildauer und die Umschlaggeschwindigkeit der Patienten hat sich massiv erhöht.

G.I.B.: Neben den Arbeitsbedingungen steht auch das vergleichsweise geringe Arbeitsentgelt in der Kritik. Die Zahlung nach Tarif in der Pflege ist eine Forderung im Koalitionsvertrag der gegenwärtigen Bundesregierung.

Prof. Dr. Stefan Sell: Ich habe den Passus mit gro­ßer Freude und zugleich mit großem Erstaunen gelesen. Dort steht: Wir wollen dafür sorgen, dass alle Pflegekräfte in der Altenpflege nach Tarif bezahlt werden. Jeder, der sich ein wenig mit Tarifrecht auskennt, weiß, dass die strukturellen Voraussetzungen dafür gar nicht gegeben sind, denn wir haben nicht mal einen halbwegs flächendeckend verbreiteten Tarifvertrag. Ein Grund dafür ist die Marktstärke der kirchlichen Anbieter, die mit ihren Arbeitsvertragsrichtlinien und dem kirchlichen Sonderarbeitsrecht zwar faktisch Tarifwerke haben, die aber nicht als Tarifverträge gezählt werden dürfen.

Das im Koalitionsvertrag formulierte Ziel lässt sich aber nur erreichen, wenn ein Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklärt werden kann. Das aber scheitert im bestehenden System schon daran, dass die Allgemeinverbindlichkeit blockiert wird. Die Zahl der allgemeinverbindlich erklärten Tarifverträge ist sogar rückläufig, weil die Arbeitgeber in den Tarifausschüssen auf Landes- und Bundesebene ein Vetorecht haben.

Also könnten wir nur – und ich glaube darauf spekuliert die neue Bundesregierung – über das Arbeitnehmerentsendegesetz versuchen, Allgemeinverbindlichkeit herbeizuführen. Aber Juristen sagen, dass das ein äußerst heikles Unterfangen sei, weil auch das eine gewisse Tarifdurchdringung voraussetzt, die aber derzeit in der Altenpflegelandschaft nicht gegeben ist. Ich bin gespannt, wie man dieses Versprechen praktisch einlösen will.

Wenn das gelänge, wäre es nur zu begrüßen, denn das Lohnproblem ist besonders bei der Altenpflege massiv. Pflegekräfte in der Altenpflege verdienen bis zu 30 Prozent weniger als jene in der Krankenhauspflege. Vor diesem Hintergrund wäre ein allgemeinverbindlicher flächendeckender Tarifvertrag in der Altenpflege wünschenswert sowie ein starkes Signal: Wir erhöhen die Vergütung in der Altenpflege in einem ersten Schritt um 30 Prozent, also mindes­tens auf das heutige Niveau der Krankenhauspflege. Allein diese wichtige Maßnahme würde nach vorliegenden Berechnungen knapp sechs Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich kosten.

Einen dringenden Veränderungsbedarf bei der Vergütung gibt es aber auch in der Krankenhauspflege. Das betrifft die viel zu geringen Zuschläge für die vielen hier tätigen Spezialisten wie etwa die OP-Assistenten oder die Fachkrankenpflegekräfte in der Onkologie, die teils mehrjährige Weiterbildungen hinter sich haben – ein zusätzliches Problem neben der allgemeinen Vergütung.

G.I.B.: Sechs Milliarden Euro zusätzlich – wer soll das bezahlen?

Prof. Dr. Stefan Sell: Man muss eins ganz klar sagen: Im bestehenden System bezahlt das ausschließlich der Bewohner der Heime bzw. der Nutzer der ambulanten Pflegedienste. Warum? Weil die Pflegeversicherung in Deutschland noch nicht einmal eine Teilkaskoversicherung, sondern lediglich eine Teilleistungsversicherung ist. Ein Beispiel: Eine Person mit dem – höchsten – Pflegegrad 5 bekommt, wenn sie in einem Heim untergebracht ist, von der gesetzlichen Pflegeversicherung einen Betrag von maximal 2.005 Euro.

Wenn jetzt aber die Kosten für das Heim, die auch in den Pflegesatzverhandlungen anerkannt werden, deswegen steigen, weil die Beschäftigten 30 Prozent mehr Gehalt bekommen, steigen zwangsläufig die Kosten. Weil aber die 2.005 Euro nicht zeitnah dynamisiert sind, wird jeder Kostenanstieg auf die Bewohner umgelegt, die dann ggfs. vorhandenes Vermögen restlos verwerten müssen. Und wenn die nichts haben, schaut man, ob bei den Angehörigen etwas zu holen ist und falls da auch nicht, bleibt als Letztfinanzier nur die Hilfe zur Pflege nach dem SGB XII, also die kommunale Sozialhilfe. Die Ausgaben dafür steigen seit Jahren kontinuierlich (wieder) an.

In der stationären Pflege geht es dabei um Gesamtbeträge von bis zu 5.000 Euro pro Monat. Aufgrund der maßlosen Überforderung der finanziellen Ressourcen der Pflegebedürftigen müsste die Pflegeversicherung zu einer echten Teilkaskoversicherung weiterentwickelt werden, die analog zur Autoversicherung so funktionieren würde: Ich vereinbare vorher eine Selbstbeteiligung, zum Beispiel 500 Euro. Liegt der Schaden bei 1.000 Euro, zahle ich 500 Euro als Selbstbeteiligung, meine Versicherung übernimmt den Rest. Liegt der Schaden bei 3.000 Euro, zahle ich ebenfalls 500 Euro und die restlichen 2.500 Euro zahlt die Versicherung. Gegenwärtig aber ist die Pflege keine Teilkaskoversicherung, sondern nur eine (budgetierte und dann auch noch nur unregelmäßig dynamisierte) Teilleistungsversicherung.
Die Einführung einer Teilkaskoversicherung wäre aber nur ein erster Schritt. Weitergehende Forderungen, wie sie jetzt von Andreas Westerfellhaus, dem neuen Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung, vorgetragen wurden und immer wieder in der politischen Diskussion auftauchen, betreffen eine Umwandlung der Pflegeversicherung in eine Vollkaskoversicherung, ähnlich wie die Gesundheitsversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung. Aber das ist auch nicht unproblematisch, denn eine Vollkaskoversicherung ist beispielsweise aus Verteilungssicht ein Erben- und Vermögensschutzprogramm ist, weil ältere Menschen, die pflegebedürftig werden und über ein großes Vermögen verfügen, bei einer Vollkaskoversicherung nicht mehr zur Mitfinanzierung herangezogen werden.

Als Fazit also zu Ihrer Frage nach der Finanzierung: Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass der Fachkräftemangel im Pflegebereich eine so hohe gesellschaftliche Brisanz hat und so viele Menschen betrifft, dann wäre ein durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und höhere Löhnte erzeugter Kostenanstieg eine Aufgabe, die sachgerecht nicht aus Mitteln der Beitragszahler der Pflegeversicherung finanziert werden sollte, sondern aus Steuermitteln – vor allem in der jetzigen Phase, wo es um die Aufgabe geht, das kollabierende System der Altenpflege (stationär und ambulant) zu stabilisieren und wieder auf ein besseres Gleis zu setzen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

G.I.B.: Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat sich für die Einrichtung einer Pflegekammer, also einer institutionalisierten Selbstverwaltung ausgesprochen, so wie es Rheinland-Pfalz als erstes Bundesland realisiert hat. Wie bewerten Sie das Vorhaben?

Prof. Dr. Stefan Sell: In allen Bundesländern wird seit Jahren über das Thema innerhalb der Pflege-Community massiv gestritten. Die privaten Arbeitgeber sind sowieso gegen eine Pflegekammer, aber interessanterweise sprechen sich auch einige Pflegekräfte gegen die Zwangsmitgliedschaft aus und selbst die Gewerkschaft ver.di argumentiert vehement dagegen, weil sie Pflegekammern als Konkurrenz ansieht. Tatsächlich liegt der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder in der Altenpflege bei maximal zehn Prozent. Da es also keine starke, sondern mit den Berufsverbänden nur eine sehr zersplitterte Landschaft von Interessenvertretungen gibt, könnte eine Pflegekammer theoretisch eine fachlich kompetente Institution sein, die auch Weiterbildungsaufgaben übernimmt. Wie immer kommt es auf die tatsächliche Umsetzung an.

Aber man sollte nicht zu viel von der Einrichtung einer Pflegekammer erwarten. Die Diskussion darüber ist eigentlich ein Nebenkriegsschauplatz. Viel wichtiger ist eine Antwort auf die Frage: Wie kann es gelingen, den gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Beschäftigten zu erhöhen? Es fehlt eine starke Pflegegewerkschaft, die die Interessen der Pflegekräfte vertritt, mit der sie sich identifizieren können. Ver.di hat hier offensichtlich erhebliche, nicht nur, aber auch hausgemachte Überzeugungsprobleme.

G.I.B.: Noch mal zum zentralen Aspekt „Fachkräftemangel“: Was muss sich ändern, damit sich mehr junge Menschen für eine duale Ausbildung in der Pflegebranche begeistern können?

Prof. Dr. Stefan Sell: Hinsichtlich der Nachwuchsentwicklung sind wir mit einem wahrhaft teuflischen Dilemma konfrontiert. Es gibt unzählige Zeitungsartikel und Fernsehberichte zum Thema Pflegenotstand und Pflegemissstände mit einem fast ausschließlichen Fokus auf die stationäre Pflege, sodass die teils gravierenden Missstände, die auch in der quantitativ mit Abstand dominierenden häuslichen Pflege zu beobachten sind, kaum an die Öffentlichkeit dringen. Die meis­ten jungen Menschen verbinden Altenheime eher mit einem Schreckensszenario, und das bleibt nicht ohne Folgewirkungen für die Attraktivität des Berufsfelds.

Die „negative Skandalisierung“ in Berichten über die Zustände in Altenpflegeeinrichtungen sendet entsprechend negative Signale an potenzielle Arbeitskräfte. Das gilt für Umschulungen und noch mehr für die Ausbildung junger Menschen. Wir müssten eigentlich den gegenwärtigen katastrophischen Diskurs in den Medien drehen, um deutlich mehr junge Menschen für die Pflege zu gewinnen, ohne jedoch die Missstände zu verschweigen, aber das ist ein letztendlich schwer zu bewältigender Spagat.

Eigentlich haben wir den Kampf bereits verloren, denn angesichts der demografischen Entwicklung mit einer steigenden Zahl Älterer und damit Pflegebedürftiger müsste man in Zukunft rechnerisch fast jeden zweiten Schulabgänger in der Pflege ausbilden. Aber das wird nicht gelingen, weil auch andere attraktive Branchen um die jungen Leute werben.
In der vergangenen Legislaturperiode hat die letzte GroKo fünf Milliarden Euro zusätzlich in das Altenpflegesystem gegeben. Aber wo sind die geblieben? Die Pflegekräfte haben davon nichts gespürt, weder in Form von mehr Fachkräften noch in Form höherer Löhne. Richtig ist: Man hat damit Leistungsverbesserungen finanziert, vor allem im Bereich der ambulanten Pflege. Heute haben, was an sich ein Fortschritt ist, 350.000 Menschen mehr als vor einem Jahr Anspruch auf ambulante Pflegeleistungen, die sie jetzt auch einlösen wollen, aber sie finden kaum noch ambulante Pflegedienste – nicht weil die nicht wollen, sondern weil sie kein Personal mehr haben, diese gewaltige Menge an zusätzlichen Leistungsberechtigten zu pflegen. Das heißt: Die bisher immer auf die Pflegeheime fokussierte Notlage schwappt jetzt über in den ambulanten Versorgungsbereich.

Insofern wäre jetzt die letzte Chance, mit einem großen Aufschlag – und nicht wie bisher mit kleinen Förderprogrammen und Modellprojekten – ein umfassendes Signal an die Gesellschaft zu senden: Wir haben erkannt, uns bricht das System weg und deswegen werden wir jetzt die Vergütung in der Altenpflege massiv anheben und wir werden uns in beiden Pflegebereichen, vor allem aber in der Altenpflege, um eine verbindliche, d. h. auch gesetzlich abgesicherte Verbesserung des Personalschlüssels bemühen.

Doch selbst wenn die Bundeskanzlerin eine Verdoppelung des Personalschlüssels zur Top-Priorität erklären würde, stünde sie derzeit und in den vor uns liegenden Jahren vor dem Problem, nicht genügend Personal finden zu können. Andererseits kann es nur mit einem Signal, das bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Vergütung verspricht, zumindest theoretisch gelingen, genügend geeignete Interessierte für den Pflegeberuf zu finden.

Das ist auch deswegen schwierig, weil die Pflegebranche momentan mit anderen attraktiven Branchen konkurriert, die ebenfalls Fachkräftemangel haben und gerade jüngere Leute adressieren. Auch die Hoffnung mancher Politiker, das Problem durch die Gewinnung von Menschen mit Migrationshintergrund für diese Tätigkeit zu lösen, wird sich nicht erfüllen, denn diese Zielgruppe, zu der auch Flüchtlinge gehören, haben unabhängig von der Frage, ob sie das überhaupt können, oft enorme kulturelle Dis­tanzen zum Pflegebereich. Das quantitative Reservoir an Nachwuchskräften ist in diesem Bereich also überschaubar.

Auch die zweite, von Bundesgesundheitsminister Spahn vorgetragene Lösungsvariante, die Fachkräftelücke mit dem Anwerben von Zuwanderern aus dem Ausland zu schließen, wird nicht funktionieren, denn mittlerweile machen ausländische Pflegefachkräfte aufgrund der im Vergleich zu anderen Ländern schlechten Arbeitsbedingungen im Pflegebereich einen Bogen um Deutschland. Ich habe das Zitat einer Spanierin in Erinnerung, die nach drei Jahren Arbeit als Intensiv-Krankenschwester in der Neonatologie, einem Spezialbereich der Kinder- und Jugendmedizin, eines nordrhein-westfälischen Universitätsklinikums in ihr Heimatland zurückgegangen ist. Ihr Kommentar: Unter solchen Bedingungen würde in Spanien keine Pflegekraft arbeiten, das wäre unzumutbar und auch nicht akzeptiert.

G.I.B.: Wird das Pflegeberufegesetz ab 2020 die gewünschte Verbesserung bringen und zu einer Entspannung beim Fachkräftemangel führen?

Prof. Dr. Stefan Sell: Seit über 20 Jahren wird in Deutschland diskutiert, die Pflegeberufe so weiterzuentwickeln, wie es jetzt mit der generalistischen Ausrichtung der Ausbildung für die Gesundheits- und Krankenpflege sowie die Altenpflege geplant und in anderen Ländern schon längst üblich ist.

Wird das gelingen? Da bin ich skeptisch. Warum? Ursprünglich wollte die Bundesregierung eine generalistische Pflegeausbildung schaffen, deren Absolventinnen und Absolventen nach drei Jahren als Pflegefachkraft arbeiten können. Vor allem die Pflegeheimbetreiber und hier insbesondere die privatgewerblichen haben massiven Widerstand gegen eine generalistische Pflegeausbildung geleistet, weil sie erkannt haben, welches Problem sie sich damit einhandeln.

Das Problem ist: Jemand, der heute eine Altenpflegeausbildung macht, kann auch nur im Altenpflegebereich arbeiten und nicht in das Krankenhaus gehen. Umgekehrt aber arbeiten durchaus viele Gesundheits- und Krankenpflegekräfte heute in der ambulanten Altenpflege. Bei einer generalistischen Pflegeausbildung können die Pflegekräfte mit den Füßen abstimmen, denn mit ihrem Abschluss erwerben sie die Zulassung, sowohl im Krankenhaus wie auch im Altenpflegebereich zu arbeiten. Dann werden den Betreibern der Altenpflegeeinrichtungen aufgrund ihrer oft schlechteren Arbeitsbedingungen und niedrigeren Löhne die Leute weglaufen.

Deswegen haben sie massiven Druck auf die Politik ausgeübt und es damit geschafft, einen in meinen Augen verrückten Kompromiss zu finden. Er besagt, dass die ersten zwei Jahre der Ausbildung generalistisch sind. Anschließend kann jeder entscheiden, ob er generalistisch weitermacht, was ihm eine Tätigkeit auch im Krankenhaus ermöglichen würde, oder er spezialisiert sich auf Altenpflege und darf dann aber auch nur in der Altenpflege arbeiten.

Die Kritiker hatten gehofft, dadurch den Sonderweg für die Altenpflege weiter aufrechtzuerhalten. Aber sie hätten einfach nur logisch denken müssen, um zu einem anderen Ergebnis zu kommen. Es ist nämlich so: In der Vergangenheit waren die kognitiven Anforderungen sowie die Anforderungen an den Schulabschluss im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege höher als in der Altenpflege. Von den „leistungsschwächeren“ Jugendlichen, die sich bislang vielleicht eher für eine Altenpflegeausbildung entschieden haben, könnten einige bereits an diesen ersten zwei Jahren einer generalistischen Ausbildung scheitern – es sei denn, man senkt die Anforderungen der bisherigen Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung ab.

Alle anderen aber werden, wenn sie vernünftig sind, sagen: Ich mache die generalistische Ausbildung weiter, damit ich mir alle Berufswahlmöglichkeiten offen halten kann. Im Ergebnis wird der Kompromiss also dazu führen, dass die Altenpflege durch dieses Reformgesetz richtige Nachwuchsprobleme bekommt. Meines Erachtens hätte man entweder, wie es im ursprünglichen Gesetzentwurf vorgesehen war, den Sprung in die richtig generalistische Pflegewelt wagen oder das bestehende System so belassen müssen. Der halb gare Kompromiss aber wird sich bitter rächen. In einigen Jahren werden wir die nun folgenden Verwüstungen im System der Pflegeausbildung zur Kenntnis nehmen müssen. Gerne hätte ich eine andere Botschaft an dieser Stelle mitgebracht.

Das Interview führten

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767152
m.keuler@gib.nrw.de

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de

Kontakt

Prof. Dr. Stefan Sell
Direktor des Instituts für Sozialpolitik
und Arbeitsmarktforschung
Hochschule Koblenz
RheinAhrCampus
Joseph-Rovan-Allee 2
53424 Remagen
sell@hs-koblenz.de
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